08.12.2011 13:30
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USA: Warum das Geld nach Amerika wandert

USA: Warum das Geld nach Amerika wandert
Anleihen Spezial
Den Amerikanern wachsen die Schulden über den Kopf. Sparen werden sie vorerst dennoch nicht. Wieso auch? Washington muss Gläubigern für neue Schulden so wenig Zinsen zahlen wie nie.
€uro am Sonntag

von Andreas Höss, Euro am Sonntag

Nicht einmal die gelbe Fliege, die Jim Rogers irgendwie harmlos wirken lässt, konnte seiner Aussage die Schärfe nehmen. „Die USA sind kein ‚AAA‘“, sagte der 69-jährige Starinvestor vergangene Woche über die Zahlungsfähigkeit Amerikas. Wer das denke, solle seine Hausaufgaben machen. Jeder wisse, dass das Land seinen Status als erstklassiger Kreditnehmer bereits verloren habe.

15 Billionen US-Dollar Staatsschulden haben die Vereinigten Staaten angehäuft, etwa ein Drittel mehr als die gesamte Eurozone, deren Einwohnerzahl sogar größer ist als die der USA. Der US-Schuldenstand ist so hoch wie die jährliche Wirtschaftsleistung des Landes, die Neuverschuldung steigt „in atemberaubendem Tempo“, so Rogers. Politisch ist das Land zerstritten und gelähmt, wirtschaftlich hat es seine besten Zeiten hinter sich, unken Kritiker. Doch während selbst Europäer mit bestem Rating händeringend nach Investoren für ihre Anleihen und Rettungsschirme suchen, prasselt das Geld jenseits des Atlantiks auch ohne drittes „A“ in rauen Mengen vom Himmel.

Geld aus dem Helikopter
Washington kann neue Schulden so günstig aufnehmen wie noch nie. Im Februar zahlten Investoren im Schnitt 115 US-Dollar, um US-Staatsanleihen mit nominalem Gegenwert von 100 Dollar und zehn Jahren Laufzeit am Sekundärmarkt zu kaufen. Heute legen sie bereits 130 Dollar auf den Tisch, obwohl die Ratingagentur Standard & Poor’s im August die Bonitätsbewertung der USA gesenkt hat. Wegen der hohen Nachfrage sanken die Zinsen für US-Staatsanleihen, die Rendite der Papiere fiel von über drei auf unter zwei Prozent. Inzwischen gleicht sie nicht einmal mehr die Teuerungsrate aus, die bei 3,5 Prozent liegt. Gläubiger zahlen im Moment also dafür, dem verschuldeten US-Staat Geld leihen zu dürfen.

Wer kauft nun diese unrentablen Papiere? „Die USA selbst“, sagt Bruns, Fondsmanager und Vorstand des Fondsanbieters Loys. Allein in den ersten beiden Tagen der vergangenen Woche hat die US-Notenbank Fed lang laufende sogenannte Treasuries für fast acht Milliarden Dollar gekauft. Und etliche Milliarden werden folgen. Denn im Zuge der „Operation Twist“ ersetzt Notenbankchef Ben Bernanke für 400 Milliarden Dollar auslaufende Hypothekenpapiere und kurz laufende Staatsanleihen aus seinen Büchern durch lang laufende Treasuries. Das Ziel: die langfristigen Zinsen drücken, an denen sich die Hypotheken orientieren, um den Immobilienmarkt und die Wirtschaft zu stabilisieren. Nebeneffekt: Die Notenbank der Vereinigten Staaten eröffnet dem Land beinahe unbegrenzte Möglichkeiten, sich billig zu verschulden.


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Es ist nicht das erste Ankaufprogramm Bernankes, der auch die Leitzinsen langfristig niedrig hält, nach denen sich die Kupons der Treasuries richten. Der Notenbankchef soll einmal gesagt haben, er werde im Notfall Geld aus dem Helikopter abwerfen, um Deflation zu vermeiden und die amerikanische Wirtschaft zu stabilisieren. Seitdem Bernankes Helikopter kreist, haben sich die Bestände an Staatsanleihen in der Bilanz der Fed auf 1,6 Billionen Dollar fast verdreifacht. Damit ist sie der größte institutionelle Gläubiger Washingtons. Und der Posten wird wachsen. Die Scheu der Amerikaner, ihrer Notenbank die Staatsfinanzierung politisch zu verordnen, ist deutlich geringer als die der Europäer. „Die USA sind da schmerzfrei“, sagt Christoph Bruns.

Schmerzfrei müssen auch die Chinesen sein, deren Bestände an Treasuries sich seit Anfang 2009 auf 1,2 Billionen Dollar verdoppelt haben. Der zweitgrößte Gläubiger der Amerikaner sorgt sich zwar langsam um sein Geld und mahnt Washington immer wieder zur Haushaltsdisziplin. Trotz Reibungen ist man aber zu stark voneinander abhängig, um die Schicksalsgemeinschaft aufzukündigen. Die USA sind ein wichtiger Markt für chinesische Güter. Um diese billig zu halten, kauft China US-Staatsanleihen und koppelt damit seine Währung faktisch an den US-Dollar. Im September stockten die Chinesen ihre Bestände um mehr als elf Milliarden Dollar auf, besagen neueste Zahlen des US-Finanzministeriums. Zudem mangelt es Peking an Alternativen. Das Wort „Anlagenotstand“ dürfte dort schon gefallen sein.

Die Krise nährt die Krise
Damit befindet sich China in bester kapitalistischer Gesellschaft. Die Schuldenkrise erobert einen sicher geglaubten Hafen nach dem anderen, das Endspiel um den Euro ist endlos. Investoren flüchten aus Europa in den Dollarraum, weil sie befürchten, dass die Gemeinschaftswährung auseinanderbricht. Der beste Gradmesser für diese Kapitalflucht ist der Wechselkurs des Euro. Noch Anfang Mai stand er bei 1,48 Dollar, seitdem fiel die Gemeinschaftswährung kontinuierlich, zuletzt unter 1,35 Dollar. In einem halben Jahr verlor der Euro rund zehn Prozent an Wert.

Den Fluchtreflex kann man auch an den Aktienmärkten erkennen. Der europäische Börsenindex Euro Stoxx ist seit Jahresanfang fast 13 Prozent im Minus. Der amerikanische S&P 500 hat sich dagegen vergleichsweise wacker geschlagen und liegt sogar leicht im Plus. Seit das US-Rating im Sommer herabgestuft wurde, hat sich die Schere zwischen den beiden Börsenbarometern stark geöffnet, die Wall Street setzt sich von Frankfurt und Paris ab (Investor-Info).

Ein Grund: Die Amerikaner holen wegen der Krise ihr Geld nach Hause. Umfragen der Bank of America Merrill Lynch bei Fondsmanagern bestätigen das. Der US-Markt ist der liquideste der Welt, die „Weltbörse“, wie Bruns es nennt. Kapital kann dort leichter geparkt oder verschoben werden, wenn es kritisch wird.

Zusätzlichen Auftrieb erhielt der Dollarraum dadurch, dass sich die US-Wirtschaft aus dem Sommerloch gearbeitet hat. So gab es zuletzt bessere Zahlen vom Arbeitsmarkt, und die US-Einzelhändler meldeten zum Auftakt des Weihnachtsgeschäfts Rekordzahlen. Die Amerikaner sind im Moment nicht ganz so nah an einer Rezession wie die Eurozone. Nachhaltig ist der Aufschwung dennoch nicht. Nach wie vor ist fast jeder zehnte Amerikaner ohne Job. Jeder vierte Hausbesitzer ist mit seiner Hypothek in Schwierigkeiten. Das alles lastet auf dem Konsum, der tragenden Säule des US-Wirtschaftswachstums.

„Das Land ist gespalten“, berichtet Bruns, der in den USA wohnt. Die Stimmung bei den Eliten sei gut. Auf der anderen Seite wachse aber das Prekariat. Demokraten und Republikaner seien heillos zerstritten, das Land „reformunfähig“. Zuletzt platzten erneut Verhandlungen über ein Sparpaket, Ratingagenturen drohen deshalb, die Zahlungsfähigkeit des Landes schlechter zu bewerten.

Für die US-Wirtschaft ist die politische Lähmung ein Problem. Ohnehin hat Washington seine konjunkturpolitische Munition bereits größtenteils verschossen. Reformen scheitern an der mangelnden Kompromissfähigkeit, das Schuldenproblem wächst. Viel Raum für Konjunkturspritzen bleibt da nicht, falls der fragile Aufschwung doch zusammenbricht.

All das drückt auf die Stimmung der Anleger und führt zu einer seltsamen Situation: Weil die Schuldenblase in Europa platzt und sich die Haushaltsprobleme in den USA zuspitzen, flüchten sie in US-Schuldtitel. Washington kann damit billiger Kredite aufnehmen und seine eigene Blase kultivieren. Anleger halten es wohl eher mit Warren Buffett als mit Jim Rogers: Dass die USA im Sommer auf „AA“ herabgestuft wurden, ließ Buffett kalt. Amerika habe vier „A“ verdient, sagte er damals. Solange das Land nicht über den Internationalen Währungsfonds in Europas Schuldensog gezogen wird, könnte man das an den Märkten ähnlich sehen.

Investor-Info

Staatsschulden
15-Billionen-Marke geknackt
Im November übertrafen die US-Staatsschulden erstmals 15 Billionen US-Dollar, meldete das US-Schatzamt. Damit liegt der Schuldenstand der USA bei rund 100 Prozent der Wirtschaftsleistung – mehr als in den meisten europäischen Problemstaaten. Besonders bedenklich: Das hohe strukturelle Defizit von fast zehn Prozent des BIP, das die Gesamtschulden des Landes schnell wachsen lässt.

US-Anleihen
Sternstunden für Renten-ETFs
Die extremen Kursgewinne bei US-Staatsanleihen haben sonst eher weniger rentable Rentenindexfonds zu Überfliegern gemacht. Mit einem ETF auf den Index für sieben- bis zehnjährige US-Staatsanleihen (ISIN: IE00B3VWN518) konnten Anleger seit Jahresanfang zwölf Prozent plus machen. Vorsicht: Die Bondkurse sind bereits sehr hoch, weitere Gewinne in ähnlicher Größenordnung schwer vorstellbar. Beruhigt sich die Lage in Europa oder startet die US-Wirtschaft durch, dürfte der ETF abstürzen. Dann könnte der Fonds für US-Unternehmensanleihen von M&G (GB0032137860) von der Suche nach rentableren Anleihen profitieren.

US-Dollar
Euroschwäche gibt Auftrieb
Als Einäugiger unter den Blinden wird der US-Dollar gern bezeichnet. Der Greenback sei auch schon mal härter gewesen, meinen Kritiker. Im Moment nutzt ihm aber die Euroschwäche. Eskaliert die Krise in Europa weiter, könnte sich eine Wette auf den Dollar lohnen. Anleger können zum Beispiel zu einem Zertifikat (DE000A1EK0V2) greifen, das von einer Aufwertung des Dollar gegenüber dem Euro profitiert.

US-Aktien
Vergleichsweise stabil
Während Aktionäre in Europa 2011 dicke Verluste hinnehmen mussten, steht beim US-Markt wenigstens die Null. Zuletzt gab es in den USA bessere Konjunkturdaten. Anleger setzen mit dem Aktienfonds Vontobel US Equity Value (LU0218912151) auf eine Stabilisierung der US-Wirtschaft.

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