23.08.2012 13:51
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Die Nerven liegen blank!

Die Stimmung bei Politikern und Notenbankern ist angespannt – trotz der Entspannung an den Finanzmärkten.
Nach der Abstimmung auf der Ratssitzung der Europäischen Zentralbank (EZB) griff EZB-Chef Mario Draghi Bundesbankpräsident Jens Weidmann nach diversen Statements an. Die Bundesbank parierte ihrerseits die Attacke in ihrem Monatsbericht und sprach erstmals offen die Risiken einer Staatspleite an. Dies kann man also noch in Jahren nachlesen, genau wie die damaligen Vorbehalte zum Beitritt Griechenlands. Darüber hinaus hat Bundeskanzlerin Angela Merkel in Kanada Spitzen auf US-Präsident Barack Obama abgefeuert und erteilte einem "Leben auf Pump" eine klare Absage. Zuletzt löste die Kritik des Sprechers des Finanzministeriums, Martin Kotthaus, dass die EZB ein Zinsziel für Anleihenkäufe plane, eine prompte und ungewohnt heftige Reaktion der Europäischen Zentralbank aus, die es für falsch hält, dass deutsche Regierungsvertreter über die Form künftiger EZB-Interventionen spekulieren.

Je länger die Staatsschuldenkrise dauert, umso stärker zerrt sie an den Nerven aller Beteiligten und alle bisher zivilisierten Umgangsformen gehen über Bord. An dieser gelebten Sensibilität ist eindeutig zu erkennen, dass die Lage mehr als ernst ist.

Europa plant den Tag "X"
Wie das Kaninchen vor der Schlange zu sitzen, ist keine Lösung!

Die Banken tun es, die Unternehmen ebenfalls und die Regierungen auch. Sie alle stufen das Risiko eines Auseinanderbrechens der Euro-Zone als relativ hoch ein. Auch wenn es nur wenige zugeben, ist man auf ein Ende der Währungsunion vorbereitet. Alles andere wäre auch fahrlässig! Nun hat auch der finnische Außenminister Erkki Tuomioja bestätigt, dass Finnland vorbereitet ist. Die Regierung des skandinavischen Landes habe Pläne für „alle Eventualitäten“ im Zusammenhang mit der Euro-Schuldenkrise ausgearbeitet. Nach Ansicht finnischer Politiker sei es nur eine Frage der Zeit, wann jemand ausscheidet. Aber in der ganzen Eurozone sind die Planungen abgeschlossen und der EZB kommt eine Schlüsselrolle zu. Trotzdem möchte niemand in Europa der Erste sein, der sich aus dem Euro verabschiedet. Zu groß ist die Angst vor den Folgen. Welcher Politiker möchte gerne in den Geschichtsbüchern als Verantwortlicher für das Scheitern der Europäischen Währungsunion stehen? Keiner! Daher wartet jeder auf den Fehler des anderen. Aber wie das Kaninchen vor der Schlange zu sitzen, ist auch keine Lösung!

Auch wenn die Politiker und Notenbanker es nicht hören wollen, in jedem Ende verbirgt sich auch eine Chance. Diese gilt es, dann aber auch zu nutzen.

Zwangsanleihen oder Euro-Soli?
Oder muss es die Mehrwert-Steuer richten?

Schon die Venezianer kannten sie, der englische König Karl der I. verordnete sie den Briten, aber auch die Griechen haben bereits Erfahrungen damit. Die Geschichte lehrt uns, dass Zwangsanleihen tatsächlich keine Erfindung der Neuzeit sind, sondern bereits seit dem 13. Jahrhundert verwendet werden, um Haushaltsdefizite zu finanzieren. Normalerweise sind die eigenen Bürger aufgefordert, die Finanzen zu stabilisieren. Im Rahmen der Staatsschuldenkrise sind seltsamerweise aber insbesondere in Deutschland die Forderungen von Gewerkschaften und verschiedenen Parteien aufgekommen, Zwangsanleihen einzusetzen. Als hätte man darauf gewartet, endlich eine Vermögensumverteilung initiieren zu können. Dabei erstrecken sich die Vorschläge allerdings von der Finanzierung des deutschen Haushaltsdefizits bis hin zur Unterstützung der Haushalte von notleidenden Länder. Doch hier fragen sich Ökonomen ebenso wie der deutsche Michel, wieso gerade sie für die fehlende Steuermoral von Italienern oder Griechen zahlen sollen. Doch die Vorschläge von Zwangsanleihen verhallten in den Problemstaaten – verständlicherweise – bisher ungehört. Die Vergemeinschaftung der Schulden scheint weiterhin die Devise der Stunde zu sein.

In Deutschland gibt es aber auch andere haushaltspolitische Sanierungsmöglichkeiten. Eine Mehrwertsteuererhöhung geistert schon seit vielen Jahren durch die Medien, jedoch aus wahltaktischen Gründen wurde sie nie in die Waagschale geworfen. Während sich Zwangsanleihen in Deutschland wohl rechtlich nicht durchsetzen lassen, halten sich bereits seit dem vergangenen Jahr die Gerüchte, dass nach der Bundestagswahl - nach dem Vorbild des Ost-Solis - ein Euro-Soli kommen wird. Fraglich ist nur, ob er zur Finanzierung des eigenen deutschen Haushaltsdefizits oder der Defizite der Problemländer genutzt wird. Und damit wären wir auch wieder bei der Sozialisierung der Schulden, denn merke: "Teile, teile das macht Spaß, denn dann hat ein Jeder was!"

Samaras auf Roadshow in Berlin und Paris
Eine plötzliche Gesundung des Patienten ist allerdings nicht zu erwarten!

Auf Grund der desolaten Situation steigt der Unmut in Griechenland und der Druck im Kessel nimmt zu. Die Stimmen mehren sich, dass die Regierung die ausstehenden Schulden nicht mehr bedienen und Verhandlungen über eine Abschwächung des Sparpakets aufnehmen soll. Zu diesem Zwecke ist im Anschluss an das Gespräch mit dem Euro-Gruppenchef J.C. Juncker eine Roadshow in Berlin und Paris geplant. Denn es wird eine Zunahme der sozialen Unruhen in Hellas befürchtet. Bereits in der vergangenen Woche haben Bewohner der Insel Hydra wegen der ungeliebten Steuerfahnder eine Polizeistation belagert, mit Steinen beworfen und mit Feuerwerkskörpern beschossen.

Griechenlands Regierungschef Antonis Samaras will bei der Bundeskanzlerin Angela Merkel und Frankreichs Ministerpräsidenten François Hollande um eine Streckung der Auflagen um rund zwei Jahre bitten und um Verständnis für die angespannte Lage in Griechenland werben. Doch die Verschuldung nimmt keine Auszeit. Von Ende März bis Anfang Juli stieg die Verschuldung noch einmal um 23,3 Mrd. € auf 303,5 Mrd. € an. Die Euro-Kritiker fragen sich, wie die Verschuldung nach der Streckung der Auflagen wohl aussehen wird. Eine plötzliche Gesundung des Patienten ist allerdings nicht zu erwarten!

Anlegertrends: Spekulanten hoffen auf EZB
Hoffen und harren hält viele zum Narren

Wurden in den vergangenen Monaten die Anleihen der Peripheriestaaten gemieden, wie der Teufel das Weihwasser, so hat sich seit den vollmundigen Ankündigungen des EZB-Präsidenten, Mario Draghi, eine Vielzahl an Spekulanten dieses Marktsegment als Betätigungsfeld ausgesucht. Die neuesten Hoffnungen auf einen Beschluss der Notenbanker anlässlich ihrer Sitzung am 6. September verliehen den Kursen nochmals „Flügel“. Ob sich die Stützungskäufe nur auf kurzfristige Staatsanleihen beziehen werden, steht noch nicht fest. Es ergibt einerseits - unter Risikoaspekten - einen Sinn, allerdings wäre der kurzfristige Zins bereits mittels der Leitzinsen zu beeinflussen. Die langfristige Verschuldung sorgt bei den Regierungen für schlaflose Nächte und somit müsste der Hebel dort angesetzt werden.

Diese Denkweise der Investoren wird an der Entwicklung ausgewählter Anleihen deutlich. So notierte eine irische Staatsanleihe (308326 / 18.04.2016) am 25.07. noch bei ca. 5,19%, inzwischen aber nur noch bei ca. 4,33%. Bei einer spanischen Anleihe (A0BEBS / 21.01.2015) ist der Renditerückgang noch gravierender. Am 24.07. noch mit 6,89% rentierend ist inzwischen nur noch eine Rendite von 3,62% zu erzielen. Auch länger laufende Anleihen Spaniens können diese Erfolge vorweisen.

Dies ist aber das Ergebnis einer Spekulation. Das Risiko, das hierbei in Kauf genommen wird, ist nicht zu unterschätzen. Denn ohne entsprechende Entscheidung aus Karlsruhe kann sich sehr schnell herausstellen, dass es am 6. September für ein Eingreifen der EZB noch zu früh ist. Somit kann sich eine andere Börsenweisheit schnell bewahrheiten: „Hoffen und harren hält viele zum Narren“.

Corporates: Ausgetrockneter Primärmarkt
AP Moller-Maersk ist einzige Ausnahme

Momentan erinnert das Primärmarktgeschäft für Euro-Corporates - angesichts der Temperaturen in Deutschland - an einen ausgetrockneten Flusslauf. Die Handelsaktivitäten in der abgelaufenen Woche können als ausgesprochen ruhig und überschaubar bezeichnet werden. Einzige Ausnahme war der Auftritt der AP Moller-Maersk A/S am Dienstag dieser Handelswoche. Emittiert wurde eine 750 Mio. € große Anleihe mit einem Kupon von 3,375% und Fälligkeit August 2019. Dieses Papier stieß wiederum auf reges Investoreninteresse, was sich an der Höhe des finalen Orderbuches (2,7 Mrd. €) ablesen lässt. Bei einer fast 4-fachen Überzeichnung fielen die Allokationen entsprechend dünn aus und einige Kunden blieben sogar ohne Zuteilung. Gepreist wurde die Anleihe schlussendlich bei 200 BP über Midswaps bzw. 248,6 BP über der 3,5%-igen Anleihe der Bundesrepublik Deutschland (113538/Juli 2019). In den ersten Handelsstunden verteuerte sich das Papier aufgrund der ungebrochen großen Nachfrage weiter. Zuletzt handelte die Anleihe bei 227 BP über Bund. Die Leadmanager waren Barclays, Danske, ING, JPM, Mitsubishi & Nordea.

Euro-Bund-Future: Hin und her macht Taschen leer
Bald ist es wieder soweit: Kontrakt-Rollover

Aktuell erinnert die Kursentwicklung an der Börse an das beliebte Kinderspielzeug "JoJo". Altbörsianer pflegen in solchen Zeiten stets zu sagen: „Hin und her macht Taschen leer“. Ein klarer Trend ist nicht mehr auszumachen und die Tagestendenz wird weiterhin von Meldungen zur Eurostaaten-Finanzkrise erzeugt. Dennoch ist festzustellen, dass ähnlich wie bei der Bearbeitung eines Stück Eisens durch einen Schmied, immer wieder mit gezielten Schlägen und Schwung, der Druck auf die Unterstützungslinien erhöht wird. Aktuell hat man sich wieder deutlich von dem Tief am 16.8. bei 140,78% entfernt, aber nach oben fehlt weiterhin die Phantasie. Das Hoch vom 10.8. bei 143,66% ist noch weit entfernt. Beide Marken bilden aber die äußeren Begrenzungen der Tradingrange. Erst bei nachhaltiger Verletzung dieser Linien wird ein Umdenken erforderlich sein.

In den nächsten beiden Wochen wird der Handel zusätzlich im Zeichen des Rollover stehen. Die Tage des September-Kontrakts sind also gezählt und zu Beginn des Monats September wird bereits der Dezember-Kontrakt die Markttendenz widerspiegeln.

Staatsanleihen und sonstige Neuemissionen
Spanien profitiert von Spekulationen
Bund kann sich für 2 Jahre zum Nulltarif verschulden

In dieser Handelswoche hielt sich die Europäische Zentralbank weiterhin bedeckt und ist am Sekundärmarkt für Staatsanleihen nicht in Erscheinung getreten.

Im Vorfeld der anstehenden Entscheidungen Anfang September bei der turnusgemäßen EZB-Sitzung halten sich die meisten Regierungen mit Refinanzierungen zurück. Lediglich Geldmarkttitel Spaniens und des europäischen Rettungsfonds EFSF konnten erfolgreich platziert werden. Spanien konnte hierbei von der verbesserten Grundstimmung profitieren und seine 12-Monats-Titel mit 3,070% (nach 3,918% Rendite im Juli) absetzen. Auch für die 18-Monats-Titel waren nur noch Renditen von 3,335% nach 4,242% im Juli zu erzielen.

Negative Renditen sind aber weiterhin nur den Premiumschuldnern vorbehalten. So konnte der EFSF, dank seiner Bürgen, für Wertpapiere mit einer Laufzeit von 6 Monaten im Volumen von ca. 1,5 Mrd. € eine Rendite von -0,0179% erzielen. Die planmäßige Begebung der zweijährigen Bundesschatzanweisungen (113739) zeigte zwar, dass die Zeiten der negativen Renditen für längere Laufzeiten vorerst vorbei sind, aber dennoch konnte der Bund wieder für 2 Jahre Geld am Kapitalmarkt zum Nulltarif aufnehmen. Die Neuemission hat vorerst ein Gesamtvolumen von 5 Mrd. € und wurde bei einer 1,5-fachen Überzeichnung mit einer Durchschnittsrendite von 0,0% zugeteilt.

Währungsanleihen: Euro-Erholung auf ganzer Linie
Euro-Erholung auf ganzer Linie

Nachdem die europäische Gemeinschaftswährung in den vergangenen Handelswochen immer wieder unter die Räder kam, konnte man sich nun von den Tiefstständen entfernen. Geschuldet ist dieser Sentimentwechsel der Phantasie seitens der Marktteilnehmer, dass die Europäische Zentralbank demnächst wieder Staatspapiere der Krisenstaaten ankaufen wird. So erreichte der Euro gegenüber dem Greenback mit 1,2553 USD ein Sieben-Wochen-Hoch und schickt sich nun an, die Marke von 1,25 nachhaltig zu überspringen.

Auch gegenüber den so beliebten „Nordwährungen“ ist beim Euro ein leichter Aufwärtstrend festzustellen. So konnte sich die Gemeinschaftswährung gegenüber der norwegischen Krone von ihrem 9½ Jahrestief bei 7,2435 NOK deutlich entfernen. Das zwischenzeitliche Hoch bei 7,3774 NOK konnte allerdings nicht gehalten werden und aktuell notiert der Euro wieder bei ca. 7,34 NOK.

In jeder Gegenbewegung ist aber auch eine Chance enthalten und daher sind viele Anleger immer noch bereit, sich in Fremdwährungsanleihen zu engagieren.

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Der Autor dieses Artikels ist Klaus Stopp, Leiter der Skontroführung Renten bei der Baader Bank AG. www.Baadermarkets.de

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