01.02.2013 14:20
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Hilferuf demaskiert einstigen „Musterschüler“

Baader Bond Markets-Kolumne

Klaus Stopp
Everybody's Darling war bisher Irland. Noch im Oktober haben die Inspektoren der "Troika" aus EU, Europäischer Zentralbank (EZB)...
... und Internationalem Währungsfonds (IWF) der grünen Insel ein gutes Reformzeugnis ausgestellt. Sie lobten auch die Sanierung des Bankensektors, der das Land in die Krise gestürzt hatte. Damals hieß es auch, dass Irland 2013 aus dem 85 Mrd. € umfassenden Hilfsprogramm von Internationalem Währungsfonds und Europäischer Union aussteigen werde. Doch der Hilferuf von Vize-Ministerpräsident Eamon Gilmore an die EU, Irland bei der Rückzahlung seiner Hilfskredite Aufschub zu gewähren, demaskiert den „Musterschüler“ wie der Regen das Make-up von „Dschungelprinzessin“ Olivia Jones im RTL-Dschungelcamp. Irland erhielt bisher 21,7 Mrd. € aus dem ESM und weitere 12 Mrd. € aus dem EFSF. Kommt es nicht zum Aufschub der Rückzahlung, müsste Irland bis 2023 jährlich 3,1 Mrd. € zahlen, um den durch Sondergenehmigung der EZB bewilligten Kredit, der zur Stützung der Anglo Irish Bank und der Nationwide Building Society ausgegeben worden war, zu bedienen. Dieser Kredit sollte in eine 40-jährige Regierungsanleihe umgewandelt werden, die wiederum von der Irischen Notenbank angekauft werden sollte. Dabei würde es sich aber eindeutig um eine verbotene Staatenfinanzierung handeln. Somit ist es nicht verwunderlich, dass seitens der EZB diesem Vorhaben eine Absage erteilt wurde.

Dennoch ist zu erwarten, dass sich Irland, die EU und der IWF auf Erleichterungen (Fristverlängerung und Änderung der Konditionen) einigen werden. Somit läuft auch diese Rettung nach dem bewährten Muster ab: Der eine zahlt, der andere spart. Wohl dem, der den deutschen Michel zu seinem Freundeskreis zählen darf. Und daran wird auch ein möglicher Politikwechsel nach der Bundestagswahl nichts ändern!

Corporates: BASF zapft den Kapitalmarkt an

Bereits am vergangenen Donnerstag refinanzierte sich die Telekom Austria AG, das größte Telekommunikationsunternehmen in Österreich am Kapitalmarkt. Ausgegeben wurde eine nachrangige Perpetual-Anleihe im Volumen von 600 Mio. €. Die Anleihe hat insgesamt drei Kündigungstermine, jeweils zum 01. Februar des Jahres 2018, 2023 und 2038. Der Kupon ist bis zum 01. Februar 2018 mit 5,625% festgeschrieben. Wird die Anleihe zum 01. Februar 2018 seitens des Emittenten nicht gekündigt, berechnet sich der neue Kupon aus dem dann gültigen 5-Jahres Mid Swap Satz + 485,9 bps. Wird die Anleihe in Februar 2023 bzw. 2038 nicht gekündigt, addieren sich zusätzlich zum dann herrschenden 5-Jahres Mid Swap Satz weitere + 25 bps auf insgesamt + 510,9 bps bzw. 2038 weitere + 50 bps auf insgesamt + 560,9 bps.

In der laufenden Woche ging es am Primärmarkt für Unternehmensanleihen im Vergleich zu den vorherigen Wochen eher beschaulich zu. Und das obwohl mit der BASF AG (ehemals: „Badische Anilin- & Soda-Fabrik“), der nach Umsatz und Marktkapitalisierung weltweit größte Chemiekonzern, eine Anleihe mit einer Laufzeit von 8 Jahren emittierte. Die erste Guidance bewegte sich im Bereich von Mid Swap +40 bps. Final gepreist wurde die Anleihe mit Fälligkeit Februar 2021 bei Mid Swap +38 bps, was einem Emissionskurs von 99,062% entsprach. Den Investoren der Anleihe im Volumen von 500 Mio. € zahlt BASF einen Kupon von 1,875% p.a.

Europa rückt näher zusammen
Prophylaxe: Auffangnetz für Polen

Osteuropäische Staaten haben quasi als unbeteiligte Beobachter die Staatsschuldenkrise von außen betrachten können – bis jetzt. Der Internationale Währungsfonds (IWF) hat nun Warschau eine zweijährige Kreditlinie mit einem Volumen von 33,8 Mrd. US-Dollar gewährt. Der IWF verlängert damit vorsorglich die Kreditzusage, die bereits seit mehr als drei Jahren existiert. Offenbar eine prophylaktische Maßnahme, um wegen der rezessiven Tendenzen in Europa die Anlegernerven zu beruhigen. Normalerweise knüpft der IWF solche Kreditlinien an Reformbedingungen, die in diesem Falle nicht verlangt wurden. Doch man muss sich fragen, ob die polnische Wirtschaft wirklich so stark ist, dass man darauf verzichten kann oder ob der IWF von etwas Kenntnis erlangt hat, was die Märkte noch nicht wissen. Denn die Staatsverschuldung beträgt derzeit rund 56% und das Haushaltsdefizit nach Schätzungen der Regierung in Warschau rund 3,5% des Bruttoinlandsproduktes (BIP). Dieser Grad der Neuverschuldung wäre zwar bereits ein Hindernis unter Anwendung der Maastricht-Kriterien. Doch eines hat die Staatsschuldenkrise gelehrt: Die Maastricht-Verträge gelten nur in krisenfreien Zeiten.

Deutschland-Bonds vor dem Aus
Gesamthaftung soll verfassungswidrig sein.

Deutschland-Bonds stehen vor dem Aus, bevor sie jemals das Licht der Finanzwelt erblicken konnten. Denn die gemeinsamen Anleihen von Bund und Ländern stoßen auf Ablehnung. Nicht nur die Länder mit guter Bonität, sondern auch die kleineren Bundesländer haben kein Interesse mehr an einem gemeinsamen Bond, da sie bezweifeln, dass sich für die Länder noch nennenswerte Zinsersparnisse erzielen lassen. Grund ist, dass der Bund nicht als alleiniger Schuldner der neuen Anleihe am Markt auftreten will. Stattdessen will er nur für seinen Teil haften. Eine Gesamthaftung sieht das Finanzministerium als verfassungswidrig an. Während sich neutrale Beobachter bereits kurz nach der Ankündigung nach dem Sinn dieser Anleihen fragten, setzten kleine Bundesländer auf eine Quasihaftung des Bundes, was letztlich die Anleihen günstiger gemacht hätte als einfache Länderanleihen – auch wenn der Bund nur für seinen Anteil haftet. Denn niemand wird es für möglich halten, dass der Bund eine von ihm mitgetragene Deutschland-Anleihe in den Default hätte gehen lassen. Somit würde man einen Bürgen zum Nulltarif erhalten. In diesem Zusammenhang drängt sich aber inzwischen auch die Frage nach der seit 2013 üblichen Umschuldungsklausel auf. Aber manche Dinge erledigen sich manchmal sogar durch Nichtaktionismus.

Die Rache der EU-Parlamentarier
Rating-Agenturen werden an die lange Leine genommen.

Die Geschichte lehrt, dass die Überbringer schlechter Nachrichten stellvertretend für deren Ursache zur Verantwortung gezogen werden. Im Altertum wurden diese Unglücksboten sehr häufig geköpft. Zur Verantwortung zieht nun das Europa-Parlament die in der EU tätigen Rating-Agenturen. Denn nach Meinung der EU-Kommission und des Parlaments haben diese die Staatsschuldenkrise durch negative Bewertungen verschärft. Allein während der Finanzkrise wurde über 90 Mal die Kreditwürdigkeit der PIIGS-Staaten nach unten revidiert. Aber künftig sollen die Agenturen bei vorsätzlicher oder grob fahrlässiger Verletzung der Regeln leichter auf Schadenersatz verklagt werden können. Die Rating-Agenturen dürfen sich mit unbeauftragten und unbezahlten Einschätzungen zu EU-Staaten nicht mehr nach Belieben zu Wort melden. Sie müssen jedes Jahr im Dezember einen Kalender veröffentlichen, in dem sie kundtun, an welchen drei Terminen sie ihre Einschätzungen benennen wollen. Die Noten sollen nur noch freitags nach Börsenschluss öffentlich gemacht werden dürfen. Die beschlossenen Regeln gleichen einer Zensur, wie man sie bisher nur aus der Sowjetunion kannte und im Zweifel ist der Investor der Leidtragende. Denn Rating-Agenturen können sich zukünftig zurücklehnen und darauf verweisen, dass sie es zwar wussten, aber nichts sagen durften. In einem Staatsgebilde, das immer gerne auf seine Menschenrechte, einschließlich der Presse- und Meinungsfreiheit verweist, ist diese Regelung der falsche Ansatz. Das belegt auch die Tatsache, dass die Agenturen nach anfänglichen Protesten inzwischen die Regeln in der abgeschwächten Fassung angenommen haben. Somit erhärtet sich der Eindruck, dass sich ab dem Frühjahr zwar etwas ändern wird, aber die Rating-Agenturen lediglich an die lange Leine genommen wurden.

Soziale Zeitbombe in Spanien
Madrid muss auch noch Katalonien finanziell unterstützen.

In Spanien tickt eine soziale Zeitbombe. Einerseits macht der Regierung in Madrid die Jugendarbeitslosigkeit von 55% zu schaffen und andererseits ist das Gesundheitssystem Spaniens so nicht mehr finanzierbar und umgehend reformierungsbedürftig. Diese Bombe zu entschärfen, wird kein leichtes Unterfangen sein. Zusätzliches Ungemach droht aber noch seitens der hochverschuldeten spanischen Region Katalonien. Am Dienstag dieser Woche wurden weitere 9,1 Mrd. € aus dem staatlichen Rettungsfonds beantragt. Da Katalonien sich am Kapitalmarkt nicht mehr selbst refinanzieren kann, ist dieser Hilfsfonds praktisch die einzige Möglichkeit, finanzielle Unterstützung zu erhalten. Bereits im vergangenen Jahr mussten 5,4 Mrd. € auf diesem Wege beschafft werden. Nun stellt sich der geneigte Leser aber sicherlich die Frage: Woher kommt denn das Geld? Aus Spanien sicherlich nicht!

Euro-Bund-Future: Das Sorgenbarometer signalisiert Entspannung.
2% Rendite entspricht ca. 139,00%

Die Angst der Anleger vor einem bevorstehenden Aufflackern der Finanzierungsprobleme einzelner Staaten scheint inzwischen immer mehr und mehr zur Nebensache zu verkommen. Somit ist es nicht verwunderlich, dass nicht die närrische Zeit, sondern die „heile Welt“ die Tendenz am Rentenmarkt bestimmt. Ob diese Einschätzung von langer Dauer sein kann, werden die nächsten Wochen zeigen. Aber aktuell werden Umschichtungen seitens der Anleger vorgenommen und diese gehen eindeutig zu Lasten der bisher als „sicherer Hafen“ bezeichneten deutschen Staatsanleihen. Dies drückt sich in fallenden Kursen des Euro-Bund-Future, dem Sorgenbarometer, aus. Nach Unterschreitung der wichtigen Unterstützungslinie bei 142,38% ist die Richtung vorerst vorgegeben. Sollten keine neuen Hiobsbotschaften die Investoren weltweit zum erneuten Umdenken zwingen, so sind 2% Rendite für deutsche zehnjährige Staatsanleihen das nächste große Ziel. Das würde einem Kurs des zehnjährigen Futures von ca. 139,00% entsprechen. Vorher bilden aber die Bereiche um 140,95% (Tief vom 18.10.12) und 140% technische und psychologische Unterstützungslinien. Nach oben sind die Widerstände bei 142,50%, 144%, 144,90% zu sehen.

Neuemissionen: Deutschland muss wieder Zinsen zahlen
Portugal und Irland fordern Nachbesserungen

Alles hat ein Ende, nur die Wurst hat zwei. Dieser Spruch gilt auch für Minusrenditen bei der Refinanzierung Deutschlands. Konnten von den vergangenen 70 Mittelaufnahmen 49 zu historisch niedrigen Zinsen und sogar 21 zu Negativrenditen erfolgen, so ist diese Zeit nun vorüber. Gelder am Kapitalmarkt aufnehmen und damit noch Geld verdienen, das kann die Deutsche Finanzagentur vorerst als zwischenzeitlichen Nebeneffekt abhaken. Ab sofort muss auch Deutschland den Investoren wieder einen Zins zahlen, wenn auch dieser noch immer -bei den meisten Laufzeiten- unter der offiziellen Inflationsrate liegt. Da diese Tatsache den Problemen anderer Euroländer geschuldet ist, ist der Anstieg der deutschen Zinsen die logische Konsequenz der sinkenden Refinanzierungskosten der Problemstaaten und das obwohl die Patienten noch nicht als geheilt gelten. Dennoch gilt weiterhin, dass diese Staaten gerne dieses „Problem“ Deutschlands hätten. Nicht umsonst fordern Portugal und Irland vehement Erleichterung bei den Kreditmodalitäten und eine Anpassung der vereinbarten Konditionen.

Der Refinanzierungsbedarf europäischer Staaten ist weiterhin vorhanden und so wurden in dieser Handelswoche diverse Altemissionen aufgestockt, unter anderem in Finnland (A1G0EU / 2028) und Italien (A1HB59 / 2017 ; A1G83V / 2022). In Deutschland stand am gestrigen Mittwoch ebenfalls die Aufstockung der bereits 2012 aufgelegten Anleihe mit der Endfälligkeit 2044 auf der Agenda. Die Aufstockung (ohne CAC) um weitere 2 Mrd. € auf insgesamt 10 Mrd. € lag im Rahmen der Erwartungen. Die Zuteilung erfolgte bei einer 1,8-fachen Überzeichnung zu einer Durchschnittsrendite von 2,45%.

Währungsanleihen: Des einen Freud, des ander'n Leid.
Stärke des Euros nur vorübergehend und somit eine Chance?

Wie alles im Leben hat auch die Krise zwei Seiten. Einerseits leiden die in den Krisenstaaten lebenden Menschen unter den Folgen der schon lange überfälligen Sparpolitik, aber andererseits profitierten zum Höhepunkt der Krise die exportierenden Unternehmen von der Euroschwäche. Nun macht sich Hoffnung breit und die anderen Staaten sind zur Gegenoffensive im Währungskrieg übergegangen. Hierbei hat man stets zwei Optionen zur Verfügung. Erstens die eigene Währung schwächen oder zweitens die Währung des Konkurrenten stärken. Dieser zweite Fall scheint eingetreten zu sein. Gegenüber dem US-Dollar wird der Euro in dieser Woche auf ein neues 14-Monats-Hoch (1,3587 USD) getrieben. Auch gegenüber dem Yen erreicht der Euro das höchste Niveau seit Mai 2010 (123,85 YEN) und im Vergleich zum südafrikanischen Rand wird sogar ein neues 4-Jahres-Hoch markiert (12,3156 ZAR).

In dieser Stärke des Euro liegt aber auch immer eine Chance für Anleger, die nicht an die permanente Festigkeit der europäischen Gemeinschaftswährung glauben. Daher ist es nicht verwunderlich, dass weiterhin viele Investoren sich in Fremdwährungsanleihen engagieren.



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Der Autor dieses Artikels ist Klaus Stopp, Leiter der Skontroführung Renten bei der Baader Bank AG. www.Baadermarkets.de

Der obige Text spiegelt die Meinung des jeweiligen Kolumnisten wider. Die finanzen.net GmbH übernimmt für dessen Richtigkeit keine Verantwortung und schließt jegliche Regressansprüche aus.

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