24.11.2012 13:00
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Der französische Patient und die Ratingagenturen

Die Ratingagentur Moody’s hat Frankreichs Zahlungsfähigkeit schlechter bewertet
Eurokrise
Herabstufung: Die Ratingagentur Moody’s hat Frankreichs Zahlungsfähigkeit schlechter bewertet. Das Land hat tatsächlich gravierende Probleme. Ein Brandherd wie Griechenland oder Spanien ist es aber nicht.
€uro am Sonntag

von Andreas Höß, Euro am Sonntag

Der „kranke Mann Europas“ scheint trotz seiner Gebrechen überraschend mobil zu sein. Vor wenigen Jahren sichtete ihn der „Economist“ noch in Deutschland, das im Gegensatz zu Europas damaligen Boomstaaten wie Spanien nur ein Miniwachstum aufzuweisen hatte. Heute vermutet ihn das britische Wirtschaftsblatt in Frankreich. Mehr noch: Frankreich sei die tickende Zeitbombe der Eurozone, titelte es und druckte wie Dynamit zusammengebundene Baguettes auf seine erste Seite.

Wie zur Bestätigung kam vergangene Woche ein Dämpfer für die Grande Nation: Nach der Ratingagentur Standard & Poor’s entzog nun auch Moody’s den Franzosen das „Aaa“-Rating, das nur die besten Schuldner der Welt bekommen. Das eröffne eine „neue Front in der Eurokrise“, folgerte die Nachrichtenagentur Reuters.

Stürzt Frankreich nun die Eurozone in den Abgrund? An den Märkten sieht man das nicht so, man blieb von der Herabstufung relativ unbeeindruckt. Der französische Leitindex CAC 40 stieg vergangene Woche leicht, der DAX ebenfalls. Die Renditen zehnjähriger französischer Staatsanleihen liegen bei rund 2,2 Prozent, bei italienischen Anleihen sind es 4,8 Prozent, bei spanischen sogar 5,7 Prozent. Die Anleger zählen Frankreich also nach wie vor zu den stabilen Staaten der Eurozone.

Denn bei der Verschuldung unterscheiden sich die Franzosen mehr oder weniger deutlich von den Problemstaaten an der Peripherie Europas. Frankreich hat Staatsschulden in Höhe von rund 90 Prozent der Wirtschaftsleistung. Das ist nicht wenig, allerdings haben Griechenland oder Italien weit höhere Schuldenberge. Und auch die Neuverschuldung ist nicht niedrig, aber noch im Rahmen. Anders als versprochen könnte Frankreich 2013 erneut die im Vertrag von Maastricht festgelegte Defizitgrenze von drei Prozent verpassen. Die EU erwartet, dass die Neuverschuldung bei 3,5 Prozent liegen wird — in Spanien wird sie fast doppelt so hoch sein.

Frankreich ist also weit davon entfernt, ein „Schuldenstaat“ zu werden. Dennoch muss Paris in Zukunft vielleicht etwas höhere Zinsen bieten, da Frankreichs wirtschaftliche Probleme am Lack der einst stolzen Industrienation und langsam auch am Vertrauen der Investoren kratzen.

Mangelnde Wettbewerbsfähigkeit
Mit fast elf Prozent ist die Arbeitslosigkeit in Frankreich doppelt so hoch wie in Deutschland, seit der Jahrtausendwende sank die Industrieproduktion um sieben Prozent, in Deutschland stieg sie um mehr als 20 Prozent. Entsprechend stark hat sich das Defizit in der Leistungsbilanz ausgeweitet. „Hier ist Frankreich tatsächlich viel näher an Italien oder Spanien als an Deutschland“, sagt Didier Borowski vom Fondsanbieter Amundi, der früher im französischen Wirtschafts- und Finanzministerium gearbeitet hat.

Als klassisches Beispiel für den Verfall der französischen Industrie gelten die Autobauer. Sie leiden darunter, dass die Lohnstückkosten im Heimatland seit der Einführung des Euro stark gestiegen sind. Und sie trifft es, dass ihre Absatzmärkte vor allem in den europäischen Krisenregionen liegen. PSA Peugeot Citroën machen laut einer Studie pro verkauftem Fahrzeug fast 800 Euro Verlust. Entsprechend schlecht ist die Lage, es drohen Werksschließungen und Entlassungen, der Konzern ist auf Hilfen vom Staat angewiesen.

Dieser will nun mit 20 Milliarden Euro an Steuererleichterungen seine Wirtschaft wettbewerbsfähiger machen, im Gegenzug soll die Mehrwertsteuer angehoben werden. Der angekündigte „Wettbewerbsschock“ ist das jedoch nicht. Paris muss Frankreichs Arbeitsmarkt flexi­bler machen und auch sein extrem teures Rentensystem reformieren.

Die Regierung unter François Hollande muss Frankreich in den kommenden Jahren also noch so manche bittere Pille verschreiben. Dabei steht sie unter genauer Beobachtung: 65 Prozent der französischen Staatsanleihen werden von ausländischen Investoren gehalten — ein hoher Wert. „Wenn die Stimmung dreht, verkaufen diese in der Regel schneller als Anleger aus dem Heimatmarkt“, sagt Borowski. Zu hoffen, dass der kranke Mann Europas doch bald an anderer Stelle gesichtet wird, wäre eine schlechte Strategie.

Bildquellen: Domen Colja / Shutterstock.com
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