05.08.2012 12:00
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UBS-Chefökonom: Das extreme Sparen ist naiv und unglaubwürdig

Andreas Höfert, UBS
Interview
Andreas Höfert Müssen Spanien und Italien weiter mehr als sechs Prozent Zinsen für neue Schulden zahlen, schlittern beide in die Pleite, warnt der UBS-Chefökonom und erwartet eine Erhöhung der Geldmenge.
€uro am Sonntag

von Klaus Schachinger, €uro am Sonntag

€uro am Sonntag: Herr Höfert, Italiens Ministerpräsident Mario Monti besteht auf einer Banklizenz für den Rettungsfonds ESM, EZB-Chef Mario Draghi hat sich aus rechtlichen ­Gründen dagegen ausgesprochen. Er hat jedoch unkonventionelle Maßnahmen der EZB angekündigt. Wird sich die Krise entspannen?
Andreas Höfert:
Entscheidend ist, dass die spanischen Zinsen nicht weiter auf unhaltbare Niveaus ansteigen. Italien wäre dann allmählich auch gefährdet. Und Italien hat einen Trumpf: Konfrontiert mit der Wahl, im Euro bankrott zu gehen oder außerhalb des Euros durch eigenständige Geldpolitik und Währungsabwertung so einen Bankrott zu vermeiden, wird sich Italien sicherlich für die zweite Variante entscheiden. Um das abzuwenden, müssen die spanischen und ­italienischen Zinsen auf haltbare Niveaus zurückgeführt werden. Dies kann entweder die EZB durch Direktkäufe der Staatsanleihen machen oder ein mit Banklizenz ausgestatteter ESM. Wohlgemerkt, haltbare Niveaus der Zinsen bedeutet nicht gleiche Zinsen wie Deutschland. Es ist normal, dass Italien höhere Zinsen als Deutschland zahlt. Nicht normal ist es, dass dieses Land Zinsen über sechs Prozent zahlen muss.

Hat Sie die Beschleunigung in der Dynamik der Euroschuldenkrise in Spanien überrascht?
Nein. Die desolate Situation der spanischen Banken war schon lange klar. Spanien müsste keinen Antrag auf Hilfen aus dem europäischen Rettungsschirm EFSF stellen, wenn die Zinsen für spanische Staatsanleihen nicht so hoch wären. Bei mehr als sechs Prozent Refinanzierungszins wird die Verschuldung explosiv. Der erhoffte positive Effekt der rigiden Sparprogramme auf den Staatshaushalt verpufft wegen der Zinszahlungen, während das Sparen gleichzeitig die Ansätze für eine Stabilisierung der Konjunktur zunichte macht. Wenn die Zinsen auf diesem hohen Niveau bleiben, schlittern sowohl Spanien und später wahrscheinlich auch Italien in die Staatspleite. Diese Spirale muss gestoppt werden. Es müssen Wege gefunden werden, um die Zinsen der beiden großen Euroländer auf ein erträgliches Niveau zu senken.

Sollten die Sparprogramme in Spanien und Italien also etwas zurückgefahren werden?
Ja. Das Naive der Krisenbewältigung in Europa sind die extremen Sparprogramme. Sie sind dadurch von Beginn unglaubwürdig. Sicher ist die Überschuldung ein großes Problem und es gibt mit Griechenland ein Land im Eurowährungs­system, das wohl nicht mehr zu retten ist. Das muss aber klar gesagt werden, um den geordneten Ausschluss zu organisieren. Weil das ein Präzedenzfall wäre, ist es nicht leicht, aber die Politik und die Wirtschaft müssen diesen Schritt wagen, wenn sie Europa retten wollen.

Und der Rest der Eurozone?
Der könnte mit weniger drastischen, dafür aber auch in der Bevölkerung glaubwürdigen, weniger schlagzeilenträchtigen Sparmaßnahmen stabilisiert werden. Der Prozess würde länger dauern und er müsste kontrolliert werden.

Hat Brüssel dafür die notwendige Glaubwürdigkeit und Durchsetzungskraft?
Nein. Das ist Europas großes Problem. Die Formel Euro, Nationalstaaten und Demokratien funktioniert nicht. Es gibt nur zwei extreme Lösungen: Der Euro wird abgeschafft, und es bleiben die demokratischen Nationalstaaten, oder wir schaffen die Nationalstaaten ab und delegieren sehr viel nationale Macht nach Brüssel. Wenn wir den Euro als stabile Währung für die nächsten 100 Jahre haben wollen, dann muss wohl auch Deutschland viel Souveränität abgeben.

Warum sollten die Menschen, die bisher auch in Ihrer Region einen Ansprechpartner für Förderungen haben, diesem Plan zustimmen?
Weil es mit einer Gemeinschaftswährung zwar keine Nationalstaaten, aber sehr wohl Regionen geben kann. Die Nationalstaaten sind eine Erfindung der Französischen Revolution im 19. Jahrhundert. Die Bevölkerung hat den hundertjährigen Krieg zwischen England und Frankreich nicht als Konflikt zwischen Ländern sondern als Krieg zwischen Königen wahrgenommen. Erst mit Nationalstaaten war es möglich, die großen Armeen aufzubauen um die Weltkriege zu führen. Die ursprüngliche Idee des Euro war es dieses Gefüge abzuschaffen. Jetzt will man die nächsten Schritte auf diesem Weg offensichtlich nicht tun. Das aktuelle Durchwursteln können die Politiker noch drei bis fünf Jahre durchziehen, um Staatschulden zu verstecken. Den Euro wird es nicht stabiler machen.

Wer wird den Europäern, wenn die Krise kritisch wird, harte Entscheidungen abnehmen?
Die Nichteuropäer im Internationalen Währungsfonds IWF. Sie werden den Druck erhöhen und für Entscheidungen sorgen. Es ist beschämend. Wir leben auf dem reichsten Kontinent der Welt, auch unter Berücksichtigung der USA, und wir verlangen, dass uns Länder aus der Dritten Welt helfen, unser Schuldenproblem zu lösen. Ich finde das ätzend. Europa ist nicht aus ökonomischen Gründen nicht in der Lage das Problem zu lösen, es scheitert schlicht an der Politik.

Bisher wurden bei Eskalationen immer zuerst die Banken refinanziert, was zunehmend auf Unverständnis stößt. Gibt es Alternativen dazu?
Nein. Am Ende werden, so oder so, die Sparer für die Schulden aufkommen müssen. Denn irgendwann werden auch die Schulden in Europa, genauso wie in Großbritannien und in Amerika, durch eine deutliche Erhöhung der Geldmenge durch die EZB refinanziert werden.

Unter den zehn größten Instituten haben Chinas Banken 2011 laut Statistik des Fachblatts „The Banker“ 29 Prozent der Gewinne erwirtschaftet, die Geldhäuser der Eurozone erwirtschafteten gerade mal sechs Prozent der globalen Überschüsse, im Jahr 2007 waren es noch 46 Prozent. Ist das ein Warnsignal für den Westen?
Nein, eher für die chinesischen Institute. Die japanischen Banken waren auch schon mal die größten der Welt. Aber China und die Schwellenländer haben etwas, was die westliche Welt nicht mehr ist, sie sind normal.

Wie meinen Sie das?
Diese Länder haben eine gut funktionierende Geldpolitik und normale Konjunkturzyklen. In der westlichen Welt, und dazu zähle ich auch Japan, sind wir – sorry für den Ausdruck – bankrott. Das gilt für alle Länder, einschließlich Deutschland. Eine Staatsschuldenquote von 85 Prozent in Bezug auf Deutschlands Bruttoinlandsprodukt (BIP) bleibt ein Alarmzeichen. Schließlich wächst die deutsche Wirtschaft erst seit einigen Jahren wieder überdurchschnittlich stark. Zudem sind die Leitzinsen in allen Industrieländern nicht weit von der Null entfernt. Der Instrumentenkasten Geldpolitik fehlt also.

Was bleibt also aus Ihrer Sicht?
Zwei Alternativen, beide mit erheblich negativen wirtschaftlichen Folgen: Entweder Staatspleiten, die sind heute aber schwierig, wie das Beispiel Griechenland zeigt, oder die Zentralbanken setzen auf Schuldenentwertung durch Inflation und kaufen die Staatschulden auf. Dann sind die Sparer die Dummen und die Schuldner die Smarten. Es geht im Prinzip nur um diese Umverteilung.

Die heile Welt bleiben damit die Schwellenländer?
Das kann schnell vorbei sein. Die USA haben ihre Geldmenge im Vergleich zur Zeit vor der Finanzkrise bereits verdreifacht. Anzeichen für eine Änderung dieser bisher mäßig erfolgreichen Geldpolitik gibt es bisher nicht. Wenn die US-Notenbank schließlich alle Staatschulden aufkaufen würde, hätte man die Geldmenge 24-facht. Dann wäre alles abgeschrieben. Wir hätten Inflation in den USA mit entsprechenden negativen Auswirkungen auf die Schwellenländer. Bisher ist kein Happy End in Sicht, so oder so. Das bereitet den Politikern Kopfzerbrechen.

Wird China, wenn Europa stärker als erwartet in die Rezession rutschen sollte, ein zweites Mal, helfen, wie 2009 während der globalen Finanzkrise?
Ich denke nicht. China hat damals mit Konjunkturprogrammen geklotzt, und die Volkswirtschaftt damals fast überhitzt. Vor allem bei Immobilien hat die Regierung gerade noch rechtzeitig die Kurve bekommen. Wenn China seine Wirtschaft jetzt wieder ankurbelt, dann in einem deutlich geringeren Umfang. Der Westen wird vom chinesischen Aufschwung, der sich wegen den bevorstehenden Wahl einer neuen Regierung etwas verzögert, aber deutlich weniger profitieren.

Wie reagieren Ihre Kunden auf die Schuldenkrise?
Im europäischen Raum sind sie weniger verunsichert, weil sie auf den politischen Kompromiss vertrauen. Asiaten und Schweizer sind jedoch sehr beunruhigt. Und im angelsächsischen Raum hat man schon immer wenig Verständnis für Komplexität der europäischen Politik gezeigt.

Was für Folgen hat das in den Depots?
Die Barreserven liegen zwischen 30 und 60 Prozent, also sehr hoch. Zudem wird viel Wert auf ein sehr geringes Risiko gelegt. Deshalb fließt aus meiner Sicht zu viel Geld in Staatsanleihen. Vor allem in den Länder wie die USA. Wir haben Mühe das nachzuvollziehen. Bisher hatten wir Spekulationsblasen, die von der Gier nach Rendite getrieben werden, heute entstehen Blasen, weil Investoren Angst haben. Wir empfehlen deshalb, gezielt Risiken einzugehen und zum Beispiel eher Unternehmens- statt Staatsanleihen zu kaufen. Bei Aktien sollten es Papiere mit hohen Dividendenrenditen sein, von Unternehmen, die über Rezessionen und Jahrzehnte hinweg Kontinuität bei der Dividende gezeigt haben.

zur Person:

Andreas Höfert
Der promovierte Volkswirt ist seit 2009 Chefökonom der UBS-Bank. Zudem verantwortet Höfert die Analysen der Sparte Vermögensverwaltung. Er hat in St. Gallen promoviert und arbeitet seit 1999 bei der Schweizer Großbank. Zuvor war Höfert Konjunkturprognostiker an der renommierten Universität ETH Zürich.

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