aktualisiert: 13.01.2013 09:40
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Warum der Boom bei den Mittelstandsanleihen weitergeht

Kleine Bonds, große Renditen
Der Markt für Hochzinsminibonds wird 2013 trotz vieler Rückschläge weiter boomen. Welche Bonds interessant sind. Worauf Anleger achten müssen.
€uro am Sonntag

von Marc Hofmann, Euro am Sonntag

Ein zweijähriges Kind hat ­bereits viel gelernt. Es kann laufen, sprechen und mit dem Löffel essen. All das erfüllt die Eltern mit Stolz. Auf die Idee, dem Sprössling deshalb gleich ihre Ersparnisse anzuvertrauen, kämen sie aber vermutlich nicht.

Das unterscheidet Eltern von Anlegern. Die investierten 2012 rund 1,2 Milliarden Euro in den Markt für Mittelstandsanleihen, obwohl das „Kleinkind“ gerade mal vor 28 Monaten als Bond-M-Segment der Börse Stuttgart gegründet wurde. Rechnet man die Überzeichnungen dazu, so kommt man sogar auf 1,8 Milliarden. Verteilt hat sich die Summe auf 32 neue Emittenten, drei mehr als 2011.

Aus Anlegersicht ist der Erfolg der Minibonds verständlich: Nirgendwo sonst bieten deutsche Firmen noch Renditen von acht Prozent und mehr. Im aktuellen Niedrigzinsumfeld ist die Verlockung groß. Denn selbst etablierte Hochzinsemittenten wie Fresenius zahlen mittlerweile kaum mehr als fünf Prozent.

Auch für die emittierenden Unternehmen ist der Markt attraktiv. Da Banken aufgrund der schärferen ­Eigenkapitalregeln von Basel III immer weniger Kredite vergeben, benötigen die Firmen eine alternative Finanzierung. Die Mittelstandsbonds kommen da wie gerufen. Denn zum einen unterscheiden sich die Zinsen der Papiere nur gering­fügig von den Kosten eines Kredits. Zum anderen freut die Unternehmer, dass sie hier keinerlei Sicherheiten bieten müssen. Eine Bank würde dabei nicht mitspielen.

Es ist daher die Kombination aus Niedrigzinsen, Anlagenotstand privater und institutioneller Investoren und rigider Kreditvergabe, die den Markt so prächtig gedeihen lässt.

Pleiten lassen Anleger kalt
Wie jeder Heranwachsende hat sich auch das Segment der Mittelstandsanleihen im vergangenen Jahr weiterentwickelt. Mit dem Mibox wurde der erste Index aufgelegt, der die Wertentwicklung des breiten Markts abbildet. Es gab neue Börsenregeln, neue Ratings, erste Austritte, Rückzieher und Insolvenzen.

Besonders überraschend war dabei, dass selbst die Pleiten den Boom nicht stoppen konnten. Als mit SIAG Schaaf im März der erste Emittent ausfiel, konnten andere ihre Bonds trotzdem platzieren. Neben SIAG fielen 2012 noch BKN-Biostrom und Solarwatt aus. Mit SIC Processing steht nun ein weiterer Emittent auf der Kippe. Speziell der Fall von SIC Processing wirft einmal mehr Fragen nach die Qualität der Ratings auf. Wie ist es möglich, dass eine Firma in einem Schritt vom ­Investment-Grade (BBB-) gleich um sechs Stufen in den Hochrisikobereich (B-) herabgestuft wird? Bei den Ratings von Moody’s oder Standard & Poor’s sind derartige Abstürze bislang kaum bekannt. Es scheint, dass die Ratings der Mittelständler, die zumeist von Creditreform, Euler Hermes und Scope erstellt werden, nur eine begrenzte Aussagekraft haben. Diese Behauptung wird durch die hohe Frequenz der Ratinganpassungen untermauert. So verschlechterten sich innerhalb eines Jahres die Bonitätsnoten von 65  Prozent aller bewerteten Unternehmen.

Allein auf ein Rating sollten sich Anleger daher wohl besser nicht verlassen. Einige Börsen, zum Beispiel die Stuttgarter, haben 2012 bereits auf das Problem reagiert. Sie führten eigene, leicht zu verstehende Risikoklassifizierungen für die Anleihen ein. Die Bonds werden dabei auf einer Skala von eins bis fünf bewertet, wobei eins für „wenig riskant“ und fünf für „spekulativ“ steht.

Firmen nutzen Schlupflöcher
Für Unruhe sorgte 2012 auch, dass sich einige Emittenten gleich vollständig einer Bewertung entzogen. So nutzte zum Beispiel Payom Solar schwammige Formulierungen in seinem Wertpapierprospekt aus, um das Bond-M-Segment zu verlassen. An die Regeln und Pflichten des Markts ist Payom nun nicht mehr gebunden. Andere Firmen wie Nabaltec, Centrosolar oder SAG Solarstrom sind zwar geblieben, doch sie fanden ein Schlupfloch, das es ihnen als börsennotierte AGs erlaubt, auf ein Rating zu verzichten. Nachdem sie ihre Bonds durch eine einmalige Bewertung für die Emission aufgehübscht hatten, ließen sie sich nicht erneut benoten. Zwar legen die Firmen weiterhin Zahlen vor, doch sind diese nun deutlich intransparenter geworden. Denn nicht jeder Anleger kann einen Geschäftsbericht auch richtig lesen. Das Versprechen der Börsen, ein transparentes Anleihesegment für Privatanleger zu schaffen, wurde damit konterkariert.

Unterm Strich wird deutlich, dass der Markt für Mittelstands­anleihen auch nach zwei Jahren noch in den Kinderschuhen steckt. Die kleinen Bonds können durchaus das Depot bereichern, doch bergen sie — wie auch die nebenstehenden ­Interviews zeigt — hohe Risiken. Anleger, die sich dieses Umstands jedoch bewusst sind, sollte auch 2013 ein spannendes und zins­reiches Jahr erwarten.
Alle Emissionen von Mittelstandsanleihen des Jahres 2012 (pdf)

Investor-Info

Gute Zahlen
Steilmann-Boecker
Der Bond des Modeunternehmens Steilmann-Boecker ist zu Kursen unter 100 Prozent attraktiv. Zum einen schützt das Papier eine Patronatserklärung der profitablen Steilmann Holding. Zum anderen legten Umsatz und Gewinn der Firma zuletzt kräftig zu. Im ersten Halbjahr 2012 lag der Umsatz bei 31,2 Millionen Euro, der Gewinn bei 1,5 Millionen Euro.
ISIN: DE000A1PGWT2

Gute Chance
Scholz AG

Der Schrottverwerter Scholz erfordert von Anlegern etwas mehr Mut. Denn zuletzt ging es der Stahlbranche schlechter. Bislang sieht aber alles nur nach einer Konjunkturdelle aus, die nicht existenzgefährdend ist. Unter Risiko-Rendite-Aspekten ist der Bond daher interessant. Scholz erzielte in den ersten neuen Monaten 2012 einen Umsatz von 3,7 Milliarden Euro, der Gewinn lag bei 165 Millionen Euro. 
ISIN: AT0000A0U9J2

Gute Rendite
Ekosem Agrar

Kühe in Russland zu melken klingt recht skurril. Doch wenn man erst mal weiß, dass der Milchpreis in Russland mit 44 Cent je Liter um 30 Prozent über dem deutschen liegt, bekommt die Sache einen Sinn. Die deutsche Ekosem besitzt mittlerweile knapp 14.000 Kühe und 180.000 Hektar Land in Russland. Da auch die Zahlen solide sind, ist der Bond ein guter Kauf.
ISIN: DE000A1MLSJ1

Bildquellen: Burckhardt Compression
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