aktualisiert: 17.07.2012 12:00
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1 : 0 für Zentral- und Osteuropa

Anton Hauser, Erste-Sparinvest
Osteuropa-Anleihen
Deutsche Bundesanleihen notieren im Allzeithoch, Bonds weniger solider Volkswirtschaften erhalten Risikoaufschläge, die eventuell noch viel zu niedrig sind. Es gibt aber auch Alternativen.
€uro am Sonntag

Eine Alternative bieten indes ausgewählte Volkswirtschaften der europäischen Emerging Markets, meint Gastautor von Euro am Sonntag, Anton Hauser.

In den vergangenen Wochen richteten sich die Augen der Fußballfans auf diverse Städte in den Staaten Zentral- und Osteuropas. Damit ist zunächst in sportlicher Hinsicht eine Region in ­öffentliches Licht gerückt, die viele Jahre ein Schattendasein führte. Doch die Zuschauer vor Ort und an den Bildschirmen haben nicht nur erstklassige Stadien gesehen, sondern auch erstarkte Volkswirtschaften und nicht nur an den Austragungsorten eine deutlich modernisierte Infrastruktur.

Die Fakten: Bereits 2011 hat das Anlageuniversum der Staaten Zentral- und Osteuropas (CEE) in puncto Wirtschaftskraft eindrucksvoll aufgeholt. Mit einem Anteil von rund 5,3 Prozent am nominalen Weltbruttoinlandsprodukt erwirtschaftete diese Region deutlich mehr als die Volkswirtschaften Indiens (2,6 Prozent) oder Brasiliens (3,6 Prozent). Nach Prognosen des IWF werden die CEE-Staaten im Jahr 2016 die gleiche Wirtschaftsleistung erreicht haben wie Brasilien und ­Indien zusammen — nämlich 6,2 Prozent. Damit haben sie dann auch eine weit entwickelte Volkswirtschaft wie Deutschland überholt, die sich künftig mit einem schrumpfenden Anteil am Welt-BIP bescheiden muss.

Zurückzuführen ist diese Entwicklung auf eine Reihe von Faktoren: Als Länder mit gehörigem Aufholpotenzial ist die Kaufkraft dort entsprechend gestiegen. Indiziert bei 100 Prozent seit dem Jahr 2000, stieg die Kaufkraft pro Kopf in den CEE-Staaten bis heute auf 220 Prozent — im Vergleich zu 120 Prozent plus im „Alten Europa“. Euroland bleibt zwar nach wie vor stärkster Handelspartner der CEE-Länder, doch auch der Handel untereinander hat in den vergangenen Jahren deutlich aufgeholt. Rund 30 Prozent der Güter und Dienstleistungen handeln diese Staaten mittlerweile untereinander. Nach wie vor attraktive Lohnstückkosten von durchschnittlich 25 Prozent des Niveaus in der Eurozone bieten ausreichend Anreize, Produktionskapazitäten dort anzusiedeln — zumal viele dieser Länder über sehr gut ausgebildete Arbeitskräfte verfügen.

Anhaltender Aufholprozess und
attraktive Risikoprämien

Wir sehen insgesamt, dass eine Konvergenz der Kaufkraft in Europa begonnen hat: Was die saturierten Volkswirtschaften der Eurozone an Kaufkraft wegen Übersättigung und schrumpfender Bevölkerung verlieren, holen die CEE-Wachstumsregionen auf. Freilich sind die Risiken — seien sie politischer oder wirtschaftlicher Natur — nicht wegzudiskutieren. Doch ein detaillierterer Blick lohnt, um dort die Rosinen herauszupicken, die sich im Anlageuniversum derzeit so großer Beliebtheit erfreuen: Staatsanleihen augenscheinlich gesunder Volkswirtschaften.

Die fünfjährige deutsche Bundesanleihe bringt aktuell eine Rendite von mageren 0,5 Prozent. Polen zahlt für eine Euroanleihe derselben Laufzeit beispielsweise 2,5 Prozent, die Türkei knapp über vier Prozent.

Bei so manchen Kriterien, die der Markt bei der Preisfindung zugrunde legt, stehen zahlreiche Länder in der CEE-Region ungleich besser da. So ist dank einer höheren Haushaltsdisziplin und entsprechenden Wachstumsraten die Verschuldung der CEE-Region halb so hoch wie in Deutschland. Lange Zeit hatten die Länder mit hohen Inflationsraten zu kämpfen, welche die Attraktivität dieser Anlagen schmälerte. Noch vor 15 Jahren mussten dort durchschnittlich über 30 Prozent Preisanstieg pro Jahr hingenommen werden, was sich seither kontinuierlich verringerte: Im Jahr 2002 lag er bei zehn Prozent, 2008 bereits bei sechs Prozent mit weiter ­abnehmender Tendenz. Für das Jahr 2014 ­erwarten die Volkswirte eine Inflation zwischen drei und vier Prozent, das wäre globales Niveau.

Das Anlageuniversum der Staaten Zentral- und Osteuropas hat sich zwar noch nicht flächendeckend herumgesprochen, wurde von vielen Anlegern in den vergangenen Jahren aber bereits entdeckt. 2002 betrug das Emissionsvolumen in diesen Ländern nur rund zehn Milliarden US-Dollar. Im aktuellen Jahr hat sich diese Zahl auf 45 Milliarden US-Dollar gesteigert. Der lang anhaltende Aufholprozess verbunden mit einer hohen Flexibi­lität der einzelnen Volkswirtschaften sowie attraktiven Risikoprämien bieten bei überschaubarem Risiko rentierliche Anlagealternativen.

Vielleicht haben wir der Fußball-EM in Polen und der Ukraine nicht nur spannende sportliche Stunden zu verdanken, sondern beginnen auch die finanziellen Opportunitäten zu erkennen.

zur Person:

Anton Hauser, Lead Fund Manager
der Erste-Sparinvest

Hauser ist Experte für Zentral- und Osteuropa sowie Schwellenländer­anleihen und verfügt über 14 Jahre Erfahrung in der Finanzindustrie. Er hält ein Betriebswirtschafts-Diplom von der Univer­sität Graz und ist CFA Charterholder.
Die Erste-Sparinvest wurde 1965 gegründet. Hinter der Fondsgesellschaft steht die Erste Group Bank und die öster­reichische Sparkassengruppe. Dabei handelt es sich um einen der größten Finanzdienstleister in Zentraleuropa mit 17,5 Millionen Kunden.

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