08.01.2013 09:22
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Wie viel Schulden verträgt ein Staat?

Roland Klaus-Kolumne

Roland Klaus
Wie viel Schulden verträgt ein Staat? Das ist eine Frage, die sowohl in Europa als auch in den Vereinigten Staaten heiß diskutiert wird.
Und doch lässt sich dafür keine allgemeingültige Antwort finden. Die Japaner leben mit ihrer Staatsverschuldung von mehr als 200 Prozent des BIP einigermaßen gemütlich, während in Spanien bei weniger als 70 Prozent des BIP bereits der Baum brennt.

Robert Rethfeld und Alexander Hirsekorn vom Börsenbrief Wellenreiter Invest nähern sich der Frage daher auch von einer anderen Seite. Sie fragen nicht: Wie viel Schulden verträgt ein Staat? Sondern: Wie viel Zinsen kann ein Staat zahlen? Rethfeld und Hirsekorn unterstellen in ihrem lesenswerten Jahresausblick, dass ein Staat höchstens 30 Prozent der Steuereinnahmen für Zinsen aufbringen kann und errechnen daraus eine sogenannte kritische Zinsschwelle. Steigen die Zinsen also über diese Schwelle, droht der Staatsbankrott – zumindest aber ist das Land auf Hilfe angewiesen.

Quelle: Wellenreiter Invest

Die Grafik zeigt, dass derzeit nur Griechenland jenseits von Gut und Böse liegt. Alle anderen Länder befinden sich dagegen im grünen Bereich. Dass die Berechnungen ihre Berechtigung haben, unterstreicht die Tatsache, dass die Zinsen von Spanien und Italien im vergangenen Jahr kurzzeitig im Bereich der hier genannten kritischen Zinssätze (oder sogar leicht darüber lagen), bevor die EZB reagierte und mit ihrem Anleihenkaufprogramm die Lage fürs Erste beruhigte.

Interessant ist dabei, wie dünn das Seil ist, auf dem die Japaner derzeit balancieren. Bereits ein Anstieg der Zinsen auf 2,1 Prozent würde die Lage dort zum Kippen bringen. Derzeit liegt der aktuelle Zinssatz (berechnet als Mittelwert der Zinsen am langen und am kurzen Ende des Rentenmarkts) zwar nur bei 0,4 Prozent. Doch die demografische Situation macht die Lage brisant: Denn eine alternde Bevölkerung, die ihr Geld derzeit direkt oder indirekt zu großen Teilen in Staatspapieren angelegt hat, könnte für einen Zinsanstieg sorgen, wenn sie dazu übergeht, ihre Ersparnisse für den Ruhestand aufzulösen. Dann dürfte die japanische Notenbank noch mehr als Käufer von Staatsanleihen gefragt sein.

Ohne Frage ist die Höhe der Staatsverschuldung nur ein Baustein in der finanziellen und wirtschaftlichen Stabilität eines Landes. Geht man näher ins Detail, erkennt man, wie wichtig weitere Faktoren sind, beispielsweise die Frage, in welcher Währung und bei wem ein Land verschuldet ist. Die Beispiele Spanien und Irland machen darüber hinaus auch deutlich, dass eine vergleichsweise moderate Staatsverschuldung wenig hilft, wenn gleichzeitig der Bankensektor eines Landes pleite ist.

Dennoch ergibt sich aus dieser ungewöhnlichen Betrachtungsweise ein interessanter Stressindikator, der anzeigt, wie angespannt die Finanzsituation eines Landes ist. Denn spätestens beim Erreichen der kritischen Zinsniveaus dürften die Notenbanken versuchen, die Zinsen nach unten zu drücken.

Roland Klaus arbeitet als freier Autor in Frankfurt/Main und ist aktiver Investor. Für den amerikanischen Finanzsender CNBC und den deutschen Nachrichtenkanal N24 berichtete er von 2004 bis 2009 von der Frankfurter Börse. Bekannt wurde er durch seine fast zehnjährige Tätigkeit als Moderator und Börsenreporter für die Telebörse auf n-tv. In seinem Buch „Wirtschaftliche Selbstverteidigung“ entwirft er eine Analyse der Schuldenkrise und liefert Ratschläge, wie man sich auf die entstehenden Risiken einstellen kann. Sie erreichen Ihn unter www.wirtschaftliche-selbstverteidigung.de

Der obige Text spiegelt die Meinung des jeweiligen Kolumnisten wider. Die finanzen.net GmbH übernimmt für dessen Richtigkeit keine Verantwortung und schließt jegliche Regressansprüche aus.

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