23.04.2013 16:00
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Bitcoins, die wilde Währung - Was dahinter steckt

Digitales Geld
Bitcoins, das neue digitale Geld sorgt für Furore. Ein wahrer Hype brachte Höchstpreise, selbst Hedgefonds stiegen ein. Dann kam der Absturz. Wie die neue Währung funktioniert, was Geldtheoretiker von ihr halten.
€uro am Sonntag

von T. Aigner und A. Höß, Euro am Sonntag

Gut 2.700 Meter über Meeres­höhe klebt die Rojacher Hütte auf einem schmalen Granitstreifen. Hier oben am Hohen Sonnblick ist die Zivili­sation nur eine ferne Erinnerung. Holzofen, Plumpsklo, Matratzen­lager: In dem urigen Schindelbau fühlen sich nur Bergsteiger wohl, die auf Komfort keinen Wert legen. Trotzdem ist die Hütte im Salzburger Land in einem gewissen Sinn die modernste Unterkunft Österreichs: Sie war die erste, in der man mit Bitcoins bezahlen kann.

Bitcoins — das ist eine virtuelle Währung, die aus Nullen und Einsen besteht und nur auf einem Computer verwahrt werden kann. Martin Oberlechner, der Wirt der Rojacher Hütte, hat sich vergangenen Sommer entschlossen, sie als Zahlungsmittel zu akzeptieren. „Weil es mit unserem Geldsystem nicht mehr lange gut geht“, wie er sagt. Und weil er ein „Kapitalismuskritiker“ ist, der gern etwas ausprobiert, was aus einer alternativen Szene kommt.

Für Bitcoins steht kein Staat gerade, keine Notenbank wacht über ihre Stabilität. Doch gerade deshalb sind sie nicht nur für den Hüttenwirt eine echte Alternative zu Euro, Dollar oder Yen. Das Eigengewächs der Netzgemeinde wurde vor vier Jahren von Satoshi Nakamoto ins Leben gerufen. Hinter dem Pseudonym verbirgt sich vermutlich ein Hacker — oder mehrere. Anfangs begeisterten sich vor allem Computerfreaks, Nerds und Andersdenkende für die unabhängige Währung. Ihren Aufstieg bremste das nicht. Rund elf Millionen Bitcoins sind heute weltweit in Umlauf. Bei Kursen um 85 Euro je Bitcoin entspricht das einer Geldmenge von fast einer Milliarde Euro.

Höhenflug und Absturz
Doch der Wert der Webwährung schwankt erheblich. Im Mai 2010 wurden erstmals Bitcoins gegen ­reale Waren getauscht: Ein Programmierer hatte für sich und seine Tochter zwei Pizzas bestellt und dafür 10.000  Bitcoins durch das Internet geschickt. Gemessen an künftigen Kursen ein teures Mahl — 2012 hätte er dafür einen schicken Mittelklasse­kombi bekommen, 2013 ein exklusives Haus im Münchner Speckgürtel.

Hätte. Denn anders als Hüttenwirt Oberlechner sind Immobilienmakler und Autohändler in Gelddingen konservativ. Sucht man lange genug, kann man mit Bitcoins zwar die Rechnung für ein Bier begleichen oder online Schuhe oder Gewürze kaufen. Wer größere Anschaffungen tätigen will, muss aber doch Bares hinlegen, zur Kreditkarte greifen oder gleich die Hausbank bemühen.

Trotzdem sind die digitalen Münzen gefragt. Hochleistungscomputer können sie mit einem immer komplizierter werdenden Rechenvorgang erschaffen. „Schürfen“ oder „Mining“ nennt man diesen Prozess, der nicht zufällig an den Abbau von Gold erinnert. Herkömmliche PCs sind für das Schürfen allerdings zu schwach. Wer nicht über einen Hochleistungsrechner verfügt, handelt die geschürften Coins daher an Börsen wie Mt. Gox in Japan.

Dort erreichte die Bitcoin-Euphorie Mitte April ihren vorläufigen Höhepunkt. Bis zu 266 US-Dollar oder 203 Euro wurden am 10. April für ­einen Bitcoin gezahlt. Geldexperten rieben sich verwundert die Augen und zogen Parallelen zur Tulpenblase im 17. Jahrhundert. In einem Jahr hatte der Kurs des neuen Zahlungsmittels um fast 4.000 Prozent zugelegt. Doch der Absturz überbot den Höhenflug noch an Rasanz. In wenigen Tagen verloren die Bitcoins 75 Prozent an Wert und fielen auf 50  Euro. So volatil sind nicht einmal Weichwährungen wie der Argentische Peso oder der Malawi Kwacha.

Für eingefleischte Bitcoin-Jünger ist das nichts Neues, Abstürze gab es schon öfter. Die geringe Geldmenge macht die Digitalwährung anfällig für Schwankungen. Handelsplätze wie Mt. Gox kämpfen zudem immer wieder mit Sicherheitsproblemen und Hackerangriffen. Die Netzgemeinde verliert dann kurz den Glauben in ihr Geld, dieses wiederum an Wert. Ein bekannter Mechanismus.

Die Geldreligion
Was genau den Bitcoin-Preis Anfang April nach oben katapultierte, ist unklar. Gerüchte kursieren genug. Fest steht: Die Notenbanken fluten die Welt mit billigem Geld, und niemand weiß, wie das Experiment ausgeht. Auch das Zypern-Debakel verunsichert die Sparer. Ihre Ein­lagen sind nicht mehr tabu, wenn in Europa eine Bank pleitegeht. Solange das Vertrauen in das staatliche Geldwesen bröckelt, stehen Parallelwährungen hoch im Kurs.

Genau in diese Lücke stoßen die Bitcoins. Sie umgehen das Bankensystem und das Geldmonopol. Ihr Programmcode ist zudem so angelegt, dass ihre Menge auf 21 Millionen Stück begrenzt ist. Ähnlich wie Gold scheinen sie also einen natürlichen Schutz gegen Inflation in sich zu tragen. Das lockt Menschen an, die sich um ihr Geld sorgen.

Und es zieht Glücksritter an. Die Winklevoss-Zwillinge, die sich als Ideengeber für Facebook sehen und Marc Zuckerberg verklagt haben, sollen sich im großen Stil mit Bitcoins eingedeckt haben. Mit Exante und Phylax haben sich auch die ersten Hedgefonds auf das Thema gestürzt. Exante wird von Russen gemanagt und sitzt auf Zypern. Wer mitzocken möchte, muss 100.000 US-Dollar lockermachen.

Bei Phylax investiert man auf eigene Rechnung und ist „eher zufällig auf das Thema gekommen“, sagt Geschäftsführer Friedhelm Andreas Schmitt. Er hat Schnittstellen für On­line-Bezahlsysteme programmiert und wurde mit Bitcoins entlohnt. „Irgendwann stellte sich die Frage, wie wir mit den ganzen Bitcoins umgehen sollen“, sagt er. Sein Team schuf Algorithmen, die das Netz nach Hinweisen durchkämmen, ob ein Absturz bevorsteht. Vor Kurzem wurde ihm die Luft zu dünn, und er hat im großen Stil verkauft — mit ordentlichem Gewinn.

Sollte der Kurs auf 45 Euro fallen, will Schmitt wieder einsteigen. Einen Konflikt mit der antikapitalistischen Stoßrichtung des Netzgeldes sieht er nicht: „Die meisten guten Ideen kommen von Außenseitern, werden vom Mainstream adaptiert und dann von den Kapitalmärkten entdeckt“, sagt er. „Für mich ist Bitcoin ein spannendes Experiment.“

Nüchtern betrachtet ist das digitale Geld tatsächlich vielen Experimenten ähnlich: Es wirft mehr Fragen auf, als es Antworten liefert. ­Warum soll man ausgerechnet einer Währung vertrauen, für die nur eine Software bürgt, die kaum jemand versteht? Warum sollte niemand neue Bitcoin-Serien auflegen und damit den Inflationsschutz aushebeln? Oder eine andere Netzwährung erschaffen, die die alte verdrängt?

Echte Konkurrenz für den Euro?
Klar ist auch: Falls die Bitcoins den herkömmlichen Währungen irgendwann ernsthaft Konkurrenz machen, werden die Staaten die Kon­trolle über das Netzgeld an sich reißen. Die Europäische Zentralbank (EZB) beobachtet das monetäre Treiben im Netz schon heute mit Argusaugen. Im Oktober veröffentlichte sie eine Studie über Bitcoins und andere virtuelle Währungen. Gefahren für das staatliche Geldsystem sehen die Währungshüter derzeit nicht. Aber sie fürchten um ihre Reputation, wenn alternative Währungen wachsen und ein „Zwischenfall“ ein lautes Medienecho hervorruft.

Um ernsthaft Schaden anzurichten, ist die Parallelwährung allerdings noch zu unbedeutend. Nur zur Erinnerung: Allein die Geldmenge M1 im Euroraum, die das gesamte Bargeld und die täglich fälligen Bankguthaben umfasst, beläuft sich auf mehr als 5.000 Milliarden Euro  — also rund das 5.000-Fache der Bitcoin-Geldmenge. „Erst wenn die Bitcoins etwa zehn Prozent von M1 ausmachen würden, müsste der Staat einschreiten“, sagt Manfred Neumann, Wirtschaftsprofessor an der Universität Bonn. Dass es jemals so weit kommt, hält er für unwahrscheinlich: „Man darf nicht vergessen, dass der Staat Steuerzahlungen nur in seiner eigenen Währung erlaubt. Damit hat er ein gewichtiges Argument für ihren Gebrauch.“

Auch auf der Rojacher Hütte lässt der Durchbruch des virtuellen Geldes noch auf sich warten. „Bislang hat noch keiner mit Bitcoins bezahlt“, gibt Hüttenwirt Oberlechner zu. Aber er rechnet damit, dass sich das ändert, wenn er die Hütte für die Sommersaison öffnet. Auf dem Plumpsklo hat er ein schwarz-weißes Pixelbild aufgehängt, einen QR-Code. Wer ihn mit dem Handy einliest, überweist freiwillig ein „Stinkgeld“ fürs Entleeren der Grube — in Bitcoins, versteht sich.

Investor-Info

Schürfen und Handeln
So funktioniert Bitcoin

Bitcoin ist eine digitale Währung, mit der man im ­Internet weitgehend anonym bezahlen kann. Das Netzgeld kann bis zur achten Stelle hinter dem Komma gehandelt werden. Allerdings gibt es bisher nur wenige Händler, die Bitcoins akzeptieren.
Im Netz gibt es zahlreiche Einführungen, wie der Handel mit Bitcoins funktioniert. Eine deutsche Anleitung bietet Bitcoinwiki (siehe QR-Code oder ­https://de.bitcoin.it/wiki/Erste_Schritte).
Wer Bitcoins nutzen möchte, braucht einen digitalen Geldbeutel, einen „Wallet“. Die Originalsoftware für den Wallet: bitcoin-qt. Daneben gibt es Wallets für Smartphones, um das Netzgeld auch unterwegs dabei zu haben. Doch Vorsicht: Ist der Wallet weg oder vergisst man die Zugangsdaten, ist auch das Geld weg ­— ganz wie bei einem echten Geldbeutel. Wer keine Software installieren will, kann sich einen Internet-Wallet wie blockchain.info zulegen, der das Guthaben ausschließlich im Netz speichert. Hier besteht aber die Gefahr, dass der Anbieter Ihren Geldbeutel und damit Ihr Geld „verlegt“.

Wer einen Wallet hat, kann sich bei einer Onlinebörse registrieren und Bitcoins wie eine Aktie handeln. Die wichtigsten Handelsplattformen sind Mt. Gox in Japan, die nach eigenen Angaben mehr als 70 Prozent der Bitcoin-Transaktionen weltweit abwickelt. Als größte Börse in Europa sieht sich bitcoin.de. Grundsätzlich gibt es die Möglichkeit, Bitcoins selbst zu erschaffen. „Mining“ nennt man diesen Prozess, der für Normalverbraucher aber wenig rentabel ist. Wie beim klassischen Bergbau benötigt man extrem leistungsstarke Maschinen — hier einen starken Rechner beziehungsweise eine starke Grafikkarte. Wer Bitcoins schürft, stellt dem Bitcoin-Netz Rechenleistung zur Verfügung. Diese wird benötigt, um die sogenannte Block-Chain zu erstellen: eine Datei, in der alle Bitcoin-Transaktionen über Nummerncodes verzeichnet sind. Je mehr Transaktionen und Coins, desto umfangreicher die Datei. Es wird also immer unrentabler, Bitcoins zu schürfen. Sind 21 Millionen Einheiten erstellt, können keine neuen Bitcoins mehr abgebaut werden. Das haben die Entwickler den Coins in die „Gene“ gepflanzt.

Wechselkurs
Extreme Berg- und Talfahrt

Rund fünf US-Dollar hat ein Bitcoin vor einem Jahr gekostet. Seither ist der Kurs regelrecht explodiert. Anfang April waren es schon 100 Dollar, Mitte April 266. Seit dem großen Absturz geht es munter auf und ab. An hektischen Tagen werden bei der größten Börse Mt. Gox rund 500.000 Coins gehandelt.

Bildquellen: violetkaipa / Shutterstock.com
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