aktualisiert: 29.06.2012 09:57
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Devisenhandel: Warum die Krise ein gutes Geschäft ist

Im Präsenzhandel der Chicago Mercantile Exchange geht es turbulent zu
Trading-Tipps
Nirgendwo spürt man die Verwerfungen an den Währungsmärkten direkter als an der Chicago Mercantile Exchange. Für Händler ist die Krise ein gutes Geschäft.
€uro am Sonntag

von Nele Husmann, €uro am Sonntag

Der Händler in der roten Jacke brüllt: „Jetzt muss man Swissie kaufen.“ Er gestikuliert wild. Die Ar­me streckt er weg vom Körper, seine Handflächen weisen nach innen: „An mich — ich will kaufen.“ Als Nächstes tippt er sich mit drei Fingern an die Stirn. Das heißt, dass er 300 Kontrakte loswerden will. Ringsum herrscht Hauen und Stechen: Der Handel mit Währungs-­Futures ist in Chicago noch eine körperliche Angelegenheit.

Es ist früh am Morgen, 7.20 Uhr. Gerade eröffnet die Chicago Mercantile Exchange (CME) den Parketthandel. Kurz zuvor hatte der amerikanische Notenbankchef Ben Bernanke angekündigt, dass er den Arbeitsmarkt aktiver stützen wolle. In den Köpfen der Händler arbeiten die Sy­napsen. Die Federal Reserve kurbelt die Wirtschaft an, indem sie mehr Dollar in Umlauf bringt. Mehr Dollar heißt, dass jeder Schein weniger wert ist. Also schnell Dollar raus und Sicherheit rein. Und das bedeutet: Schweizer Franken kaufen.

Rund um die Uhr unter Strom
Die Devisenmärkte der Welt stehen auf Sturm. Und in Chicago befindet man sich im Auge dieses Sturms — hier werden die künftigen Preise der Weltwährungen tagtäglich ausgehandelt. Hier zeigt sich auch, ob der festgelegte Mindestkurs des Euro von 1,20 Franken hält.

Für Händler gilt der Umschlag von Devisen-­Futures als Königsdisziplin: Die Märkte sind 24 Stunden am Tag aktiv, nirgendwo geht mehr Geld über den Tisch — bis zu vier Billionen Dollar am Tag. Die CME ist der größte regulierte Devisenmarkt der Welt. Hier werden 49 Futures- und 31 Optionskontrakte auf die 20 wichtigsten Währungen der Welt gehandelt.

Die Futures-Händler lieben Dramatik. Angst treibt ihr Geschäft. „Dies sind glückliche Tage — macht weiter so, Politiker, auf dass wir Geld verdienen“, sagt Andrew Busch, Devisenstratege der Bank of Montreal. Ob sich eine Währung nach oben oder unten bewegt, ist ihm ziemlich egal. Hauptsache, sie bewegt sich. Seitwärtsbewegungen sind der Tod.

Unter der magischen Marke
In den vergangenen sechs Wochen fiel der Euro von 1,32 Dollar zeitweise bis auf 1,23 — eine heftige Bewegung für die Devisenmärkte, wo die Preise in sogenannten Ticks, der vierten Stelle nach dem Komma, ausgehandelt werden. Je größer die Panik an den Märkten, desto mehr Leute kaufen den Franken. Und fordern so die Schweizer Nationalbank (SNB) heraus.

Am Markt wird geschätzt, dass die SNB schon 100 Milliarden Franken ausgegeben hat, um den im September 2011 festgelegten Mindestkurs von 1,20 zu halten. Trotzdem fiel der Euro im April für wenige Sekunden darunter. „Da waren Gegenparteien am Werk, die nicht mit der Nationalbank handeln“, wischte SNB-Präsident Thomas Jordan die Angelegenheit vom Tisch. Aus „nicht nachvollziehbaren Gründen“ seien einige Banken bereit gewesen, anderen Banken einen Euro für weniger als 1,20 Franken zu verkaufen.

Doch so schnell sind die Devisenprofis der CME nicht zu beruhigen. Seitdem wird spekuliert, ob die Grenze angreifbar ist: „Seit der Mindestkurs einmal durchbrochen wurde, ist die Unsicherheit gewachsen, ob die SNB den Kurs durchhalten kann“, sagt Larry Shover, Chefanleger der Hedgefondsgesellschaft Solutions Funds. Alle erinnern sich, wie Soros am „schwarzen Mittwoch“ 1992 die Bank von England knackte. „Deshalb sind hier alle long im Chief und short im Euro.“ Mit anderen Worten: Sie kaufen Futures-Kontrakte auf den Franken und verkaufen gleichzeitig Euro. „Chief“ ist wegen des internationalen Kürzels CHF in Chicago neben „Swissie“ der gebräuchlichste Spitzname für Kontrakte in Schweizer Franken.

Eigentlich ist der Devisenhandel ein kurzfristiges Geschäft. Niemand hält Positionen über Nacht, es wird stets nur auf die nächste makroökonomische Zahl geachtet. Doch inzwischen geht ohne Langfristszenario auch in Chicagos Pits, wie die Handelsringe dort heißen, nichts mehr. Alle spekulieren über mögliche Krisenverläufe — und planen, wie sie sich dann positionieren werden. Larry Shover hat seine Hausaufgaben gemacht: „Sollte Griechenland irgendwann aus der Gemeinschaftswährung austreten, stürzt der Euro noch weiter ab — und spätestens dann muss man kaufen, denn langfristig ist der Euro ohne die Griechen eine bessere Währung.“

Computer entscheiden
Auf dem Parkett sind mittlerweile nur noch wenige Händler zugange. Manche tippen auf ihren iPads — und ordern parallel auf Globex, dem elektronischen Handelssystem der CME. Side-by-Side-Trading wird das genannt. Rund 96 Prozent der Währungs-Futures werden inzwischen auf Globex gehandelt und bereits 35 Prozent der Währungsoptionen.

Auch Christopher Gersch hat sein Geschäft mittlerweile weitgehend elektronisiert. Der 30-jährige Hedgefondsmanager entscheidet nicht mehr selbst, sondern überlässt das einem selbst geschriebenen Com­puteralgorithmus. Seine Programme suchen den Markt nach längerfristigen Mustern ab, auf die eine Wende folgen könnte. Entsprechend wenig analysiert Gersch die Lage der Weltpolitik. Selbst die Nachrichten liest er nicht mehr selbst, sondern lässt sie von seinem System auswerten. Das Programm analysiert die Nachrichtenlage und erkennt, auf welche News die Kurse anspringen. Hin und wieder aber kommt Gersch doch noch aufs Parkett: „Am Compu­ter kriegt man die Kurse, aber nicht die Stimmung, die Vehemenz hinter einer Kursbewegung mit. Dieses Wis­sen kann den Unterschied machen.“

Zurzeit sind an der CME netto 35,3 Milliarden Dollar auf einen steigenden Dollar gesetzt und 31 Milliarden Dollar auf einen fallenden Euro. Im Franken werden täglich sieben Milliarden Dollar gehandelt. Das macht fünf bis sechs Prozent des gesamten Währungsvolumens aus.

„Ob der Mindestkurs durchzuhalten ist, ist wirklich schwer zu sagen“, sagt Derek Sammann, der Chef des Devisengeschäfts der CME. „Die gefallene Volatilität im Swissie und der sinkende Umsatz sind typisch für eine Währung, deren Kurs von der Notenbank gelenkt wird. Das Interesse wanderte zu Währungen mit hohen Zinsen ab, etwa den Mexikanischen Peso, den Australischen oder Neuseeländischen Dollar.“

Sammann ist stolz darauf, dass er Rekordumsätze vermelden kann — mit jedem Dollar Umsatz in ihren Futures und Optionen macht die CME mehr Gewinn. Gegenwärtig haben Händler 2,2 Millionen offene Kontrakte im Gesamtwert von 250 Milliarden Dollar laufen — so viel wie nie zuvor. Die jetzige Eurokrise spielt sich allerdings völlig anders ab als die Finanzmarktkrise von 2008: Auch nach der Pleite von Lehman Brothers gab es an der CME Rekordvolumina. Die Händler lösten ihre Positionen auf, um ihr Marktrisiko aufzuheben. Nun aber gehen die Mitglieder in Rekordhöhe neue Wetten ein. Die aktuelle Krise trifft sie ganz offensichtlich gut vorbereitet.

Kurz vor 14 Uhr ist Börsenschluss für den Präsenzhandel in Chicago. Der Eurokurs hat im Vergleich zum Dollar leicht nachgegeben und damit auch der Franken. Entsprechend verändert sich die Körpersprache in Richtung Abwehrhaltung — der Euro wird wieder abgestoßen, denn niedrigere Zinsen machen eine Währung wenig attraktiv.

Auch nebenan im Swissie-Pit werden Frankenkontrakte verkauft — Gewinnmitnahmen: „Swissie von mir“, schreit ein Händler mit schwarzer Jacke und stößt seine Handflächen weg vom Körper. Dann läutet die Schlussglocke.

Investor-Info

Fonds
Swiss Life Bond Swiss Francs

Trotz Kopplung an den Euro bleibt der Schweizer Franken für Anleger attraktiv. Denn zerbräche die Gemeinschaftswährung, würde der Franken vermutlich stark aufwerten. Ein breit gestreutes Investment in Franken ermöglicht zum Beispiel der Swiss Francs Fonds. Der Fonds des Lebensversicherers Swiss Life investiert ausschließlich in Frankenanleihen. Alle Emittenten müssen ihren Sitz in der Schweiz haben und Investmentqualität aufweisen. Manager Philipp Schmid hat derzeit mit 64 Prozent Staatsanleihen übergewichtet, 36 Prozent entfallen auf Unternehmensanleihen. Dass der Fonds solide agiert, be­legen die Jahre 2006 bis 2008. Auch in der Krise lag der höchste jemals erlittene Jahresverlust bei 2,5 Prozent. 2011 erzielte der Fonds ein Plus von 7,1 Prozent in Franken (8,47 Prozent in Euro). 

Bonds
Sicherheit statt Rendite

„Als sichere Häfen eignen sich für Privatanleger noch immer die Kronenwährungen Skandinaviens oder der Singapur-Dollar“, sagt Beat Siegenthaler, Währungsstratege der UBS. Entsprechend niedrig sind allerdings auch die Renditen der Anleihen. Doch Kapitalerhalt steht hier im Vordergrund.
Sechs Fremdwährungsanleihen (pdf)

Zertifikate
Begehrte Rohstoffdevisen

Das Vertrauen in den Euro ist bei vielen Anlegern angeknackst. Daher diversifizieren sie ihr Kapital in mehrere Währungen. US-Dollar, Britisches Pfund und Yen eignen sich dafür weniger, weil diese Länder ähnlich wie Europa mit hoher Staatsverschuldung zu kämpfen haben. Besser sind Devisen aus Rohstoffländern wie Kanada und Norwegen. Diese weisen solide Staatsfinanzen auf und besitzen viel Öl, wie etwa Norwegen. Kanada hat zusätzlich dazu noch hohe Reserven an Zink, Uran und Gold. Die Währungen sind sozusagen mit echtem Rohstoffvermögen hinterlegt. Mit dem Zins-Zertifikat (ISIN: DE 000 CB1 CAD 2) der Commerzbank können An­leger von der weiteren Aufwertung des Kanada-­Dollars zum Euro profitieren. Zudem erhalten sie 0,9 Prozent Verzinsung. Beim RBS-Papier auf die Norwegische Krone (DE 000 918 624 7) sind die Zinsen mit fast zwei Prozent höher. Da beide Devisen in den vergangenen Jahren zum Euro schon stark ange­zogen haben, sind Währungsverluste nicht auszuschließen. Zudem besteht ein Emittentenrisiko. 

Devisenbroker
Erst testen, dann handeln

Wer mit dem Devisenhandel beginnen will, muss zunächst ein Konto bei einem Forex- oder CFD-Broker eröffnen, etwa bei Alpari, IG Markets oder Flatex. Ein wichtiges Auswahlkriterium für die Qualität des Anbieters sind die Spreads (Differenz zwischen Kauf- und Verkaufskurs), zu denen man die Devisen handeln kann. Je geringer der Spread, desto besser. Wichtig ist auch die Regelung der Margins. Die Margin ist eine Sicherheitsleistung, die auf das Konto eingezahlt werden muss, um Termingeschäfte tätigen zu können. Die Margin-Anforderungen können für verschiedene Währungen unterschiedlich ausfallen. Auch ist darauf zu achten, dass eine automatische Ausführung angeboten wird und klare Regeln bei zunehmenden Kursschwankungen vorgegeben sind (häufig erhöhen die Broker dann die Spreads). Viele Broker bieten kostenfrei Computerhandelsprogramme an. Hier entscheidet der persönliche Geschmack. Was einem am besten liegt, findet man mit einem kostenfreien Testkonto heraus, mit dem man ohne Einsatz von echtem Geld erst einmal in Ruhe alles ausprobieren kann. 

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