In Japan geht bald wieder die Sonne auf
Der traurige Tag, den Japan und die Menschheit niemals vergessen wird, ist jetzt über ein Jahr her. Wir haben noch die Bilder vom 11. März 2011, einem Freitag, mit seinen immensen Zerstörungen vor Augen. Insgesamt führte das gewaltige Erdbeben zu 9.000 Toten, 2.000 Vermissten und 4,4 Millionen Menschen, die ihr Heim verloren. Als ob das Erdbeben nicht allein schon genug gewesen wäre, folgte noch die nukleare Katastrophe in Fukushima, nebst Folgen wie der radioaktiven Verseuchung einer ganzen Region. Trotzdem hat die japanische Bevölkerung nie ihre Hoffnung verloren.
Insgesamt ziehen Erdbeben, Tsunami und Nuklearkatastrophe gewaltige ökonomische Kosten nach sich, die auf mehr als 180 Milliarden US-Dollar geschätzt werden. Und das nach einem 20-jährigen ökonomischen Sinkflug Japans! Diejenigen Beobachter, die gedacht haben, im Land der aufgehenden Sonne, gingen jetzt die Lichter ganz aus, lagen indes falsch. Es kam zu einem gewaltigen Rebound der japanischen Wirtschaft und das Bruttoinlandsprodukt (BIP) Japans schwächte sich 2011 nur um 0,5 % ab und nicht um 3% wie zum Beispiel von der Barclays Bank vorher geschätzt wurde.
Der Fluch des starken Yen
In den beiden verlorenen Dekaden hat Japan vor allem unter dem starken Yen gelitten. Die Lohnstückkosten in Japan sind dadurch so stark angestiegen, dass Japan unter fallenden Löhnen und, dadurch bedingt, Preisen litt. Eine Abwärtsspirale setzte ein mit rückläufigen Preisen und Renditen von Staatsanleihen bei Null, die auch von steigenden Staatsausgaben nicht gestoppt werden konnte. Weil Volkswirte zudem einen langfristigen strategischen Plan der japanischen Regierung vermissen, gehen sie davon aus, dass sich Japans ökonomischer Abstieg fortsetzt.
Investoren sehen dies aber anders und wenden sich damit gegen den herrschenden Konsens der Volkwirte. Investoren sind zunehmend zuversichtlich, dass das Land der aufgehenden Sonne vor einem massiven Wiederaufstieg steht, dass also auch für die japanische Wirtschaft die Sonne bald wieder scheint. So hat der japanische Leitindex, der Nikkei 225, seit die Aktienrallye im November gestartet ist, alle führende Aktienindizes wie S&P 500, FTSE 100 oder sogar den Hang Seng geschlagen. Allein in diesem Jahr hat der Nikkei 225 bisher sagenhafte 17,9 Prozent zugelegt! Während die Volkswirte noch eine Zahl nach der anderen zusammentragen, ignorieren die Investoren offensichtlich alle politischen Zweifel und sehen vielmehr das enorme Wachstumspotential der japanischen Wirtschaft.
In Japan ändert sich wirklich etwas. An erster Stelle steht dabei die Notenbank, die ein Inflationsziel von 1% aufgestellt hat. Damit nähert sich die Bank of Japan der Fed an und beginnt, die Wirtschaft durch Ankäufe von Anleihen, dem Drucken von Geld sowie billigem und leicht zu erhaltendem Kredit wieder auf Kurs zu bringen. Die japanische Notenbank hat sich „Helikopter-Ben“ zum Vorbild genommen, der notfalls auch Geld aus dem Hubschrauber abwerfen würde, um die Wirtschaft anzukurbeln. Und Fed-Chef Ben Bernanke ist es mit seiner Politik in der Tat gelungen, das Wachstum der US-Wirtschaft nach dem fürchterlichen Credit Crunch wieder zu stabilisieren.
Investoren erkennen eine fundamentale Wende in Japan: Wenn infolge der Geldpolitik der Bank of Japan die Inflation in Japan wieder anspringt, werden Renditen von nahezu Null für japanische Staatsanleihen (JGBs) nicht mehr attraktiv sein; gleichzeitig wird die Nachfrage nach Yen schwinden, so dass ein schwacher Yen das Wachstum Japans sehr, sehr lange stärken kann. Dieser Prozess hat bereits begonnen und der Yen hat sich inzwischen über dem Niveau der 80er Jahre stabilisiert. Zudem haben Investoren erkannt, dass japanische Unternehmen attraktiv sowie vernünftig bewertet sind und langfristig einen hohen „Value“ eröffnen. Mit ihren Käufen zeigen die Anleger: „Wir glauben an Japans Wiederaufstieg.“
Wer hat nun Recht: Die pragmatischen, zurückhaltenden Volkswirte oder die zunehmend optimistischen Investoren? Das wird sich noch zeigen. Von einem bin ich aber überzeugt. Beim Identifizieren von lukrativen Investmentgelegenheiten waren die Investoren in der Vergangenheit sehr viel erfolgreicher.



