11.06.2007 15:04
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Aktien: Mehr Hoffen als Bangen


Die Rekordjagd des DAX fand vergangene Woche jähes Ende – fürs Erste jedenfalls. Ölpreisanstieg und Zinsangst lieferten die Gründe. Das "Full House Sell Signal" von Morgan Stanley-Mann Teun Draaisma sorgte für den Auslöser. FundResearch analysiert, was bei Aktien noch drin ist.

Wiederholt sich die Geschichte?

Wiederholt sich die Geschichte doch? Im März 2000 war es Abby Cohen, Chefstrategin der Investmentbank Goldman Sachs, die den ersten Kursrutsch auslöste, der später in eine dreijährige Baisse mündete. Cohen hatte damals empfohlen, die Aktienquote zu reduzieren, da sie an den Weltbörsen eine deutliche Überhitzung ausgemacht hatte.

Dieses Mal heißt der "Schuldige" Teun Draaisma, ebenfalls Anlagestratege eines bedeutenden amerikanischen Investmenthauses. Der Europa-Experte von Morgan Stanley will – erstmals seit dem Platzen der Technologie-Blase im Jahr 2000 – ein "Full House Sell Signal" ausgemacht haben, wie die Bank ein sehr starkes Verkaufssignal nennt, das ihr Analysemodell liefert.

Die Prophezeiung erfüllte sich umgehend selbst. Um vier Prozent knickte der DJ Euro Stoxx 50 im Wochenverlauf ein, den Dax erwischte es mit einem Minus von fünf Prozent trotz Erholung am Freitag noch härter. Schien es zu Wochenbeginn so, als würde der deutsche Leitindex schier unaufhaltsam Kurs auf seinen bisher höchsten Tagesschlusskurs bei 8064,97 Punkten vom 7. März 2000 nehmen, so ist die Rekordfahrt vorerst gestoppt.

Im Schnitt, so führte Morgan-Stanley-Chefdenker Draaisma aus, habe der Markt in den sechs Monaten nach dem Auftreten eines solchen Verkaufsignals um 15,2 Prozent nachgegeben. Auch ein 25-prozentiger Einbruch sei nicht auszuschließen, schob er nach, und löste damit die heftigste Verkaufswelle seit Mai vergangenen Jahres aus.

"Retten, was zu retten ist"

DAX 6000 heißt das Gespenst, das seither in den Köpfen der Börsianer herumspukt. Nach dem Motto "Retten, was zu retten ist", warfen einige institutionelle wie private Investoren ihre Papiere auf den Markt. Neben der "eindringlichen Warnung" vor Aktienengagements, die Morgan Stanley ausgesprochen hatte, gab es eine Reihe weiterer Faktoren, die die Anleger verwirrten.

So kursierten Gerüchte, wonach die Deutsche Bank im Eigenhandel falsch positioniert gewesen sein soll, indem sie auf fallende Kurse gesetzt habe. Der komplette Gewinn des ersten Quartals solle dabei in den Sand gesetzt worden sein, raunten sich Börsianer in Frankfurt zu. Immerhin dieses Problem dürfte sich mit dem jüngsten Kursrutsch in Wohlgefallen aufgelöst haben, falls überhaupt etwas dran war. Denn eine Bestätigung seitens der Bank gab es nicht.

Ernsthafte Sorgen bereiten den Börsianern da schon ein Sturmtief im Oman, das den Ölpreis auf 67 Dollar hochtrieb, den höchsten Stand seit September 2006. Auch Raketentests in Nordkorea, die als neuerliche Provokation in Richtung USA und damit als Gefahr für den Weltfrieden gedeutet werden, drücken auf die Stimmung.

Angst vor steigenden Zinsen belastet Aktien

Die gewichtigsten Gründe für den Abverkauf lieferten die Amerikaner jedoch selbst. Notenbankchef Ben Bernanke sieht angesichts der robusten Konjunktur keinen Grund, die Zügel zu lockern, und machte damit jegliche Hoffnung auf baldige Zinssenkungen in den USA zunichte.

Dass die Europäische Zentralbank parallel dazu den Leitzins um 25 Basispunkte auf vier Prozent anhob, entsprach dagegen der allgemeinen Markterwartung – allenfalls eine Randnotiz, die, wenn das mathe’matische Marktmodell von Morgan Stanley nicht genau wegen dieses Effekts in den tiefroten Bereich vorgestoßen wäre.

Denn einer der drei Schlüsselindikatoren, die Morgan Stanley verwendet, ist die Bewertung der Aktien (auf Basis des Kurs/Gewinn-Verhältnisses) im Vergleich zu den Anleiherenditen. Je höher der risikolose Zins steigt, desto geringer die Motivation für Anleger, sich den Unwägbarkeiten der Börse auszusetzen.

Wolfgang Schuhmann hofft auf "eine gesunde Konsolidierung"

Für Wolfgang Schuhmann, Fondsmanager der Vermögensverwaltung Gebser & Partner, ist das einer der Hauptgründe, warum steigende Zinsen "Gift für den Aktienmarkt" sind. Genau darin liegt laut Schuhmann allerdings auch eine erhebliche Fehlerquelle des Morgan-Stanley-Modells, das von weiter steigenden Zinsen ausgeht:

"Wenn die Renditen zehnjähriger Staatsanleihen von derzeit 4,5 auf sechs Prozent steigen würden, wären Aktien relativ zu Renten tatsächlich zu teuer", räumt der Experte ein. Dieses Szenario hält er angesichts der zwar robust, aber dennoch moderat wachsenden Wirtschaft in Kontinentaleuropa für wenig wahrscheinlich.

Eine schärfere Korrektur im DAX will indes auch Schuhmann nicht ausschließen. Ein zehnprozentiger Rückschlag nach dem Zwischenhoch bei 8000 Punkten wäre für ihn sogar "eine gesunde Konsolidierung". Und selbst wenn die Talfahrt bei 7200 Punkten nicht zu Ende wäre, sieht Schuhmann keinen Grund zur Panik. Sogar der von Morgan Stanley prognostizierte 15-prozentige Kurseinbruch auf 6600 Punkte wäre aus seiner Sicht immer noch keine Trendwende zum Negativen.

"Versicherungen und Pensionskassen sind immer noch unterinvestiert"

Denn genau dort verläuft die 200-Tage-Linie, die aus dem Durchschnitt der vorangegangenen 200 Schlusskurse gebildet wird. Für Charttechniker gibt diese Linie den langfristigen Basistrend an: Solange sie steigt, ist die Welt in Ordnung, und auch wenn die Kurse gelegentlich auf ihren 200-Tages-Durchschnitt zurückkommen, bedeutet das noch längst nicht das Ende einer Aufwärtsbewegung.

Ob es überhaupt so weit kommen muss, steht für Markttechniker noch lange nicht fest. Wieland Staud, Chef der Firma Staud Research in Bad Homburg, sieht das Korrekturpotenzial mit dem Kursrutsch der vergangenen Woche mittlerweile weitgehend als ausgeschöpft an.

Und auch Wolfgang Schuhmann von Gebser & Partner hält es für denkbar, dass große institutionelle Investoren das ermäßigte Kursniveau alsbald zum Einstieg nutzen. "Versicherungen und Pensionskassen, die durch die unsinnige Anordnung der Aufsichtsbehörden 2003, mitten im schlimmsten Crash, gezwungen wurden, ihre Aktienquoten zu reduzieren, sind immer noch unterinvestiert", erklärt er.

"Der Versuch des richtigen Timings geht in der Mehrzahl der Fälle schief"

Genau diese Institutionellen dürften jedoch durch die Morgan­Stanley-Studie bis ins Mark erschüttert worden sein. Der Vergleich mit der Situation vom März 2000 und der Verweis auf Statistiken, wonach ein solches "Full House Sell Signal" seit 1980 überhaupt erst fünfmal ­aufgetreten sei, verunsichert die Portfoliomanager.

Denn in letzter Konsequenz müssen die Portfoliolenker um ihren Job bangen, sollten sie sieben Jahre nach dem Platzen der Technologieblase trotz unübersehbarer Alarmzeichen erneut auf dem falschen Fuß erwischt werden.

Ruhe bewahren. Privatanleger, die im Unterschied zur Riege der Institutionellen weniger unter Erfolgsdruck stehen, sollten sich von den möglicherweise anstehenden Sommergewittern nicht ins Bockshorn jagen lassen.

"Wer schon seit Jahren dabei ist, sitzt auf so dicken Gewinnen, dass er sich das beruhigt anschauen kann", sagt Fondsmanager Schuhmann, der vor hektischem Handeln warnt. "Der Versuch, schnell auszusteigen, um 300 Punkte weiter unten wieder zu kaufen, geht in der Mehrzahl der Fälle schief."

Neueinsteigern empfiehlt er, die historisch ohnehin nicht sonderlich lukrativen Sommermonate noch abzuwarten oder statt in Aktien in Bonuszertifikate mit größtmöglichen Risikopuffern zu investieren.

"Fantasie sowie Herdenverhalten können die Kurse noch eine Weile hochtreiben können"

Vor allem bei Engagements in Einzelaktien können die Risikopolster nicht groß genug sein. Als Fondsmanager Manfred Piontke von Frankfurt Performance Management (FPM) kürzlich nach seinem Referat über Aktienbewertungen bei einer Investorenkonferenz gefragt wurde, wo er den fairen Preis des MAN-Papiers sehe, zuckten angesichts der Antwort "60 Euro" nicht wenige Teilnehmer zusammen: Immerhin würde das einen Rückschlag von gut 40 Prozent bedeuten.

Obwohl der Markt vom irrationalen Überschwang der Jahre 1999/2000 meilenweit entfernt ist, machen sich in einzelnen Branchen deutliche Überhitzungserscheinungen breit. "Maschinenbau, Stahl und Industrie sind bewertet, als gäbe es keine Rezessionen mehr", warnt Fondsmanager Piontke.

Professor Max Otte von der FH Worms, Autor des Bestsellers "Der Crash kommt", pflichtet bei: Er rät Anlegern, zyklische Branchen zu reduzieren und in niedrig bewertete Aktien aus konjunkturresistenten Branchen umzuschichten. Bis zum nächsten Crash würden zwar noch zwei bis drei Jahre ins Land gehen, "da wir erst am Beginn der Übertreibungsphase stehen und Fantasie sowie Herdenverhalten die Kurse noch eine Weile hochtreiben können".

Doch auch für ihn ist es langsam an der Zeit, eine etwas defensivere Strategie zu verfolgen. Das optisch günstige Kurs/Gewinn-Verhältnis der DAX-Werte führt er vor allem auf einen Sondereffekt zurück. Otte dazu:

"Durch die Umstellung auf die internationalen Rechnungslegungsstandards IAS haben sich die Gewinne buchhalterisch erhöht, sodass das aktuelle KGV von gut 14 nicht dem tatsächlichen KGV nach den alten HGB-Regeln entspricht. Dies läge etwa bei 16." Damit seien die DAX-Titel zwar auf keinen Fall überteuert, aber auch nicht mehr billig.

"Die Technologie-Branche hat einigen Nachholbedarf"

Verkehrte Börsenwelt. Als günstig bewertet sieht das Gros der Börsenexperten erstaunlicherweise genau die Branchen an, die vor sieben Jahren aufgrund extremer Überbewertungen den Zusammenbruch der Märkte auslösten. Wachstumsstarke Pharmaunternehmen, Finanzdienstleister, deren Gewinne stark am Börsenklima hängen, und insbesondere Technologiewerte hinken dem Gesamtmarkt seit geraumer Zeit hinterher.

Offenbar lastet der Malus der einstigen Überbewertung auch jetzt noch auf den Kursen, obwohl viele Titel inzwischen im historischen Vergleich günstig sind. "Die Technologie-Branche hat einigen Nachholbedarf", sagt Marktexperte Staud. An der Nasdaq deute sich das bereits an.

Im Vergleich zu den Leitindizes Dow Jones und S & P 500 kam das Börsenbarometer für Wachstumswerte in der laufenden Korrektur glimpflich davon. Die Verlierer – auch hierzulande – dagegen waren hoch bewertete Zykliker und zinssensitive Werte wie Banken und vor allem Immobilienfinanzierer. Sie litten besonders unter der Aussage des Morgan-Stanley-Strategen Teun Draaisma, das aktuelle Zinsniveau habe eine kritische Höhe erreicht.

"Wahrscheinlich steht der Markt am Beginn der üblichen Sommerkorrektur"

Mit ein wenig Vorsicht und einem gesunden Branchenmix im Depot werden Anleger aber auch die laufende Korrektur überstehen. Denn in einem Punkt wird sich die Geschichte nicht wiederholen, darüber sind sich die Experten einig: Die Kursverluste vom März 2000 waren die Vorboten einer weltweiten Rezession, die derzeit ebensowenig in Sicht ist wie eine dreijährige Baisse.

"Wahrscheinlich steht der Markt am Beginn der üblichen Sommerkorrektur, die wohl nur ein paar Monate dauern wird", glaubt Professor Max Otte. Dann werde es zunächst einmal mit dem Kursanstieg weitergehen, denn "die Stimmung der Privatanleger steigt.

Wer in den letzten vier Jahren beim Aufschwung nicht dabei war, möchte jetzt auch noch etwas vom Kuchen abbekommen und springt auf den Zug auf." Das sieht sogar Anlegerschreck Draaisma höchstpersönlich so: "Wenn der Aktienmarkt seine jüngste Maßlosigkeit abgeschüttelt hat, kann es durchaus wieder nach oben gehen."



Sektor-Fonds mit Nachholbedarf*

Finanzwerte-Fonds: Performance über 5 Jahre (in %)
1. DJ Stoxx 600 Banks EX: 65.0
2. DWS Finanzwerte: 54.7
3. Fidelity Financial Services A€: 53.5
4. streetTracks MSCI Eur. Financials: 51.2
5. KBC Eq Euro Finance KAP: 43.4

Pharma-Fonds: Performance über 5 Jahre (in %)
1. FORTIS Equity Pharma Europe C: 53.6
2. DJ Euro Stoxx Health Care: 31.8
3. DJ Stoxx 600 Health Care EX: 18.5
4. streetTracks MSCI Eur. Health: 16.3
5. DKO-Lux-Pharma Pipeline: 12.2

Technologie-Fonds: Performance über 5 Jahre (in %)
1. Vitruvius Growth Opportun. €: 71.7
2. JPM Europe Technology A (dis) €: 48.4
3. Janus Global Technology A €: 28.6
4. DJ Stoxx 600 Technology EX: 21.6
5. Postbank Global E-Conomy: 21.4

Quelle: *FINANZEN FundAnalyzer, Performance auf Euro-Basis, Stand: 31.05.2007.



Weitere Infos:

www.fpm-ag.de

www.gp-ag.de

www.staud-research.de



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