28.12.2012 17:00
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Neues Fondskonzept: Geld ist nicht alles

Neues Fondskonzept: Geld ist nicht alles
Aktienfonds
Es lohnt sich für Investoren, auch nicht­finanzielle Kriterien in die Auswahl von Aktien mit einzubeziehen. Doch ist das neue Konzept auch wirklich erfolgreich?
€uro am Sonntag

von Emmeran Eder, Euro am Sonntag

Der Fall Schlecker zeigte es exemplarisch: Wer seine Mitarbeiter schlecht bezahlt, sie überwacht und demotiviert, ist zwar kurzfristig erfolgreich, langfristig schadet dies dem Unternehmen jedoch. Weiche Faktoren wie die Mit­arbeiter- und Kundenzufriedenheit, die Anzahl der Patente oder soziale Aktivitäten sind für den langfristigen Unternehmenserfolg und damit die positive Entwicklung des Aktienkurses genauso wichtig oder sogar bedeutender als die reinen Finanzkennziffern wie Umsatz, Gewinn oder Marktanteilzuwächse. Das jedenfalls meint Claus Dürndorfer, Geschäftsführer der Value Group.

Seit Jahren erforscht er mit seinem Institut sogenannte extrafinanzielle Faktoren und deren Einfluss auf die Aktienkursentwicklung. Ähnlich wie eine Ratingagentur hat er dazu ein Bewertungsmodell entwickelt. Arcandor und zuletzt auch ThyssenKrupp fielen dabei zum Beispiel schon vor dem Absturz der Aktien negativ auf. In diesen Fällen hätte das Warnsystem also funktioniert.

Dürndorfer und sein Team haben sechs extrafinanzielle Kriterien gefunden, die performancewirksam sind: Innovationskraft, Humankapital, Markenstärke, Corporate Governance, Qualität der Beziehungen zur Außenwelt (Kunden, Lieferanten, Öffentlichkeit) und Unternehmensrisiken (Pensionsrisiken, Qualität der Kontrollsysteme). Diese werden wieder in Unterkriterien untergliedert. Insgesamt fließen 120 Punkte in das Unternehmensrating ein, das weit über Nachhaltigkeitsratings hinausgeht.

Alle Kriterien werden anhand öffentlich zugänglicher Informationen ermittelt und in Zahlen gefasst. Das sind beispielsweise Datenbanken, Geschäfts- und Nachhaltigkeits­berichte, Hauptversammlungen, Presseartikel und -mitteilungen, Analystenstudien, wissenschaftliche Untersuchungen oder Material von Finanzdatenagenturen.

Mitarbeiter und Innovation
Die wichtigsten Kriterien sind Innovationskraft und Human­kapital, da sie laut Value Group die höchste Relevanz für den Aktienkurs aufweisen. Unter dem ersten Punkt wird die Analyse der aktuellen und künftigen Innovationskraft eines Unternehmens zusammengefasst. Dazu zählen Patentanzahl, Ausgaben für Forschung und Entwicklung und Mitarbeiterzahl dieses Bereichs.

Beim Humankapital fließen Kriterien wie Mitarbeiterentwicklungsprogramme, Weiterbildungsausgaben, Fluktuations- und Krankenrate, Mitarbeitereffizienz, Ergebnisse von Mitarbeiterbefragungen oder Betriebsausflüge in die Bewertung ein.

Fast alle 120 Subkriterien werden in Zahlen ausgedrückt und dann auf Finanzkennziffern bezogen, etwa Patentzahl auf Umsatz und Markt­anteil oder Fluktuationsrate auf Umsatz. So können sie messbar gemacht und ein Branchenvergleich mit der Konkurrenz hergestellt werden, der essenziell ist für die Aktienauswahl innerhalb eines Sektors.

Finanzkennziffern wie KBV, KGV oder Umsatzrendite spielen für das Extra-Financials-Rating der Value Group keine Rolle. Das Institut entwickelte mit seiner Methode den ­TVG-Sektor-Top-3-Index, der aus 18 europäischen Branchen jeweils die zwei bis drei Firmen herauspickt, die beim nichtfinanziellen Rating am besten in ihrem Sektor abschneiden.

Effekte bei Mid Caps größer
Das Barometer umfasst 45 europäische Bluechips, die einmal pro ­ Jahr überprüft werden. Seit Auflage des Index Ende 2008 wurde der Euro Stoxx 50 um 31 Prozentpunkte übertroffen. Die Volatilität und die Stärke der Abschwünge waren nur wenig geringer als beim Standard­index. „Die extrafinanziellen Faktoren wirken sich unüber­sehbar auf den Aktienkurs aus. Bei mittleren und kleineren Firmen ist dieser Effekt sogar noch stärker, da sie dort eine noch größere Rolle für den Unternehmenserfolg spielen“, erklärt Dürndorfer.

Einige Fonds (siehe Investor-Info) sind inzwischen auf das Konzept aufmerksam geworden und bauen es in ihre Aktienauswahl mit ein. Dazu zählen auch der SKAG Qualität & Dividende von Siemens, der zur einen Hälfte auf Finanzkennziffern und zur anderen Hälfte auf die extra­finanziellen Bewertungen baut. Der SemperExtraFinancials One vertraut sogar bis zu 75 Prozent auf die unkonventionelle Auswahl.

Fazit: Das Konzept klingt gut,muss sich aber noch bewähren. Schade ist, dass bisher ETFs oder Fonds fehlen, die nur extrafinanzielle Kriterien zur Aktienauswahl nutzen.

Investor-Info

Semperextrafinancials One Auf mittlere Werte setzen Auf Euroland-Mid-Caps hat sich die Wiener Gesellschaft Semper spezialisiert. Rund 50 Titel wählen die Österreicher aus. Neben den üblichen Kennzahlen sind zu 50 bis 75 Prozent nichtfinanzielle Kriterien für die Auswahl maßgebend. Bisher konnte seit dem Fondsstart eine leichte Mehrrendite von 2,1 Prozentpunkten gegenüber dem Vergleichsindex Euro-Stoxx-Midcap erreicht werden, bei geringerer Volatilität. Die Vorteile des Konzepts dürften sich aber erst auf lange Sicht zeigen. Zu den größten Positionen zählen Lanxess, DSM und Bouygues. 

SKAG Qualität & Dividende
Extrafinanziell plus Dividende

Erst vor zweieinhalb Monaten wurde von Siemens der Fonds SKAG Qualität & Dividende aufgelegt. Die Aktien­auswahl erfolgt je zur Hälfte nach extrafinanziellen Kriterien und nach Finanzkennziffern. Unter Letzteren spielt vor allem eine nachhaltig hohe Dividendenrendite eine bedeutende Rolle, nach der die ­Gewichtung der Titel vorgenommen wird. Größte Positionen unter den rund 50 Werten, die aus ­ 600 Europa-Aktien ausgesucht wurden, sind Repsol, Unilever und Daimler. Es wird auf eine Diversifizierung in verschiedene Sektoren Wert gelegt. Der Fonds eignet sich für Langfristanleger.

Bildquellen: Odua Images / Shutterstock.com, sergign / Shutterstock.com

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