China: Willkommen in der Realität
In Asien rauchen die Schlote
Es gibt Tage in Shanghai, an denen von der spektakulären Skyline nichts zu sehen ist. Viele Tage. Die Stadt versteckt sich dann unter einem Schleier staubiger Luft. Die Menschen in den Straßen tragen einen Mundschutz, um Ruß- und Schmutzpartikel nicht einatmen zu müssen. An diesen Tagen zeigt sich die Kehrseite der Produktionskraft der viertgrößten Volkswirtschaft der Welt: Umweltverschmutzung im großen Stil.
Kein Land der Welt wächst so stark wie China. Im ersten Quartal 2006 ging es 10,2 Prozent nach oben. Das ist mehr als im vergangenen Jahr, als die Wirtschaft um 9,9 Prozent zulegte. Von Abkühlung keine Spur. Die Schlote rauchen. Vor allem in Shanghai und in den Sonderwirtschaftszonen im Süden des Landes. Rauchende Schlote auch in Chinas Nachbarländern: Dort werden zwar keine zweistelligen Raten erreicht, das Wachstum ist dennoch deutlich stärker als in den Industrieländern des Westens. Mit Asien-Fonds war so in den vergangenen Jahren viel Geld zu verdienen.
Wachstumsphänomen oder Überhitzung?
Um so erstaunlicher kam für viele daher der Kursrutsch an den asiatischen Börsen in den vergangenen Tagen. Von Hongkong über Bombay und Jakarta bis Tokio ging es abwärts. An der indischen Börse mußte der Handel sogar ausgesetzt werden, nachdem die Kurse binnen weniger Stunden um mehr als zehn Prozent gefallen waren.
Aber was sind die Ursachen, daß vor allem Schwellenländer-Börsen unter die Räder kamen? "Investoren rund um den Globus verringern ihr Risiko in den Depots", sagt Ian Scott, Stratege bei Lehman Brothers. Das sei aber lediglich psychologisch bedingt, schließlich habe sich fundamental nichts verändert. Erklärung genug? Die Nervosität jedenfalls hat zugenommen und ist Ausdruck der oft wiederkehrenden Sorge, daß das Wachstumsphänomen Asien irgendwann der Geschichte angehört, was die ganze Weltwirtschaft ausbremsen könnte. Von Überhitzung ist daher gerade im Zusammenhang mit China immer wieder die Rede.
In China profitiert nicht jeder vom Wachstum
Die Volksrepublik zeigt am besten in ganz Asien, daß die Region zum Wachstum verdammt ist, an den Folgen aber scheitern könnte. Trotz aller wirtschaftlichen Erfolge hat das Land mit enormen Problemen zu kämpfen, die gerade der Boom selbst mit sich bringt. Probleme sowohl im eigenen Land wie auch im Verhältnis zu anderen Staaten weltweit.
China steckt in der Zwickmühle. Die Methoden, mit denen die politische Führungselite um Premier Wen Jiabao und Präsident Hu Jintao für Wachstum und damit für Ruhe und Zufriedenheit im eigenen Land sorgen will, belasten oft die Beziehungen zum Ausland. Zudem profitieren vom Staatsparadigma Wirtschaftswachstum längst nicht alle im Riesenreich. Auf lange Sicht jedoch müssen Hu und Wen aber für Stabilität im Land sowie bei den Beziehungen mit anderen Nationen sorgen, um die Wirtschaft am Laufen zu halten. Eine Gratwanderung.
Unerwünschte Nebeneffekte des rasanten Wachstums
Ohne starkes Wachstum geht es auf jeden Fall nicht. Arbeitsplätze müssen geschaffen werden. In großer Zahl. In vielen der Mega-Städte des Landes, soll die Arbeitslosenrate bei acht Prozent liegen. 150 Millionen Menschen auf dem Land sind chronisch unterbeschäftigt. Peking fürchtet Proteste, sollten sie nicht in Lohn und Brot gebracht werden.
Bisher zieht es Arbeitssuchende in die Wirtschaftszentren des Landes. In die Provinz Guangdong vor allem, mit den prosperierenden Städten Shenzhen und Guangzhou. Hier scheint die Welt noch in Ordnung zu sein, es ist gar von Arbeitskräftemangel die Rede. Allerdings hat die Region um das Perlflußdelta mit unerwünschten Nebeneffekten des rasanten Wachstums zu kämpfen. Extreme Lohnunterschiede, steigende Kriminalität, Umweltverschmutzung. sowie Strom- und Wasserknappheit.
Zudem steigen die Preise in der Region von Grundstücken über Energie bis hin zu den Löhnen so stark, daß manche Experten die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen in Frage stellen. "Ich weiß nicht, wie lange die so noch weitermachen können", sagt Chen Guanghan, Wirtschaftsprofessor an der Zhongshan-Universität in Guangzhou.
Chinas Provinzen konkurrieren untereinander
70 Euro im Monat verdienen ungelernte Fabrikarbeiter in Shenzhen im Schnitt. Zum Vergleich: Ein Aktienhändler oder Büro-Angestellter in der selben Stadt trägt locker das 20fache nach Hause. Trotzdem sind die 70 Euro immer mehr Unternehmen zuviel. Sie zieht es in jüngster Zeit ins Landesinnere. Nach Chongqing beispielsweise, etwa 1500 Kilometer nordwestlich von Shenzhen. An Arbeitskräften mangelt es dort nicht, die Stadt ist durch Gemeindezusammenlegungen zur größten Stadt Chinas und der Welt angewachsen – 31 Millionen Einwohner.
Und hier wird sogar für 50 Euro brav am Fließband gewerkelt. Auf China kommt so aber ein neues Phänomen zu: Wettbewerb der Provinzen untereinander, als ob der Kampf mit anderen Billiglohnländern nicht schon anstrengend genug wäre. Chongqing profitiert davon: Im vergangenen Jahr verdoppelten sich die Investitionen in der Region. Mit ein Grund dürfte auch der gigantische neue Dreischluchten-Staudamm sein, über den Übersee-Frachtschiffe die Stadt erreichen können. Chongqing wird so zum "stolzen Schwanz des Drachen", Shanghai ist der "Drachenkopf". So prosaisch spricht die Regierung über Chongqing. Kein Wunder, die Stadt wird von den Kadern in der Hauptstadt verwaltet.
Binnenkonsum soll in Relation zum Export zulegen
Die Prosa funktioniert. Es sind große Namen, die sich nach Chongqing locken lassen. Haier etwa, Hersteller von Waschmaschinen und Kühlschränken, baut dort seine zweitgrößte Fabrik. Dazu kommen der größte Schuhhersteller des Landes, Aokang, Fernsehbauer TCL und Klimaanlagen-Hersteller Midea.
Vor fünf Jahren bereits wollte die Regierung mit dem "Go-West-Programm" Investitionen weg von den Küstenregionen ins Landesinnere bewegen, um auch dort für Wohlstand zu sorgen. Doch erst jetzt gelingt dies. Intention der "Homogenisierung": Mittelfristig soll landesweit der Binnenkonsum angeregt und die Abhängigkeit des Landes vom Export verringert werden. Die Ängste vor einem Wirtschaftscrash in China würden so auch geringer.
China zwischen Armut und Luxusgütern
Der Weg dorthin ist aber lang. 200 Millionen Chinesen haben laut Weltbank umgerechnet weniger als einen Euro am Tag zum Leben. Zum Ankurbeln der Binnenkonjunktur reicht das nicht. Gleichzeitig ist China aber bereits weltweit auf Rang 3 was den Verkauf von Luxusgütern angeht. "Ein starker Kontrast", sagt Jing Ulrich von JP Morgan in Shanghai. "Ein Risiko, das Anleger beachten sollten." Denn das Ungleichgewicht sorgt für Spannungen. Im vergangenen Jahr gab es 87000 größere Proteste, berichtet das Ministerium für Innere Sicherheit – das ist achtmal soviel wie vor zehn Jahren. Demonstriert wird beispielsweise von Bauern, deren Land von korrupten Beamten enteignet wurde.
Der Frust vieler entlädt sich aber nicht nur friedlich. Die Kriminalität in China steigt stark an. In Guangdong etwa ist Kidnapping an der Tagesordnung. Dazu kommen spektakuläre Erpressungsfälle. Im März wurde ein ehemaliger Aktienhändler hingerichtet, weil er einen Erpresser ermordete. Fälle, über die Peking nicht gerne spricht, die aber trotzdem publik werden.
Das größte Problem Chinas ist die Wirtschaftskriminalität
Das größte Problem des Landes ist aber inzwischen die Wirtschaftskriminalität. 60000 Vergehen dokumentierte das Ministerium für Innere Sicherheit im vergangenen Jahr. "Die Zahl und Schwere sind eine Gefahr für Wachstum und innere Stabilität im Land", sagt Gao Feng vom Ministerium. Korruption, Veruntreuung, Geldwäsche, Falschgeld, Schmuggel und Produktpiraterie führen die Liste der Verbrechen an. Viele der Ganoven werden aber weder geschnappt noch verurteilt. 800 wegen Wirtschaftskriminalität angeklagte Chinesen sind in den vergangenen drei Jahren außer Landes geflüchtet. "Die allein haben Schaden über 20 Milliarden Euro angerichtet", sagt Gao.
Gao kann aber auch Erfolge vermelden. Lai Changxing, Chinas bisher meistgesuchter und jahrelang in Vancouver untergetauchter Mann, soll von den kanadischen Behörden ausgeliefert werden. Anfang der 90er hatte Lai einen Schmugglerring in Xiamen an der Südküste Chinas aufgebaut. Ein zehn Milliarden Euro Schaden wird ihm zu Last gelegt.
Die USA und Deutschland kämpfen gegen die "unfairen Mittel" Chinas
Daß China hier durchgreift, dürfte auch Angela Merkel gefallen. Gerade das wachsende Ausmaß von Produktpiraterie im Reich der Mitte, mit ihren negativen Konsequenzen für deutsche und internationale Unternehmen, sind ihr ein Anliegen. Auf Staatsbesuch in Peking, erinnerte die Bundeskanzlerin ihre Gastgeber an deren Pflichten als vollwertiges Mitglied der Welthandelsorganisation WTO. "Das ist keine Gratismitgliedschaft", so Merkel.
Die Rhetorik erinnert dabei auffällig den amerikanischen Forderungen der jüngsten Vergangenheit. Washington wirft China vor, ihr Wirtschaftswachstum mit "unfairen Mitteln" und zu Lasten der westlichen, vor allem amerikanischen Welt voranzutreiben. "China ist kein Start-up mehr, sondern ein Partner auf Augenhöhe, da muß man selbstbewußt mehr einfordern", sagt Merkel.
Streit um den Wechselkurs des Renmimbi
Zum Forderungskatalog der Kanzlerin an das Reich der Mitte gehört mehr Flexibilität bei Chinas Landeswährung Renmimbi, deren Wert nach wie vor von Peking künstlich niedrig gehalten wird. Daß die Schwankungsbreite der Währung im vergangenen Jahr marginal ausgeweitet wurde, war denn auch mehr ein symbolischer Akt.
Der ausländische Druck auf China wächst jedenfalls. Der ausufernde Handelsüberschuß ist Amerikanern wie Europäern ein Dorn im Auge. Eine Billion Dollar betragen die daraus resultierenden Devisenreserven Chinas bereits. Das soll nicht länger hingenommen werden. Vergangenes Jahr wurde mit den Beschränkungen beim Textilimport aus China bereits Ernst gemacht. Einige Abgeordnete des amerikanischen Kongresses fordern gar generelle Zölle auf Einfuhren – 27,5 Prozent.
Wachstum ja – aber anders
China geht das Problem an. Wachstum ja – aber anders. Denn China hat erkannt, daß es mit dem Vorantreiben des Exports allein nicht geht. Mehr Binnenkonsum, so heißt jetzt das schlichte Ziel. Peking will so raus aus der Zwickmühle. Höherer Wohlstand für mehr Bürger und damit Ruhe im Land, bei gleichzeitig besseren Beziehungen zum Ausland, das nicht nur brav Waren importieren muß, sondern auch ordentlich exportieren darf.
Bisher macht der private Verbrauch in China nur 50 Prozent des Bruttoinlandsprodukts aus. In entwickelten Volkswirtschaften wie den USA sind es rund zwei Drittel. Dazu kommt, daß fast eine Milliarde der insgesamt 1,4 Milliarden Einwohner des Landes immer noch nicht in der Lage ist, mehr zu kaufen, als was gerade zum Leben notwendig ist. Und auch die Reichen geben nicht genügend aus: 40 Prozent der Einkommen wandern auf das Sparkonto, statt verkonsumiert zu werden.
"China braucht 20 Millionen neue Arbeitsplätze pro Jahr"
Und so soll der Weg zu mehr Binnenkonsum freigemacht werden: Die Staatsausgaben für Gesundheitswesen, Bildung und Wohnungen werden erhöht, was eine eigens gebildete Kommission für Reform und Entwicklung überwachen soll. "Ein guter Weg. Um die Chinesen zum Konsumieren zu animieren, braucht man ein höheres Pro-Kopf-Einkommen", sagt Andy Xie, China-Experte von Morgan Stanley.
China will sein Wachstum also beileibe nicht bremsen. Das Land braucht schließlich Jobs. "20 Millionen neue Arbeitsplätze pro Jahr", sagt Regierungsmitglied Xie Fuzhan. Noch immer gilt also das offizielle Ziel, das Bruttoinlandsprodukt zwischen 2000 und 2012 zu vervierfachen. Neu ist nur der verstärkte Fokus auf die Binnenkonjunktur.
Weder Überhitzung noch abruptes Ende zu erwarten
Um die Qualität des Wachstums langsam zu verändern, sind die Herren Hu und Wen vor allem auf die privaten Unternehmer des Landes angewiesen. Auch wenn der staatliche Einfluß mittels Kommissionen und unzähliger Bürokratie-Ebenen noch immer groß ist, so stemmt die Privatwirtschaft den Großteil des Wachstums. Zwei Drittel des jährlichen Zuwachses, schätzt die OECD. Hu und Wen werden das beherzigen. So ist weder eine Überhitzung noch ein abruptes Ende des asiatischen Wirtschaftsphänomens zu befürchten. Eine Einschätzung, die sich wohl bald auch an der Börse wieder durchsetzen wird.
Wirtschaft: China als Asiens Motor
Fünf bis sechs Prozent Wachstum erwarten die Experten für Asien in den kommenden Jahren. Vorneweg China mit einem vorsichtig geschätzten Plus von acht bis neun Prozent p.a. Gleichzeitig soll sich die Exportabhängigkeit der Region zugunsten einer stärker werdenden Binnenkonjunktur verringern. Eine neue "Qualität" des Wirtschaftswachstums wird erwartet. Sorgen bereitet dennoch die vermeintlich labile Konjunktur der USA, des größten Abnehmers asiatischer Exporte. Sollte sich die Konsumfreude der Amerikaner abkühlen, wäre auch Fernost betroffen.
Börse: Korrekturen nach langer Rally
Indien war eine der besten Börsen der vergangenen Jahre, in Hongkong gelistete China-Aktien schnitten ähnlich gut ab. Allerdings wurde der Boom in den vergangenen Wochen jäh gestoppt. Die Angst vor einem Ende des weltweit rasanten Aufschwungs machte die Runde. Vor allem Schwellenländer-Börsen brachen daraufhin ein, was zeigt, daß trotz der deutlich verbesserten fundamentalen Faktoren Asien-Investments eine riskante Anlage sind. Großanleger machen hier schneller Kasse als anderswo.
Investments: Die besten Fonds
Drei Möglichkeiten bieten sich an: Asien-Fonds ohne Japan, Asien-Fonds mit Japan und spezielle Länderfonds. Bei den umfassenden Regionenfonds fällt auf, daß auf längere Sicht die Produkte ohne japanische Aktien besser abschneiden (Axa, Carlson, Union). Erst seit ein, zwei Jahren, seitdem das Vertrauen in den Aufschwung Nippons zunimmt, schließen die Produkte, die in ganz Asien investieren auf (Fidelity, DWS, GAM). Für Spezialisten bieten sich Länderfonds an. Allerdings ist hier das Risiko höher, die Kursbewegungen fallen in der Regel volatiler aus. Besonders gebeutelt wurden in der jüngsten Vergangenheit Korea-Fonds. Mutige greifen hier zu, zumal die Bewertungen in ganz Asien am günstigsten sind.
Asien ex Japan-Fonds: Performance über 3 Jahre (in %)*
1. AXA R.berg Pacific xJap SC B€: 188,9
2. Carlson Eq. Asian SmallCap: 168,6
3. Pictet Asian Eq. exJapan P Cap: 164,4
4. UniAsiaPacific A: 148,7
5. MAT Asia Pacific: 146,4
6. Aberdeen Asia Pacific A: 140,6
7. Newton Oriental EUR: 134,3
8. Templeton Asian Growth A dis $: 133,0
9. M&G Asian Fund A: 131,4
10. Fidelity Asian Special Situat.: 131,0
Asien-Fonds: Performance über 3 Jahre (in %)*
1. IXIS Emerging Asia RC€: 130,7
2. Mellon Asian Equity A EUR: 128,2
3. Fidelity Pacific: 125,6
4. DWS Top 50 Asien: 125,2
5. GAM Star Asia-PacificEq.EURacc: 123,0
6. Robeco MM Asia Pacific EUR D: 115,9
7. Swisscanto E.F. Cont. Asia: 112,1
8. Raiffeisen-Pazifik-Aktien VT: 111,3
9. Raiffeisen-Pazifik-Aktien T: 111,3
10. Invesco Pacific Equity A: 103,8
China-Fonds: Performance über 3 Jahre (in %)*
1. Baring Hong Kong China (USD): 166,2
2. Invesco PRC Equity A: 151,2
3. HSBC GIF Chinese Equity AD: 148,2
4. Schroder Greater China A Acc: 143,5
5. DWS China: 139,2
6. Schroder Hong Kong Equity A: 132,4
7. Invesco Greater China Equity A: 130,2
8. ABN China Equity: 127,4
9. JF Hong Kong A (dist) USD: 109,3
10. Templeton China A acc $: 105,4
Korea-Fonds: Performance über 3 Jahre (in %)*
1. dit-Korea USD: 198,0
2. Fidelity Korea: 170,2
3. Baring Korea Trust: 165,5
4. CAF Korea C (thes.): 140,3
5. CS EF Korea: 137,3
6. Invesco Korean Equity A: 124,3
7. Templeton Korea A acc: 121,8
Quelle: *FINANZEN FundAnalyzer, Performance auf Euro-Basis, Stand: 30.04.2006.
Es gibt Tage in Shanghai, an denen von der spektakulären Skyline nichts zu sehen ist. Viele Tage. Die Stadt versteckt sich dann unter einem Schleier staubiger Luft. Die Menschen in den Straßen tragen einen Mundschutz, um Ruß- und Schmutzpartikel nicht einatmen zu müssen. An diesen Tagen zeigt sich die Kehrseite der Produktionskraft der viertgrößten Volkswirtschaft der Welt: Umweltverschmutzung im großen Stil.
Kein Land der Welt wächst so stark wie China. Im ersten Quartal 2006 ging es 10,2 Prozent nach oben. Das ist mehr als im vergangenen Jahr, als die Wirtschaft um 9,9 Prozent zulegte. Von Abkühlung keine Spur. Die Schlote rauchen. Vor allem in Shanghai und in den Sonderwirtschaftszonen im Süden des Landes. Rauchende Schlote auch in Chinas Nachbarländern: Dort werden zwar keine zweistelligen Raten erreicht, das Wachstum ist dennoch deutlich stärker als in den Industrieländern des Westens. Mit Asien-Fonds war so in den vergangenen Jahren viel Geld zu verdienen.
Wachstumsphänomen oder Überhitzung?
Um so erstaunlicher kam für viele daher der Kursrutsch an den asiatischen Börsen in den vergangenen Tagen. Von Hongkong über Bombay und Jakarta bis Tokio ging es abwärts. An der indischen Börse mußte der Handel sogar ausgesetzt werden, nachdem die Kurse binnen weniger Stunden um mehr als zehn Prozent gefallen waren.
Aber was sind die Ursachen, daß vor allem Schwellenländer-Börsen unter die Räder kamen? "Investoren rund um den Globus verringern ihr Risiko in den Depots", sagt Ian Scott, Stratege bei Lehman Brothers. Das sei aber lediglich psychologisch bedingt, schließlich habe sich fundamental nichts verändert. Erklärung genug? Die Nervosität jedenfalls hat zugenommen und ist Ausdruck der oft wiederkehrenden Sorge, daß das Wachstumsphänomen Asien irgendwann der Geschichte angehört, was die ganze Weltwirtschaft ausbremsen könnte. Von Überhitzung ist daher gerade im Zusammenhang mit China immer wieder die Rede.
In China profitiert nicht jeder vom Wachstum
Die Volksrepublik zeigt am besten in ganz Asien, daß die Region zum Wachstum verdammt ist, an den Folgen aber scheitern könnte. Trotz aller wirtschaftlichen Erfolge hat das Land mit enormen Problemen zu kämpfen, die gerade der Boom selbst mit sich bringt. Probleme sowohl im eigenen Land wie auch im Verhältnis zu anderen Staaten weltweit.
China steckt in der Zwickmühle. Die Methoden, mit denen die politische Führungselite um Premier Wen Jiabao und Präsident Hu Jintao für Wachstum und damit für Ruhe und Zufriedenheit im eigenen Land sorgen will, belasten oft die Beziehungen zum Ausland. Zudem profitieren vom Staatsparadigma Wirtschaftswachstum längst nicht alle im Riesenreich. Auf lange Sicht jedoch müssen Hu und Wen aber für Stabilität im Land sowie bei den Beziehungen mit anderen Nationen sorgen, um die Wirtschaft am Laufen zu halten. Eine Gratwanderung.
Unerwünschte Nebeneffekte des rasanten Wachstums
Ohne starkes Wachstum geht es auf jeden Fall nicht. Arbeitsplätze müssen geschaffen werden. In großer Zahl. In vielen der Mega-Städte des Landes, soll die Arbeitslosenrate bei acht Prozent liegen. 150 Millionen Menschen auf dem Land sind chronisch unterbeschäftigt. Peking fürchtet Proteste, sollten sie nicht in Lohn und Brot gebracht werden.
Bisher zieht es Arbeitssuchende in die Wirtschaftszentren des Landes. In die Provinz Guangdong vor allem, mit den prosperierenden Städten Shenzhen und Guangzhou. Hier scheint die Welt noch in Ordnung zu sein, es ist gar von Arbeitskräftemangel die Rede. Allerdings hat die Region um das Perlflußdelta mit unerwünschten Nebeneffekten des rasanten Wachstums zu kämpfen. Extreme Lohnunterschiede, steigende Kriminalität, Umweltverschmutzung. sowie Strom- und Wasserknappheit.
Zudem steigen die Preise in der Region von Grundstücken über Energie bis hin zu den Löhnen so stark, daß manche Experten die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen in Frage stellen. "Ich weiß nicht, wie lange die so noch weitermachen können", sagt Chen Guanghan, Wirtschaftsprofessor an der Zhongshan-Universität in Guangzhou.
Chinas Provinzen konkurrieren untereinander
70 Euro im Monat verdienen ungelernte Fabrikarbeiter in Shenzhen im Schnitt. Zum Vergleich: Ein Aktienhändler oder Büro-Angestellter in der selben Stadt trägt locker das 20fache nach Hause. Trotzdem sind die 70 Euro immer mehr Unternehmen zuviel. Sie zieht es in jüngster Zeit ins Landesinnere. Nach Chongqing beispielsweise, etwa 1500 Kilometer nordwestlich von Shenzhen. An Arbeitskräften mangelt es dort nicht, die Stadt ist durch Gemeindezusammenlegungen zur größten Stadt Chinas und der Welt angewachsen – 31 Millionen Einwohner.
Und hier wird sogar für 50 Euro brav am Fließband gewerkelt. Auf China kommt so aber ein neues Phänomen zu: Wettbewerb der Provinzen untereinander, als ob der Kampf mit anderen Billiglohnländern nicht schon anstrengend genug wäre. Chongqing profitiert davon: Im vergangenen Jahr verdoppelten sich die Investitionen in der Region. Mit ein Grund dürfte auch der gigantische neue Dreischluchten-Staudamm sein, über den Übersee-Frachtschiffe die Stadt erreichen können. Chongqing wird so zum "stolzen Schwanz des Drachen", Shanghai ist der "Drachenkopf". So prosaisch spricht die Regierung über Chongqing. Kein Wunder, die Stadt wird von den Kadern in der Hauptstadt verwaltet.
Binnenkonsum soll in Relation zum Export zulegen
Die Prosa funktioniert. Es sind große Namen, die sich nach Chongqing locken lassen. Haier etwa, Hersteller von Waschmaschinen und Kühlschränken, baut dort seine zweitgrößte Fabrik. Dazu kommen der größte Schuhhersteller des Landes, Aokang, Fernsehbauer TCL und Klimaanlagen-Hersteller Midea.
Vor fünf Jahren bereits wollte die Regierung mit dem "Go-West-Programm" Investitionen weg von den Küstenregionen ins Landesinnere bewegen, um auch dort für Wohlstand zu sorgen. Doch erst jetzt gelingt dies. Intention der "Homogenisierung": Mittelfristig soll landesweit der Binnenkonsum angeregt und die Abhängigkeit des Landes vom Export verringert werden. Die Ängste vor einem Wirtschaftscrash in China würden so auch geringer.
China zwischen Armut und Luxusgütern
Der Weg dorthin ist aber lang. 200 Millionen Chinesen haben laut Weltbank umgerechnet weniger als einen Euro am Tag zum Leben. Zum Ankurbeln der Binnenkonjunktur reicht das nicht. Gleichzeitig ist China aber bereits weltweit auf Rang 3 was den Verkauf von Luxusgütern angeht. "Ein starker Kontrast", sagt Jing Ulrich von JP Morgan in Shanghai. "Ein Risiko, das Anleger beachten sollten." Denn das Ungleichgewicht sorgt für Spannungen. Im vergangenen Jahr gab es 87000 größere Proteste, berichtet das Ministerium für Innere Sicherheit – das ist achtmal soviel wie vor zehn Jahren. Demonstriert wird beispielsweise von Bauern, deren Land von korrupten Beamten enteignet wurde.
Der Frust vieler entlädt sich aber nicht nur friedlich. Die Kriminalität in China steigt stark an. In Guangdong etwa ist Kidnapping an der Tagesordnung. Dazu kommen spektakuläre Erpressungsfälle. Im März wurde ein ehemaliger Aktienhändler hingerichtet, weil er einen Erpresser ermordete. Fälle, über die Peking nicht gerne spricht, die aber trotzdem publik werden.
Das größte Problem Chinas ist die Wirtschaftskriminalität
Das größte Problem des Landes ist aber inzwischen die Wirtschaftskriminalität. 60000 Vergehen dokumentierte das Ministerium für Innere Sicherheit im vergangenen Jahr. "Die Zahl und Schwere sind eine Gefahr für Wachstum und innere Stabilität im Land", sagt Gao Feng vom Ministerium. Korruption, Veruntreuung, Geldwäsche, Falschgeld, Schmuggel und Produktpiraterie führen die Liste der Verbrechen an. Viele der Ganoven werden aber weder geschnappt noch verurteilt. 800 wegen Wirtschaftskriminalität angeklagte Chinesen sind in den vergangenen drei Jahren außer Landes geflüchtet. "Die allein haben Schaden über 20 Milliarden Euro angerichtet", sagt Gao.
Gao kann aber auch Erfolge vermelden. Lai Changxing, Chinas bisher meistgesuchter und jahrelang in Vancouver untergetauchter Mann, soll von den kanadischen Behörden ausgeliefert werden. Anfang der 90er hatte Lai einen Schmugglerring in Xiamen an der Südküste Chinas aufgebaut. Ein zehn Milliarden Euro Schaden wird ihm zu Last gelegt.
Die USA und Deutschland kämpfen gegen die "unfairen Mittel" Chinas
Daß China hier durchgreift, dürfte auch Angela Merkel gefallen. Gerade das wachsende Ausmaß von Produktpiraterie im Reich der Mitte, mit ihren negativen Konsequenzen für deutsche und internationale Unternehmen, sind ihr ein Anliegen. Auf Staatsbesuch in Peking, erinnerte die Bundeskanzlerin ihre Gastgeber an deren Pflichten als vollwertiges Mitglied der Welthandelsorganisation WTO. "Das ist keine Gratismitgliedschaft", so Merkel.
Die Rhetorik erinnert dabei auffällig den amerikanischen Forderungen der jüngsten Vergangenheit. Washington wirft China vor, ihr Wirtschaftswachstum mit "unfairen Mitteln" und zu Lasten der westlichen, vor allem amerikanischen Welt voranzutreiben. "China ist kein Start-up mehr, sondern ein Partner auf Augenhöhe, da muß man selbstbewußt mehr einfordern", sagt Merkel.
Streit um den Wechselkurs des Renmimbi
Zum Forderungskatalog der Kanzlerin an das Reich der Mitte gehört mehr Flexibilität bei Chinas Landeswährung Renmimbi, deren Wert nach wie vor von Peking künstlich niedrig gehalten wird. Daß die Schwankungsbreite der Währung im vergangenen Jahr marginal ausgeweitet wurde, war denn auch mehr ein symbolischer Akt.
Der ausländische Druck auf China wächst jedenfalls. Der ausufernde Handelsüberschuß ist Amerikanern wie Europäern ein Dorn im Auge. Eine Billion Dollar betragen die daraus resultierenden Devisenreserven Chinas bereits. Das soll nicht länger hingenommen werden. Vergangenes Jahr wurde mit den Beschränkungen beim Textilimport aus China bereits Ernst gemacht. Einige Abgeordnete des amerikanischen Kongresses fordern gar generelle Zölle auf Einfuhren – 27,5 Prozent.
Wachstum ja – aber anders
China geht das Problem an. Wachstum ja – aber anders. Denn China hat erkannt, daß es mit dem Vorantreiben des Exports allein nicht geht. Mehr Binnenkonsum, so heißt jetzt das schlichte Ziel. Peking will so raus aus der Zwickmühle. Höherer Wohlstand für mehr Bürger und damit Ruhe im Land, bei gleichzeitig besseren Beziehungen zum Ausland, das nicht nur brav Waren importieren muß, sondern auch ordentlich exportieren darf.
Bisher macht der private Verbrauch in China nur 50 Prozent des Bruttoinlandsprodukts aus. In entwickelten Volkswirtschaften wie den USA sind es rund zwei Drittel. Dazu kommt, daß fast eine Milliarde der insgesamt 1,4 Milliarden Einwohner des Landes immer noch nicht in der Lage ist, mehr zu kaufen, als was gerade zum Leben notwendig ist. Und auch die Reichen geben nicht genügend aus: 40 Prozent der Einkommen wandern auf das Sparkonto, statt verkonsumiert zu werden.
"China braucht 20 Millionen neue Arbeitsplätze pro Jahr"
Und so soll der Weg zu mehr Binnenkonsum freigemacht werden: Die Staatsausgaben für Gesundheitswesen, Bildung und Wohnungen werden erhöht, was eine eigens gebildete Kommission für Reform und Entwicklung überwachen soll. "Ein guter Weg. Um die Chinesen zum Konsumieren zu animieren, braucht man ein höheres Pro-Kopf-Einkommen", sagt Andy Xie, China-Experte von Morgan Stanley.
China will sein Wachstum also beileibe nicht bremsen. Das Land braucht schließlich Jobs. "20 Millionen neue Arbeitsplätze pro Jahr", sagt Regierungsmitglied Xie Fuzhan. Noch immer gilt also das offizielle Ziel, das Bruttoinlandsprodukt zwischen 2000 und 2012 zu vervierfachen. Neu ist nur der verstärkte Fokus auf die Binnenkonjunktur.
Weder Überhitzung noch abruptes Ende zu erwarten
Um die Qualität des Wachstums langsam zu verändern, sind die Herren Hu und Wen vor allem auf die privaten Unternehmer des Landes angewiesen. Auch wenn der staatliche Einfluß mittels Kommissionen und unzähliger Bürokratie-Ebenen noch immer groß ist, so stemmt die Privatwirtschaft den Großteil des Wachstums. Zwei Drittel des jährlichen Zuwachses, schätzt die OECD. Hu und Wen werden das beherzigen. So ist weder eine Überhitzung noch ein abruptes Ende des asiatischen Wirtschaftsphänomens zu befürchten. Eine Einschätzung, die sich wohl bald auch an der Börse wieder durchsetzen wird.
Wirtschaft: China als Asiens Motor
Fünf bis sechs Prozent Wachstum erwarten die Experten für Asien in den kommenden Jahren. Vorneweg China mit einem vorsichtig geschätzten Plus von acht bis neun Prozent p.a. Gleichzeitig soll sich die Exportabhängigkeit der Region zugunsten einer stärker werdenden Binnenkonjunktur verringern. Eine neue "Qualität" des Wirtschaftswachstums wird erwartet. Sorgen bereitet dennoch die vermeintlich labile Konjunktur der USA, des größten Abnehmers asiatischer Exporte. Sollte sich die Konsumfreude der Amerikaner abkühlen, wäre auch Fernost betroffen.
Börse: Korrekturen nach langer Rally
Indien war eine der besten Börsen der vergangenen Jahre, in Hongkong gelistete China-Aktien schnitten ähnlich gut ab. Allerdings wurde der Boom in den vergangenen Wochen jäh gestoppt. Die Angst vor einem Ende des weltweit rasanten Aufschwungs machte die Runde. Vor allem Schwellenländer-Börsen brachen daraufhin ein, was zeigt, daß trotz der deutlich verbesserten fundamentalen Faktoren Asien-Investments eine riskante Anlage sind. Großanleger machen hier schneller Kasse als anderswo.
Investments: Die besten Fonds
Drei Möglichkeiten bieten sich an: Asien-Fonds ohne Japan, Asien-Fonds mit Japan und spezielle Länderfonds. Bei den umfassenden Regionenfonds fällt auf, daß auf längere Sicht die Produkte ohne japanische Aktien besser abschneiden (Axa, Carlson, Union). Erst seit ein, zwei Jahren, seitdem das Vertrauen in den Aufschwung Nippons zunimmt, schließen die Produkte, die in ganz Asien investieren auf (Fidelity, DWS, GAM). Für Spezialisten bieten sich Länderfonds an. Allerdings ist hier das Risiko höher, die Kursbewegungen fallen in der Regel volatiler aus. Besonders gebeutelt wurden in der jüngsten Vergangenheit Korea-Fonds. Mutige greifen hier zu, zumal die Bewertungen in ganz Asien am günstigsten sind.
Asien ex Japan-Fonds: Performance über 3 Jahre (in %)*
1. AXA R.berg Pacific xJap SC B€: 188,9
2. Carlson Eq. Asian SmallCap: 168,6
3. Pictet Asian Eq. exJapan P Cap: 164,4
4. UniAsiaPacific A: 148,7
5. MAT Asia Pacific: 146,4
6. Aberdeen Asia Pacific A: 140,6
7. Newton Oriental EUR: 134,3
8. Templeton Asian Growth A dis $: 133,0
9. M&G Asian Fund A: 131,4
10. Fidelity Asian Special Situat.: 131,0
Asien-Fonds: Performance über 3 Jahre (in %)*
1. IXIS Emerging Asia RC€: 130,7
2. Mellon Asian Equity A EUR: 128,2
3. Fidelity Pacific: 125,6
4. DWS Top 50 Asien: 125,2
5. GAM Star Asia-PacificEq.EURacc: 123,0
6. Robeco MM Asia Pacific EUR D: 115,9
7. Swisscanto E.F. Cont. Asia: 112,1
8. Raiffeisen-Pazifik-Aktien VT: 111,3
9. Raiffeisen-Pazifik-Aktien T: 111,3
10. Invesco Pacific Equity A: 103,8
China-Fonds: Performance über 3 Jahre (in %)*
1. Baring Hong Kong China (USD): 166,2
2. Invesco PRC Equity A: 151,2
3. HSBC GIF Chinese Equity AD: 148,2
4. Schroder Greater China A Acc: 143,5
5. DWS China: 139,2
6. Schroder Hong Kong Equity A: 132,4
7. Invesco Greater China Equity A: 130,2
8. ABN China Equity: 127,4
9. JF Hong Kong A (dist) USD: 109,3
10. Templeton China A acc $: 105,4
Korea-Fonds: Performance über 3 Jahre (in %)*
1. dit-Korea USD: 198,0
2. Fidelity Korea: 170,2
3. Baring Korea Trust: 165,5
4. CAF Korea C (thes.): 140,3
5. CS EF Korea: 137,3
6. Invesco Korean Equity A: 124,3
7. Templeton Korea A acc: 121,8
Quelle: *FINANZEN FundAnalyzer, Performance auf Euro-Basis, Stand: 30.04.2006.


