30.11.2012 16:42
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Die Wachstumskräfte werden unterschätzt

US-Wirtschaft vor kräftigem Aufschwung. Die neue Rolle der Schwellenländer festigt sich.

Im Jahr 2009 wandelte sich die Rolle der Schwellenländer in der Weltwirtschaft: Erstmals führten sie die globale Konjunkturerholung an – und nicht wie bis dahin üblich die Industrienationen. Hauptgrund dafür war ein Wandel in der Wirtschaftspolitik der Schwellenländer, die zuvor überwiegend prozyklisch war; deshalb konnten sich die Wachstumsraten dort erst nach einem Aufschwung in den Industrienationen verbessern. 2009 jedoch waren die Länder aufgrund ihrer soliden Geldund Fiskalpolitik in den vorhergehenden Jahren in der Lage, schnell antizyklische Maßnahmen zu ergreifen und dadurch den Aufschwung der Weltwirtschaft anführen. Dieses Muster scheint sich derzeit zu wiederholen: In den Schwellenländern verbesserten sich unter anderem Indikatoren wie die Einkaufsmanagerindizes (Montag und Mittwoch) in den vergangenen Monaten am stärksten.

USA: Aufgestaute Nachfrage und Liquidität dürften sich Bahn brechen

Die Markterwartungen für das Wirtschaftswachstum in den USA im kommenden Jahr liegen derzeit bei 2,0 %. Die Prognose dürfte eine rechtzeitige Einigung im Streit um die zukünftige Fiskalpolitik sowie weiterhin sehr begrenzte Effekte der Geldpolitik auf das Wirtschaftswachstum unterstellen. Dabei ist es jedoch äußerst unwahrscheinlich, dass die Umlaufgeschwindigkeit des Geldes stabil auf dem aktuell sehr niedrigen Niveau bleiben wird. Denn entweder verlangsamt sich die Umlaufgeschwindigkeit im Zuge neuer Finanzmarktturbulenzen nochmals deutlich, oder ein verbesserter Transmissionsmechanismus der Geldpolitik ermöglicht im Jahresverlauf eine kontinuierliche Beschleunigung. Derzeit sprechen die Indikatoren eher für das zweite Szenario. Die große Unsicherheit im Vorfeld der Verhandlungen um die „fiskalische Klippe“ dürfte die Umlaufgeschwindigkeit temporär verlangsamt haben. Nach einer Einigung in den politischen Verhandlungen um die zukünftige Ausrichtung der Fiskalpolitik dürfte die Umlaufgeschwindigkeit zwangsläufig wieder anspringen, da dieUnternehmen und Konsumenten wieder größere Planungssicherheit haben und sich die in den vergangenen Monaten aufgestaute Nachfrage entladen dürfte. Der Trend einer steigenden Umlaufgeschwindigkeit dürfte noch durch das Bankensystem verstärkt werden, das als Bindeglied zwischen Zentralbankliquidität und Realwirtschaft fungiert.

USA: Kreditangebot und -nachfrage wieder wie zu Zeiten der Kreditblase 2003 bis 2007
Umfrage bei den Geschäftsbanken (Saldo der Befragten)

Die amerikanischen Banken lockerten nun schon 11 Quartale in Folge die Kreditvergabekriterien und erhöhten damit kontinuierlich das Kreditangebot. Auch die Kreditnachfrage aus dem privaten Sektor erreichte zuletzt wieder Niveaus wie in der Kreditblase 2003 bis 2007. Die Situation für das Bankensystem ist also ähnlich wie 2003 bis 2007 – mit dem Unterschied, dass die Zentralbankgeldmenge seitdem um mehr als 300 % gestiegen ist. Zwangsläufig würde vor diesem Hintergrund eine höhere Umlaufgeschwindigkeit die Wachstumsdynamik der US-Wirtschaft ankurbeln und die Inflation beschleunigen.

Derzeit haben die meisten Marktteilnehmer wohl das Bild vor Augen, dass ein großer Teil der Zentralbankliquidität auf dem Weg in die Realwirtschaft versickert und daher nur begrenzte Effekte hat. Tatsächlich ist die Liquidität jedoch nicht versickert, sondern nur aufgestaut. Ein Brechen des Liquiditätsdamms aus den genannten Gründen hätte früher oder später eine Liquiditätsschwemme in der Realwirtschaft zur Folge, die von der Fed kaum mehr unter Kontrolle gebracht werden könnte. Unsere Wachstumsprognose für die USA für 2013 liegt daher mit 3,0 % deutlich über den allgemeinen Markterwartungen.

Solange die Unsicherheit jedoch anhält, ist eher mit einer gedämpften Wachstumsdynamik zu rechnen. In dieser Woche hoben die Federal-Reserve-Banken in
ihrem Beige Book sehr deutlich die negativen Konsequenzen für die Wirtschaft hervor, die aus der Unsicherheit in Bezug auf die fiskalische Klippe sowie aus dem Hurrikan Sandy folgen. So dürften sowohl der ISM-Index (Montag) als auch der ISM-Index für den Dienstleistungssektor (Mittwoch) im November gesunken sein. Auch der Arbeitsmarktbericht (Freitag) dürfte vor allem wegen Hurrikan Sandy einen deutlichen Rückschlag erlitten haben.

Nachzügler Europa

In der Eurozone gibt es erste Anzeichen für eine Konjunkturwende. So verbesserte sich der Geschäftsklimaindex der Europäischen Kommission im November.

Eurozone: Verbesserung des Geschäftsklimaindex im November signalisiert Konjunkturwende
Geschäftsklima in der Eurozone (100 = Durchschnitt)


Indikatoren wie die deutschen Auftragseingänge (Donnerstag) und die deutsche Industrieproduktion (Freitag) dürften jedoch noch im Oktober zur Schwäche geneigt haben. Die Zinsentscheidung der EZB (Donnerstag) dürfte allerdings maßgeblich von den Prognosen der EZB-Research-Abteilung abhängen. Wir gehen davon aus, dass sich aus den Prognosen kein Handlungsbedarf ergibt und dass die EZB deshalb keinen Zinsschritt verkünden wird, zumal sich das monetäre Umfeld seit Juni signifikant verbessert hat. Auch die Bank von England (Donnerstag) dürfte eine abwartende Haltung einnehmen.

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