aktualisiert: 10.09.2012 13:52
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Jens Ehrhardt: Es gibt keine Alternative

Jens Ehrhardt, der Veteran der Branche
Euro am Sonntag-Interview
Jubiläum: Vor 25 Jahren rief er mit dem FMM den ersten Fonds eines unabhängigen Vermögensverwalters ins Leben. Jens Ehrhardt über alternativlose EZB-Politik, billige China-Aktien und den Goldpreis.
€uro am Sonntag

von Lucas Vogel, Euro am Sonntag

Ein Vierteljahrhundert ist eine lange Zeit — insbesondere für Fonds. In der Statistik von €uro am Sonntag finden sich gerade einmal 30 internationale Aktienfonds, die älter sind als 20 Jahre. Bis auf zwei hat Jens Ehrhardt mit seinem FMM über 20 Jahre alle geschlagen.

Ein Vierteljahrhundert Erfahrung als Fondsmanager hat Jens Ehrhardt nun. Und egal, ob es um knifflige Börsensituationen in den 90er-Jahren oder um Lösungen in der Eurokrise geht, im Gespräch mit dem Veteranen der Vermögensverwalter in Deutschland wird klar: Der Mann hat seine Begeisterung an der Börse nicht verloren. Bei der Frage nach dem verheerenden Crash vom Oktober 1987 muss Jens Ehrhardt grinsen. An diesen Börsensturz hat er nur gute Erinnerungen.

€uro am Sonntag: Zwei Monate nachdem Sie den FMM-Fonds gegründet hatten, erlebte die Börse am 19. Oktober 1987 einen der größten Crashs der vergangenen Jahrzehnte. Haben Sie Ihre Entscheidung da nicht bereut?
Jens Ehrhardt:
Natürlich war das ein echter Härtetest damals. Aber der Fonds hat im Crash 1987 kein Geld verloren. Da sah man als Fondsmanager besonders gut aus.

Wie das?
Mein FMM-Modell zeigte große Risiken an: Die Zinsen waren schon eine Weile gestiegen, und das US-Geldmengenwachstum M1 war 1987 von 18 auf gut drei Prozent stark rück­läufig. Die damals noch neuen Optionsscheine luden zu Spekulation ein, das Marktsentiment war sehr op­timistisch. Da sicherte ich meine ­Positionen ab.

Und wann hat das Modell zum ­ersten Mal versagt?
Das Jahr 1994 war wirklich schwer. Aber kein Modell und kein Fonds­manager kann in jeder Börsenphase richtig liegen. Trotzdem: In 25 Jahren hatte der FMM-Fonds nur fünf Jahre mit einer negativen Wert­ent­wicklung, 20-mal haben wir Geld verdient.

Und das alles mit derselben ­alten FMM-Methode?
Bis zum Ausbruch der Finanzkrise ja. 2008 mussten wir allerdings den Teil der Fundamentalbewertung um die Schuldenproblematik vieler Industriestaaten ergänzen. Sie spielt eine große Rolle und war vorher einfach in der Form nicht präsent. Die Schuldenproblematik war mir auch vorher bewusst, aber wann so etwas nach oben kommt, ist schwer zu antizipieren.

Seit 2008 sind schnelle und harte Kurswechsel wie in diesem Jahr fast die Regel. Liegt das an der Abhängigkeit der Börsen von der Politik und den Notenbanken?
Das trägt natürlich dazu bei. Die Jahresanfangsrally 2012 war noch von der Liquiditätsspritze Draghis Ende 2011 geprägt. Mit der Frage, was nach der Geldspritze kommt, kam die Ernüchterung und ein Rückschlag am Aktienmarkt. Dann kam Draghis Äußerung, „alles zu tun“, und seitdem steigen die Kurse wieder.

Also sollte ich als Anleger vor ­allem darauf achten, was die EZB macht oder was Herr Draghi sagt?
Ohne Zweifel hängen die Aktienmärkte, auch wenn sie meiner Meinung nach fundamental günstig bewertet sind, am Tropf der Noten­banken. Würde Draghi einen Stabilitätskurs à la Bundesbank fahren, so wie er ihn eigentlich zu Amtsantritt versprochen hat, würden die Aktienmärkte einbrechen. Umgekehrt sehe ich noch Potenzial für Kurssteigerungen, wenn Draghi seinen Worten Taten folgen lässt. Denn es ist viel Kapital „an der Seite“, nur wenige ­Investoren haben viel in Aktien investiert.

Und was erwarten Sie, wie Draghi sich verhält?
Eigentlich bin ich ein konservativer Mensch, der stets vor zu viel Verschuldung warnt. Aber momentan sehe ich einfach keine Alternative, als mit Notenbankgeld zu helfen. Wir sind viel näher an der Deflation, als viele meinen.

Viele Deutsche befürchten aber eine Inflation, wenn die Notenbank noch mehr Geld druckt. Sie wollen, dass die Südländer sparen, um die vielen Schulden abzubauen.
Das Verschuldungsproblem ist mit dem vor der Großen Depression der 30er-Jahre vergleichbar. Und die Amerikaner haben zwischen 1929 und 1933 auch gespart, ein Drittel ihrer Verschuldung im Verhältnis zur Wirtschaftsleistung abgebaut. Aber gleichzeitig schrumpfte das BIP nominal um die Hälfte! Sparen hat in einer vergleichbaren Situation nicht funktioniert.

Also wird es auch in Südeuropa nicht funktionieren?
Ich sehe nicht, wie diese Länder ohne Hilfe der Notenbank auf die Beine kommen.

Aber einige Volkswirte sahen zuletzt positive Anzeichen aus ­Spanien, Griechenland und Italien.
Ich sehe noch keine echte Erholung. Es ist ein Teufelskreis. Zuerst sind da zu viele Schulden, dann kommen Sparmaßnahmen, daraus folgt dann eine schwache Konjunktur, die wiederum die Steuereinnahmen ein­brechen lässt, was die Verschuldung weiter in die Höhe treibt. Dieser Kreis ist für mich ungebrochen.

Was spricht außer der Chance auf weiteres Geld von Draghi aktuell außerdem für Aktien?
Es gibt einfach keine Alternative auf diesem Zinsniveau. Als Sachwert kommen Anleger einfach nicht um Dividendenwerte herum.

Während Europa mit dem Euro kämpft, geht der Wahlkampf zwischen Obama und Romney in den USA in die heiße Phase. Welche ­Auswirkungen kann die Wahl am 6. November auf die Börse haben?
Wenn die Republikaner gewinnen und ihre Ziele tatsächlich angehen, wird das hart für Amerika. Romney wird dann wahrscheinlich Ben Bernanke absetzen und einen konservativeren Geldpolitiker auf den Chefsessel der Notenbank Fed hieven. Weniger Geld drucken würde die amerikanische Wirtschaft und den US-Aktienmarkt schwer treffen. Sollte Bernanke gehen müssen, muss man sich erst einmal von Aktien verabschieden.

Auch weil die Republikaner ­gleichzeitig, wie angekündigt, ­sparen werden?
Dazu brauchen sie keine neuen Sparmaßnahmen. Allein das sogenannte Fiscal Cliff, die vereinbarten automatischen Einsparungen im Januar, könnte im schlimmsten Fall das BIP um vier Prozent reduzieren.

Also bremsen die Republikaner den Aktienmarkt 2013 aus?
Historisch haben sich die amerikanischen Politiker im Zweifel immer für den Geldhahn entschieden. Und Parteien, die harte Sparmaßnahmen im Programm haben, werden selten gewählt. Daher halte ich eine harte monetäre Linie bei gleichzei­tigen Sparmaßnahmen für unwahrscheinlich.

Sind Ihre Fonds dementsprechend aufgestellt?
Ja, ich bin bei einer Nettoaktienquote von 80 Prozent und etwas ­offensiver als noch vor einigen Wochen. Außerdem halte ich zehn Prozent Gold über einen ETC und Goldminenaktien.

Warum Gold?
Die lange Konsolidierungsphase ist vorbei. Sollten die Notenbanken ihre Schleusen wieder öffnen, und davon gehe ich bei einer Verschlechterung der Konjunkturzahlen aus, sollte Gold als Inflationsschutz bei negativen Realzinsen steigen. Die Notenbanken kaufen auf jeden Fall mehr denn je.

Und Aktien von Goldminen?
Die haben wegen der Kostensteigerungen lange Zeit gelitten. Aber da sehe ich erst einmal ein Ende beim Ölpreis, der hier ein wichtiger Faktor ist. Wenn dann der Goldpreis kräftig steigt, sollten Goldminen­aktien profitieren.

Der Veteran
der Branche

Schon während seines Studiums der Betriebswirtschaftslehre in den 60er-Jahren beschäftigte sich Jens Ehrhardt intensiv mit dem Börsen­geschehen. Nach fünfjähriger Partnerschaft in der seinerzeit größten deutschen Wert­papier-Vermögensverwaltungsgesellschaft promovierte er 1974 über „Kursbestimmungsfaktoren am Aktienmarkt“. Diese Arbeit stellt den Grundstein der FMM-Methode dar, nach der auch der gleichnamige Fonds gemanagt wird. Im selben Jahr legte er den Grundstein für den Aufbau der DJE Kapital AG, die er seither leitet. Sie beschäftigt derzeit rund 100 Mitarbeiter und verwaltet fast zehn Milliarden Euro. Seit 2003 verantwortet sein Sohn Jan Ehrhardt den Flaggschifffonds DJE ­Dividende & Substanz. Er ist auch Mitglied des Vorstands der DJE Kapital AG. Senior Ehrhardt ist passionierter Segler und beruflich sowie privat häufig in Asien.

Drei Faktoren für
den Börsenerfolg

Seit 25 Jahren wird der FMM-Fonds nach einer Methode gemanagt. F wie fundamental, M für monetär und M für Markttechnik. Erstens berücksichtigt Jens Ehrhardt fundamentale Konjunkturdaten und Unternehmensbewertungen. Zweitens blickt er auf das Geldmengenwachstum, das über dem Wirtschaftswachstum liegen muss, um den Aktienmarkt zu beflügeln. Drittens beachtet er viele Indikatoren für die Stimmung der Anleger. So steuert Ehrhardt die Aktienquote. Aktuell hat der Fonds eine Durststrecke, die langfristige Wertentwicklung ist aber hervorragend. ­Gerade in Abwärtsphasen reüssiert der Fonds.

Bildquellen: Axel Griesch
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