von Marc Hofmann, Euro am Sonntag
Seit der Finanzkrise hat sich der Handel an den Börsen beschleunigt: Wurden Aktien 2007 im Schnitt noch elf Wochen gehalten, so werden sie heute schon nach fünf Wochen verkauft. Es wäre daher zu erwarten, auf einen gestressten Mann zu treffen, wenn man dem Manager eines großen europäischen Aktienfonds begegnet. Eric Bendahan wirkt jedoch völlig entspannt. Trotz Eurokrise erwirtschaftete sein Oyster European Opportunities Fund in den vergangenen zwölf Monaten ein Plus von 22,7 Prozent. Und das weitgehend ohne hektischen Handel.
„Obwohl es im Hinblick auf die Aktienauswahl ein schwieriges Jahr war, haben vor allem Familienunternehmen zu unserem positiven Ergebnis beigetragen“, sagt Bendahan. Damit ist das Stichwort für den Franzosen gefallen. Denn er investiert
bevorzugt in Konzerne, die zu mindestens 20 Prozent einem Eigentümer oder einer Familie gehören. Diese „privately held companies“ versprechen Kontinuität und sind so ein langfristiges Investment. Ob das Unternehmen in Frankreich, Italien oder Deutschland sitzt, spielt eine untergeordnete Rolle. „Bei einem normalen Konzern sind die Geschäftsführer heute im Schnitt nur viereinhalb Jahre im Amt“, so Bendahan, „daher denken sie häufig so kurzfristig wie Politiker.“ Geschäftsführer von Familienunternehmen bleiben dagegen bis zu 14 Jahre auf ihrem Posten. So planen sie langfristig und sind nicht auf schnelle Erfolge fixiert. Dass sich der Langzeitansatz auch für Anleger rentiert, kann Bendahan belegen. Seinen Berechnungen zufolge konnten Anleger, die zwischen 2002 und 2012 in die Aktien eines Familienunternehmens investierten, eine Zusatzrendite von 60 Prozent erwirtschaften. Für den 36-Jährigen steht deshalb fest: „Familienunternehmen sind für unseren Fonds die wichtigste Quelle für Zusatzerträge.“ Aktuell zählen zu seinen Favoriten die Titel von Salvatore Ferragamo, Pirelli, Novo Nordisk, Deutsche Wohnen oder der russische Einzelhändler Magnit.
35 Prozent Wachstum
1998 gegründet, erzielte Magnit seither eine jährliche Wachstumsrate von 35 Prozent. Mit über 3.400 Supermärkten erreichte der Konzern zuletzt einen Umsatz von 11,4 Milliarden US-Dollar. „In Russland ist Magnit genau da, wo Walmart in den 80er-Jahren war“, sagt Bendahan. Er hält es daher für möglich, dass sich Umsatz und Aktienkurs im kommenden Jahrzehnt verzwanzigfachen.
Optimistisch blickt der Manager auch in die nahe Zukunft. Er glaubt an eine Jahresendrally der Aktienmärkte. Vorausgesetzt, schlechte Nachrichten bleiben aus. Sein Argument: „Die Bondmärkte sind zuletzt so gut gelaufen, dass sie mittlerweile kaum noch Renditen bieten und teurer sind als die Aktienmärkte.“ Daher sei es möglich, dass Anleger schon bald von Anleihen auf Aktien umschichten.