INVESTMENTBUCH

"Investiere nur in Unternehmen, deren Managern du vertraust"


Exklusiv auf finanzen.net veröffentlicht die Investment-Legende Anthony Bolton interessante Auszüge aus seinem neuen Buch „Investing Against the Tide“.

von Anthony Bolton, exklusiv für Euro am Sonntag

Unternehmenschefs nach meinem Geschmack

Eines meiner aufregendsten Treffen mit Spitzenmanagern fand in Barcelona bei Torras Hostench statt. Das Konglomerat hatte ich im Portfolio des Fidelity Special Situations Fund. Ende der 80er-Jahre waren die Kuwaiter bei Torras eingestiegen (Staatsfonds aus Kuwait, Katar und Co. sind kein neues Phänomen). Als erstes begegnete meinem Kollegen und mir ein bewaffneter Bodyguard. Im Meeting ging der Unternehmenschef mehrmals ans Telefon. Danach lud er uns zum Essen ein. Wir stiegen in sein Auto – gefolgt von zwei Leibwächtern – und fuhren 100 Meter weit auf die andere Seite eines Prachtboulevards. Mir war klar: Wer für eine so kurze Fahrt Bodyguards braucht, hat etwas zu befürchten, und ich verkaufte die Aktien. Torras Hostench wurde später zu einem der größten Insolvenzfälle Spaniens.

Eine der wichtigsten Lektionen, die ich während meiner Karriere gelernt habe, lautet: Investiere nur in Unternehmen, deren Managern du vertraust. Wenn ich Firmenchefs treffe, will ich heraus-finden, wie sie ticken: Wie kompetent sind sie? Sind sie optimistisch oder pessimistisch veran-lagt? Wie arbeiten sie mit den anderen Vorstandsmitgliedern zusammen? Und – ganz wichtig – wie werden sie bezahlt? Mich beeindrucken Manager, die Geschäftsabläufe bis ins kleinste Detail kennen, mit den Zahlen vertraut sind, hart arbeiten, stolz auf ihr Unternehmen sind und trotzdem nicht arrogant wirken. Ich schätze es sehr, wenn sich ein Manager mit Haut und Haar seinem Unternehmen ver-schrieben hat und mit eigenem Geld beteiligt ist. Deshalb sehe ich mir regelmäßig die Liste mit den Director’s Dealings an, den Insiderkäufen und verkäufen eines Unternehmens.

Manchmal geht daraus hervor, dass ein Chef immer wieder opportunistisch mit den Aktien seiner Gesell-schaft handelt. Oft bestätigt das ein negatives Urteil über eine Firma. Am interessantesten sind die Insidertransaktionen, bei denen die Verantwortlichen entgegen meiner Prognose Aktien kau-fen oder verkaufen. Es kommt zwar nur selten vor, dass ein Vorstand ein großes Aktienpaket kauft, wenn der Kurs schon stark gestiegen ist oder dass er nach einem Kursrutsch verkauft. Aber diese Transaktionen sagen eine Menge aus.

Mich interessiert brennend, was Firmenchefs über ihre Wettbewerber sagen. Normalerweise würde man erwarten, dass sie sich skeptisch äußern. Doch mancher Manager überrascht, in-dem er seine Konkurrenten lobt – und zeigt dadurch Größe. Seit ein paar Jahren achte ich im-mer stärker darauf, was die Körpersprache meiner Gesprächspartner aussagt. Deshalb stelle ich in jedem Meeting ein paar unbequeme Fragen. Eine davon richte ich an jeden Firmenchef, der in China produzieren lässt. Statt zu fragen, wie es in China laufe, will ich wissen: „Wir hören von vielen Herstellern, dass die Produktion in der Volksrepublik schwieriger als gedacht ist. Haben Sie ähnliche Probleme?“ Solche und kritischere Fragen bringen die Gesprächspartner oft ins Schwitzen. Ich hoffe, sie finden die Treffen mit Fidelity trotzdem angenehmer als die mit Hedgefonds.

Oft geben Manager bei der ersten Begegnung ein brillantes Bild ab – und enttäuschen beim nächsten Mal. Deshalb ist es wichtig, die Verantwortlichen regelmäßig zu treffen. Wenn sie über die Jahre vertrauenswürdig erscheinen, sind ihre Aktiengesellschaften überdurchschnitt-lich oft ein Investment wert. Ich würde allerdings nicht so weit gehen wie Warren Buffett, der einmal gesagt hat, er würde nur Managern vertrauen, die er sich auch als Ehemann für seine Tochter vorstellen könne.

----------------------------------------Anthony Bolton hat in über 30 Jahren wie kaum ein anderer Fondsmanager die europäische Investmentbranche geprägt. Heute zeichnet er als Investment-Präsident für die Anlagestrate-gie und die Fondsmanagerausbildung bei Fidelity International verantwortlich. Einen legendä-ren Ruf erwarb er sich als Manager des Fidelity Special Situations Fund. Dieser erzielte unter Bolton zwischen 1979 und 2007 jährlich im Schnitt 19,5 Prozent Plus. Bolton war außerdem Manager des größten und bis heute besten europäischen Aktienfonds, des Fidelity European Growth Fund. In seinem neuen Buch „Investing Against the Tide“ beschreibt er die Grundla-gen seines Erfolgs. Mehr Informationen unter www.fidelity.de.