von Anthony Bolton, exklusiv für Euro am Sonntag
Manchmal gibt es einen himmelweiten Unterschied zwischen dem wahren Wert einer Aktie und dem Preis, den Investoren dafür zahlen. Der Grund ist, dass es immer zwei Bilder von den Märkten gibt: Das eine zeigt die Welt, wie sie wirklich ist. Das andere zeigt, wie die meisten Marktteilnehmer die Wirklichkeit sehen. Um erfolgreich zu investieren, muss sich ein Anleger immer beide Bilder vor Augen führen. Wer auf umfangreiche Researchergebnisse zurückgreifen kann, ist dabei im Vorteil.
Wenn ich nach neuen Investmentideen suche, recherchiere ich gründlich, welche Branchen und Unternehmen die meisten Investoren meiden. Umgekehrt interessiert mich auch, in welchen Bereichen sich besonders viele Marktteilnehmer tummeln und um welche Aktien sie sich reißen. Es mag vielleicht überraschen: Doch wer auf die eher unbeliebten Branchen und Gesellschaf-ten setzt, geht im Allgemeinen eher geringere Risiken ein als die Anleger, die in den besonders beliebten Segmenten des Marktes investieren.
Wir sind immer in Gefahr, zu sehr auf den momentanen Preis einer Aktie zu schauen – und zu wenig auf das langfristige Potenzial, das in ihr steckt. Angenommen, eine Aktie kostet 100 Pence und das Research ergibt, dass das Papier 70 Pence wert ist. Fällt der Kurs dann, sagen wir, auf 71 Pence, kommen auf einmal Zweifel an der eigenen Prognose auf: Unterbewusst fragt man sich, ob der Verkäufer vielleicht etwas weiß, was wir nicht ahnen. Fallende Kurse schaffen immer Unsicherheit und Sorge. Ist dieser Preis nicht doch viel zu hoch? Was ist, wenn der Kurs weiter sinkt? Man muss den Kopf von solchen Zweifeln frei bekommen. Noch einmal: Auf lange Sicht sind die Gewinnaussichten viel wichtiger als der aktuelle Preis eines Papiers. Ebenso dürfen sich Investoren nicht vom kurzfristigen Auf und Ab der Kurse beeinflussen lassen. Alle Aktienhändler wissen, dass sie eine Aktie, deren Kurs gerade steigt, viel leichter an den Mann bringen als ein Papier mit sinkendem Kurs.
Die Shootingstars sind jedoch oft nicht die besten Geldanlagen. Manchmal sind es gerade die hässlichen Entlein, die später groß herauskommen. So war es zum Beispiel bei einem finni-schen Konglomerat, das Papier, Reifen, Gummistiefel und vieles mehr herstellte.
Seit 1987 beobachtete ich das Unternehmen intensiv. Eigentlich sprach alles gegen die Firma: Mehrere Vorstandschefs gingen jeweils nach rund einem Jahr, einer von ihnen beging Selbstmord. Dessen Nachfolger kam im März 1993 in unser Londoner Büro, und es sollte eines meiner eindrucks-vollsten Meetings werden. Der Manager hieß Jorma Ollila und das Unternehmen Nokia. Er kündigte an, dass seine Gesellschaft alle Geschäftsbereiche außer der Mobilfunksparte verkaufen wolle. Deren US-Geschäft laufe hervorragend. Mir wurde klar, dass die guten Zahlen im Mobilfunkgeschäft von schlechten Ergebnissen in anderen Sparten überdeckt wurden, was die meisten Marktteilnehmer aber nicht erkannten. Denn das Unternehmen wies damals keine Umsätze für die einzelnen Bereiche aus, sondern nur Gesamtzahlen. Nach dem Treffen inves-tierte ich hohe Summen in Nokia-Aktien. Was dann folgte, war eine einzigartige Erfolgsgeschichte.
Je länger ich in der Fondsbranche tätig bin, desto mehr bin ich davon überzeugt, dass für erfolgreiches Investieren vor allem zwei Dinge notwendig sind: Die Gabe, auf den Markt zu hören – und das Selbstbewusstsein, entgegen der Mehrheitsmeinung zu entscheiden.

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Anthony Bolton hat in über 30 Jahren wie kaum ein anderer Fondsmanager die europäische Investmentbranche geprägt. Heute zeichnet er als Investment-Präsident für die Anlagestrategie und die Fondsmanagerausbildung bei Fidelity International verantwortlich. Einen legendären Ruf erwarb er sich als Manager des Fidelity Special Situations Fund. Dieser erzielte unter Bolton zwischen 1979 und 2007 jährlich im Schnitt 19,5 Prozent Plus. Bolton war außerdem Manager des größten und bis heute besten europäischen Aktienfonds, des Fidelity European Growth Fund. In seinem neuen Buch „Investing Against the Tide“ beschreibt er die Grundla-gen seines Erfolgs. Mehr Informationen unter www.fidelity.de.