22.08.2013 06:45
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Indien in der Krise

Rupie verzeichnet Allzeittief gegenüber US-Dollar. Aktienmarkt unter Druck. Ausländische Investoren flüchten.

Indien ist unter den vier großen Schwellenländern (BRIC) seit langem die Volkswirtschaft, von der Experten die größten Probleme erwarten. Schon im März vergangenen Jahres befürchtete Fidelity-Fondsmanager Nick Price einen nachlassenden Binnenkonsum und ein sinkendes Exportwachstum. Ein schwächelnder Landwirtschafts- und Dienstleistungssektor trübten das Wachstum im letzten Quartal 2012 ein. In diesem Jahr kam es zu einem regelrechten „BRIC-Bashing“, was unter anderem auch an der Entwicklung Indiens liegen dürfte. Die Probleme, mit denen der Subkontinent zu kämpfen hat, waren also nicht unbekannt.

„Der indische Aktienmarkt gehörte im Juli zu jenen mit der schwächsten Kursentwicklung“, weiß Chris Adams, Asienexperte bei HSBC Global Asset Management. „Das lag an den schwankenden Notierungen der Rupie sowie an der geldpolitischen Straffung durch die Notenbank.“ An der Börse zählten vor allem Banken (-14,5 Prozent), Industriewerte (-12,7 Prozent) sowie Grundstoffe (-8,4 Prozent) zu den Verlierern. Ausländische Investoren zogen immer mehr Kapital ab. Im Juli verkauften sie Aktien im Wert von 1,2 Milliarden US-Dollar. Allein im August fiel der Aktienindex Sensex bisher um über sieben Prozent (Stand: 21. August 2013). Im Zeitraum eines Monats sind es sogar rund elf Prozent.

Indischer Aktienindex Sensex: Zuletzt um über sieben Prozent gefallen

Quelle: Bloomberg

Maßnahmen der Regierung blieben erfolglos

Zwar habe die Regierung weitere Reformen umgesetzt, doch dürfte es noch einige Zeit dauern, bis diese Wirkung zeigen. „Der Markt stellt die Wirksamkeit der von den Politikern ergriffenen Maßnahmen und die Optionen in Frage“, erläutert Priyanka Kishore, Stratege bei Standard Chartered in London. „Am Anfang sagte die Regierung, sie habe einen großen Plan. Das war es, was der Markt erwartete – aber die Maßnahmen enttäuschten.“ Die indische Notenbank kündigte im Juli an, die Kursschwankungen der Rupie eindämmen zu wollen. Doch die Landeswährung fiel weiter. Vergangene Woche führten die Behörden über Nacht Kapitalverkehrskontrollen ein, um den weiteren Kursverfall aufzuhalten. Das schlug fehl. Am gestrigen Mittwoch fiel der Wert der Rupie auf ein neues historisches Tief: Im Handelsverlauf kostete ein US-Dollar 64,46 Rupien. Seit Jahresbeginn verlor die Währung über 15 Prozent gegenüber dem US-Dollar.

„Unsere größte Sorge ist, dass die politisch Verantwortlichen es weiterhin nicht begreifen und denken, es ist eine ziemlich unbedeutende Böe, die sich bald wieder legen wird und nur unbedeutender Maßnahmen bedarf“, befürchtet Robert Prior-Wandesforde, Volkswirt bei der Credit Suisse. Wenn dies so bleibe, sei ein schneller Rutsch auf 65 Rupien je US-Dollar wahrscheinlich. Experten der Deutschen Bank gehen sogar davon aus, dass die Währung innerhalb eines Monats auf 70 Rupien gegenüber dem US-Dollar abrutschen könnte.

Je niedriger der Außenwert der Währung ist, desto schwerer wird zudem der Erwerb von Rohstoffen. Mehr als 80 Prozent seines Ölbedarfs muss Indien importieren. Doch noch verfüge das Land über genügend Devisenreserven. Ministerpräsident Manmohan Singh versicherte Anfang August, mit 277 Milliarden US-Dollar reichten sie aus, um Importe für sieben Monate zu bezahlen. Indien verzeichnet jedoch das schwächste Wirtschaftswachstum der vergangenen zehn Jahre, weshalb das Land anfällig geworden ist für den Abzug ausländischer Gelder. Das Leistungsbilanzdefizit ist mit 4,8 Prozent im letzten Fiskaljahr (31. März) so hoch wie bei keinem anderen der BRIC-Staaten. Immerhin versucht die Regierung durch erhöhte Zölle für die Einfuhr von Edelmetallen und die Aussetzung des Imports von Goldbarren und –münzen, das Defizit auf 3,7 Prozent im laufenden Fiskaljahr zu verringern. Es scheint zu funktionieren. Die Experten der Deutschen Bank verzeichnen einen leichten Rückgang, weshalb sich die Rupie am Jahresende wieder etwas fangen könnte.

„Glaubhafte politische Maßnahmen, um die fundamentale Schwäche zu überwinden, fehlen"

HSBC-Experte Adams rechnet damit, dass die indische Wirtschaft in zwei bis drei Jahren wieder auf den Wachstumspfad gelangen könnte. Wir gehen davon aus, dass die Regierung in der nächsten Zeit weiterhin mit positiven Überraschungen aufwartet." Bei der HSBC gibt man sich offensichtlich optimistisch, dass die Verantwortlichen in Indien Maßnahmen ergreifen, um die Investitionstätigkeit rasch anzukurbeln. Daran glaubt nicht jeder: „Mit jedem neuen Versuch, das Vertrauen der Anleger zurückzugewinnen, werden die Bemühungen weniger erfolgreich", sagt Nicholas Spiro, geschäftsführender Direktor des Beratungsunternehmens Spiro Souvereign Strategy Ltd. in London. Die Stimmung mit Blick auf Indien verschlechtert sich, wofür aber weniger die fundamentale Schwäche des Landes verantwortlich ist, sondern vielmehr das Fehlen glaubwürdiger politischer Maßnahmen, mit denen diese Schwäche überwunden werden könnte." Robert Rethfeld, Marktexperte von Wellenreiter Invest, rät Asien-Anlegern, vorerst die Füße stillzuhalten: „Ich denke, wir dürften mit Blick auf die Schwellenländer und speziell Asien demnächst den Höhepunkt der Krise erreicht haben", sagt er gegenüber der ARD. Die könnte allerdings nochmal mit einem letzten größeren Schub nach unten verbunden sein. „Man sollte also von der Gesamtsicht her unbedingt Vorsicht walten lassen." Als guten Zeitpunkt für einen Einstieg sieht er den Zeitraum Ende Oktober bis Anfang November. Denn der Herbst, speziell der September, seien historisch gesehen generell eine schwierige Zeit an den Finanzmärkten.

(PD)

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