Fondslegende Carey: „Die gesündesten Bilanzen seit 20 Jahren“
Euro fondsxpress: Mr. Carey, Sie erleben nicht Ihre erste
Finanz- und Wirtschaftskrise. Was ist diesmal anders?
John Carey: Wir schauen vor allem auf die Unternehmen. Mittlerweile
müssen wir aber auch die Politik beachten. Die Obama-
Administration greift stark in die Wirtschaft ein. Leider oft zu
hastig, sodass die Gesetze mehr schaden als
nützen.
Im November wählen die US-Bürger das
Repräsentantenhaus und ein Drittel der Senatoren.
Die Republikaner dürften zulegen.
Aber sie gewinnen nicht genug Sitze,
um beide Häuser zu kontrollieren. Aber genug,
um die Obama-Administration zu ärgern.
Mit welchen Folgen?
Weniger staatliche Eingriffe. Aber die
Steuern werden steigen.
So könnte das Budgetdefizit sinken.
Die Obama-Regierung müsste dazu vor
allem die Ausgaben reduzieren. Das sehe ich
aber nicht. Die Gesundheitsreform wird teuer
und den Verteidigungsetat kann sie kaum kürzen.
Besonders wenn die Krisen im Iran und
in Korea eskalieren.
Inwiefern leiden die Unternehmen darunter?
Nur bedingt. Sie sind stetig produktiver
geworden, vor allem seit 2008. Zudem
gab es seit 20 Jahren keine gesünderen
Bilanzen. Zudem profitieren auch US-Aktien
vom Wachstum in den Emerging Markets.
Heute erwirtschaften die Unternehmen des
S&P 500 dort schon 40 bis 45 Prozent ihrer Gewinne.
Trotz Finanzkrise?
Die Lage war nie so schlecht, wie viele gedacht haben.
Bis auf Banken und Immobilien haben alle Branchen weiter Geld
verdient.
Trotzdem sind die Kurse eingebrochen.
Das sind die üblichen notwendigen Korrekturen, von
denen man sich nicht einschüchtern lassen darf. Die Wirtschaft
entwickelt sich immer weiter. Und es gibt auch immer wieder
neue innovative Industrien. Denken Sie nur an die ganzen neuen
Technologien, die seit den achtziger Jahren hinzugekommen
sind. Etwa Hewlett Packard, Apple, Microsoft, Google oder Intel.
Sie haben seitdem die Welt verändert. Bis zum BP-Deasaster war
die Öl-Industrie mit ihren neuen Bohrmethoden ebenfalls sehr
innovationsfreudig. Das hat sich nun wohl erledigt. Die USRegierung
erwägt Förderstopps vor der US-Küste. Zudem dürfen
wohl vorerst auch keine neuen Bohrungen durchgeführt werden.
Das könnte nicht zuletzt zu höheren Ölpreisen führen.
Das heißt für Ihren Fonds?
Wir kaufen nur günstige Qualitäts-Blue-Chips, meist für
drei bis fünf Jahre.
Auch Rohstoffwerte? Na ja. Noch haben wir zwar Rio Tinto im Fonds, aber ich mache mir Sorgen wegen der geplanten Sondersteuer der australischen Regierung. Allzu erfolgreiche Unternehmen werden irgendwann Opfer der Politik. Daher denke ich, dass bei den großen Minenwerten die beste Zeit vorbei ist.
Wie sieht es mit Banken aus?
Wir haben den Anteil erhöht, sind aber untergewichtet.
Wir bevorzugen Unternehmen, die sich selbst finanzieren können
und nicht von staatlicher Hilfe abhängen.
Aber Bankaktien waren seit März 2009 sehr
erfolgreich.
Aktien geringer Qualität haben seit
1980 achtmal eine Kursrally erlebt, darunter
jene im vergangenen Jahr. Aber diese Rallys
hielten nie lange an. Auch jetzt werden diese
Titel wieder auf dem Boden der Realität landen,
weil Anleger zu hohe Gewinne eingepreist
haben. Das gilt für etliche Banken, aber
auch für viele Zykliker und Rohstoffwerte. Ihre
KGVs liegen zum Teil bei 25 bis 30.
Sie glauben an Qualitätswerte. Warum?
Wir mögen stabile Erträge, hohe Dividenden,
geringe Schulden und gute Produkte
– langfristig zahlt sich dies immer aus.
Und kurzfristig?
Qualitätswerte sind meist teurer als
Titel geringer Qualität. Jetzt sind sie günstiger
– und das, obwohl sie risikoärmer sind.
Haben Sie ein Beispiel?
Johnson & Johnson wird derzeit mit
einem 12er-KGV bewertet und das Pharmageschäft
ist sehr kalkulierbar. Zudem erhöhen
sie Jahr für Jahr ihre Dividende.
Ihr Ausblick für Aktien?
Manchmal sind Anleger ängstlich, dann wieder euphorisch.
Daher schwanken Aktienkurse stärker als die zugrunde
liegenden Fundamentaldaten. Ich kann diese Emotionen nicht
vorhersagen.
Im Profil
Dr. John Carey ist Jahrgang 1949 und studierte Geschichte
am Columbia College und in Harvard, wo er
1972 auch promovierte. Unter anderem
beschäftigte er sich während des Studiums
mit Preußen und Bismarck. Zugleich begeisterte
er sich für die Kapitalmärkte und kam
1979 zu Pioneer Investments nach Boston.
Dort lernte er das Handwerk des Fondsmanagers
von Philipp Carret, dem Gründer
der US-Fondsgesellschaft. Seit 1986 managt
Carey den Pioneer Funds - U.S. Pioneer
Fund. Nach Carret und Paul Mullare ist
Carey erst der dritte Manager des 1928
aufgelegten
US-Fondsklassikers.
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