von Jörg Billina, €uro am Sonntag
Petr Zajíc ist Chief Investment Officer bei Pioneer Investments und betreut die Emerging Europe Portfolios. €uro am Sonntag sprach mit dem Osteuropa-Experten über Wladimir Putin und die Aussichten für den russischen Aktienmarkt.
€uro am Sonntag: Herr Zajíc, jüngste Umfragen sehen die Partei von Russlands Expräsident Wladimir Putin bei unter 50 Prozent. Erleben wir das Ende einer Ära?
Petr Zajíc: Ich glaube nicht. Dafür ist die Opposition zu heterogen. Es fehlt die gemeinsame Linie. Die Bandbreite reicht von der Kommunistischen Partei bis zur Bewegung Solidarnost des früheren Vizepremiers Boris Nemzow.
Doch Putins Popularität ist angekratzt.
Ja, aber er ist intelligent genug, um die Zügel weiter in der Hand zu halten. Mit großer Wahrscheinlichkeit wird er die Präsidentschaftswahlen im März 2012 gewinnen.
Investoren scheinen da nicht so sicher zu sein. Der RTS-Index hat seit Oktober fast 15 Prozent verloren.
Die russische Börse reagiert immer sensibel auf politische Entwicklungen. Die Risiken sind aber meiner Meinung nach auch durch die Demonstrationen in den vergangenen Wochen nicht so stark gestiegen, wie es die Kursrückgänge vermitteln.
Es kursieren Gerüchte, dass der amtierende Präsident Dmitri Medwedew bald zurücktreten könnte. Welche Konsequenzen hätte das?
Russlands amtierender Premierminister, also Putin, würde dann das Amt übernehmen. Er müsste dann nicht, wie eigentlich von der Verfassung vorgesehen, drei Monate vor den Präsidentschaftswahlen das Amt des Ministerpräsidenten abgeben. Putin würde also beim Rücktritt Medwedews ohne Unterbrechung bis zum Wahltag an der Macht bleiben und die Kontrolle weiter ausüben.
Angenommen, es tritt so ein, bildet Putin dann eine neue Regierung?
Gut möglich. Sollte er investorenfreundliche Minister berufen, wie zum Beispiel den ehemaligen Finanzminister Alexei Kudrin, ist eine Rally an der Börse in Moskau nicht ausgeschlossen. Die Anleger hätten dann viel früher als erwartet Klarheit über die weiteren Entwicklungen in Russland.

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Würde Putin die Abhängigkeit der Wirtschaft von Öl und Gas weiter reduzieren?
Sicher. Aber es ist auch schon viel geschehen. Der Anteil der Commodities am Bruttoinlandsprodukt beträgt nur noch 23 Prozent. Andere Rohstoffländer wie etwa Australien bringen es da auf höhere Werte.
Könnten Anleger auch damit rechnen, dass sich die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen steigert?
Auch hier wurden bereits Fortschritte erzielt. In den vergangenen zehn Jahren haben die Unternehmen ihre Gewinne jährlich um 17 Prozent gesteigert. Solche Raten wurden in keinem anderen Land erzielt.
Ist jetzt also ein guter Zeitpunkt für den Einstieg in den Aktienmarkt?
Wenn man die erforderliche Risikobereitschaft mitbringt, ja. Das durchschnittliche Kurs-Gewinn-Verhältnis für 2012 liegt bei 4,6. Das ist ein Abschlag von 55 Prozent im Vergleich zu anderen Schwellenländern. Gazprom ist sogar noch günstiger bewertet, obwohl es weltweit zu den profitabelsten Versorgern zählt. Zudem zahlen die Unternehmen hohe Dividenden. Allerdings gibt es in Russland immer auch Faktoren, die sich negativ auswirken könnten.