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11.01.2006 11:48

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Japan: Die neue Lust am Geldausgeben


Die Krise der zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt ist beendet. Und es sind nicht die Toyotas und Sonys, die den Aufschwung dank Rekordexporten allein tragen müssen, nein, die Japaner, die im Land wieder investieren und konsumieren, tragen einen Großteil dazu bei.

In Japan gönnt man sich wieder etwas

Der Japaner badet gern. Streng getrennt nach Männlein und Weiblein, in Zubern und Becken in einem der unzähligen Badeparadiese des Landes, den Onsen. 20000 heiße Quellen gibt es in Japan, etliche auch in Tokio. Das größte und modernste, auf Edo-Stil getrimmte Onsen liegt auf der künstlich aufgeschütteten Halbinsel Odaiba in der Tokioter Bucht, einem Vergnügungs- und Einkaufsviertel allererster Güte.

2700 Yen, rund 20 Euro, kostet der Eintritt ins Badevergnügen, inklusive buntbedruckter Baumwoll-Yukata, einer Art Bademantel, den es auch für westliche Maße gibt.

Die Japaner zahlen die 2700 Yen, ohne mit der Wimper zu zucken, auch die 4500 zusätzlichen Yen für eine Fußreflexzonenmassage, 2000 Yen für das Sunaburo-Sandbad und bis zu 10500 Yen für eine Ganzkörper-Ölmassage.

Und weil das Onsen 22 Stunden am Tag geöffnet hat, bleiben noch ein paar Scheine mehr für Nudelsuppe, Reisgericht, Tee und Andenken-Nippes im Onsen liegen. Alles zusammen mal zwei oder drei, Frau und Kind sind schließlich auch dabei.

In Japan gönnt man sich wieder etwas. Im Oedo Onsen auf Odaiba beschleicht den unbedarften Ausländer, den Gaijin, das Gefühl, so etwas wie eine japanische Wirtschaftskrise habe es nie gegeben, Japan sei statt dessen ein Volk von hemmungslosen Hedonisten, die den Yen nicht in der Tasche umdrehen müssten.

Die Stimmung in der 30-Millionen-Metropole Tokio ist zuversichtlicher

Die 30-Millionen-Metropole Tokio wirkt anders als noch fünf Jahre zuvor. Die Stimmung ist zuversichtlicher, das Gewühl in den Straßen hektischer und bunter, das Gesicht der Stadt urbaner. Endlich gibt es englische Beschriftungen in den U-Bahnen, sogar eine freundliche Stimme, die die Haltestellen ansagt.

Und den täglichen 24-Stunden-Stau auf den Straßen im Zentrum gab’s zur Jahrtausendwende doch auch noch nicht. "Als Ausländer bekommt man abends schwer ein Taxi", erzählt ein Banker. Nicht aus Rassimus, sondern aus Profitdenken.

Angeheiterte Japaner in die Vororte zu kutschieren, wirft eben mehr ab, als den Gaijin, der in der Regel im Zentrum Tokios lebt, zweimal um die Ecke zu fahren. "Vor drei Jahren war das noch anders, da haben sich die Taxifahrer fast um die Kunden geprügelt."

"Die Sonne geht auf" statt "Japans verlorene Dekade"

Tokio ist nicht mehr wie es war. Ganz Japan nicht. Zeitungen und TV sind voll davon. Sogar für die Titelseiten westlicher Magazine wie "The Economist" oder "Newsweek" ist das Land wieder gut genug. "Die Sonne geht auf" ist zu lesen. Oder: "Japan lächelt". Doch ist das wirklich so?

Schon in den 90er Jahren schien sich das Land zu berappeln. Drei Mal. Und jedes Mal versank es darauf noch tiefer in einem Sumpf aus Mutlosigkeit und Agonie.

Den exzessiven 80ern folgte ein Dutzend Jahre, geprägt von einem beispiellosen Kollaps bei Immobilen und Aktien, einer ausufernden Bankenkrise, zunehmender Arbeitslosigkeit, staatlichen Ankurbelungshilfen in Phantastilliarden-Höhe und stetiger Deflation.

Alles, was schieflaufen konnte, lief schief. Die Beobachter aus dem Westen verpaßten dem Desaster das Etikett "Japans verlorene Dekade".

Tokio besitzt mehr Kaufkraft als ganz China

Inzwischen ist vom "Comeback" die Rede, vom "zweiten Frühling". Und es sind nicht die Toyotas und Sonys, die den Aufschwung dank Rekordexporten allein tragen müssen, nein, die Japaner, die im Land wieder investieren und konsumieren, tragen einen Großteil dazu bei.

Allein die 30 Millionen Einwohner des Ballungsraums Tokio besitzen mehr Kaufkraft als eine Milliarde Chinesen – nur daß sie davon in der Vergangenheit kaum Gebrauch gemacht hatten.

1433 Billionen Yen, also zehn Billionen Euro, liegen auf kaum verzinsten Sparbüchern brach, mehr als in jedem anderen Land der Welt. Japan schien im Dornröschenschlaf versunken.

Doch inzwischen ist man wieder wach. Die Unternehmen sind zuversichtlich wie lange nicht, die Bevölkerung ebenfalls. Bereits drei Quartale in Folge nimmt der Konsum stetig zu, teilte das Wirtschaftsministerium kürzlich mit.

Das Karoshi-Phänomen "ist endgültig ein Auslaufmodell"

Mehr Vollzeitjobs, höhere Löhne und Bonuszahlungen – zweimal im Jahr – verführen die Japaner zum Einkaufen. In den Kaufhäusern Isetan, Marui, Mitsukoshi und Matsuya sind dieser Tage Ellenbogen gefragt. Und bei Takashimaya verbeugen sich die Lift-Boys und Türsteherinnen, daß es eine Freude ist.

Ehemals eherne Gesetze gelten dabei nicht mehr, das Konsumverhalten wandelt sich, so wie sich die Gesellschaft wandelt.

Das Prinzip der lebenslangen Anstellung etwa ist längst keines mehr, der typisch japanische "Salaryman", der sich bis tief in die Nacht hinein für sein Unternehmen aufopferte, im Extrem gar zu Tode schuftete, was Ende der 90er Jahre als Karoshi-Phänomen bekannt wurde, "ist endgültig ein Auslaufmodell". Das sagt Atsushi Kawakami, Investment-Chef der Fondsgesellschaft Invesco in Japan.

Eine neue "Entertainment-Generation"

Kawakami ist 51 Jahre alt und hat alles gesehen, Aufstieg und Fall einer Nation. "Die Generation, die das Japan der 80er Jahre geprägt hat, wird in den kommenden Jahren abtreten, in Rente gehen", sagt er.

Was folgt, ist eine neue, zahlenmäßig ebenso starke Generation von End-20ern mit etwas anderem Arbeitsethos, konsumfreudiger, vergnügungslustiger. "Entertainment-Generation", sagt Kawakami.

Die Sparneigung der Generation ist wenig ausgeprägt, zu finden sind die jungen Japaner statt dessen beim Geldausgeben in den Edelläden im Stadtviertel Ginza und auf der Omotesando Road.

Sie tummeln sich auf Odaiba im Oedo Onsen, ein Ort, den viele der Nachkriegsgeneration als zu modern verschmähen. Man gönnt sich Auszeiten in Luxushotels wie dem Park Hyatt im Shinjuku-Viertel.

"Man will sich wieder etwas gönnen will und kann es auch"

Für europäische Ohren mag es befremdlich klingen, aber am Wochenende ist das Hotel fest in japanischer Hand, "die meisten Gäste kommen gar aus Tokio selbst", sagt Hotelchef Robert Barker.

"Weil es zu Hause enger zugeht, und weil man sich wieder was gönnen will und kann." Die Nachfrage ist groß, das Hotel meist ausgebucht. "Die Japaner sind sehr sensibel. Wenn es positive Nachrichten aus der Wirtschaft gibt, ist am nächsten Tag das Restaurant voll", sagt Barker.

Mehr Geld wird ausgegeben, die Gäste bleiben länger. Gespeist wird italienisch, danach ein Moonlight-Cocktail in der New York Bar. Das Park Hyatt ist ein Riesenerfolg und zieht nun Nachahmer an. Mandarin und Peninsula sind, nachdem sie den Rest der Welt erobert haben, nun endlich auch in der Megalopolis Tokio angekommen. "Die kopieren uns jetzt", sagt Barker.

"Wahrer Luxus für die Japaner und Tokioter sind Zeit und Raum"

Neue Hochhäuser werden dafür gebaut. Ein noch recht neues Phänomen. Wo ganze Viertel wegen der Erdbebengefahr ehemals von niedergeschossigen Häusern dominiert wurden, schießen plötzlich Gebäude mit 30, 40, 50 Stockwerken aus dem Boden. Hotels, Bürogebäude und Appartementhäuser. Die Stadt strebt nach oben, will der drangvollen Enge der Vergangenheit entkommen.

Das ist umstritten, der Disput zwischen Bewahrern und Modernisierern schlägt hohe Wellen in Japan. Der 71jährige Immobilen-Tycoon Minoru Mori ist die treibende Kraft der Urbanisierung.

Er will dem neuen Japan auch ein neues Gesicht geben – selbst wenn er dem Alter nach der abtretenden Generation angehört. "Wahrer Luxus für die Japaner und Tokioter sind doch Zeit und Raum", begründet Mori seine großangelegten Projekte.

Noch immer lebt der typische Tokioter Single auf zwölf Quadratmetern

Langfristig soll die Gesellschaft weg von ihren Minibehausungen. Denn noch immer lebt der typische Tokioter Single auf zwölf Quadratmetern. Einziger Luxus: die beheizbare Super-Toilette, Marke Toto, inklusive mehrstufiger Bidetfunktion.

In dem von Mori gestalteten Areal Roppongi Hills geht es da schon großzügiger zu. Herzstück ist ein 240 Meter hoher Turm, mitten im Zentrum, 54 Stockwerke, großräumige Büro- und Wohnflächen.

Angesiedelt haben sich etwa Rakuten und Yahoo Japan, die Internet-Vorzeigeunternehmen des Landes. Omotesando Hills ist ein weiterer brandneuer architektonischer Mori-Eckpfeiler in der City.

Sechs Stockwerke, drei über-, drei unterirdisch, ausgedehnt auf eine Länge von 250 Metern, beherbergen das neue Einkaufs-Mekka: 24 Geschäfte italienischer und französischer Stardesigner.

Die Tokioter denken wieder an ein Eigenheim

Die Tokioter sprechen von einem neuen Bauboom. Die Immobilienpreise, die seit 1990 nur gefallen waren, ziehen wieder an. Die Experten geben sich positiv. Das müssen sie, das ist ihr Job.

Doch wenn sie nicht gerade über Zahlen brüten, sondern bei Sashimi und Asahi-Bier aus dem Nähkästchen plaudern, wird man stutzig: "Ich habe gerade ein Haus gekauft", erzählt Seiichiro Iwasawa. Der Mann ist Chef-Volkswirt von Japans größtem Broker-Haus Nomura Securities und scheint seinem Zahlenmaterial tatsächlich zu trauen.

"Ich werde bald kaufen", erwidert Osamu Tokuno. Der ist Fondsmanager bei Invesco und redet viel über Japans Aufschwung. Die Tokioter denken wieder an ein Eigenheim.

Einzig die Demographie stört den neuen Optimismus

Einzig die Demographie stört den neuen Optimismus. 20 Prozent der Bevölkerung sind über 65, im Jahr 2030 werden es 30 Prozent sein. Auf Japan kommt mittelfristig ein enormes Problem zu.

Schrumpft die Bevölkerung, wird nachhaltiges Wirtschaftswachstum zu Wunschdenken. An Zuwanderung wird in Japan dennoch nicht gedacht. Trotz neuer Offenheit bleibt das Land seiner Abschottungsmentalität in letzter Konsequenz treu.

Darüber kann auch die Akzeptanz westlicher Onsen-Gäste nicht hinwegtäuschen. Im Jahr 2005 jedenfalls verlassen die Sauberkeitsfanatiker nicht mehr das Becken, wenn ein trotz halbstündigem Abschrubbens vermeintlich ungewaschener Gaijin ins Wasser steigt.



Börse: Der Nikkei überholt den DAX

Seit den Neuwahlen vom September geht es mit Japan-Aktien bergauf. Premier Koizumi und sein Reformkurs sind gesichert. Die Unternehmen sind schlanker denn je, Umsatz- und Gewinnentwicklung sind positiv, es werden Dividenden bezahlt und wieder stark investiert. Export und Binnenkonjunktur florieren. Nur die Notenbank mit Zinserhöhungsabsichten sowie Gerüchte um Steuererhöhungen sorgen momentan für etwas Unruhe.


Die zehn besten Japan-Fonds in 2005*

Fonds: Wertentwicklung 2005 (in %)
1. VCH Expert Japan Opportunities: 73,6
2. Invesco GT Japan A: 72,0
3. Callander Japan NewGrowth C2 €: 70,7
4. Invesco GT Nippon Growth A: 69,5
5. Callander Japan NewGrowth C1: 69,3
6. Franklin T'ton Japan A acc ¥: 65,5
7. UBAM-Japan Equity A: 59,0
8. Principal Japanese Eq. B: 58,2
9. JOHCM Japan: 57,9
10. PF-Japanese Equity Selection-P: 56,3


Die zehn besten Japan-Fonds über drei Jahre*

Fonds: Wertentwicklung drei Jahre (in %)
1. Callander Japan NewGrowth C1: 176,4
2. Vitruvius Japanese Equity EUR: 151,8
3. Sirius Japan Opport. R CHF: 129,6
4. UBAM-Japan Equity A: 111,2
5. dit-Japan Pazifikfonds: 107,8
6. Baring Japan Growth: 103,5
7. Invesco GT Nippon Growth A: 102,3
8. Invesco GT Japan A: 101,1
9. Thames River Japan Fund €: 100,9
10. Principal Japanese Eq. B: 95,2


Quelle: *FINANZEN FundAnalyzer, Performance auf Euro-Basis, Stand: 31.12.2005.

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