Japans Premier Junichiro Koizumi geht, Shinzo Abe kommt
Shinzo Abe könnte der bisher jüngste Premier Japans werden
Junichiro Koizumis Tage sind gezählt. Japan bekommt einen neuen Premier. Am 20. September wählen die regierenden Liberaldemokraten (LDP) einen Nachfolger für den 64-jährigen Regierungs-Chef. Nach fünfeinhalb Jahren Amtszeit nimmt Koizumi verfassungsgerecht seinen Hut. Und der Nachfolger?
Er wird wohl Shinzo Abe heißen, mit 51 Jahren der dann bisher jüngste Premier Japans. Der Kabinettsminister und Regierungssprecher ist ein getreuer Gefolgsmann Koizumis und gilt als aussichtsreichster Kandidat. Seine Mitbewerber sind Außenminister Taro Aso und Finanzminister Sadakazu Tanigaki. Sie scheinen aber chancenlos, liegen in Umfragen weit zurück.
Die längste Wachstumsperiode seit Ende der 80er-Jahre
Koizumis Nachfolger übernimmt ein Land, das sich von 15 Jahren Stagnation und Deflation erholt hat. Die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt befindet sich gar in der längsten Wachstumsperiode seit Ende der glorreichen 80er-Jahre. Und das Wichtigste dabei: Der Aufschwung wird nicht von billionenschweren Stimulierungsprogrammen wie in den 90er-Jahren getragen, sondern von Konsum und der Exportwirtschaft.
Ein Erfolg, den viele Beobachter dem charismatischen Koizumi zuschreiben. Er brach die verkrustete LDP auf, legte sich mit altgedienten Parteirecken an und stand mehrere Male kurz davor, seinem waghalsigen Konfrontationskurs selbst zum Opfer zu fallen.
Japans Banken sind fitter denn je
2002 installierte er gegen den Widerstand der LDP Heizo Takenaka als Wirtschaftsminister, der umgehend die maroden Geschäftsbanken auseinandernahm. Die Banken mussten ihre faulen Kredite in drei Jahren halbieren. Mit Erfolg: Sie sind fitter denn je.
Noch wichtiger war Koizumis Privatisierungsbeginn bei der Post, dem mit drei Billionen Euro Spareinlagen größten Finanzinstitut der Welt. Koizumi entzog sie dem Einfluss der Bürokraten und Lokalpolitiker, die die Post als Goldesel für öffentliche Bauten und Staatsbetriebe missbrauchten. Dafür riskierte Koizumi mit Neuwahlen gar seinen Job.
Ist Abe zu konfliktscheu?
Ein Erbe, dass Abe fortführen muss, um die positive Entwicklung der Wirtschaft nicht zu gefährden. Stets hatte er sich hinter die Pläne seines Ziehvaters gestellt. Es gibt jedoch Zweifel, ob es dem konfliktscheuen Abe gelingen wird, die reformfeindlichen Kräfte in der LDP zu bändigen. "Mit Abe geht das goldene Zeitalter für marktwirtschaftliche Reformen zu Ende", befürchtet etwa Jesper Koll, Chef-Ökonom von Merrill Lynch in Tokio.
Die meisten Analysten erwarten jedoch gelassen den Wechsel an der Spitze des Landes. Von einem Kabinett Abe seien keine radikalen Kurskorrekturen zu erwarten, heißt es etwa in einer Studie der Credit Suisse. Die Deregulierung der Wirtschaft könne sich unter dem konsenswilligeren Abe zwar verlangsamen, dafür traut man ihm zu, Tokios schlechte Beziehungen mit Peking zu verbessern.
"Japans Binnennachfrage ist sehr robust"
Was Abe wirtschaftlich drauf hat, muss sich zeigen. Die Börsianer zumindest würden klare Signale begierig aufnehmen. Nach einem furiosen vergangenen Jahr herrscht auf dem Parkett wieder Richtungslosigkeit. Auch das Allzeittief der Landeswährung Yen zum Euro ist Ausdruck der Unsicherheit um Koizumis Nachfolge und dessen Kurs.
Dabei gibt es viele positive Nachrichten, die das politische Geplänkel eigentlich aufwiegen sollten. "Japans Binnennachfrage ist so robust, dass die Bank von Japan sogar schon eine Überhitzung befürchtet", sagt Helmut Becker, Japan-Kenner von der Tokioter Sofia-Universität.
Das Gewinnwachstum der börsennotierten Unternehmen legte bis Ende Juli um 15 Prozent zu. Deswegen sind so viele neue Stellen zu besetzen wie seit 14 Jahren nicht mehr. Den Arbeitnehmern verhilft das zu höheren Löhnen, das wiederum ist gut für den Konsum.
Probleme in den ländlichen Gebieten
Das Land hat offensichtlich zur wirtschaftspolitischen Normalität zurückgefunden. Als Symbol steht dafür das Ende der Null-Zins-Politik. Nach sechs Jahren beendete die Bank of Japan im Juli den geldpolitischen Ausnahmezustand und erhöhte die Leitzinsen. Sie musste dabei allerdings erheblichen politischen Widerstand überwinden.
Es gibt aber auch Probleme. Vor allem in den ländlichen Gebieten, den Regionen, die nur noch mit wenig Geld aus Tokio unterstützt werden. In Abes Wahlkreis etwa, im Norden Japans, werden viele Läden geschlossen, die Jugend wandert in die Megastädte ab. Mit einem staatlichen Programm, das Bankrotteuren einen Neuanfang verspricht, will Abe diese Entwicklung stoppen.
Auch Japan diskutiert über eine höhere Mehrwertsteuer
Zur schwierigen Frage einer Erhöhung der Mehrwertsteuer von fünf auf zehn Prozent, äußerte sich Abe dagegen noch nicht. Obwohl dieser Entscheid über das Wohl und Wehe des Landes entscheiden könnte, wie die Vergangenheit zeigt:
Ende der 90er-Jahre setzte eine zu rasche und deutliche Steuererhöhung dem Aufschwung ein abruptes Ende. Allerdings ist zumindest aus dem Kabinett Koizumi zu hören, dass das robuste Wirtschaftswachstum keine Erhöhung der Konsumsteuern nötig mache.
Japans Probleme: Die Überschuldung und Überalterung
Abe wird es jedenfalls nicht leicht haben, in Koizumis große Fußstapfen zu treten. Sein Problem: Schon im Juli 2007 stehen in Japan Parlamentswahlen an. Dort wird sich zeigen, wie der momentan noch sehr beliebte Politiker bei den Landsleuten ankommt. Ein schlechtes Abschneiden bei der Wahl könnte ihn den Kopf kosten. Besteht er den Test, muss er zwei grundlegende Probleme des Landes angehen: die Überschuldung und die Überalterung.
Das Thema Schuldenabbau war für Koizumi immer nachrangig. Inzwischen ist der Lastenberg auf umgerechnet 5,6 Billionen Euro angewachsen, 170 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Die Zeit drängt, denn die Überalterung verschlimmert die Situation: zunehmend höhere Rentenzahlungen sind fällig.
Zwar drückte Koizumi 2004 eine Rentenreform durch, die laut Versprechen "für 100 Jahre halten" soll, nach Experten werden es aber keine zehn sein. Auch zu diesem Thema hält sich Abe noch bedeckt. Einer der wenigen Kommentare war der Scherz, in Japan die Zwangsehe wiedereinzuführen.
Außenpolitische Baustellen
Auch außenpolitisch gibt es viele Baustellen. Unter Koizumi verlor Japan erheblich an Einfluss. Wegen dessen Pilgerfahrten zum Yasukuni-Schrein, wo auch Kriegsverbrecher geehrt werden, weigern sich China und Südkorea inzwischen, an Gipfeltreffen mit Japan teilzunehmen.
Abe wird da den Nachbarn entgegenkommen müssen, schließlich sind die Länder wirtschaftlich für Japan überaus wichtig. Ab dem 20. September hat er wohl die Möglichkeit dazu.
Japan-Fonds: Stark in 2005, schwach in 2006
Fonds: Performance seit 1.1.2006 (in %)
1. Vitruvius Japanese Equity EUR: -0,9
2. DB Platinum IV CROCI Japan R1C: -1,1
3. GS Japan Portfolio: -3,2
4. Morgan St. Japan. Value Eq. A: -3,6
5. JPM Japan 50 Eq A (acc) – JPY: -3,8
6. JPM Japan Select Eq. A(acc)JPY: -4,5
7. Invesco Japan. Equity Core C: -4,6
8. Pictet Jap. Eq. Selection HP €: -4,8
9. UBS-ETF DJ Japan Titans 100: -5,4
10. GS Japan CORE SM EQ Pf. Acc: -5,6
Fonds: Performance seit 1.1.2005 (in %)
1. Callander Japan NewGrowth C2 €: 55,2
2. Vitruvius Japanese Equity EUR: 49,6
3. Metzler Japanese Equity: 43,5
4. UBAM-Japan Equity AC: 42,8
5. VCH Expert Japan Opportunities: 42,7
6. Invesco Japanese Equity A: 42,2
7. Callander Japan NewGrowth C1: 42,1
8. AIG Japan New Horizon Fd plc A: 40,4
9. Pictet Jap. Eq. Selection P: 39,9
10. Principal Japanese Eq. B: 39,6
Quelle: *FINANZEN FundAnalyzer, Performance auf Euro-Basis, Stand: 13.09.2006.
Junichiro Koizumis Tage sind gezählt. Japan bekommt einen neuen Premier. Am 20. September wählen die regierenden Liberaldemokraten (LDP) einen Nachfolger für den 64-jährigen Regierungs-Chef. Nach fünfeinhalb Jahren Amtszeit nimmt Koizumi verfassungsgerecht seinen Hut. Und der Nachfolger?
Er wird wohl Shinzo Abe heißen, mit 51 Jahren der dann bisher jüngste Premier Japans. Der Kabinettsminister und Regierungssprecher ist ein getreuer Gefolgsmann Koizumis und gilt als aussichtsreichster Kandidat. Seine Mitbewerber sind Außenminister Taro Aso und Finanzminister Sadakazu Tanigaki. Sie scheinen aber chancenlos, liegen in Umfragen weit zurück.
Die längste Wachstumsperiode seit Ende der 80er-Jahre
Koizumis Nachfolger übernimmt ein Land, das sich von 15 Jahren Stagnation und Deflation erholt hat. Die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt befindet sich gar in der längsten Wachstumsperiode seit Ende der glorreichen 80er-Jahre. Und das Wichtigste dabei: Der Aufschwung wird nicht von billionenschweren Stimulierungsprogrammen wie in den 90er-Jahren getragen, sondern von Konsum und der Exportwirtschaft.
Ein Erfolg, den viele Beobachter dem charismatischen Koizumi zuschreiben. Er brach die verkrustete LDP auf, legte sich mit altgedienten Parteirecken an und stand mehrere Male kurz davor, seinem waghalsigen Konfrontationskurs selbst zum Opfer zu fallen.
Japans Banken sind fitter denn je
2002 installierte er gegen den Widerstand der LDP Heizo Takenaka als Wirtschaftsminister, der umgehend die maroden Geschäftsbanken auseinandernahm. Die Banken mussten ihre faulen Kredite in drei Jahren halbieren. Mit Erfolg: Sie sind fitter denn je.
Noch wichtiger war Koizumis Privatisierungsbeginn bei der Post, dem mit drei Billionen Euro Spareinlagen größten Finanzinstitut der Welt. Koizumi entzog sie dem Einfluss der Bürokraten und Lokalpolitiker, die die Post als Goldesel für öffentliche Bauten und Staatsbetriebe missbrauchten. Dafür riskierte Koizumi mit Neuwahlen gar seinen Job.
Ist Abe zu konfliktscheu?
Ein Erbe, dass Abe fortführen muss, um die positive Entwicklung der Wirtschaft nicht zu gefährden. Stets hatte er sich hinter die Pläne seines Ziehvaters gestellt. Es gibt jedoch Zweifel, ob es dem konfliktscheuen Abe gelingen wird, die reformfeindlichen Kräfte in der LDP zu bändigen. "Mit Abe geht das goldene Zeitalter für marktwirtschaftliche Reformen zu Ende", befürchtet etwa Jesper Koll, Chef-Ökonom von Merrill Lynch in Tokio.
Die meisten Analysten erwarten jedoch gelassen den Wechsel an der Spitze des Landes. Von einem Kabinett Abe seien keine radikalen Kurskorrekturen zu erwarten, heißt es etwa in einer Studie der Credit Suisse. Die Deregulierung der Wirtschaft könne sich unter dem konsenswilligeren Abe zwar verlangsamen, dafür traut man ihm zu, Tokios schlechte Beziehungen mit Peking zu verbessern.
"Japans Binnennachfrage ist sehr robust"
Was Abe wirtschaftlich drauf hat, muss sich zeigen. Die Börsianer zumindest würden klare Signale begierig aufnehmen. Nach einem furiosen vergangenen Jahr herrscht auf dem Parkett wieder Richtungslosigkeit. Auch das Allzeittief der Landeswährung Yen zum Euro ist Ausdruck der Unsicherheit um Koizumis Nachfolge und dessen Kurs.
Dabei gibt es viele positive Nachrichten, die das politische Geplänkel eigentlich aufwiegen sollten. "Japans Binnennachfrage ist so robust, dass die Bank von Japan sogar schon eine Überhitzung befürchtet", sagt Helmut Becker, Japan-Kenner von der Tokioter Sofia-Universität.
Das Gewinnwachstum der börsennotierten Unternehmen legte bis Ende Juli um 15 Prozent zu. Deswegen sind so viele neue Stellen zu besetzen wie seit 14 Jahren nicht mehr. Den Arbeitnehmern verhilft das zu höheren Löhnen, das wiederum ist gut für den Konsum.
Probleme in den ländlichen Gebieten
Das Land hat offensichtlich zur wirtschaftspolitischen Normalität zurückgefunden. Als Symbol steht dafür das Ende der Null-Zins-Politik. Nach sechs Jahren beendete die Bank of Japan im Juli den geldpolitischen Ausnahmezustand und erhöhte die Leitzinsen. Sie musste dabei allerdings erheblichen politischen Widerstand überwinden.
Es gibt aber auch Probleme. Vor allem in den ländlichen Gebieten, den Regionen, die nur noch mit wenig Geld aus Tokio unterstützt werden. In Abes Wahlkreis etwa, im Norden Japans, werden viele Läden geschlossen, die Jugend wandert in die Megastädte ab. Mit einem staatlichen Programm, das Bankrotteuren einen Neuanfang verspricht, will Abe diese Entwicklung stoppen.
Auch Japan diskutiert über eine höhere Mehrwertsteuer
Zur schwierigen Frage einer Erhöhung der Mehrwertsteuer von fünf auf zehn Prozent, äußerte sich Abe dagegen noch nicht. Obwohl dieser Entscheid über das Wohl und Wehe des Landes entscheiden könnte, wie die Vergangenheit zeigt:
Ende der 90er-Jahre setzte eine zu rasche und deutliche Steuererhöhung dem Aufschwung ein abruptes Ende. Allerdings ist zumindest aus dem Kabinett Koizumi zu hören, dass das robuste Wirtschaftswachstum keine Erhöhung der Konsumsteuern nötig mache.
Japans Probleme: Die Überschuldung und Überalterung
Abe wird es jedenfalls nicht leicht haben, in Koizumis große Fußstapfen zu treten. Sein Problem: Schon im Juli 2007 stehen in Japan Parlamentswahlen an. Dort wird sich zeigen, wie der momentan noch sehr beliebte Politiker bei den Landsleuten ankommt. Ein schlechtes Abschneiden bei der Wahl könnte ihn den Kopf kosten. Besteht er den Test, muss er zwei grundlegende Probleme des Landes angehen: die Überschuldung und die Überalterung.
Das Thema Schuldenabbau war für Koizumi immer nachrangig. Inzwischen ist der Lastenberg auf umgerechnet 5,6 Billionen Euro angewachsen, 170 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Die Zeit drängt, denn die Überalterung verschlimmert die Situation: zunehmend höhere Rentenzahlungen sind fällig.
Zwar drückte Koizumi 2004 eine Rentenreform durch, die laut Versprechen "für 100 Jahre halten" soll, nach Experten werden es aber keine zehn sein. Auch zu diesem Thema hält sich Abe noch bedeckt. Einer der wenigen Kommentare war der Scherz, in Japan die Zwangsehe wiedereinzuführen.
Außenpolitische Baustellen
Auch außenpolitisch gibt es viele Baustellen. Unter Koizumi verlor Japan erheblich an Einfluss. Wegen dessen Pilgerfahrten zum Yasukuni-Schrein, wo auch Kriegsverbrecher geehrt werden, weigern sich China und Südkorea inzwischen, an Gipfeltreffen mit Japan teilzunehmen.
Abe wird da den Nachbarn entgegenkommen müssen, schließlich sind die Länder wirtschaftlich für Japan überaus wichtig. Ab dem 20. September hat er wohl die Möglichkeit dazu.
Japan-Fonds: Stark in 2005, schwach in 2006
Fonds: Performance seit 1.1.2006 (in %)
1. Vitruvius Japanese Equity EUR: -0,9
2. DB Platinum IV CROCI Japan R1C: -1,1
3. GS Japan Portfolio: -3,2
4. Morgan St. Japan. Value Eq. A: -3,6
5. JPM Japan 50 Eq A (acc) – JPY: -3,8
6. JPM Japan Select Eq. A(acc)JPY: -4,5
7. Invesco Japan. Equity Core C: -4,6
8. Pictet Jap. Eq. Selection HP €: -4,8
9. UBS-ETF DJ Japan Titans 100: -5,4
10. GS Japan CORE SM EQ Pf. Acc: -5,6
Fonds: Performance seit 1.1.2005 (in %)
1. Callander Japan NewGrowth C2 €: 55,2
2. Vitruvius Japanese Equity EUR: 49,6
3. Metzler Japanese Equity: 43,5
4. UBAM-Japan Equity AC: 42,8
5. VCH Expert Japan Opportunities: 42,7
6. Invesco Japanese Equity A: 42,2
7. Callander Japan NewGrowth C1: 42,1
8. AIG Japan New Horizon Fd plc A: 40,4
9. Pictet Jap. Eq. Selection P: 39,9
10. Principal Japanese Eq. B: 39,6
Quelle: *FINANZEN FundAnalyzer, Performance auf Euro-Basis, Stand: 13.09.2006.


