Auswege aus dem Rating-Dilemma
Hat Griechenland die Bedeutung der Ratingagenturen verändert? Als die hellenische Schuldenkatastrophe vor zwei Jahren bekannt wurde, wirbelten die Ratingagenturen mit ihren Bonitätsherabstufungen die Finanzmärkte noch gehörig durcheinander. Mittlerweile könnte man meinen, dass Downgrades zum täglichen Geschäft gehören, zumindest reagieren die Märkte darauf derzeit relativ gelassen.
Allein: Fondsmanager sind bei der Zusammenstellung ihrer Portfolios nach wie vor von den Bewertungen der Ratingagenturen abhängig. Sie stellen sich vermehrt die Frage, ob das bisherige Ratingsystem nicht durch Alternativen ersetzt oder zumindest ergänzt werden kann.
Ratings spielen eine wichtige Rolle in der Finanzwelt, das ist unbestritten. Sie bestimmen beispielsweise das Anlageuniversum von Fonds und damit den Handlungsrahmen der Fondsmanager. Denn gemäß ihrer Anlagerichtlinien dürfen viele Fonds nur Wertpapiere halten, deren Rating eine bestimmte Qualität nicht unterschreitet.
Viele Spezialfondskunden geben dabei Grenzen — meist ein Investment-Grade-Rating — vor, die von Gesetzen und Richtlinien bestimmt werden, wie zum Beispiel dem Versicherungsaufsichtsgesetz (VAG) oder Konzernrichtlinien. Doch obwohl Publikumsfonds oft weniger Einschränkungen unterliegen und mehr Freiräume genießen, gelten auch hier Ratings als objektiver Qualitätsmaßstab.
Restriktionen in Form von Mindestratings engen in Phasen umfangreicher Herabstufungen den Anlagespielraum ein. In der Eurozone stehen manchen Fonds nur noch Staatsanleihen aus Deutschland, Finnland, Luxemburg und den Niederlanden zur Verfügung — Möglichkeiten zur Diversifikation gehen verloren, das Risiko im Fonds steigt. Diese Konzentration steht in krassem Gegensatz zu dem, was Regulierer und Kunden mit Blick auf Risikoreduzierung durch Streuung eigentlich gern erreicht hätten. Aus Unternehmenssicht scheinen solche Regelungen plausibel, aus Sicht des Finanzsystems sind sie häufig kontraproduktiv. Denn bei Unterschreiten kritischer Ratingniveaus werden Ratingagenturen zur höchsten Entscheidungsinstanz im Fonds, indem sie Verkäufe erzwingen, was zu erheblichen Wertminderungen der Fonds führen kann.
Positivliste als Ersatz
für das Ratingsystem
Es bieten sich aber Lösungen an, um die Rolle von Ratingagenturen als letzte Entscheidungsinstanz im Fonds zu verringern. So können Spezialfonds den Vorteil nutzen, die Anlagebedingungen zwischen Kunde und Kapitalanlagegesellschaft relativ schnell und unkompliziert zu ändern. Werden Anleihen während der Haltedauer unter die Mindestratings gestuft, lassen sich für diese Einzelfälle relativ schnell Ausnahmeregelungen vereinbaren. Doch selbst bei Kunden, die übergeordneten Vorschriften von Regulierern, Verbänden oder dem Konzern unterliegen, sind Lösungen möglich. Eine einfachere systematische Änderung wäre, die Ratinggrenzen nach unten anzupassen. Will der Kunde in diesem neuen Ratingrahmen bestimmte Risiken nicht tragen, dann lassen sich diese Risiken mit einer Negativliste ausschalten, die die betreffenden Länder, Segmente, Laufzeiten oder Emittenten enthält.
Auch der Einsatz einer Positivliste ist denkbar: Sie ersetzt dann das vorgegebene Ratingsystem. An die Stelle der Ratings treten hier explizit genannte Länder und Emittenten, deren Papiere der Fondsmanager erwerben darf. Die Positivliste erlaubt zudem, selektiv aussichtsreiche Investments aus Schwellenländern wie China oder Brasilien mit ins Anlageuniversum aufzunehmen.
Anstatt auf Ratingagenturen könnte das Fondsmanagement zum einen aber auch auf anderes vertrauenswürdiges Research zugreifen. Eine weitere Alternative könnte die Vergrößerung des Anlagespektrums unter Beibehaltung des Ratingrahmens sein: Bislang nicht berücksichtigte Segmente, Länder oder Währungen mit ihren spezifischen Risiken werden in das Anlageuniversum aufgenommen. So zeigt die sich verändernde Rolle von Ratings im Zuge der Eurokrise auch neue Wege auf, das Rendite-Risiko-Profil bei Fonds zu optimieren.
Es dürfte sich für Kunden und Investoren auszahlen, wenn Fondsmanager über einen erweiterten Handlungsrahmen wieder mehr Freiheit bei der Portfolio-Zusammenstellung erhalten.
zur Person:
Harry Schoett,
Abteilungsdirektor bei
LBBW Asset
Management
Der Autor arbeitet im Bereich Fixed Income Liquids bei der LBBW Asset Management in Stuttgart und verwaltet dort Rentenfonds.
Die LBBW Asset Management ist eine 100-prozentige Tochter der Landesbank Baden-Württemberg und übernimmt im LBBW-Konzern die zentrale Verantwortung für das institutionelle Assetmanagement. Die LBBW Asset Management gehört zu den bedeutenden Assetmanagern Deutschlands mit Spezialfonds für Institutionelle und Publikumsfonds für institutionelle und private Anleger.
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