Sind Finanzwerte wieder ein Kauf?
FBI untersucht US-Kreditbranche
An der Sicherheitsschleuse war für den Mann mit der geladenen Pistole der Marke Walther 635 Schluss. Der bewaffnete Aktionär konnte gerade noch davon abgehalten werden, die Hauptversammlung der österreichischen Ersten Bank zu betreten. Nur ein drastisches Zeichen, dass bei vielen Anlegern nach dem massiven Kurssturz der Finanzwerte in den vergangenen Monaten die Nerven blank liegen.
Und auch die Nachrichten der vergangenen Woche haben wenig zur Beruhigung beigetragen. In der Schweiz musste etwa die schwer angeschlagene UBS den Abbau von 5500 Arbeitsplätzen bekannt geben, nachdem die Bank im ersten Quartal einen Verlust infolge der Subprime-Krise von sieben Milliarden Euro eingefahren hat.
Nicht viel besser erging es dem US-Immobilienfinanzierer Fannie Mae oder der deutschen Commerzbank, die den Markt mit schlechten Quartalsergebnissen überraschten. Und als wäre es damit nicht genug, haben in den USA die Bundesbehörden unter Führung des FBI die US-Kreditbranche ins Visier genommen. Der Vorwurf: schwerer Betrug bei der Vergabe von Immobilienkrediten.
Fidelity Magellan investiert zehn Prozent in Finanzwerte
Doch Großinvestoren bleiben cool angesichts der jüngsten Katastrophenmeldungen. Längst hat ein Umdenken eingesetzt. Immer mehr Geldverwalter haben den Sektor wieder stärker im Fokus. Nach dem Motto: Gehandelt wird nicht mehr nur die grausige Gegenwart, sondern die möglichen Zukunftschancen der Branche. Ergebnis: Seit Mitte März hat sich der MSCI World Financials-Index klar besser als andere Branchenindizes entwickelt.
Es sind Profis wie Harry Lange, die die Gunst der Stunde nutzen. Der Manager des US-Fondsgiganten Fidelity Magellan hat in den vergangenen Wochen rund zehn Prozent seines knapp 40 Milliarden Dollar schweren Portfolios in Banken- und Versicherungswerte angelegt.
Lange steht keineswegs allein da. Auch American Funds, eine der größten amerikanischen Investmentfirmen hat schon zugegriffen. Und laut einer Umfrage unter den wichtigsten US-Vermögensverwaltern werden bei Finanzwerten in den kommenden Monaten die stärksten Gewinne erwartet.
Tobias Klein: "Viele Gelegenheiten, günstig zuzukaufen"
Ein ähnliches Stimmungsbild ergibt sich in Deutschland. Über ein Drittel vom Fondsanalysehaus Lipper befragter Manager hierzulande will in den kommenden drei Monaten Positionen im Finanzsektor aufbauen. "Es gibt derzeit viele Gelegenheiten, günstig zuzukaufen, die Bewertungsabschläge sind sehr undifferenziert", erklärt Tobias Klein, Manager des First Private Europa Aktien Ulm (WKN 979583). "Es wird nicht ausreichend unterschieden etwa hinsichtlich der Kapitalstärke, des Ausmaßes des erwarteten nachhaltigen Ertragsrückgangs." Gut für Investoren, die am Tiefpunkt zugelangt haben. So investierte Magellan-Manager Lange allein 400 Millionen Dollar in Papiere des Bankhauses JP Morgan Chase, das sich in der Subprime-Krise Konkurrent Bear Stearns billig einverleibte. Und selbst noch riskantere Titel wie UBS haben zuletzt zulegen können. Der Startschuss für die Rally fiel mit der Rettung von Bear Stearns durch die US-Regierung.
Nikolaus Pöhlmann, DWS: "Ein Dominoeffekt scheint ausgeschlossen"
"Seither ist den meisten klar, dass keine US-Großbank pleitegehen wird", erklärt Nikolaus Pöhlmann, Manager des DWS-Finanzwerte-Fonds (WKN 976991), der zu den Besten seiner Kategorie gehört. "Die von vielen befürchtete Systemkrise scheint damit vom Tisch, ein Dominoeffekt somit ausgeschlossen." Auch die Rettungsaktionen für die angeschlagene IKB in Deutschland und die Northern Rock in Großbritannien haben die Gemüter ebenso beruhigt wie die Notenbanken, die für mehr Liquidität im Markt gesorgt haben.
Zudem ist das Ausmaß der durch Missmanagement und Gier verursachten Verluste nun besser zu beurteilen als noch vor wenigen Monaten. "Berechnungen zufolge liegt der Abschreibungsbedarf für Banken und Versicherungen weltweit bei rund 400 Milliarden Dollar", sagt Pöhlmann. "Davon sind über 300 Milliarden schon abgeschrieben."
Warren Buffett: "Die meisten Bankverluste wurden schon längst realisiert"
Ins gleiche Horn bläst Investmentlegende Warren Buffett: "Die meisten Bankverluste wurden schon längst realisiert." Die Bank of England geht sogar noch einen Schritt weiter. Insgesamt dürften die Finanzinstitute bei Weitem nicht so starke Verluste erleiden, wie es die derzeitigen Marktpreise befürchten ließen.
Und selbst beim totgesagten Handel mit den problembeladenen Krediten gibt es erste Lebenszeichen. Selbst der Verkauf der schwer in Verruf geratenen Asset Backed Securities (ABS-Papiere) erlebt ein kleines Comeback.
Allianz, BlackRock & Co. wollen wieder ABS-Papiere kaufen
Konzerne wie die Allianz, Münchener Rück oder die Investmentgesellschaft BlackRock wollen eigenen Angaben zufolge die günstigen Preis nutzen, um massiv in den seit Monaten eingefrorenen ABS-Markt einzusteigen. Einige Experten gehen daher davon aus, dass die hohen Abschreibungen aus der Vergangenheit zu Gewinnen in der Zukunft werden können.
Die Bilanzierungsnormen zwingen die Geldhäuser, Kredite und Verbriefungen von Kreditrisiken bis auf den Wert null abzuschreiben, wenn es für diese Titel und Papiere keinen feststellbaren Marktwert gibt. "Zeitnahe Bewertung" verlangen die Vorschriften.
Reiner Back, MEAG: "Abschreibungen von heute können die Zuschreibungen von morgen sein"
Aber: "Man muss zwischen Ausfallwahrscheinlichkeit und Marktwertverlusten unterscheiden", sagt Reiner Back, Leiter Portfoliomanagement Renten und Devisen bei der MEAG, dem Vermögensverwalter der Münchener Rück. Und: "Bei einer Markterholung könnten manche Abschreibungen von heute die Zuschreibungen von morgen sein."
"Kleinere Zuschreibungen in den Portfolios der Banken und Versicherer sind daher denkbar", meint auch Tobias Klein. Nachdem die Bilanzierungsregeln nach IFRS die Kurse der Finanztitel nach unten getrieben haben, beginnt das Wiederaufleben der ABS-Märkte mit der zeitnahen Bewertung daher die Finanztitel und Börsen wieder nach oben zu treiben.
Wichtiger ist die Marktbereinigung. Professor Thomas Hartmann-Wendels, Direktor des Instituts für Bankbetriebslehre der Universität Köln, sieht genau darin die langfristig positive Folge der Bankenkrise. Institute werden übernommen oder müssen sich von Märkten zurückziehen, auf denen sie langfristig keine Erfolge erzielen können.
Hartmann-Wendels: "Wenn eine IKB daherkommt, die vom Geschäftsmodell her ein Geschäft fährt, mit dem sie nie und nimmer diese Renditen von 15 oder 20 Prozent erzielen kann, dann steigen auch noch andere in das Geschäft mit Subprime-Derivaten ein, die davon nichts verstehen. Eine SachsenLB usw."
Weitere Kreditausfälle denkbar
Damit dürfte es laut Hartmann-Wendels auf längere Zeit vorbei sein. Kein Wunder auch, dass, wie immer in Phasen von Marktbereinigungen, die Fusionsfantasien in der Branche Hochkonjunktur haben. Doch auch wenn die Großinvestoren schon auf Zuschreibung, Konsolidierung und Fusionsfantasie setzen:
Die Banken bieten noch reichlich Risikopotenzial. Und die Sorgen bei den Bankführungskräften bleiben. Von einem schnellen Ende der Finanzkrise will daher noch niemand sprechen. Hartmann-Wendels weist auf die "große Bugwelle der Zinsanpassungen bei den flexiblen Hypothekenkrediten in den USA in der Mitte des Jahres hin".
Eine Schockwelle an Kreditausfällen könne da niemand ausschließen. Damit drohten weitere milliardenschwere Abschreibungen zulasten des Eigenkapitals der Institute. Das Eigenkapitalproblem: Schossen im vergangenen Jahr noch vor allem die Staatsfonds aus Singapur und Abu-Dhabi die Milliarden zu, sind seit einigen Monaten Kapitalerhöhungen notwendig, die auf den Aktienkurs drücken.
Ohne Suprime-Exposure: Intesa Sanpaolo, ...
Auf der Wunschliste der Früheinsteiger stehen längst nicht alle Banken und Versicherungen. Die UBS etwa wird derzeit trotz des tiefen Kursverfalls kaum in das Depot gelegt. Zu unsicher die weiteren Belastungen, die auf die Schweizer Bankriesen zukommen. Erschwerend kommt hinzu, dass nun auch noch die US-Behörden gegen einen führenden Kopf der Bank wegen Beihilfe zur Steuerhinterziehung bei Privatkunden ermitteln.
Gesucht wird daher nach qualitativ hochstehenden Firmen, "deren Eigenkapital ausreichend ist und die ein solides Umsatzwachstum auf einem noch nicht gesättigten Bankenmarkt vorweisen können". Einer der Favoriten für Experten ist die italienische Großbank Intesa Sanpaolo, die eine solide Bilanz und kaum Beteiligung am Subprime-Markt vorzuweisen hat.
Vontobel, ...
Noch besser schaut es aus bei der börsennotierten Schweizer Privatbank Vontobel, die die Höhe ihrer Belastungen aus der Kreditkrise auf null beziffert. "Kein Exposure, kein Wertänderungsrisiko", lautet die Auskunft des Züricher Instituts, bei dem die Familiengesellschafter als Mehrheitseigentümer das Sagen haben.
Deshalb gibt es auch kaum Bremsspuren im Ergebnis oder Eigenkapital des Instituts mit seinen drei Geschäftsbereichen Privatkunden, Investmentbanking und Vermögensverwaltung. Trotzdem gab es Sippenhaft für Vontobel gemeinsam mit allen anderen Banken – ablesbar am Verlauf des Aktienkurses. Von riskanten ABS-Papieren lassen die Eidgenossen grundsätzlich die Finger.
"Unser konservatives und striktes Risikomanagement bewahrt uns davor, wie viele andere Häuser hohe Abschreibungen vornehmen zu müssen", sagt Vontobel-Geschäftsführer Dirk Drechsler.
Berenberg, Metzler, M.M.Warburg, ...
Ähnlich vorsichtig gehen auch die meisten deutschen Privatbanken wie Berenberg, Metzler oder das Hamburger Institut M.M. Warburg vor – nur sind die nicht börsennotiert. "Wir haben uns lange vor Ausbruch der Finanzkrise stets gegen intransparente Finanzprodukte entschieden, obwohl sie von vielen Marktteilnehmern propagiert wurden", sagt Warburg-Sprecher Martin Wehrle.
"Unabhängige, eigentümergeführte Privatbanken sehen sich Risiken genau an. Wir können und wollen uns nicht auf externe Hilfen bei der Einschätzung von Risiken verlassen. Außerdem verfolgt die Geschäftsleitung die Strategie, nur diejenigen Finanzprodukte anzurühren, die sie auch selbst versteht." Neben einem satten Gewinnanstieg konnte M.M. Warburg 2007 sein Eigenkapital kräftig aufstocken, gleichzeitig nahm die Eigenkapitalrendite von 19 auf 26 Prozent zu.
Sal. Oppenheim
Geschickt steuerte bislang auch die Kölner Privatbank Sal. Oppenheim durch die Krise. Das Geschäftsmodell ähnelt dem von Vontobel. "Die Verwerfungen an den Kapitalmärkten haben uns nur am Rande tangiert", bilanziert Matthias Graf Krockow, Sprecher der Gesellschafter. Sal. Oppenheim holt jetzt gar zum Gegenschlag aus und will unterbewertete ABS-Papiere kaufen.
Wolfgang Gerke: "Mit eigenem Geld geht man vorsichtiger um"
Von wissenschaftlicher Seite wird die These bekräftigt, dass Privatbanken in dieser Krise überlegen sind: "Die inhabergeführten Institute haben die Situation besser im Griff", sagt der Erlanger Bankexperte Wolfgang Gerke. "Mit eigenem Geld geht man vorsichtiger um. Die Eigentümer müssen jede Fehlentscheidung schmerzhaft mittragen und verfolgen schon deshalb eine strengere Risikopolitik als staatliche Institute oder Aktionärsbanken."
Anlass zur Überheblichkeit ist nicht gegeben. "Es trifft zu, dass in der gegenwärtigen Finanzkrise die eigentümergeführten Privatbanken ein besseres Bild abgeben", räumt Merck-Finck-Experte Konrad Becker ein. "Ich würde das aber nicht für alle Zeiten verallgemeinern. Es gibt auch Gegenbeispiele wie den Konkurs der Kölner Privatbank Herstatt 1974, den Beinahekonkurs der privaten SMH Bank 1983 oder jüngst den Zusammenbruch der Weserbank.
Professor Christian Koziol von der Privathochschule WHU sieht auch Privatbanken noch vor Herausforderungen: "Banken sind nicht nur über die von ihnen selbst zu verantwortenden Positionen von der Subprime-Krise negativ betroffen, sondern auch durch das schwierigere Marktumfeld. Dies kann in der Zukunft auch zu Belastungen für solche Banken führen, die sich bisher durch konservative Positionen ausgezeichnet haben."
Deutsche Banken mit Börsennotierung glänzen nicht
Bei den großen börsennotierten Bankkonzernen in Deutschland sucht man Erfolgsgeschichten bislang vergebens. Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann, noch vor drei Monaten als vermeintlicher Gewinner der Finanzkrise gefeiert, verschreckt inzwischen mit weiteren Milliardenabschreibungen und dem ersten Quartalsverlust seit fünf Jahren die Märkte. Vage erscheinen die Perspektiven auch bei Hypo Real Estate oder der Postbank die ein Auge auf die Citibank geworfen hat.
Der scheidende Commerzbank-Chef Klaus-Peter Müller verabschiedete sich gerade mit einem Gewinneinbruch um über 50 Prozent im ersten Quartal 2008. Mit Wertkorrekturen von insgesamt 1,2 Milliarden Euro bis Ende März steht die Commerzbank allerdings noch gut da – verglichen mit Konzernen wie UBS oder Citigroup.
Die DAX-Banken müssen bislang weder umfangreichen Stellenabbau noch konkrete Kapitalmaßnahmen ins Auge fassen und werden in welcher Konstellation auch immer von der Erholung des Marktes profitieren. Für Anleger die jetzt auf die Marktbereinigung und Zuschreibungen setzen wollen, gibt es allerdings weniger riskante Einstiege als die Dax Kandidaten. Wer per Fonds auf den Finanzsektor als ganzes setzt, kann dann auch darauf verzichten, mit geladener Pistole auf einer Hauptversammlung verhaltensauffällig zu werden.
Finanzwerte-Fonds
DWS Finanzwerte: Bester seiner Gruppe
Der global anlegende DWS-Finanzwerte (WKN 976991), gehört über einen Zeitraum von fünf Jahren mit einem Plus in Höhe von 74 Prozent zu den besten Portfolios seiner Klasse. Manager Nikolaus Pöhlmann setzt derzeit stark auf Finanzwerte wie Intesa Sanpaolo oder Skandinaviska Enskilda Banken, die weniger stark oder überhaupt nicht von der Subprime-Krise direkt betroffen sind. Neben Banken setzt Pöhlmann auch stark auf Versicherungsaktien.
iShares DJ STOXX Financial Services ETF: Der Preisbrecher
Wer den europäischen Finanzsektor als Ganzes in seinem Depot haben will, sollte auf den iShares Dow Jones STOXX 600 Financial Services (WKN 634477) setzen. Der börsennotierte Indexfonds (ETF) enthält die wichtigsten Finanzdienstleistungsunternehmen Europas nach ihrer Marktkapitalisierung gewichtet. Großer Vorteil gegenüber aktiv gemanagten Fonds: Der Ausgabeaufschlag entfällt, die Jahresgebühren sind vergleichsweise niedrig.
Finanzwerte-Fonds (Auswahl)
Performance 1 Jahr (in %)
1. DWS Finanzwerte: -22.6
2. Fidelity Financial Services A€: -23.9
3. iShares DJ ST. 600 Fin. Serv. ETF: -25.1
4. streetTracks MSCI Eur. Financials: -26.0
5. FORTIS Equity Finance Europe C: -26.9
€uro-FondsNote
1. DWS Finanzwerte: 1
2. Fidelity Financial Services A€: 1
3. FORTIS Equity Finance Europe C: 1
4. streetTracks MSCI Eur. Financials: 1
5. iShares DJ ST. 600 Fin. Serv. ETF:
WKN
1. DWS Finanzwerte: 976991
2. Fidelity Financial Services A€: 941116
3. FORTIS Equity Finance Europe C: 723724
4. iShares DJ ST. 600 Fin. Serv. ETF: 634477
5. streetTracks MSCI Eur. Financials: 550881
Quelle: €uro am Sonntag. Quelle Fondsdaten: FINANZEN FundAnalyzer, Performance auf Euro-Basis, Stand: 30.04.2008.
An der Sicherheitsschleuse war für den Mann mit der geladenen Pistole der Marke Walther 635 Schluss. Der bewaffnete Aktionär konnte gerade noch davon abgehalten werden, die Hauptversammlung der österreichischen Ersten Bank zu betreten. Nur ein drastisches Zeichen, dass bei vielen Anlegern nach dem massiven Kurssturz der Finanzwerte in den vergangenen Monaten die Nerven blank liegen.
Und auch die Nachrichten der vergangenen Woche haben wenig zur Beruhigung beigetragen. In der Schweiz musste etwa die schwer angeschlagene UBS den Abbau von 5500 Arbeitsplätzen bekannt geben, nachdem die Bank im ersten Quartal einen Verlust infolge der Subprime-Krise von sieben Milliarden Euro eingefahren hat.
Nicht viel besser erging es dem US-Immobilienfinanzierer Fannie Mae oder der deutschen Commerzbank, die den Markt mit schlechten Quartalsergebnissen überraschten. Und als wäre es damit nicht genug, haben in den USA die Bundesbehörden unter Führung des FBI die US-Kreditbranche ins Visier genommen. Der Vorwurf: schwerer Betrug bei der Vergabe von Immobilienkrediten.
Fidelity Magellan investiert zehn Prozent in Finanzwerte
Doch Großinvestoren bleiben cool angesichts der jüngsten Katastrophenmeldungen. Längst hat ein Umdenken eingesetzt. Immer mehr Geldverwalter haben den Sektor wieder stärker im Fokus. Nach dem Motto: Gehandelt wird nicht mehr nur die grausige Gegenwart, sondern die möglichen Zukunftschancen der Branche. Ergebnis: Seit Mitte März hat sich der MSCI World Financials-Index klar besser als andere Branchenindizes entwickelt.
Es sind Profis wie Harry Lange, die die Gunst der Stunde nutzen. Der Manager des US-Fondsgiganten Fidelity Magellan hat in den vergangenen Wochen rund zehn Prozent seines knapp 40 Milliarden Dollar schweren Portfolios in Banken- und Versicherungswerte angelegt.
Lange steht keineswegs allein da. Auch American Funds, eine der größten amerikanischen Investmentfirmen hat schon zugegriffen. Und laut einer Umfrage unter den wichtigsten US-Vermögensverwaltern werden bei Finanzwerten in den kommenden Monaten die stärksten Gewinne erwartet.
Tobias Klein: "Viele Gelegenheiten, günstig zuzukaufen"
Ein ähnliches Stimmungsbild ergibt sich in Deutschland. Über ein Drittel vom Fondsanalysehaus Lipper befragter Manager hierzulande will in den kommenden drei Monaten Positionen im Finanzsektor aufbauen. "Es gibt derzeit viele Gelegenheiten, günstig zuzukaufen, die Bewertungsabschläge sind sehr undifferenziert", erklärt Tobias Klein, Manager des First Private Europa Aktien Ulm (WKN 979583). "Es wird nicht ausreichend unterschieden etwa hinsichtlich der Kapitalstärke, des Ausmaßes des erwarteten nachhaltigen Ertragsrückgangs." Gut für Investoren, die am Tiefpunkt zugelangt haben. So investierte Magellan-Manager Lange allein 400 Millionen Dollar in Papiere des Bankhauses JP Morgan Chase, das sich in der Subprime-Krise Konkurrent Bear Stearns billig einverleibte. Und selbst noch riskantere Titel wie UBS haben zuletzt zulegen können. Der Startschuss für die Rally fiel mit der Rettung von Bear Stearns durch die US-Regierung.
Nikolaus Pöhlmann, DWS: "Ein Dominoeffekt scheint ausgeschlossen"
"Seither ist den meisten klar, dass keine US-Großbank pleitegehen wird", erklärt Nikolaus Pöhlmann, Manager des DWS-Finanzwerte-Fonds (WKN 976991), der zu den Besten seiner Kategorie gehört. "Die von vielen befürchtete Systemkrise scheint damit vom Tisch, ein Dominoeffekt somit ausgeschlossen." Auch die Rettungsaktionen für die angeschlagene IKB in Deutschland und die Northern Rock in Großbritannien haben die Gemüter ebenso beruhigt wie die Notenbanken, die für mehr Liquidität im Markt gesorgt haben.
Zudem ist das Ausmaß der durch Missmanagement und Gier verursachten Verluste nun besser zu beurteilen als noch vor wenigen Monaten. "Berechnungen zufolge liegt der Abschreibungsbedarf für Banken und Versicherungen weltweit bei rund 400 Milliarden Dollar", sagt Pöhlmann. "Davon sind über 300 Milliarden schon abgeschrieben."
Warren Buffett: "Die meisten Bankverluste wurden schon längst realisiert"
Ins gleiche Horn bläst Investmentlegende Warren Buffett: "Die meisten Bankverluste wurden schon längst realisiert." Die Bank of England geht sogar noch einen Schritt weiter. Insgesamt dürften die Finanzinstitute bei Weitem nicht so starke Verluste erleiden, wie es die derzeitigen Marktpreise befürchten ließen.
Und selbst beim totgesagten Handel mit den problembeladenen Krediten gibt es erste Lebenszeichen. Selbst der Verkauf der schwer in Verruf geratenen Asset Backed Securities (ABS-Papiere) erlebt ein kleines Comeback.
Allianz, BlackRock & Co. wollen wieder ABS-Papiere kaufen
Konzerne wie die Allianz, Münchener Rück oder die Investmentgesellschaft BlackRock wollen eigenen Angaben zufolge die günstigen Preis nutzen, um massiv in den seit Monaten eingefrorenen ABS-Markt einzusteigen. Einige Experten gehen daher davon aus, dass die hohen Abschreibungen aus der Vergangenheit zu Gewinnen in der Zukunft werden können.
Die Bilanzierungsnormen zwingen die Geldhäuser, Kredite und Verbriefungen von Kreditrisiken bis auf den Wert null abzuschreiben, wenn es für diese Titel und Papiere keinen feststellbaren Marktwert gibt. "Zeitnahe Bewertung" verlangen die Vorschriften.
Reiner Back, MEAG: "Abschreibungen von heute können die Zuschreibungen von morgen sein"
Aber: "Man muss zwischen Ausfallwahrscheinlichkeit und Marktwertverlusten unterscheiden", sagt Reiner Back, Leiter Portfoliomanagement Renten und Devisen bei der MEAG, dem Vermögensverwalter der Münchener Rück. Und: "Bei einer Markterholung könnten manche Abschreibungen von heute die Zuschreibungen von morgen sein."
"Kleinere Zuschreibungen in den Portfolios der Banken und Versicherer sind daher denkbar", meint auch Tobias Klein. Nachdem die Bilanzierungsregeln nach IFRS die Kurse der Finanztitel nach unten getrieben haben, beginnt das Wiederaufleben der ABS-Märkte mit der zeitnahen Bewertung daher die Finanztitel und Börsen wieder nach oben zu treiben.
Wichtiger ist die Marktbereinigung. Professor Thomas Hartmann-Wendels, Direktor des Instituts für Bankbetriebslehre der Universität Köln, sieht genau darin die langfristig positive Folge der Bankenkrise. Institute werden übernommen oder müssen sich von Märkten zurückziehen, auf denen sie langfristig keine Erfolge erzielen können.
Hartmann-Wendels: "Wenn eine IKB daherkommt, die vom Geschäftsmodell her ein Geschäft fährt, mit dem sie nie und nimmer diese Renditen von 15 oder 20 Prozent erzielen kann, dann steigen auch noch andere in das Geschäft mit Subprime-Derivaten ein, die davon nichts verstehen. Eine SachsenLB usw."
Weitere Kreditausfälle denkbar
Damit dürfte es laut Hartmann-Wendels auf längere Zeit vorbei sein. Kein Wunder auch, dass, wie immer in Phasen von Marktbereinigungen, die Fusionsfantasien in der Branche Hochkonjunktur haben. Doch auch wenn die Großinvestoren schon auf Zuschreibung, Konsolidierung und Fusionsfantasie setzen:
Die Banken bieten noch reichlich Risikopotenzial. Und die Sorgen bei den Bankführungskräften bleiben. Von einem schnellen Ende der Finanzkrise will daher noch niemand sprechen. Hartmann-Wendels weist auf die "große Bugwelle der Zinsanpassungen bei den flexiblen Hypothekenkrediten in den USA in der Mitte des Jahres hin".
Eine Schockwelle an Kreditausfällen könne da niemand ausschließen. Damit drohten weitere milliardenschwere Abschreibungen zulasten des Eigenkapitals der Institute. Das Eigenkapitalproblem: Schossen im vergangenen Jahr noch vor allem die Staatsfonds aus Singapur und Abu-Dhabi die Milliarden zu, sind seit einigen Monaten Kapitalerhöhungen notwendig, die auf den Aktienkurs drücken.
Ohne Suprime-Exposure: Intesa Sanpaolo, ...
Auf der Wunschliste der Früheinsteiger stehen längst nicht alle Banken und Versicherungen. Die UBS etwa wird derzeit trotz des tiefen Kursverfalls kaum in das Depot gelegt. Zu unsicher die weiteren Belastungen, die auf die Schweizer Bankriesen zukommen. Erschwerend kommt hinzu, dass nun auch noch die US-Behörden gegen einen führenden Kopf der Bank wegen Beihilfe zur Steuerhinterziehung bei Privatkunden ermitteln.
Gesucht wird daher nach qualitativ hochstehenden Firmen, "deren Eigenkapital ausreichend ist und die ein solides Umsatzwachstum auf einem noch nicht gesättigten Bankenmarkt vorweisen können". Einer der Favoriten für Experten ist die italienische Großbank Intesa Sanpaolo, die eine solide Bilanz und kaum Beteiligung am Subprime-Markt vorzuweisen hat.
Vontobel, ...
Noch besser schaut es aus bei der börsennotierten Schweizer Privatbank Vontobel, die die Höhe ihrer Belastungen aus der Kreditkrise auf null beziffert. "Kein Exposure, kein Wertänderungsrisiko", lautet die Auskunft des Züricher Instituts, bei dem die Familiengesellschafter als Mehrheitseigentümer das Sagen haben.
Deshalb gibt es auch kaum Bremsspuren im Ergebnis oder Eigenkapital des Instituts mit seinen drei Geschäftsbereichen Privatkunden, Investmentbanking und Vermögensverwaltung. Trotzdem gab es Sippenhaft für Vontobel gemeinsam mit allen anderen Banken – ablesbar am Verlauf des Aktienkurses. Von riskanten ABS-Papieren lassen die Eidgenossen grundsätzlich die Finger.
"Unser konservatives und striktes Risikomanagement bewahrt uns davor, wie viele andere Häuser hohe Abschreibungen vornehmen zu müssen", sagt Vontobel-Geschäftsführer Dirk Drechsler.
Berenberg, Metzler, M.M.Warburg, ...
Ähnlich vorsichtig gehen auch die meisten deutschen Privatbanken wie Berenberg, Metzler oder das Hamburger Institut M.M. Warburg vor – nur sind die nicht börsennotiert. "Wir haben uns lange vor Ausbruch der Finanzkrise stets gegen intransparente Finanzprodukte entschieden, obwohl sie von vielen Marktteilnehmern propagiert wurden", sagt Warburg-Sprecher Martin Wehrle.
"Unabhängige, eigentümergeführte Privatbanken sehen sich Risiken genau an. Wir können und wollen uns nicht auf externe Hilfen bei der Einschätzung von Risiken verlassen. Außerdem verfolgt die Geschäftsleitung die Strategie, nur diejenigen Finanzprodukte anzurühren, die sie auch selbst versteht." Neben einem satten Gewinnanstieg konnte M.M. Warburg 2007 sein Eigenkapital kräftig aufstocken, gleichzeitig nahm die Eigenkapitalrendite von 19 auf 26 Prozent zu.
Sal. Oppenheim
Geschickt steuerte bislang auch die Kölner Privatbank Sal. Oppenheim durch die Krise. Das Geschäftsmodell ähnelt dem von Vontobel. "Die Verwerfungen an den Kapitalmärkten haben uns nur am Rande tangiert", bilanziert Matthias Graf Krockow, Sprecher der Gesellschafter. Sal. Oppenheim holt jetzt gar zum Gegenschlag aus und will unterbewertete ABS-Papiere kaufen.
Wolfgang Gerke: "Mit eigenem Geld geht man vorsichtiger um"
Von wissenschaftlicher Seite wird die These bekräftigt, dass Privatbanken in dieser Krise überlegen sind: "Die inhabergeführten Institute haben die Situation besser im Griff", sagt der Erlanger Bankexperte Wolfgang Gerke. "Mit eigenem Geld geht man vorsichtiger um. Die Eigentümer müssen jede Fehlentscheidung schmerzhaft mittragen und verfolgen schon deshalb eine strengere Risikopolitik als staatliche Institute oder Aktionärsbanken."
Anlass zur Überheblichkeit ist nicht gegeben. "Es trifft zu, dass in der gegenwärtigen Finanzkrise die eigentümergeführten Privatbanken ein besseres Bild abgeben", räumt Merck-Finck-Experte Konrad Becker ein. "Ich würde das aber nicht für alle Zeiten verallgemeinern. Es gibt auch Gegenbeispiele wie den Konkurs der Kölner Privatbank Herstatt 1974, den Beinahekonkurs der privaten SMH Bank 1983 oder jüngst den Zusammenbruch der Weserbank.
Professor Christian Koziol von der Privathochschule WHU sieht auch Privatbanken noch vor Herausforderungen: "Banken sind nicht nur über die von ihnen selbst zu verantwortenden Positionen von der Subprime-Krise negativ betroffen, sondern auch durch das schwierigere Marktumfeld. Dies kann in der Zukunft auch zu Belastungen für solche Banken führen, die sich bisher durch konservative Positionen ausgezeichnet haben."
Deutsche Banken mit Börsennotierung glänzen nicht
Bei den großen börsennotierten Bankkonzernen in Deutschland sucht man Erfolgsgeschichten bislang vergebens. Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann, noch vor drei Monaten als vermeintlicher Gewinner der Finanzkrise gefeiert, verschreckt inzwischen mit weiteren Milliardenabschreibungen und dem ersten Quartalsverlust seit fünf Jahren die Märkte. Vage erscheinen die Perspektiven auch bei Hypo Real Estate oder der Postbank die ein Auge auf die Citibank geworfen hat.
Der scheidende Commerzbank-Chef Klaus-Peter Müller verabschiedete sich gerade mit einem Gewinneinbruch um über 50 Prozent im ersten Quartal 2008. Mit Wertkorrekturen von insgesamt 1,2 Milliarden Euro bis Ende März steht die Commerzbank allerdings noch gut da – verglichen mit Konzernen wie UBS oder Citigroup.
Die DAX-Banken müssen bislang weder umfangreichen Stellenabbau noch konkrete Kapitalmaßnahmen ins Auge fassen und werden in welcher Konstellation auch immer von der Erholung des Marktes profitieren. Für Anleger die jetzt auf die Marktbereinigung und Zuschreibungen setzen wollen, gibt es allerdings weniger riskante Einstiege als die Dax Kandidaten. Wer per Fonds auf den Finanzsektor als ganzes setzt, kann dann auch darauf verzichten, mit geladener Pistole auf einer Hauptversammlung verhaltensauffällig zu werden.
Finanzwerte-Fonds
DWS Finanzwerte: Bester seiner Gruppe
Der global anlegende DWS-Finanzwerte (WKN 976991), gehört über einen Zeitraum von fünf Jahren mit einem Plus in Höhe von 74 Prozent zu den besten Portfolios seiner Klasse. Manager Nikolaus Pöhlmann setzt derzeit stark auf Finanzwerte wie Intesa Sanpaolo oder Skandinaviska Enskilda Banken, die weniger stark oder überhaupt nicht von der Subprime-Krise direkt betroffen sind. Neben Banken setzt Pöhlmann auch stark auf Versicherungsaktien.
iShares DJ STOXX Financial Services ETF: Der Preisbrecher
Wer den europäischen Finanzsektor als Ganzes in seinem Depot haben will, sollte auf den iShares Dow Jones STOXX 600 Financial Services (WKN 634477) setzen. Der börsennotierte Indexfonds (ETF) enthält die wichtigsten Finanzdienstleistungsunternehmen Europas nach ihrer Marktkapitalisierung gewichtet. Großer Vorteil gegenüber aktiv gemanagten Fonds: Der Ausgabeaufschlag entfällt, die Jahresgebühren sind vergleichsweise niedrig.
Finanzwerte-Fonds (Auswahl)
Performance 1 Jahr (in %)
1. DWS Finanzwerte: -22.6
2. Fidelity Financial Services A€: -23.9
3. iShares DJ ST. 600 Fin. Serv. ETF: -25.1
4. streetTracks MSCI Eur. Financials: -26.0
5. FORTIS Equity Finance Europe C: -26.9
€uro-FondsNote
1. DWS Finanzwerte: 1
2. Fidelity Financial Services A€: 1
3. FORTIS Equity Finance Europe C: 1
4. streetTracks MSCI Eur. Financials: 1
5. iShares DJ ST. 600 Fin. Serv. ETF:
WKN
1. DWS Finanzwerte: 976991
2. Fidelity Financial Services A€: 941116
3. FORTIS Equity Finance Europe C: 723724
4. iShares DJ ST. 600 Fin. Serv. ETF: 634477
5. streetTracks MSCI Eur. Financials: 550881
Quelle: €uro am Sonntag. Quelle Fondsdaten: FINANZEN FundAnalyzer, Performance auf Euro-Basis, Stand: 30.04.2008.


