08.11.2005 15:15
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Thomas Steinemann, Vontobel: "Buy and hold reicht nicht mehr aus"

In den letzten 20 Jahren konnte man mit Aktien und Anleihen hohe einstellige Renditen verdienen. Diese Zeiten sind vorbei, glaubt Thomas Steinemann, Chefstratege bei Vontobel. FundResearch fragte ihn, womit Anleger zukünftig rechnen müssen.
"Die deutschen Unternehmen stehen exzellent da"

FundResearch: Herr Steinemann, die deutsche Wirtschaft wächst kaum noch, dennoch mögen viele Anlagestrategen deutsche Aktien. Warum?

Steinemann: Die deutschen Unternehmen stehen exzellent da. Sie haben restrukturiert und ihre Kosten unter Kontrolle gebracht. Daher steigen ihre Gewinne.

FundResearch: Wo sehen Sie in Deutschland noch Defizite?

Steinemann: Die deutsche Wirtschaft ist geprägt von einem schwachen privaten Konsum und einer hohen Sparquote, da ähneln die Deutschen den Japanern. Die Angelsachsen geben ihr Geld dagegen aus und machen dafür auch Schulden. Da der Konsum rund zwei Drittel der wirtschaftlichen Leistung ausmacht, hat Deutschland geringere Wachstumsraten als die USA und Großbritannien.

"Die USA sind nicht dem Untergang geweiht"

FundResearch: Der hohe Konsum in den USA basiert aber auf einem Immobilienboom, der bald enden könnte.

Steinemann: Die USA sind gleichwohl nicht dem Untergang geweiht. Das Land hat eine dynamische Volkswirtschaft und ist damit sehr anpassungsfähig. Deshalb wird die US-Wirtschaft immer dominant bleiben.
FundResearch: Aber China holt auf.

Steinemann: China hat ein hohes Wirtschaftswachstum. Das bedeutet aber nicht automatisch, daß die Aktienkurse stark steigen.

FundResearch: Aber China fragt immer mehr Öl nach, was dessen Preis in die Höhe treibt. Müssen wir zukünftig mit hohen Inflationsraten leben?

Steinemann: Der hohe Ölpreis ist ein langfristiges Phänomen. Dennoch zeigt die Inflation nur geringe Ölspuren. Heute geben Haushalte und Unternehmen anteilig weniger für Energie aus als in den 70er Jahren. Zugleich sinken die Zuwachsraten für die Kerninflation ohne Nahrungsmittel und Energie. Die niedrige Inflation hat wiederum dazu geführt, daß die Zinsen auf extrem tiefe Niveaus gesunken sind.

"Anleger müssen ihre langfristigen Rendite-Erwartungen zurückschrauben"

FundResearch: Sind die niedrigen Zinsen also von Dauer?

Steinemann: Solche Extremsituationen sollten einen stutzig machen. Auch Argumente wie "diesmal ist alles anders" sind mit Vorsicht zu genießen. Wir glauben, daß die Anleihe-Zinsen übertrieben niedrig sind und deshalb leicht steigen werden, wenn auch nicht dramatisch.

FundResearch: Wie attraktiv sind Aktien?

Steinemann: Zurzeit notieren Aktien 20 bis 35 Prozent unter den Höchstständen von 2000. Die Gewinne pro Aktie sind heute jedoch höher als damals. Das heißt nicht, daß Aktien wieder auf die Niveaus von 2000 steigen. Das Resultat sind aber attraktive KGVs. In Europa und Deutschland haben wir etwa so niedrige KGVs wie in der frühen 90er Jahren. Dennoch müssen Anleger ihre langfristigen Rendite-Erwartungen zurückschrauben.

"Zukünftig sind aktivere Anlagekonzepte gefragt als Buy and Hold"

FundResearch: Inwiefern?

Steinemann: Über die letzten 20 Jahre konnte man mit einem passiven Portfolio aus 40 Prozent Aktien und 60 Prozent Anleihen pro Jahr rund neun Prozent verdienen. Grund waren die anhaltend fallenden Zinsen. Zudem sind die Aktienkurse im Vergleich zu den Gewinnen sehr stark gestiegen. Solche 20-Jahres-Zyklen sind typisch, aber diese Phase endet nun.

FundResearch: Was bedeutet das konkret?

Steinemann: Wir erwarten, daß eine Buy and Hold-Strategie mit 40 Prozent Aktien und 60 Prozent Anleihen in den kommenden Jahren nur noch drei bis vier Prozent Rendite bringt. Zudem werden die Differenzen zwischen den Märkten größer. Während US-Aktien 2005 kaum Erträge brachten, konnte man mit deutschen und japanischen Aktien zweistellige Renditen erzielen. Noch größer sind die Unterschiede zwischen den Sektoren, wo Energie und Rohstoffe weit vorn liegen. Daher sind zukünftig andere und aktivere Anlagekonzepte gefragt.

"Wir offerieren unseren Bankkunden eine "Dynamic Asset Class Rotation""

FundResearch: Welche Konzepte hat Vontobel in der Schublade?

Steinemann: Seit fast drei Jahren bieten wir unseren Bankkunden unter anderem die "Dynamic Asset Class Rotation" an. Dahinter verbirgt sich eine flexible Investmentstrategie, die für jedes Marktumfeld taugt. Denn Anleger wollen keine relative Outperformance gegenüber einer Benchmark erzielen, wenn sie auf absoluter Basis Verluste machen.

FundResearch: Müssen Sie also nur schneller agieren als bisher?

Steinemann: Nicht zwangsläufig. Sonst laufen wir Gefahr, das Sprichwort zu bestätigen: "Hin und her macht Taschen leer". Wir müssen jedoch selektiver werden.

"Wir erzielen Aktienrenditen bei einer Volatilität von Anleihen"

FundResearch: Was bedeutet das genau?

Steinemann: Wir verstehen uns nicht als Single-Asset-Manager, sondern als Konzept-Manager. Wir orientieren uns deshalb nicht an einer Benchmark, sondern wir suchen die ertragreichsten Anlage-Klassen, die zueinander eine tiefe Korrelation aufweisen. Dabei haben wir große Bandbreiten und können Anlage-Klassen ganz meiden.

FundResearch: Wie fällt Ihre Bilanz bisher aus?

Steinemann: Seit Anfang 2003 haben wir mit der "Dynamic Asset Class Rotation" nach Kosten eine annualisierte Rendite von 9,7 Prozent erzielt, und das bei einer niedrigen Volatilität von fünf Prozent. Das entspricht einer Aktienrendite bei einer Volatilität von Anleihen.



Im Profil: Dr. Thomas Steinemann

Thomas Steinemann arbeitet seit August 2000 als Chefstratege und Mitglied der Geschäftsleitung von Vontobel Asset Management. Zuvor leitete der Schweizer die "Finanzmarktanalyse und Anlagepolitik" der Credit Suisse Group. 1992 promovierte Steinemann an der Universität Zürich über die Europäische Währungsunion.
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