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28.08.2007 11:44

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Thorsten Polleit, Barclays Capital: "Sinkende Zinsen wären schlimmer als ein Abflauen der Konjunktur"


Thorsten Polleit ist einer der schärfsten Kritiker der Notenbanken und ihrer Zinspolitik. Im Interview mit FundResearch spricht der Chefvolkswirt von Barclays Capital Deutschland über Gold, Hyperinflation und die Langfrist-Chancen von Aktien.

"Es sollte mit dem sozialistischen Tabu gebrochen werden, dass Banken nicht bankrottgehen dürfen"

FundResearch: Niedrige Zinsen, billige Hypotheken, stark steigende Häuserpreise und jetzt der Einbruch am Hypothekenmarkt. Sind die Zentralbanken der Ausgangspunkt der Krise?

Thorsten Polleit: Es steht außer Frage, dass die Zentralbanken die aktuelle Kreditkrise durch ihre jahrelange Niedrigzinspolitik verursacht haben. Die damit verbundene drastische Ausweitung des Kredit- und Geldangebots hat für Inflation gesorgt – weniger für Inflation der Konsumentenpreise, sondern vielmehr Inflation der Vermögenspreise: bei Aktienkursen, Häuser- und Grundstückspreisen, bei nicht börsengelisteten Unternehmen, Kredittiteln etc. Die Politik des niedrigen Zinses hat natürlich auch die Risikospekulation angeheizt.

FundResearch: Welche Folgen wird das Ausscheiden von Hypothekenbanken, bestimmten Hedgefonds auf den Banken- beziehungsweise Finanzsektor haben?

Polleit: Es sollte mit dem sozialistischen Tabu gebrochen werden, dass Banken nicht bankrottgehen dürfen. Ein Marktaustritt von einigen Finanzinstituten dürfte das Risikobewusstsein aller Beteiligten schärfen und künftigen Krisenentwicklungen entgegenwirken.

"Die Ausweitung des Kreditangebots führt unweigerlich in die Überschuldung und die in Hyperinflation"

FundResearch: Derzeit wird eine Ansteckungskette über den Kreditmarkt auf die Realwirtschaft diskutiert, etwa über eine Verteuerung von Krediten. Sehen Sie diese Gefahr auch?

Polleit: Ja, die Geschehnisse im monetären Sektor dürften früher oder später auf die Realwirtschaft durchschlagen. Dies erscheint umso wahrscheinlicher, weil der Boom der letzten Jahre von einem bislang nicht enden wollenden Kredit- und Geldstrom angefeuert wurde. Versiegt Letzterer, schwächt sich auch die Konjunktur unweigerlich ab. Doch ein Abflauen der Konjunktur wäre ein notwendiger Anpassungsprozess – weg von einem inflationären Kredit- und Geldmengenwachstum und damit Inflationsregime hin zu einem nachhaltigen und soliden Geldsystem.

FundResearch: Die mittelfristigen realwirtschaftlichen globalen Aussichten sind bisher solide bis sehr gut. Was ist das größte Risiko? Ein Problem bei einem großen Institut?

Polleit: Weitere Hiobsbotschaften haben sicherlich das Potenzial, den Kredit- und Geldangebotsprozess weiter zu erschüttern und negativ auf die Konjunktur durchzuschlagen. Das größte Risiko ist derzeit im Grund nicht ein mögliches Eintrüben der Konjunktur, sondern vielmehr das Fortführen der bisherigen geldpolitischen Praxis. Denn das weitere Ausweiten des Kredit- und Geldmengenangebots mit Raten, die die volkswirtschaftlichen Einkommenszuwächse übersteigen, führt die Volkswirtschaften unweigerlich in die Überschuldung und damit in eine dramatische Krise, die in (Hyper-) Inflation enden wird.

"Im staatlichen Papiergeldstandard ist Inflation die größte Gefahr für das Geldvermögen"

FundResearch: Wie sieht eine Diversifikation nach Assetklassen unter der gegenwärtigen Unsicherheit aus?

Polleit: Es kommt vor allem auf das Timing an. Vermutlich wird das Fortsetzen der Kreditkrise zunächst Deflationserwartungen aufkeimen lassen. Weiter fallende Vermögenspreise – insbesondere die der Aktien und Kredittitel – wären die Folge. Während einer solchen Phase ist die Kassenhaltung ratsam. Früher oder später ist zu erwarten, dass die Notenbanken, sollten Produktions- und Beschäftigungsgewinne deutlich nachlassen, die Zinsen senken werden und so das Kredit- und Geldmengenangebot noch weiter ausweiten. Inflation wird die Folge sein. Spätestens dann heißt es, Geldhaltung und festverzinsliche Papiere zu meiden. Aktien und Edelmetalle, insbesondere Gold, erscheinen in solchen Phasen attraktiv. Anleger sollten beachten: Im staatlichen Papiergeldstandard ist und bleibt Inflation die größte Gefahr für das Geldvermögen.

FundResearch: Was können die Zentralbanken jetzt falsch machen?

Polleit: Zinsen senken.



Weitere Infos: www.ecb-observer.com/docs/44_polleit.html

Kommentare zu diesem Artikel

Michael Basler schrieb:
15.09.2009 16:25:31

Bravo, der erste Mann in Europa, der die Situation so ausspricht, wie sie ist. Leider wird auch er unser schlimmes Ende nicht verhindern können.

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