18.04.2013 11:30
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Schwellenländer-Fonds: Aussicht auf reiche Ernte

Zum Weltfondstag
Morgen, am 19. April, ist Weltfondstag. Da sich Privatanleger nicht auf der ganzen Welt auskennen können, sind Investmentfonds das richtige Rezept für Schwellenländer-Anlagen
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von Jörg Billina, Euro Magazin

In Südeuropa geht die Angst um. Zyprer und Griechen befürchten, dass ihren Ländern eine lange und heftige Rezession droht, ihre Wirtschaftskraft gar auf das Niveau eines Dritte-Welt-Landes absinkt.

Dritte Welt — dieser heute umstrittene Begriff wurde vor vierzig Jahren auf viele Staaten Lateinamerikas, Asiens und Afrikas angewandt. Im Vergleich zu den Industriestaaten — Erste Welt — und Osteuropa — Zweite Welt — galten sie als wirtschaftlich unterentwickelt. Relevante Kennzahlen zu Pro-Kopf-Einkommen, Lebenserwartung, Bildungsmöglichkeiten, Gesundheitssystem oder Industrialisierungsgrad fielen seinerzeit wesentlich schlechter aus. Auch hatten die Staaten mit enormen sozialen und politischen Problemen zu kämpfen. Kaum ein Finanzinvestor interessierte sich denn auch für diese Länder.

Heute ist das anders. Die Länder holen gegenüber den Industriestaaten auf — und Milliarden an Anlagegeldern fließen an die Börsen der einstigen Armenhäuser der Welt. Meist sind es institutionelle Investoren, die sich engagieren. Zu ihnen zählen auch Pensionskassen, die meist recht konservativ anlegen.

Doch auch Privatanlxceger können einsteigen. Da kaum ein Privatinvestor über spezifische Länder- und Unternehmenskenntnisse verfügt, sind Publikumsfonds für diese Märkte ein probates Mittel, um langfristig von der Aufholjagd zu profitieren. Denn deren Manager bringen die notwendige Expertise mit.

Wie und wo die Fonds anlegen, welche Risiken damit verbunden sind, darüber informieren die Investmentgesellschaften und Banken anlässlich des am 19. April stattfindenden Weltfondstags. Finanzexperten werden dann mehr als 200 Schulen besuchen. Da die Jugend für Themen wie Schwellenländer besonders empfänglich ist, werden sicher auch Emerging-Markets-Fonds diskutiert.

Dank marktwirtschaftlicher Reformen, weitgehend unabhängiger Notenbanken und zunehmender politischer Stabilität erzielen Asien, Afrika und Lateinamerika höhere Wachstumsraten als die Industriestaaten. Während Deutschlands Bruttoinlandsprodukt in den vergangenen zehn Jahren im Schnitt jährlich um 1,1 Prozent wuchs, meldete Indien 7,5 Prozent. Mit zehn Prozent entwickelte sich China noch stärker.

Aufschwung. „Das Reich der Mitte schafft jedes Jahr ein neues Spanien“, sagt Jim O’Neill. Der Schwellenländerexperte von Goldman Sachs erkannte vor elf Jahren die Dynamik der beiden großen asiatischen Staaten und die sich daraus ergebenden Anlagechancen. Auch Russland und Brasilien unterstellte O’Neill enormes Potenzial. Die vier Staaten fasste er unter dem Kürzel BRIC zusammen. Er ist sicher: Das Quartett wird immer mehr zum eigentlichen Treiber der Weltwirtschaft.

„Die Gewichte in der globalen Ökonomie werden sich weiter deutlich zu ihren Gunsten verschieben“, heißt es auch in einer Studie der Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft PricewaterhouseCoopers (PwC). China werde die USA voraussichtlich bereits 2030 als größte Volkswirtschaft der Welt ablösen. Indien dürfte nach Ansicht von PwC spätestens 2050 auf Augenhöhe mit der US-Wirtschaft sein. Für Europa fallen die Prognosen dagegen nicht rosig aus: Die Länder müssen einen kräftigen Bedeutungsverlust hinnehmen. Allein Deutschland und Frankreich würden in 37 Jahren noch zu den Top Ten der Wirtschaftsnationen zählen. „Der fiskalische Spielraum ist drastisch geschrumpft. Anders als in der Vergangenheit können die westlichen Regierungen kaum noch Nachfrageimpulse setzen“, so PwC-Vorstandssprecher Norbert Winkeljohahn.

Von der Wirtschaftsentwicklung profitiert auch die Bevölkerung der BRIC-Staaten: Die Löhne steigen, und immer mehr Menschen können der Armut entfliehen. 120 Millionen von insgesamt 190 Millionen Brasilianern gehören mittlerweile der Mittelschicht an. Zu dieser werden Familien gezählt, die über ein monatliches Einkommen von umgerechnet mindestens 410 Euro verfügen. Weitere 36 Millionen Menschen können bis 2014 den sozialen Aufstieg schaffen, schätzt das Forschungsinstitut Fundação Getulio Vargas. Die Konsumfreude der Mittelschicht sorgt für ein selbsttragendes Wachstum und verringert so die Abhängigkeit von den Handelspartnern in Europa und den USA.

Heute spricht niemand mehr von Dritter Welt. Die Länder firmieren als Emerging Markets — aufstrebende Märkte also, die ihre Wirtschaftsstrukturen nachhaltig verändern. Neben den BRICs zählen dazu unter anderem auch die Türkei, Indonesien, Pakistan, Vietnam, die Philippinen, Malaysia, Ghana sowie Nigeria. Statt wie früher Agrar- oder Rohstoffbereich sollen künftig Industrie und Dienstleistungssektor die Volkswirtschaften dieser Länder dominieren.

Der dafür nötige Umbau schafft gute Rahmenbedingungen für Unternehmen in Schwellenländern. Und ihre Gewinnsteigerungen spiegeln sich wiederum an den jeweiligen Börsen wider. Indiens Leitindex Sensex legte in den vergangenen zehn Jahren um rund 540 Prozent zu, Brasiliens Bovespa kletterte um 370, die Börse in Istanbul um 700 Prozent. Da konnte der deutsche DAX nicht mithalten. Er stieg nur um gut 200 Prozent.

Auf und Ab. Jedoch sind hohe Wachstumsraten kein Garant dafür, dass die Kurse an den Emerging-Markets-Börsen ständig steigen. Im Gegenteil: Die Schwankungen sind dort sehr hoch. Und die Börsen der Schwellenländer schneiden auch nicht jedes Jahr besser ab als die Finanzmärkte der Industriestaaten. So legte der DAX 2012 um knapp 30 Prozent zu. Der MSCI China brachte es dagegen nur auf 16 Prozent.

Und immer wieder erweist sich die Politik als Risikofaktor. So sind einige Schwellenländer-Märkte mittlerweile zwar sehr günstig bewertet. Das Kurs-Gewinn-Verhältnis des russischen Aktienmarkts zum Beispiel liegt bei 5,5. Eigentlich ein Grund, um in diesen Markt einzusteigen.

Doch bis die von Rohstoffunternehmen geprägte Börse in Moskau wieder anzieht, kann es noch dauern. „Investoren stört die starke Rolle, die der russische Staat noch immer in der Wirtschaft spielt“, sagt Bernhard Esser, Schwellenländeranalyst bei HSBC. Er glaubt daher nicht an ein schnelles Anziehen der Kurse in Moskau. Auch in Indien gibt es Risiken, die nicht unmittelbar mit der Entwicklung der börsennotierten Unternehmen zusammenhängen. So ziehen ausländische Investoren immer wieder Kapital ab, wenn neue Korruptionsvorfälle bekannt werden.

Wer sich in einem Schwellenland engagieren will, sollte daher einen möglichst langfristigen Anlagehorizont mitbringen und zwischenzeitliche Schwankungen gut ertragen können. An interessanten Fonds herrscht kein Mangel. Das Angebot der Investmentgesellschaften ist groß und breit gefächert: Anleger können sich auf ein einzelnes Land konzentrieren, sich in einer Region engagieren, die vier BRIC-Staaten spielen oder gleich auf alle Schwellenländer setzen.

Übrigens: Zu den besten Kennern der Emerging Markets zählt der inzwischen 76-jährige Investmentprofi Mark Mobius von Franklin Templeton. Er sucht seit Jahrzehnten in den aufstrebenden Märkten nach vielversprechenden Aktien. Eine ganze Reihe der Unternehmen, in die er investiert, hat im Laufe der Jahre erheblich an Marktmacht und Börsengewicht gewonnen. So findet sich im Portfolio seines Templeton Emerging Markets Fonds unter anderem Cia de Bebidas. Der größte Getränkehersteller in ganz Lateinamerika steigert kontinuierlich den Gewinn, im vierten Quartal 2012 um stattliche 25 Prozent. Die Marktkapitalisierung liegt mittlerweile bei 100 Milliarden Euro. Sorgen, dass der Titel eine zu geringe Liquidität hat und Positionen in Abschwungphasen nicht abgebaut werden können, muss Mobius sich da nicht mehr machen.

Auch Aktien des indischen Unternehmens Tata Consultancy Services (TCS) hat Mobius längst gekauft. Eine gute Wahl. Allein zwischen Januar und März 2013 kletterte die Aktie um über 35 Prozent. Nicht zuletzt deshalb, weil TCS nicht mehr nur auf dem indischen Subkontinent, sondern verstärkt auch in den USA und Europa aktiv ist.
Die breite Streuung der Mittel des Templeton Emerging Markets Fonds auf mehrere Wachstumsregionen reduziert die Risiken, die aus einer klaren Fokussierung auf ein Land resultieren. Die Diversifizierung kann aber auch zulasten der Rendite gehen.

Beispiel: Der nur an der Börse in Istanbul anlegende HSBC GIF Turkey erzielte sowohl auf Sicht von drei als auch von fünf Jahren deutlich bessere Ergebnisse als der Mobius-Fonds. 2012 schaffte der Türkei-Fonds gar ein Plus von 72 Prozent. Manager Ercan Güner setzt vor allem auf Finanzwerte — etwa die Halk Bank oder die Garanti Bank. Diese Titel profitierten besonders von der jüngsten Bonitätsanhebung der Türkei durch die Ratingagentur Standard & Poor’s. Das Land ist nun nur noch eine Note vom Gütesiegel Investment Grade entfernt.

Abstinenz. Trotz hoher Wachstumsraten, starker Unternehmen und hervorragender Fondsmanager — deutsche Anleger stehen dennoch abseits. Das belegt das aktuelle Emerging-Markets–Investmentbarometer von J. P. Morgan Asset Management. Demnach sind von 2000 befragten Deutschen lediglich 2,7 Prozent in Schwellenländern investiert. Das hat viel mit Unkenntnis zu tun. Über die Hälfte der Befragten konnte mit den Begriffen Schwellenländer und Emerging Markets nichts anfangen. Über 35 Prozent hielten zudem Bonds aus Schwellenländern für risikoreicher als Staatspapiere aus der Eurozone. Dabei weisen viele aufstrebende Länder deutlich geringere Schuldenquoten auf.

In Großbritannien ist das Interesse an den Emerging Markets deutlich größer: Laut einer aktuellen Umfrage zählen Eltern, die für die Ausbildung ihre Kinder vorsorgen wollen, Emerging Markets inzwischen zu den attraktivsten Anlagezielen.

Auch deutsche Investoren sollten den Anteil der Schwellenländer in ihren Depots erhöhen, empfehlen Experten. Zwischen fünf und zehn Prozent können es in etwa sein. Und mutige Investoren können einen Erdteil beimischen, der lange Zeit als „der verlorene Kontinent“ bezeichnet wurde: Afrika.

Inzwischen sorgt dort vor allem die Bevölkerungsentwicklung für langfristige Kursfantasie. Leben derzeit einer Milliarde Menschen auf dem schwarzen Kontinent, werden es 2050 zwei Milliarden sein. Davon werden dann zwei Drittel in Städten leben. Diese Urbanisierung erhöht die Konsumnachfrage zusätzlich und erleichtert es Unternehmen, ihre Güter und Dienstleistungen zu den Kunden zu bringen, folgert das Analysehaus Accenture.

Schon jetzt haussieren vor allem Nahrungsmittelhersteller: Der an der Börse in Ghana gelistete Hersteller von Milchprodukten, Fan Milk, legte seit April 2012 um 155 Prozent zu. Und der Bierproduzent Nigerian Breweries bringt es im gleichen Zeitraum auf 117 Prozent. Kein Wunder, dass Afrikas Börsen 2013 bislang vielen anderen den Rang ablaufen.

Die Investmentbranche hat längst entsprechende Fonds aufgelegt. Der BB African Opportunities investiert in Unternehmen aus Ägypten, Südafrika, Ghana, Kenia und Marokko. Fondsmanager Malek Bou-Diab kennt die gelisteten Unternehmen und deren Management genau. Das Potenzial von Nigerian Breweries hat er so schon früh erkannt. Der Titel ist in seinem Fonds mit über sechs Prozent gewichtet.

Ausgewählte Emerging-Markets-Investments
Die Fondsgesellschaften bieten Länder-, Regionen- und breit anlegende Schwellenländerfonds an

Fidelity ASEAN, ISIN: LU0048573645, Asien ohne Japan
Schroder Asian Equity Yield, ISIN: LU0188438112, Asien ohne Japan
BSF Latin America Opport., ISIN: LU0298454090, Lateinamerika
UBAM Equity Bric +, ISIN: LU 0306285940, BRIC-Länder
Aberdeen Indian Equity, ISIN: LU0231490524, Indien
HSBC GIF Turkey, ISIN: LU0213961082, Türkei
Templeton Emerging Markets, ISIN: LU0029874905 Schwellenländer
BB African Opportunities, ISIN: LU0433847240, Afrika

Bildquellen: doozi/pixelio.de
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