Wo Chefstrategen die besten Renditen wittern
€uro: Die Renditen 10jähriger Bundesanleihen sind historisch niedrig. Was treibt Investoren in diese Anlage, obwohl sie nach Handelskosten und Steuern kaum Erträge erwarten lässt?
Anja Mikus: Die Risikoaversion ist hoch. Anleger verzichten lieber fünf Jahre auf Rendite als Verlustrisiken einzugehen. Hinzu kommt: Institutionelle Anleger wie Versicherungen haben das Problem, dass sie aus regulatorischen Gründen nur noch sehr eingeschränkt Risiken eingehen dürfen. Nur unter reinen Sicherheitsaspekten sind 10-jährige Bundesanleihen sinnvoll, bezüglich einer hohen Renditeerwartung natürlich nicht.
Stefan Hofrichter: Die Anleger erwarten aus unserer Sicht zu Recht, dass die Notenbanken die Zinsen niedrig halten werden und den Markt weiter mit Liquidität fluten. Das Rückschlagpotenzial bei Staatsanleihen ist aus unserer Sicht aber – zumindest kurzfristig – begrenzt.
Also sind Bundesanleihen doch noch interessant?
Hofrichter: Nein, da gebe ich Frau Mikus Recht: Aus Sicht eines Langfristinvestors sind deutsche Anleihen mit Renditen von 2,4 Prozent einfach zu teuer. Die Kurse implizieren ein schwaches Wirtschaftswachstum in Deutschland über die nächsten zehn Jahre. Das ist nicht unsere Einschätzung. Sobald die Anzeichen für einen selbst tragenden Aufschwung deutlicher werden, werden die Kurse nachgeben.
Sie würden die 10jährige Bundesanleihe Ihrer Schwiegermutter demnach nicht für die nächsten zehn Jahre empfehlen?
Hofrichter: Eindeutig nein.

Viererbande: (von links): Stefan Hofrichter (Allianz Global Investors), Anja Mikus (Union Investment), Victor Moftakhar (Deka Investments), Asoka Wöhrmann (DWS)
Herr Moftakhar, können die Renditen trotz des niedrigen Niveaus noch weiter fallen? Drohen uns japanische Verhältnisse?
Victor Moftakhar: Das glaube ich kaum, würde es aber nicht ausschließen. Wir rechnen für dieses Szenario mit einer Wahrscheinlichkeit von zehn bis 20 Prozent. Würde es eintreten, könnten die Renditen aber noch erheblich sinken. Wir haben aktuell 2,4 Prozent in Deutschland, die 10jährige Japan-Anleihe rentiert lediglich bei einem Prozent.
Asoka Wöhrmann: Als ich für die DWS Anfang des Jahrzehnts japanische Anleihen gemanagt habe, konnte ich erleben, wie eine 10-Jahres-Rendite auf 0,4 Prozent fällt. Ich würde meiner Schwiegermutter allerdings durchaus eine 10-jährige Bundesanleihe empfehlen, wenn es nur um den reinen Werterhalt geht, und Kursschwankungen keine Rolle spielen.
Warum sind die Renditen aus Ihrer Sicht so niedrig?
Wöhrmann: Es ist ein Paradoxon, das jeder Wirtschaftsbuch-Logik widerspricht. Wir haben in Deutschland das stärkste Wirtschaftswachstum seit der Wiedervereinigung, sinkende Arbeitslosenzahlen und gleichzeitig so niedrige Renditen. Der Grund liegt im Hunger institutioneller Investoren nach sicheren Anlagen. Die Lebensversicherer zum Beispiel sind verzweifelt. Sie brauchen sichere Renditen, die höher liegen, als die Verzinsung, die sie ihren Kunden versprochen haben. Deshalb sind sie gezwungen, immer länger laufende Anleihen zu kaufen.
Im Gegensatz zu deutschen Anleihen bieten griechische Bonds sehr hohe Renditen – was hohe Risiken impliziert. Warum glaubt der Markt nicht an eine Rettung des hoch verschuldeten Mittelmeerstaats?
Mikus: Zwar hat die griechische Politik harte, richtige Maßnahmen eingeleitet und der Rettungsschirm der Europäischen Union bringt Zeit. Der Markt vermutet aber, dass zwischenzeitlich Pläne für eine Restrukturierung der griechischen Staatsschulden erarbeitet werden. Solche Pläne, die mit Verlusten verbunden sind und negative Ausstrahleffekte auf andere Euro-Peripherieländer haben werden, können die Marktteilnehmer nicht gutheißen. Das Vertrauen der Investoren ist deshalb gering und die griechischen Renditen hoch.
Moftakhar: Die Renditen bei lang laufenden Griechenland-Anleihen deuten eher darauf hin, dass der Markt mit einer Teilrestrukturierung der Schulden – also der nicht vollständigen Rückzahlung aller Schulden – in irgendeiner Form rechnet. Selbst wenn alle Maßnahmen umgesetzt würden, wäre die Schuldenquote 2014 immer noch bei 144 Prozent der Wirtschaftsleistung. Diese Zahl wäre noch viel zu hoch, als dass sie für Griechenland tragbar wäre.
Wöhrmann: Lang laufende griechische Anleihen notieren derzeit zwischen 60 und 50 Prozent, der Markt antizipiert also, dass die Anleihen nur zu rund der Hälfte zurück gezahlt werden.
Wie bewerten Sie den 750-Milliarden-Euro-Rettungsschirm der EU, der ja in Deutschland scharf kritisiert wurde?
Wöhrmann: Sehr positiv. Die Politik hat gezeigt, dass sie handlungsfähig ist. Über Nacht haben sich Politiker aller Couleur zusammengeschlossen, um Europa mit einem 750-Milliarden-Schirm zu retten. Und zur deutschen Kritik nur eines: Es klingt komisch, aber eigentlich müssen wir den Griechen dankbar für eines der größten Stimulusprogramme sein, die Deutschland je erlebt hat. Der schwache Euro hilft unseren Exporten. Gleichzeitig haben wir dank der Nachfrage in Bundesanleihen die niedrigsten Zinssätze in der Geschichte.
Mikus: Europäische Marktteilnehmer waren sehr froh über den Rettungsschirm. Angelsächsische Investoren hingegen können und wollen den politischen Schulterschluss einer gemeinsamen Garantiezusage der Euroländer nicht beurteilen. Ihre Einschätzung basiert rein auf Fundamentalwerten, und deshalb sind sie sehr negativ beim Thema Griechenland.
Ein anderer „sicherer Hafen“, den Investoren derzeit suchen, ist Gold. Aber ist er wirklich sicher?
Mikus: Das ist eine andere Dimension. Wer jetzt Anleihen kauft, ist sehr pessimistisch für die Weltkonjunktur. Wer jetzt Gold kauft, hat ein Horrorszenario mit Hyperinflation, Geldentwertung und Währungsreform im Kopf. Und es gibt vermögende Investoren, die zumindest einen Teil ihres Geldes in Gold investieren – eben aus teilweise diesen Ängsten heraus.
Moftakhar: Die Risikoaversion nimmt mittlerweile irrationale Züge an. Gold ist der beste Beweis dafür. Eigentlich soll es ein krisensicheres Wertaufbewahrungsmittel sein. Mittlerweile sehe ich aber viele kurzfristig orientierte Käufer. Es ist eine Menge Spekulation im Goldpreis. Da macht es wenig Sinn, heute noch Gold zur Absicherung seines Vermögens zu kaufen
Lesen Sie, wie die Chefstrategen über Inflationsgefahren denken
Weitere Links:



