aktualisiert: 24.10.2012 15:27

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von Sophie Brand, €uro am Sonntag

BESUCH VOM FINANZAMT

Steuerprüfung: Die Spurensicherer vom Finanzamt



Wenn die Spurensicherer vom Finanzamt anmarschieren
Fingerabdrücke, Lichtlupen und Suchmaschinen: Wenn Selbstständige überprüft werden, wendet der Fiskus immer ausgebufftere Methoden an. Die Tricks der Kontrolleure.

von Sophie Brand, Euro am Sonntag

Die wolkige Durchsicht des Papiers und das Wasserzeichen auf dem Vertrag ließen ihn auffliegen, den Steuerschummler. Anderen Delinquenten wurde ihre Rechtschreibschwäche zum Verhängnis. So firmierte etwa ein angeblicher Lieferant in der „Reingaustraße in Münchengladbach“. Egal ob sofort offensichtlich oder nur unter starker Lichtlupe — wenn den Finanzamtprüfern ein Beleg getürkt erscheint, werden in Fällen mit größerer steuerlicher Auswirkung auch mal Fingerabdrücke genommen. Mindestens zwei verschiedene, vom Absender und vom Empfänger.

Zwei typische Beispiele dafür, wie der Fiskus im Rahmen der Umsatzsteuernachschau oder -sonderprüfung Selbstständige und Freiberufler systematisch filzt. Die Grundlage dafür steht in Paragraf 196 der Abgabenordnung. Die Prüffelder sind eine ergiebige Einnahmequelle. Laut Angaben des Bundesfinanzministeriums wurden im vorigen Jahr 93.144 Umsatzsteuersonderprüfungen durchgeführt und dabei fast zwei Milliarden Euro Steuern zusätzlich eingenommen. Umgerechnet auf die 2.000 Prüfer macht das eine Million Euro pro Sachbearbeiter. Dabei sind Mehrergebnisse aus allgemeinen Betriebsprüfungen oder der Steuerfahndung noch nicht einmal berücksichtigt.

Ohne Anmeldung vor der Tür Umsatzsteuersonderprüfungen finden unabhängig vom Turnus der allgemeinen Betriebsprüfung und ohne Unterscheidung der Betriebsgröße statt. „Eine komplette Betriebsprüfung findet üblicherweise frühestens statt, wenn der Betrieb drei Jahre und mehr existiert“, weiß Steuerberater Bernd Ecker aus Hamburg und ergänzt: „Aber eine Nachschau, für die der Prüfer sich noch nicht einmal anmelden muss, ist jederzeit drin.“

Doch bevor die Prüfer in den Geschäftsräumen vorbeischauen, flattert erst mal Post vom Wohnsitzfinanzamt ins Haus. Kaum ist das Gewerbe angemeldet und noch kein Euro verdient, stellt der Fiskus einen Fragebogen zu, der abchecken soll, wie hoch der geschätzte Gewinn und der voraussichtliche Umsatz im laufenden und im folgenden Jahr sein werden. Anhand der Gewinnprognose will das Finanzamt die Einkommensteuervorauszahlungen festsetzen. Die Umsatzerwartung benötigt der Fiskus, um festzulegen, ob künftig einmal im Monat, vierteljährlich oder sogar nur alle zwölf Monate eine Umsatzsteuererklärung einzureichen ist.

Ausgenommen davon sind sogenannte Kleinunternehmer, die jährlich weniger als 17.500 Euro Umsatz einschließlich Steuer erzielen. Eine weitere Ausnahme sind Ärzte oder Versicherungsberater, die ausschließlich umsatzsteuerfreie Einnahmen erzielen. Ansonsten gilt für Jungunternehmen: Bis zur definitiven Einstufung ist eine Abgabe pro Monat Pflicht. Wer bedingt durch Anfangsinvestitionen — wie den Kauf von Büromöbeln oder eines Autos, in deren Preis die Mehrwertsteuer als sogenannte Vorsteuer enthalten ist — die zu zahlende Umsatzsteuer drücken will, muss Kaufbelege einreichen. Faustregel: Vorsteuerüberhänge bis zu 500 Euro werden ohne weitere Prüfung abgehakt, über 500 Euro schauen die Prüfer aber genauer hin.

Knick in der Rechnung
Die Belege nimmt der Prüfer im Innendienst dann genauer unter die Lupe. Schon ein fehlender Knick in einer Eingangsrechnung kann ein Indiz dafür sein, dass diese nicht mit der Post zugestellt wurde. Dann kommt der Verdacht auf, dass der Steuerpflichtige die Rechnung selbst erstellt hat. Der Beamte kann jetzt eine übergeordnete Prüfstelle einschalten. Diese schaut sich den Fall genauer an.

Die Prüfer gehen dabei immer nach dem gleichen Muster vor: Von den vorliegenden Rechnungen fertigen sie Kopien als sogenannte Kon­trollmitteilungen an. Diese werden dann, teilweise bei Finanzämtern im gesamten Bundesgebiet, darauf gecheckt, ob es den Absender tatsächlich gibt. Ob Steuernummer, Adresse oder Telefonnummer stimmen, und ob der angebliche Rechnungsaussteller die Einnahmen in seiner Steuererklärung angegeben hat. Dafür ist der Kollege Computer da. Die Beamten greifen dabei auf eigene Suchmaschinen wie den Steufa-Info-Guide zu. Sind die Einnahmen nicht angegeben, liegt Urkundenfälschung vor. Dann droht eine Geld- oder Freiheitsstrafe — Letztere bis zu fünf Jahren, in schwerwiegenden Fällen auch bis zu zehn Jahren. Das Delikt wird härter bestraft als Steuerhinterziehung. Haben die Sonder- und Betriebsprüfer den Verdacht, dass der Unternehmer Belege manipuliert, Scheinrechnungen gefertigt oder Einnahmen mit Absicht nicht erklärt hat, schalten sie die Steuerfahndung ein. Die filzt die Wohn- und Geschäftsräume, wenn sie einen Durchsuchungsbefehl hat. Die Fahnder können Unterlagen beschlagnahmen und Verdächtige verhören.

Verräterische Abweichungen
Betriebe, die schon länger am Markt sind, erhalten in den meisten Fällen nur Besuch von den Sonderprüfern und müssen nicht gleich mit einer Vollbetriebsprüfung rechnen. Wenn die Einnahmen im Rahmen liegen und mit Vergleichsbetrieben mithalten können, macht der Beamte im Innendienst eine sogenannte Umsatzsteuerverprobung. Dabei vergleicht er den Umsatz aus der Umsatzsteuervoranmeldung mit dem Umsatz aus dem Jahresabschluss. Ergibt die Verprobung Differenzen zwischen Soll- und Ist-Zustand und können Buchungsfehler der Buchhaltungssoftware nicht ausgeschlossen werden, schöpft der Prüfer Verdacht.

Meist ist die Ursache schnell gefunden und der Firmen-PC hat einfach aus allen Aufwendungen die Vorsteuer gezogen, also auch aus den Löhnen oder der Miete. Diese Beträge werden dann vom Prüfer berichtigt, manchmal folgt noch eine kurze Anschlussprüfung, um zu schauen, ob der Unternehmer das Problem dauerhaft aus der Welt geschafft hat.

Bildquellen: filmfoto / Shutterstock.com

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Kommentare zu diesem Artikel

Großwildjäger schrieb:
07.12.2012 14:50:45

Es ist wichtig, daß alle Steuerdelikte gleich bestraft werden. Die Steuerprüfer geben sich alle Mühe um Geld einzutreiben und dann wird es von anderen verprasst, als ob es sich um einen nachwachsenden Rohstoff handeln würde.
Die Strafen für Steuergeldverschwendung müssen weiter verschärft werden.

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