01.07.2013 03:00
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Karma Tshiteem: Glück ist mehr als Geld

Karma Tshiteem: Glück ist mehr als Geld
Bruttonationalglück
Karma Tshiteem, der oberste Glücksvermesser des asiatischen Landes Bhutan über Zufriedenheit durch Meditation, Heimatliebe, Zusammenhalt — und den FC Bayern München.
€uro am Sonntag

von Martin Reim, Euro am Sonntag

Bhutan, zwischen Indien und China im Himalaya gelegen, hat nur 700.000 Einwohner. Doch ist es in der internationalen Politik wichtig. Denn das Land hat das, so wörtlich, Bruttonationalglück zum entscheidenden Maßstab für seine Politik erklärt. In den meisten anderen Staaten wird das Bruttoinlandsprodukt gern als Indikator für Zufriedenheit herangezogen. An dessen Aussagekraft wachsen angesichts von weltweiter Umweltverschmutzung und Sinnsuche die Zweifel.

So durfte Karma Tshiteem in New York bei den Vereinten Nationen auftreten und in Berlin eine Rede vor Bundeskanzlerin Angela Merkel halten. Er ist Leiter der Kommission, die das Glück der Bhutaner misst. Unlängst kam Tshiteem, eingeladen von der Nachhaltigkeitsberatung Dokeo, zu einem Kongress ins schwä­bische Ludwigsburg. Im dortigen Schloss posierte er in Nationaltracht für unseren Fotografen.

€uro am Sonntag: Karma, sind Sie ein glücklicher Mensch?
Karma Tshiteem:
Ich bin sehr glücklich mit dem, was ich habe. Ich fühle mich sehr begünstigt in meinem Leben und fühle mich nahe der perfekten Balance zwischen Arbeit und meinem restlichen Leben.

Warum misst Bhutan das Glück seiner Bürger?
Wir glauben, das Ziel staatlichen Handelns sollte sein, das Glück der Bürger zu vergrößern. Denn wir glauben, dass das alle Menschen wollen — Glück.

Was versteht Ihr Staat darunter?
Es bedeutet jedenfalls etwas anderes, als bei einem Bier glücklich zu sein, oder weil Ihr Chef Sie lobt oder weil der FC Bayern München gewinnt (lacht). Wir meinen nicht diese genusssüchtige Sache, die den Tag über wieder vorbei sein kann. Wir reden von tiefer, umfassender Glückseligkeit. Etwas Tieferes, die Qualität einer Gesellschaft, um Gleichgewicht zu finden.

Was genau soll das sein?
Wir sehen neun Dimensionen. Vier davon klingen aus Sicht der tradi­tionellen Wirtschaftswissenschaft ungewöhnlich. Erstens seelisches Wohlbefinden, was die spirituelle, die religiöse Seite des Menschen einbezieht. Zweitens kulturelle Identität und kulturelles Beharrungsvermögen. Sitten, Erziehung, all das brauche ich zum Wohlbefinden.

Was heißt das in Bhutan konkret?
Liebe und Respekt unter den Generationen. Schüler respektieren ihre Lehrer, Kinder kümmern sich um ihre alten Eltern. Auch in hundert Jahren werden Jüngere die Älteren respektieren, und das wird ein Kennzeichen für eine gute Gesellschaft sein. Damit zusammenhängend drittens die Gemeinschaft: Geschenke, freiwillige Arbeit, Vertrauen zwischen Nachbarn. Menschen sind schließlich soziale Wesen, und das größte Glück stammt aus tiefen Beziehungen — Familie, Freunde, Kollegen. Die Wahrscheinlichkeit, glücklich zu sein, ist wesentlich höher. Dieser Faktor wird weithin vernachlässigt.

Wie kann der Staat so etwas beeinflussen?
Zum Beispiel die Art, wie man Landstraßen plant, ist wichtig für den sozialen Zusammenhalt. Wenn man sehr effiziente Straßen baut, in denen jeweils nur einer im Auto sitzt, ist das eine sehr effiziente Art der Fortbewegung — aber sehr schlecht für die Qualität des Lebens. Das muss eine Regierung berücksichtigen und auch mal kleinere Straßen bauen — und auch nicht zu viele.

Wir warten noch auf den vierten Glücksfaktor.
Der Nutzen der Zeit. Grundidee: Das Wertvollste, das wir haben, ist das Geschenk des Lebens. Und dabei ist die Balance zwischen Arbeit und dem Rest des Lebens sehr wichtig. Wer unter starkem Stress steht, ist oft unglücklich. Es wird immer wichtiger, für alles Zeit zu haben. Denn Geld ist nicht das Entscheidende, sondern Zeit. Alles Geld kann nicht helfen, wenn man mit seinen Liebsten nicht genügend zusammen sein kann. Zwei weitere Kriterien mögen in ihren Ohren schon konventioneller klingen: Umweltschutz und gutes Regierungshandeln.

Spielt die wirtschaftliche Entwicklung des Landes dabei überhaupt keine Rolle?
Doch, davon handeln die letzten drei Kriterien: Lebensstandard, Gesundheit und Bildung. Der Unterschied ist, dass die meisten Länder fokussiert sind auf dieses enge Messen des Bruttoinlandsprodukts als eine Annäherung für Glück und Fortschritt. Aber beides ist mehr als wirtschaftliches Wachstum, Glück ist mehr als Geld. Die Idee, dass man umfassend auf die Dinge schauen muss, das ist der Schlüssel zu nachhaltiger Entwicklung. Und das wollen wir doch alle. Unsere Kinder ­sollen ein ebenso gutes oder gar ein besseres Leben haben als wir. Hinzu kommt: Grenzenloses Wachstum angesichts begrenzter Ressourcen führt in die Katastrophe. Wir alle wissen das.

Warum klappt es dann nicht?
Dafür gibt es viele Gründe. Ein Teil der Tragödie ist: Die Ökonomie, wie sie an den Universitäten gelehrt wird, steht nicht im Einklang mit der heutigen Welt. Das gehört zu unseren vielen Herausforderungen. Wir brauchen realistische Annahmen.

Wie messen Sie das Glück?
Nicht direkt. Andernfalls müssten wir den Leuten Elektroden an den Kopf kleben. Das wollen wir nicht. Wir messen mittels Indikatoren, die mit den neun Gebieten zu tun haben. Die Umfrage machen wir in etwa alle zwei Jahre, aufgeteilt nach Berufen, Geschlechtern und Wohngebieten. Zwei haben wir schon durchgeführt, derzeit läuft die dritte.

Was zeigten die ersten beiden Umfragen?
Was die aus traditioneller Sicht unkonventionellen Kriterien betrifft, die ich anfangs beschrieben habe, ist der Stand des Glücks recht hoch. Was für uns selbst allerdings überraschend war: Die Leute sehen am meisten Nachholbedarf beim Wachstum und bei der Erziehung. Sie wollen, dass alle Kinder in die Schule gehen können, dass die Arbeitslosigkeit niedrig ist, dass die Armut schrumpft und die soziale Ungleichheit niedrig bleibt.

Aha, Geld macht also auch die Bhutaner am glücklichsten?
Zumindest trägt es einen wichtigen Teil dazu bei. Am meisten sieht man das an den Bauern, die am unteren Ende der Glücksskala stehen. Das verwundert nicht. Das Leben eines Bauern ist sehr schwierig und hart. Sie müssen von morgens bis abends arbeiten, und das Einkommen ist nicht sehr hoch.

Was tun Sie dagegen?
Unsere oberste Priorität ist die Bekämpfung der Armut. In den vergangenen fünf Jahren haben wir es geschafft, sie zu halbieren. Generell gilt: Neue Jobs, bessere Häuser, eine bessere Infrastruktur, Mobilfunk — wir brauchen eine starke Ökonomie. Das macht das Leben einfacher, keine Frage.

Tut Ihr Land auch in anderer Hinsicht etwas, um das Glück der Bürger zu heben — etwa beim seelischen Wohlbefinden?
Ja. Beispielsweise müssen Schüler an Meditationskursen teilnehmen.

Wie bitte — Sie zwingen die Kinder dazu?
Es ist vorerst nur ein Experiment, und es kann sein, dass das einiges Unbehagen bereitet. Aber wir glauben, dass Meditation das seelische Wohlbefinden steigert. Immerhin wird Meditieren auch im Westen als Mittel zur Gesundheit propagiert.

Offensichtlich vertrauen Sie Ihren Bürgern nicht recht. Wissen die nicht selbst besser, was gut für ihr Glück ist?
Wir meinen, dass Regierungshandeln die Wahl der Bürger beeinflussen sollte. Die traditionelle ökonomische Theorie basiert darauf, dass das Individuum am besten weiß, was für ihn gut ist, und ihm das überlassen sein soll. Aber es wird immer klarer, dass der Mensch nicht rational handelt. Viele Ärzte rauchen, obwohl sie am besten wissen, wie gefährlich es ist. Dasselbe gilt bei vielen Menschen in Bezug auf ungesundes Essen. Allerdings sollte die letztliche Wahl dem Individuum überlassen sein. Wir werden keinen Erwachsenen zum Meditieren zwingen.

Sie hatten vorhin von kultureller Identität gesprochen, die glücksstiftend sein soll. Seit Mitte des vergangenen Jahrhunderts waren viele Nepalesen in Bhutan eingewandert. 1988 mussten die meisten unter gewaltsamen Umständen das Land verlassen. Meinen Sie etwa, das hat deren Glück erhöht?
Aus unserer Sicht war das eine Frage illegaler Einwanderung, mit der viele Staaten zu kämpfen haben — auch wir. Und ich hatte ja bereits erklärt, warum es wichtig ist, unsere kulturelle Identität zu verteidigen.

Also wird das Glück der einen gesteigert, indem das Glück der anderen sinkt?
Ich bin nicht in der Position, das in diesem Zusammenhang zu kommentieren.

Buddhist mit
christlicher Bildung

Der Buddhist und gebürtige Bhutaner Karma Tshiteem ging im indischen Darjeeling auf eine protestantische Schule („Sie können mich über die Bibel ­fragen, was Sie wollen“). Er machte einen Abschluss in ­Betriebswirtschaft im australischen Canberra und arbeitet seitdem im bhutanischen ­Finanzministerium. Seit 2007 leitet der 48-Jährige ein Kommitee, das alle zwei Jahre das Glück der Einwohner ermittelt. Tshiteem lässt sich, wie in seiner Heimat üblich, gern mit Vornamen ansprechen.

Bildquellen: Stephen Chung / Shutterstock.com
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