von Michael Thanheiser, Gastautor von Euro am Sonntag
Ganze 109 Tage dauert es im Durchschnitt, bis hierzulande eine freie Stelle mit einer Pflegefachkraft besetzt werden kann. Qualifizierter Nachwuchs ist in Deutschland dünn gesät. Viel zu dünn. Traurige Wirklichkeit im Herbst 2012.
Die Lage mit Blick auf den demografischen Wandel ist bedrohlich. Im Jahr 2030 werden in Deutschland geschätzt 3,4 Millionen Menschen leben, die sich nicht mehr selbst helfen können. Sie werden dann angewiesen sein auf professionell ausgebildete Pflegefachkräfte unter ihren Mitmenschen.
Alarmierende Zahlen liefert auch der „Pflegeheim Rating Report 2011 — Boom ohne Arbeitskräfte“ vom Rheinisch-Westfälischen Institut für Wirtschaftsforschung: Bis zum Jahr 2030 werden nach Erhebungen der Experten in der stationären und ambulanten Pflege bis zu 175.000 zusätzliche Pflegefachkräfte benötigt.
Gesetzlich geforderte
Fachkraftquote von 50 Prozent
Deutschland droht ein Pflegekollaps. Die Frage der Lebensqualität in Senioreneinrichtungen ist jetzt so virulent wie nie. Es geht darum, die Weichen zu stellen für die Zukunft der professionellen Pflege.
Die Bundesregierung hatte einen schon fast vergessenen Versuch gestartet und Philipp Rösler, damals noch Gesundheitsminister, 2011 zum „Jahr der Pflege“ ausrufen lassen. Ein Jahr, in dem bereits insgesamt 30.000 Pflegekräfte fehlten. Ein Jahr, das nach lauten Ankündigungen zur Verbesserung der Situation heimlich, still und leise zu Ende ging.
Dringender als je zuvor ist heute die Arbeitsgruppe der Regierung in der Pflicht, die eine „Offensive für mehr Ausbildung und Qualifikation in der Altenpflege“ geschmiedet hatte. Doch das Projekt mit Experten aus vier Bundesministerien, Pflegeverbänden, der Bundesagentur für Arbeit sowie Vertretern aus den Bundesländern hat bislang praktisch nur für die Schublade gearbeitet.
Dabei war das Paket als Sofortmaßnahmenpaket geschnürt worden — Steigerung der Ausbildungszahlen und eine bessere Vermittlung ausländischer Fachkräfte inklusive. Beschlossen und verkündet im Herbst 2011, im „Jahr der Pflege“. Doch auch in diesem Herbst stockt die Umsetzung nach wie vor. Jetzt ist Bundeskanzlerin Angela Merkel gefordert, damit die „Offensive“ ihren Namen noch verdient.
Immer noch muss sich die Pflegebranche täglich der Aufgabe stellen, die gesetzlich verlangte Fachkraftquote von 50 Prozent zu erfüllen — und zu halten. Allein wir, die Marseille-Kliniken AG mit bundesweit 60 Pflegeeinrichtungen, haben derzeit einen Bedarf an 250 Fachkräften für die stationäre Pflege.
Dabei geht die Pflegebranche schon längst neue Wege. Die Marseille-Kliniken bauen zum Beispiel auf professionelle Pflegefachkräfte nicht nur aus Deutschland, sondern auch aus Polen, Lettland und Westeuropa. Wir bilden europäische Kräfte zu anerkannten Fachkräften in der Bundesrepublik aus. Die akuten Engpässe am Pflegemarkt muss Deutschland länderübergreifend lösen. Mit einer besseren Anerkennung ausländischer Berufsabschlüsse ist es nicht getan. Wichtig ist, die Zuwanderung qualifizierter Fachkräfte auch aus Nicht-EU-Ländern wie Südostasien zu erleichtern. Sonst werben andere Länder sie ab.
Auch die Wirtschaft braucht
Entlastung der Arbeitnehmer
Wir brauchen eine systematische Integration dieser Fachkräfte — eine Unterstützung durch Bund und Länder etwa bei Förderprogrammen. Auch, um gegen die wachsende Zahl illegal in Privathaushalten beschäftigter Pflegekräfte aus Osteuropa aktiv zu werden, die weder kranken- noch rentenversichert sind. Das alternde Deutschland ist auf die Zuwanderung qualifizierter Kräfte angewiesen.
Wir brauchen einen Pakt für den Pflegenachwuchs. Sofort. Mit einem realisierbaren Pflegepakt gelingt die professionelle Betreuung von Menschen mit Demenz, Morbus Parkinson oder Abhängigkeitserkrankungen leichter — und damit die alltägliche Arbeit im Dienste unserer Gesellschaft.
Politische Schnellschüsse, mit denen die Parteien Wähler für die Bundestagswahl 2013 einfangen wollen, sind definitiv fehl am Platz. Wo bleibt der versprochene große Wurf der Bundesregierung? Die Pflegebranche wartet. Und Hunderttausende Seniorinnen und Senioren, die sich nicht selbst helfen können — sowie deren Angehörige, die besser der Wirtschaft zur Verfügung stehen, als ihr Know-how zu Hause verkümmern zu lassen.
zur Person:
Michael
Thanheiser,
Vorstand der
Marseille-Kliniken
Nach dem Studium der Wirtschaftswissenschaften ging Thanheiser zu PricewaterhouseCoopers. Anschließend beriet er den Vorstand der Treuhandanstalt Berlin. Schließlich war er als PwC-Führungskraft für Industrieunternehmen
sowie Wirtschaftsprüfung
und Steuern tätig.
Seit 2011 ist Thanheiser Vorstand bei der
Marseille-Kliniken AG.
Zu dem börsennotierten Unternehmen mit Verwaltungssitz in Hamburg gehören bundesweit 57 stationäre Pflegeeinrichtungen und drei Häuser für betreutes Wohnen. Der Konzern beschäftigt derzeit 4.700 Mitarbeiter.
Bildquellen: istocks/selimaksan