14.01.2013 03:00
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„Mister Finanzplatz“ Lutz Raettig: Banker vom alten Schlag

Lutz Raettig: Banker vom alten Schlag
Der Ungelackte
Zum Wahlkampfauftakt versprechen Politiker jeglicher Couleur, die Banken an die Kandare zu nehmen. Als „Mister Finanzplatz“ kämpft er für ein besseres Image der Branche.
€uro am Sonntag

von Peter Schweizer, Euro am Sonntag

Multitaskingfähig — das ist mehr als ein Anglizismus. Eine grauenhafte Wortschöpfung. Ein potenzielles Unwort des Jahres, das ausdrücken soll, jemand könne mehrere Aufgaben zur gleichen Zeit erledigen. Doch auf Lutz Raettig passt es irgendwie.

„Mister Finanzplatz“, wie der 69-Jährige in Frankfurt genannt wird, bekleidet so viele (Ehren-)Ämter, dass es eines fast fotografischen Gedächtnisses bedarf, sie aufzuzählen. Und in einem Alter, in dem sich andere längst zur Ruhe gesetzt haben, hat er zwei Lebensaufgaben vor sich: als Galionsfigur von Morgan Stanley das Image der Bank wieder aufzupolieren, das im Zuge des ­milliardenschweren Rückkaufs des Energiekonzerns EnBW durch das Land Baden-Württemberg gelitten hat. Und als Präsidiumssprecher der Finanzplatz-Initiative Frankfurt Main Finance dafür zu sorgen, dass im nächsten Bundestagswahlkampf nicht noch mehr Politik zulasten der Finanzbranche gemacht wird.

Kampf gegen Windmühlen
Der zweite Job könnte der schwierigere werden: Banker-Bashing ist in Mode, gerade bei Politikern. SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück schießt sich auf die Branche ein — und die liefert ihm ständig neue Munition. Ob Zinsmanipulationen, Beihilfe zur Steuerflucht oder aktives Mitmischen im Hinterziehungs-Business — es sieht so aus, als ob die Banker kein Fettnäpfchen auslassen. Umso mehr sieht Raettig sich als Botschafter des Finanzplatzes gefordert. „Wir müssen verhindern, dass es sich Politiker zu leicht machen und die Polemik gegen die Banken überhandnimmt. Schließlich erfüllt ein Finanzplatz eine wichtige volkswirtschaftliche Aufgabe.“ Und Banking sei ein „internationales, menschenbezogenes und — ja — ein Nutzen stiftendes Geschäft. Denken Sie nur an die Altersvorsorge.“

Versuche, den Standort Frankfurt im Wettbewerb mit London, Paris und anderen Metropolen zu stärken, gab es viele. Doch meist verliefen die Anstrengungen im Sand, zuletzt etwa die mittlerweile aufgelöste Initiative Finanzplatz Deutschland (IFD). „Durch die Verbände kamen zu viele Lagerdiskussionen, zu viele Nebenkriegsschauplätze hinein“, erklärt Raettig. Mit Frankfurt Main ­Finance versucht er nun, direkt die handelnden Akteure der einzelnen Häuser an einen Tisch zu bekommen. Helaba und Deutsche Bank, Morgan Stanley und Bankhaus Metzler, Sparkassen und Genossenschaftsinstitute — alle an einem Strang? Wie soll das funktionieren?

Wäre es einfach, brauchte man Raettig nicht. Dass er sein Ego zurücknimmt und die Sache in den Vordergrund stellt, prädestiniert ihn als Mittler. Einer, der nicht nach der Sekretärin schnippt, sondern Gästen selbst Kaffee nachschenkt. Einer, der auch nach hitzigen Diskussionen zum Abschied sagt: „Hat Spaß gemacht.“ Einer, der den Kontakt zur Straße sucht, statt im Elfenbeinturm über das miserable Image der Branche zu klagen.

Bei Morgan Stanley hat der ehemalige Vorstandschef Dirk Noth­eis ein schwieriges Erbe hinterlassen. Das war der Mann, der mit Baden-Württembergs damaligem Ministerpräsidenten Stefan Mappus den Rückkauf der EnBW-Anteile durch das Land ausgedealt hatte. Und der Mappus oberlehrerhaft anwies, was er und „Mutti“ (gemeint war Kanzlerin Angela Merkel) zu tun hätten.

Mit der Causa Notheis hält sich ­Raettig nicht lange auf. Das ist abgehakt, er blickt lieber nach vorn. Als Aufsichtsratschef von Morgan Stanley sucht er einen Nachfolger für den Vorstandsvorsitzenden. Einen, der die Wogen glätten kann. Da wurmt es ihn besonders, dass die Branche das Image vom Gierbanker zugelassen habe, vom gelackten Typen, der nur auf den eigenen Vorteil, sprich den Bonus aus sei. Doch genau dafür hat man ihn geholt, er soll das Bild wieder geraderücken.

Banker vom alten Schlag
Die Branche hätte kaum einen besseren Lobbyisten finden können, obwohl Raettig diesen Begriff nicht mag und sich auch nicht so sieht. Er will aufklären, nicht beeinflussen. Er ist einer, der so gar nicht ins Bild vom Gierbanker passt. Der keinen Chauffeur braucht, sondern zu Fuß ins Büro geht. Einer, der statt der obli­gatorischen Rolex eine Swatch am Handgelenk trägt. Einer, der statt durch große Klappe durch sachliche Argumente auffällt. Ein Banker vom alten Schlag.

„Wenn wir vom Finanzplatz Deutschland reden, meinen wir den Finanzplatz Frankfurt“, hebt der Endsechziger an, wenn er gefragt wird, warum er sich das alles noch antut. Und schiebt nach: „4,4 Prozent des deutschen Bruttoinlandsprodukts und ein Drittel der hessischen Wirtschaftsleistung entfallen auf die Finanzindustrie.“

Strengere Regulierung, schärfere Eigenkapitalvorschriften, gemeinsame Einlagensicherung in der EU — die Themen werden Frankfurt Main Finance so schnell nicht ausgehen. Und während er an der Wiederherstellung des guten Rufs der Finanzbranche arbeitet — laut Raettig „eine Operation am offenen Herzen“ —, tut sich mit der Finanztransaktion­steuer die nächste Baustelle auf.

Ob nur in Deutschland oder in einigen europäischen Ländern — sie wäre ein weiterer Nackenschlag für Frankfurt, solange es in einer globalisierten Welt Handelsplätze gibt, die diese Abgabe nicht erheben. „Natürlich wandert das Geschäft nach Asien oder Amerika ab, wenn die Transaktionsteuer kommt“, sagt ­Raettig. „Und es wird auch nicht zurückkommen. Was weg ist, ist weg.“ Das habe die Vergangenheit gelehrt.

Daher wird „Mister Finanzplatz“ nicht müde, zwischen Berlin, Frankfurt und Brüssel hin und her zu reisen, um vor den Gefahren einer un­koordinierten Aktion zu warnen.
Trotzdem liegt es dem Finanzprofi fern, auf Politiker zu schimpfen, schließlich ist er selbst einer. Für die CDU sitzt er im Frankfurter Stadtrat und ist ehrenamtliches Mitglied im Magistrat, der Stadtregierung. Aber obwohl im Einzugsgebiet der Mainmetropole 75.000 Arbeitsplätze direkt und noch weitaus mehr indirekt an der Finanzindustrie hängen — etwa bei Versicherungen, Wirtschaftsprüfern oder IT-Unternehmen —, sei im Stadtrat das Verständnis für die Finanzwelt „nicht besonders ausgeprägt“. Was ihm Hoffnung gibt? „Dass Kommunal­politik weniger von Ideologie geprägt ist, sondern mehr die Sach­arbeit im Vordergrund steht.“

Im Wettbewerb der internationalen Finanzplätze fallen seine Argumente pro Frankfurt ohnehin längst auf fruchtbaren Boden. Mit EZB, EIOPA, Bundesbank und in Zukunft wohl auch Europäischer Bankenaufsicht hat sich Frankfurt zum europäischen Exzellenzzentrum für Regulierungsfragen entwickelt. „Unsere Hochschulen können international konkurrieren und versorgen die Industrie mit qualifiziertem Personal.“

Hinzu kommen „weiche“ Faktoren. Alle wichtigen Institutionen in Laufweite, der größte Flughafen Deutschlands nahe der Stadt, viel Natur. Nicht zu vergessen: ein unglaublich breites kulturelles Angebot mit exzellenten Orchestern und vielen Museen, denen zum Teil bedeutende Forschungseinrichtungen angeschlossen sind. „Die Infrastruktur einer Metropole in einer vergleichsweise kleinen Stadt“, nennt Kulturliebhaber Raettig das. Und es gebe Mäzenatentum wie nirgendwo sonst in der Republik. Oper und Städel-Museum etwa erhielten immer wieder Großspenden aus privater Hand. Dass auf den Ehrentafeln für die Geldgeber meist Namen von Bankern stehen, braucht er nicht mehr zu erwähnen. Seine Zuhörer verstehen auch so.

Hat jemand wie er Feinde? „Meine Freunde von der städtischen SPD kann ich nicht immer restlos überzeugen“, räumt er ein — Understatement, das einem britischen Gentleman zur Ehre gereichte. Und Fehler? „Er kann nicht Nein sagen“, wissen Vertraute. So habe er sich rund 20 Ehrenämter aufbürden lassen.

Zu seinen ehrenamtlichen Aufgaben gehört auch, mehr Banker nach Frankfurt zu locken. Die russische Sberbank wird hier ihre Deutschland-Zentrale eröffnen, die Deutsche Börse verhandelt über Kooperationen mit China und anderen aufstrebenden Nationen. Frankfurt Main Finance hat eine Kooperation mit dem Finanzplatz Istanbul eingefädelt, weitere sollen folgen. Die Idee dahinter: sich die Welt zum Freund machen. So soll der Finanzplatz Frankfurt mit neuen, aufstrebenden Finanzplätzen lieber früh ins Geschäft kommen, als später das Nachsehen zu haben.

Licht unterm Scheffel
Warum die Vorteile des Finanzplatzes Frankfurt beziehungsweise Deutschlands bisher nicht besser vermarktet werden, leuchtet Raettig nicht ein. Also nimmt er die Sache selbst in die Hand. „Wir haben intakte Systeme in Deutschland. So haben die Sparkassen und Genossenschaftsbanken in der Vergangenheit immer wieder schwächelnde Institute aufgefangen. Und wir haben mit Lehman Brothers einen schweren Brocken verdaut. Ich glaube, das Ansehen der deutschen Finanzwirtschaft ist international viel besser als im eigenen Land.“

Ansätze, das Ansehen der Finanzbranche in Deutschland zu steigern, hat er zur Genüge. Eines seiner Rezepte: Nähe. Auch wenn „die Öffentlichkeit“ in „den Bankern“ die Buhmänner sieht — fast jeder Deutsche kennt persönlich mindestens eine Ausnahme. Wer will schon seinem Berater aus der Filiale um die Ecke oder dem netten Kerl von der Party neulich unterstellen, ein gieriger Finanzhai zu sein? Sich nicht verstecken, sich ordentlich verhalten, Kunden ernst nehmen — das rät ­Raettig jedem Banker. Dabei hilft ihm das deutsche Universalbankmodell mit dichten Filialnetzen vor Ort.

„Mister Finanzplatz“ weiß auch, dass er dorthin gehen muss, wo es wehtut. Zu seinem Job gehört es, viele Einzelgespräche zu führen — egal, ob mit Mitgliedern des Frankfurter Stadtrats, des Hessischen Landtags, des Bundestags oder des Europaparlaments. Denn: „Derzeit kommt es nicht gut an, wenn Banker Massenpredigten halten.“
Vielleicht wäre für diesen Mann sogar „megataskingfähig“ der passende Begriff.

zur Person:

Lutz R. Raettig wurde 1943 in Berlin geboren. Nach dem Abitur studierte er in Hamburg BWL und promovierte 1969. Seine Bankkarriere begann bei der WestLB, nach 18 Jahren wechselte er zur Commerzbank, wo er als Generalbevollmächtigter in Frankfurt und New York unter anderem das Investmentbanking leitete. Von 1995 bis 2005 war er Vorsitzender des Vorstands von Morgan Stanley in Frankfurt, seither leitet er den Aufsichtsrat. Zu seinen vielen Ehrenämtern zählen: Vorsitzender des Börsenrats der Frankfurter Wertpapierbörse, Mitglied im Vorstand des Bundesverbands Deutscher Banken, ­Vizepräsident und Vorsitzender des Bankenausschusses der IHK Frankfurt. Zudem gehört er den Kuratorien der Alten Oper und des Schirn-Museums an.

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