von Wolf Schumacher, Gastautor von Euro am Sonntag
Die Reform der Finanzmärkte muss die Risiken des Finanzsystems wirksam eindämmen, darf aber die Leistungsfähigkeit des Bankensektors und dessen volkswirtschaftliche Rolle nicht gefährden, fordert er. In der breiten Öffentlichkeit gelten Banken gemeinhin als Hauptschuldige an der weltweiten Finanzkrise. So unreflektiert und in ihrer Zuspitzung unzutreffend dies auch sein mag, Politik und Regulierer haben eine wahre Flut an deutlich strengeren Regeln für die Bankenbranche auf den Weg gebracht. In ihrer kumulativen Wirkung drohen die verschiedenen regulatorischen Maßnahmen die für die volkswirtschaftliche Entwicklung zentralen Funktionen der Banken zu untergraben.
Banken bauen Brücken zwischen jenen, die Geld sparen und jenen, die sich Geld leihen. Dadurch bringen sie unterschiedliche Volumina, Laufzeitinteressen, Kapitalverfügbarkeiten und Sicherungsbedürfnisse von Schuldnern und Gläubigern in Einklang. Dies klingt einfach, ist aber ein komplexer Prozess und eine elementare Voraussetzung für wirtschaftliches Wachstum.
Mag der Nutzen des Bankgeschäfts im engeren Sinne — also des klassischen Einlagen- und Kreditgeschäfts — noch weithin anerkannt werden, so sind das Investmentbanking und das Derivategeschäft spätestens seit der Finanzkrise in Verruf geraten. Zu Unrecht. Über Derivate bieten Banken der Realwirtschaft Lösungen an, um insbesondere Währungs- und Zinsausschläge sowie Preisschwankungen bei Rohstoffen abzufedern. Gleichzeitig nutzen Banken Derivate, um eigene Risiken zum Beispiel im Zinsbereich (Zins-Swaps), im Währungsbereich (Cross Currency Swaps) und im Kreditbereich (Credit Default Swaps) abzusichern. Sie erfüllen also eine unerlässliche Funktion für das Risikomanagement von Unternehmen und Banken.
Nicht zuletzt finanzieren Banken unternehmerische Ideen und unterstützen die Wirtschaft bei der Umsetzung strategischer Vorhaben. So sind Fusionen und Übernahmen ein wesentlicher Katalysator für die Weiterentwicklung von Unternehmen. Eigenkapitaltransaktionen über die Börse schaffen die Voraussetzung für Wachstum und damit auch für die Erhaltung und die Entstehung von Arbeitsplätzen.
Fünf Faktoren
belasten die Banken
Eine weitere Rolle der Banken ist im Zuge der Staatsschuldenkrise verstärkt in den Blickpunkt gerückt: Mit dem Kauf von Staatsanleihen leisten Banken einen wichtigen Beitrag zur Finanzierung von Staatshaushalten. Regierungen benötigen auch in Zukunft private Geldgeber für ihre — überwiegend hoch defizitären — Haushalte, denn staatliche Institutionen wie der EFSF oder Förderbanken werden den Finanzierungsbedarf nicht allein stemmen können.
Bedauerlicherweise ist oftmals das Bewusstsein für diese nützlichen Funktionen des Finanzsystems im Zuge der Krise verloren gegangen. Dieser Eindruck jedenfalls drängt sich auf, wenn man die verschiedenen Initiativen zur Bankenregulierung genauer untersucht. Vereinfacht gesagt, ergeben sich für die Banken aus den laufenden Regulierungsinitiativen fünf Belastungsfaktoren: ein höherer Kapitalbedarf, ein höherer Aufwand für die Refinanzierung, Wettbewerbsverzerrungen zwischen verschiedenen Finanzplätzen, höhere Verwaltungskosten und — quasi als Resultat all dessen — die Beschränkung zukünftiger Ertragsmöglichkeiten.
Der höhere Kapitalbedarf wird insbesondere durch die Anforderungen von Basel III ausgelöst. Banken sind künftig nicht nur verpflichtet, relativ zu ihren Risikoaktiva ihr Eigenkapital aufzustocken, sondern sie müssen auch die Qualität dieses Eigenkapitals erhöhen. Es wird damit deutlich teurer.
Darüber hinaus führen die Liquiditätsregeln zu einem höheren Aufwand in der Refinanzierung. Insbesondere unbesicherte Bankanleihen, aber auch Pfandbriefe werden im Rahmen der neuen Qualitätsanforderungen für Liquidität gegenüber Staatsanleihen stark benachteiligt. Und: Während Basel III Anfang 2013 in der EU in Kraft treten soll, ist völlig offen, wann das Regelwerk etwa in den USA eingeführt wird. Dadurch drohen europäischen Banken erhebliche Wettbewerbsnachteile.
Auch in der anstehenden Neufassung des Versicherungsaufsichtsrechts (Solvency II) werden Staatsanleihen gegenüber den Emissionen von Banken klar bevorzugt. Für Versicherer, die bis dato wesentlich zur Refinanzierung des Bankensektors beitragen, lohnt es sich künftig weniger, in langfristige Bankanleihen zu investieren. Sie drohen als Investoren ganz oder teilweise wegzufallen.
Darüber hinaus gewinnt die Immobilienfinanzierung innerhalb von Solvency II für Versicherungsunternehmen an Attraktivität. Der zusätzliche Wettbewerb wird zu mehr Liquidität führen und sich daher grundsätzlich positiv auf das Kreditangebot auswirken. Versicherer unterliegen allerdings nicht den gleichen strengen Regeln im Kreditvergabeprozess wie Banken. Unterschiedliche Vorschriften für die Akteure auf ein und demselben Markt aber bedeuten Wettbewerbsverzerrungen, die vermieden werden müssen.
Ein weiterer Aspekt sind die massiv gestiegenen Verwaltungskosten und ein höherer Ressourceneinsatz, die aufgrund der gestiegenen Anforderungen unter anderem im aufsichtsrechtlichen Meldewesen verursacht werden. Es ist unbestritten, dass die Politik mit der nachhaltigen Stabilisierung des Finanzsystems ein richtiges Ziel ausgegeben hat. Die Erfahrungen aus der Finanzmarktkrise haben deutlich gezeigt, dass ein Mangel an Transparenz und langfristiger Orientierung ebenso wie ein zu geringer Haftungsbeitrag von Finanzinstituten mit risikoreichem Geschäft ein nicht zu unterschätzendes Risiko darstellen.
Unabsehbare Folgen für
Europas Volkswirtschaften
Umgekehrt kann eine wirksamere Regulierung, die einen besonneneren Umgang mit Risiken fördert, zur Krisenfestigkeit der Märkte beitragen. Voraussetzung hierfür ist allerdings eine Regulierung mit Augenmaß. Davon kann derzeit keine Rede sein. Die Unsicherheit bei allen Marktteilnehmern ist sehr groß, weil die kumulierten Auswirkungen der neuen Regeln auf das Finanzsystem noch nicht absehbar sind. Klar ist nur, dass die Reformvorhaben die künftigen Ertragsmöglichkeiten der Banken deutlich beschneiden werden. Auch die Spielräume bei der Kreditvergabe dürften merklich kleiner werden. Die Sorge jedenfalls, dass die Reformen zu einer Verteuerung und Verknappung des Kreditangebots führen könnten, ist berechtigt.
Bisher existiert keine umfassende ökonomische Folgeabschätzung der Regulierungsvorhaben und ihrer Interdependenzen. Diese ist aber nötig, um den Gesamteffekt aller angedachten Maßnahmen auf den Finanzsektor und die Realwirtschaft zu quantifizieren. Würde der Bankensektor, der gerade in Europa die mit Abstand wichtigste Rolle bei der Finanzierung von Unternehmen spielt, durch eine überzogene Regulierung nachhaltig geschwächt, hätte dies unabsehbare Folgen für die Volkswirtschaften des Kontinents. Das muss verhindert werden. Noch ist es dafür nicht zu spät.
zur Person:
Wolf
Schumacher,
Vorstandschef
der Aareal Bank
Der promovierte Jurist steht seit 2005 an der Spitze der Aareal Bank.
Die Aareal Bank Gruppe mit Hauptsitz in Wiesbaden ist einer der führenden internationalen Immobilienspezialisten und im MDAX gelistet. Ihr Geschäftsmodell fußt auf zwei Säulen: gewerbliche Immobilienfinanzierungen in Europa, Nordamerika und Asien sowie Beratung und Dienstleistungen für die institutionelle Wohnungswirtschaft in Deutschland als Kernmarkt und in mehreren europäischen Ländern.
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