aktualisiert: 25.06.2012 13:55

Senden
€uro am Sonntag

EURO AM SONNTAG-INTERVIEW

Norbert Klusen: Starke Marke aufgebaut



Norbert Klusen, Techniker Krankenkasse
Der Professor an der Spitze der Techniker Krankenkasse hatte etliche Herausforderungen zu bestehen: Gesundheitsreform, Kassenöffnung und mehr Wettbewerb. Nach 17 Jahren im Amt übergibt er seinem Nachfolger Jens Baas.

von Peter Schweizer, €uro am Sonntag

Gesundheit ist ein kostbares Gut. Norbert Klusen weiß wohl wie kaum ein Zweiter, wie viel Wahrheit in diesem vermeintlichen Allgemeinplatz steckt. Einerseits hat er sich als Vorstandsvorsitzender der Techniker Krankenkasse 17 Jahre mit den Tücken des deutschen Gesundheitssystems herumgeschlagen. Andererseits hat der Professor als Empfänger eines Spenderorgans ganz persönlich erfahren, dass nichts gut ist, wenn Krankheit und Hoffnungs­losigkeit das Leben beherrschen.

„Den nächsten Morgen zu erleben, das war lange Zeit meine einzige Perspektive“, erinnert sich Klusen an seine schwerste Zeit. Ende der 90er-Jahre war der heute 64-Jährige an einer chronischen Entzündung der Gallengänge erkrankt, die zu Leberversagen führte. Fünf Jahre stand er auf der Warteliste, bevor ihm 2008 eine Leber transplantiert werden konnte. „Seitdem hat mein zweites Leben begonnen, und ich genieße jeden Tag.“

Veränderungen positiv begleiten
Gesund, krank und wieder gesund. Durchhaltevermögen und Willenskraft spiegeln sich auch in Klusens beruflicher Bilanz. Seit seinem Amtsantritt 1996 ist die Techniker Krankenkasse kontinuierlich gewachsen. Heute zählt sie 5,8 Millionen Mitglieder und 8,1 Millionen Versicherte. Damit ist sie die zweitgrößte Krankenkasse Deutschlands. Beim Umbau der wie eine Behörde organisierten Kasse in ein modernes Unternehmen kam Klusen seine Erfahrung aus der Industrie zugute. 962 Millionen Euro Gewinn erwirtschaftete die TK im vergangenen Geschäftsjahr. Der Kassenchef verspricht: „Das Geld geben wir unseren Mitgliedern zurück. Den Anfang haben wir gemacht. So zahlen wir mehr für Osteopathie und homöopathische Arzneimittel und kommen damit den Wünschen vieler Mitglieder nach sanfter Medizin nach. Außerdem haben wir viele Zusatzangebote der Spitzenmedizin. Und wir geben den Überschuss in Form von Stabilität zurück: Wir erwarten, dass es bei der TK bis Ende 2014 keinen Zusatzbeitrag geben wird.“

Von der Kassenöffnung 1997 und dem daraus resultierenden Wettbewerb über die Gesundheitsreform 2004 bis hin zur Fusion mit der IKK-Direkt 2009 — der Gesundheitsmanager hat sich selbst stets in den Dienst der Sache gestellt. „Die Veränderungen hat die TK immer positiv begleitet und ist daher auch selbst immer in Bewegung geblieben. Schließlich geht es darum, als moderner Gesundheitsdienstleister schnellere und bes­sere Angebote machen zu können als die Wettbewerber“, resümiert Klusen: „Es waren spannende Jahre, die von stetiger Weiterentwicklung geprägt waren — sowohl für die Techniker Krankenkasse als auch für mich persönlich. Ich hatte die Chance, viel gestalten zu können. Heute ist die TK ein Unternehmen, von der Art ihrer Führung bis hin zum Selbstverständnis der Mitarbeiter.“ Sein größter Erfolg? „Die TK ist zu einer starken Marke geworden.“

Herausragende Leistungen
„Die Bausteine des Erfolgs waren und sind der Wettbewerb und das Prinzip der Solidarität“, so Klusen. Die TK hat sich zudem als Vorreiter bei Modellprojekten, zum Beispiel in der Versorgung von Schlaganfall­patienten, in der ambulanten Kinderchirurgie und beim Aufbau von Praxisnetzen etabliert. Zusatzangebote in Spitzenmedizin wie etwa minimal-invasive Operationen oder die Impfung gegen Gebärmutterhalskrebs sind für TK-Versicherte genauso selbstverständlich wie beispielsweise Leistungen in Akupunktur und Homöopathie.

Die TK steht im Dialog mit ihren Versicherten. Hotlines, Internetportale, Klinikführer, Apps und Social-Media-Angebote ermöglichen den direkten Draht — rund um die Uhr. Die eigene Erfahrung, aber auch die Konfrontation mit dem Schicksal einiger Versicherter haben den Vater von vier erwachsenen Kindern zum engagierten Aufklärer für das Thema Organspende werden lassen. Seit 2007 setzt sich die TK für das Thema ein. Der Tenor der Aufklärungskampagne: eine Entscheidung fürs Leben. „Informieren Sie sich und treffen Sie in Ruhe Ihre Entscheidung“, so Klusen. „Mit einer Organspende können Sie nach dem eigenen Tod das Leben anderer, schwer kranker Menschen retten.“

Widerspruch ist wichtig
Organspende — ein Thema, das immer noch polarisiert. Doch Klusen hat auf seinem Weg gelernt, dass es wichtiger ist, authentisch als konturenlos und perfekt zu sein. „Widerspruch ist wichtig, ein kritischer Diskurs — auch mit Mitarbeitern.“ Wenn er Ende Juni aus Altersgründen aus dem Amt scheidet, mag der engagierte Gesundheitsmanager jedoch noch nicht ganz ans Aufhören denken. Deshalb lehrt er als Honorarprofessor weiterhin internationale Gesundheitspolitik und Gesundheitssysteme an der Universität in Hannover und als Gastprofessor an der University of Michigan, Ann Arbor. Auch die Entwicklungen im deutschen Gesundheitssystem wird er weiterhin begleiten.

Und obwohl er für die Aufhebung der Trennung von privater und gesetzlicher Krankenversicherung plädiert, fällt sein Urteil versöhnlich aus: „Man muss nur ins europäische Ausland schauen, um zu sehen, dass man sich in Deutschland als Patient sehr wohlfühlen kann.“

zur Person:

Engagierter
Aufklärer

Norbert Klusen studierte von 1970 bis 1974 Soziologie, Politologie und Psychologie sowie Wirtschaftswissenschaften an der RWTH Aachen und an der TU Berlin, wo er 1985 auch promovierte. Bevor er zur Techniker Krankenkasse wechselte, war er bei mehreren internationalen Konzernen in leitenden Positionen tätig, zuletzt als Vorstandsmitglied und Arbeits­direktor bei Jungheinrich. Der vierfache Vater lehrt zudem an mehreren Universitäten Internationale Gesundheitspolitik und Gesundheitsökonomie.

Bildquellen: Techniker Krankenkasse

  • PKV
  • BU
  • UV
  • ZV
  • KFZ
  • Rechtsschutz

Weitere Links:

Kommentare zu diesem Artikel

Geben Sie jetzt einen Kommentar zu diesem Artikel ab.
Kommentar hinzufügen

ANZEIGE

Berufsunfähigkeitsversicherung

ANZEIGE

Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Albig hat mit einer Forderung nach einer Sonderabgabe für Straßen für Aufsehen gesorgt.
Wenn so endlich die deutschen Straßen und Brücken saniert werden, wäre eine solche Abgabe zu unterstützen.
Die Regierung sollte endlich lernen, mit den bestehenden Einnahmen auszukommen.
Eine solche Abgabe berücksichtig weder den Umfang der Straßennutzung noch die finanzielle Situation des einzelnen Autofahrers und wäre deshalb ungerecht.
Abstimmen

Anzeige