aktualisiert: 31.08.2012 15:17
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Starinvestor Zulauf: Schäuble muss etwas vorgaukeln

Felix Zulauf, der Schweizer Starinvestor, sieht schwarz
Euro am Sonntag-Interview
Felix Zulauf: Der Schweizer Starinvestor sieht schwarz. Warum die Eurokrise bald ­eskalieren wird, die USA in eine Rezession schlittern und was Anleger jetzt tun sollten.
€uro am Sonntag

von Lucas Vogel, Euro am Sonntag

Klare Aussagen, starke Thesen, unangenehme Wahrheiten — Felix Zulauf wird während unseres Gesprächs in seinem Büro im schweizerischen Zug sehr deutlich. Das Schöne an einem Interview mit dem ehemaligen Hedgefondsmanager: Selbst seine düstersten Pro­gnosen klingen für deutsche Ohren nicht ganz so schlimm — dem feinen, wohlklingenden Schweizer Akzent sei Dank.

€uro am Sonntag: Bankenkrise, Währungskrise, Schuldenkrise — das Wirtschaftssystem der reichen Industrieländer scheint kaputt. Welche Fehler haben wir gemacht?
Felix Zulauf:
Kurz gesagt, wir haben zu lange auf zu großem Fuß gelebt. Wir erwachen gerade langsam aus einer Phase der Scheinprosperität. Diese Phase begann im Prinzip mit der Aufhebung der Goldstandards im Jahr 1971. Seitdem gibt es die Möglichkeit, unlimitiert Geld zu drucken. Und seitdem haben die Notenbanken — besonders seit der Ära Greenspan, also seit 1987 — eigentlich jedes wirtschaftliche Problem mit viel zu billigem Geld zugekleistert.

Das ging lange gut. Warum funktio­niert das jetzt nicht mehr?
Zu viel billiges Geld führt zu Fehl­allokationen. Investitionen werden getätigt, die nicht getätigt worden wären, wenn das Geld einen höheren Preis gehabt hätte. Diese Fehl­investitionen machen irgendwann wieder Probleme — wie die Häuserblase in den USA —, und die werden wieder mit frischem Geld bekämpft. Doch nun hat der Euro die Probleme an die Oberfläche gebracht.

Ist der Euro schuld?
Der Euro ist nicht das Problem. Er ist nicht schuld daran, dass unsere Gesellschaft seit 25 Jahren über ihre Verhältnisse lebt. Aber er hat als Brandbeschleuniger gewirkt.

Dennoch wollen die meisten Politiker ihn um jeden Preis behalten.
Ich denke, die Politik hat mittlerweile begriffen, dass der Euro eine Fehlkonstruktion ist und dass die Probleme wesentlich einfacher zu lösen wären, wenn wir alle unsere eigene Währung hätten. Aber wir fürchten uns vor dem Zurück. Ein Aufbrechen des Euro ist mit Schäden verbunden, vor deren Ausmaß wir uns fürchten. Daher geht die ­Politik weiter voran, ohne zu wissen, wohin und wie.

Und beschwört mit dem Ende des Euro auch das Ende des fried­lichen Europa.
Das ist verständlich. Der Euro ist ein Projekt, das aus der Geschichte entstand. Frankreich hatte nach der Wiedervereinigung Angst vor einem starken Deutschland und hatte außerdem über Jahrzehnte unter der unabhängigen und starken Bundesbank und der harten D-Mark gelitten. Frankreich wollte mit der Währungsunion die Bundesbank los­werden. Dem Publikum wurde er als friedens- und prosperitätsstiftend sowie integrierend für Europa ­verkauft.

Angesichts der Merkel-Hitler-­Vergleiche in Griechenland und der Schlagzeilen der „Bild“-­Zeitung scheint das momentan nicht wirklich zu funktionieren.
Das hatte ich schon bei der Einführung des Euro gesagt, dass die neue Währung die Mitgliedstaaten spalten und wirtschaftlichen Schaden anrichten wird. Die Völker an der Peripherie realisieren das jetzt. Da werden wirtschaftliche Strukturen und ganze Existenzen durch einen deflationären Prozess zerstört, der kaum mehr aufzuhalten ist.

Ist der Sparkurs denn falsch?
An sich ist Sparen sehr sinnvoll. Aber in einer überschuldeten Situation führt Sparen zu Deflation, Vermögensverlust, Wohlstandsverlust, Verlust des Arbeitsplatzes, Einkommensverlust. Und der Euro ist die Zwangsjacke, die es den Ländern nicht erlaubt, den Weg über eine Währungsabwertung zu gehen — wie der Goldstandard in den 30er-Jahren, der Zeit der Großen Depression.

Sollte Herr Schäuble also nach­geben und den Peripherieländern mehr Hilfe gewähren?
Er ist auch in der Situation gefangenen. Er muss die deutschen Steuerzahler bei der Stange halten. Die fürchten zu Recht eine Vergemeinschaftung der Schulden. Das ganze in einer Zeit, in der sie das Renten­alter erhöhen und andere, wie der französische Präsident Hollande, es senken. Er muss ihnen also die ganze Zeit vorgaukeln, wie gut der Euro für sie ist. Dabei sind die echten Gewinner nur die Exportunternehmen in Deutschland, die mit einer unterbewerteten Währung operieren können, und nicht die Mehrheit der deutschen Unternehmen, Arbeitnehmer und Lohnempfänger.

Deutschland profitiert also nicht vom Euro?
Nein. Das ist ein Märchen, das hinten und vorn nicht stimmt. Das wird von Politikern vorgeschwatzt, die nicht immer über den notwendigen Sachverstand verfügen. Erstaunlich ist vor allem, dass die Arbeitnehmerpartei SPD immer wieder die Vorteile des Euro rühmt, wo doch deutsche Arbeitnehmer über ein Jahrzehnt niedrigere Reallöhne hinnehmen mussten. Zudem darf man nicht vergessen, dass Deutschland doch jetzt schon Verpflichtungen eingegangen ist, die eine Billion deutlich übersteigen.

Über den Austritt Griechenlands aus der Währungsunion sprechen deutsche Politiker nun offen. Wie wird die Eurozone in fünf Jahren aussehen?
Ich weiß es nicht. Die vollständige Rückkehr zu den nationalen Währungen ist das Szenario, das die poli­tische Klasse nicht will, die ich aber favorisieren würde. Schließlich leiden die Völker an Europas Peripherie so stark, dass sie sich irgendwann gegen ihre Regierungen wenden werden. Sie werden sagen: Wir wollen Arbeit, Einkommen und ein anständiges Leben. Der Euro bringt uns genau das Gegenteil. Deswegen wollen wir raus.

Wie können unsere Leser ihr ­Erspartes sicher durch eine so ­fundamentale Krise steuern?
Auch bisher defensive Anleger müssen sich bewusst werden: Anleihen sind ein sicherer Weg, Kaufkraft zu verlieren. Wir sind am Ende eines 30  Jahre währenden Zyklus fallender Zinsen angelangt, die Zinsen ­liegen unter den Inflationsraten. Gleich­zeitig sind die Risiken bei Aktien beträchtlich. Die konjunkturelle Situation spricht nicht für Unternehmensbeteiligungen. Wenn in den Industrieländern Wirtschaftswachstum nur durch gewaltige staatliche Defizite aufrechterhalten werden kann, dann sind auch die Erträge der Unternehmen extrem abhängig von dieser nicht nachhaltigen Schuldenpolitik.

Also kann ich mich auch nicht mit Aktien schützen?
Man kann mit Aktien eine große Krise überstehen. Man muss aber sehr genau hinsehen und abschätzen: Kann dieses Unternehmen eine große Krise überleben? Wenn Sie die Frage mit Ja beantworten können, dann ist das sinnvoll. Aber Sie müssen mit großen Kursschwankungen leben können.

Welche Firmen sind das?
Die Unternehmen müssen eine starke Bilanz aufweisen und Produkte des täglichen Bedarfs herstellen, die die Menschen einfach brauchen, auf die sie nicht verzichten können.

Das sind dann Nahrungsmittel­hersteller wie Nestlé und Coca-Cola. Aber diese Aktien sind doch mittlerweile sehr hoch bewertet, oder?
Sie sind nicht mehr günstig. Aber sie dürften noch weiter steigen. Diese Qualitätsaktien wurden in vergangenen Krisenphasen auch immer wieder gesucht und wurden erst auf ­höheren Bewertungsniveaus nach einer Übertreibungsphase reif für Kurseinbrüche. Aber einfach ein paar Aktien zu kaufen und dann liegen zu lassen, damit kommen Sie nicht gut durch die Krise. Dafür sind die fundamentalen Gefahren zu groß.

Warum nicht? Was sollte man ­stattdessen tun?
Wenn meine These stimmt und Griechenland noch 2012 aus dem Euro­raum austritt und 2013 große Länder wie Spanien ausscheiden, dann gibt es 2013 eine Rezession, eine Systemkrise, einen richtigen Ausverkauf am Aktienmarkt. Danach, vielleicht erst 2014, sollte es dann eine gute Einstiegsmöglichkeit geben. Denn unsere Politiker und Behörden werden nicht einfach zuschauen, sie werden Geld drucken und dann trotz hoher Verschuldung Konjunkturprogramme auflegen. Das sollte Aktien beflügeln. Schwellenländer dürften dann am aussichtsreichsten sein.

Und was ist mit Gold, der ­ultimativen Krisenwährung?
Gold sollte — wie Aktien — spätestens dann profitieren, wenn die Hilfsprogramme kommen. Die Notenbanken werden weiter mit Liquidität das System am Laufen halten, eine Depression wie in den 30er-Jahren verhindern. Aber das wird das Vertrauen in Papierwährungen erschüttern. Dann geht das Kapital in alternative Wertaufbewahrungsmittel wie die Alternativwährung Gold.

Und was machen Anleger, bis es so weit ist?
Sie müssen derzeit wie ein Heckenschütze anlegen. Das bedeutet für deutsche Anleger, Unternehmensanleihen mit kurzen Laufzeiten und bester Bonität von deutschen Unternehmen mit Fokus auf die Binnenwirtschaft zu kaufen. Immer wenn der Pessimismus besonders stark ist, sollte man aus dieser Deckung kommen und Aktien kaufen. Ein gutes Beispiel ist die schlechte Stimmung vor dem letzten EU-Gipfel Ende Juni, die dann zu einer kurzen Rally nach dem Gipfel geführt hat.

Und wie wird sich der Goldpreis in Ihrem Hauptszenario bewegen?
Beim Goldpreis sieht es so aus, als ob die Korrektur im Spätsommer oder Frühherbst zu Ende ginge. Sollte der Preis noch einmal unter die Marke von 1.520 Dollar fallen, wird es einen kurzen Rutsch geben, und das wäre dann eine fantastische Kaufgelegenheit. Sollte der Goldpreis über die Marke von 1.700 Dollar ausbrechen, wäre dies das Signal, dass die Korrektur beendet ist und wir am Anfang einer neuen Avance stehen, die neue Höchstkurse bringt. So oder so wird der Goldpreis mittelfristig steigen.

zur Person:

Schweizer Urgestein
Felix Zulauf, Jahrgang 1950, ­begann seine Karriere bei der Schweizer Großbank UBS in Zürich, wo er zum globalen Anlage­strategen und Leiter des institutionellen Portfolio­managements aufstieg. Seit 1987 nimmt er am berühmten jährlichen Round-Table-Gespräch der US-Börsenzeitung „Barron’s“ teil. Er war der erste Nichtamerikaner, der dem jährlichen Treffen von Investment­legenden beiwohnen durfte. 1990 gründete er die Zulauf ­Asset Management, um seine Anlagephilosophie frei von Re­striktionen umsetzen zu können. Heute verwaltet Zulauf sein eigenes Vermögen und berät mehrere institutionelle Investoren. Zulauf ist verheiratet, hat zwei erwachsene Kinder und lebt in Zug in der Schweiz.

Bildquellen: Axel Griesch
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