06.05.2013 03:00
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Ex-Börsenbroker Philipponnat: Der Schrecken der Finanzindustrie

Thierry Philipponnat, Finance Watch
Euro am Sonntag-Porträt
Mehr als 20 Jahre lang war der Franzose Thierry Philipponnat Banker. Jetzt schaut er als Chef der Verbraucherschutzorganisation Finance Watch der Finanzbranche auf die Finger.
€uro am Sonntag

von Christoph Platt, Euro am Sonntag

Mittelgroß, von hagerer Gestalt, die Wangen leicht eingefallen. Von seiner Statur her ist Thierry Philipponnat nicht gerade der dominante Typ. Doch sein Blick und seine Haltung strahlen Entschlossenheit aus. Die braucht Phi­lipponnat auch dringend in seiner Position. Der 51-Jährige ist Chef von Finance Watch, einem jungen gemeinnützigen Verein, der es sich zum Ziel gesetzt hat, der übermächtigen Bankenlobby in Brüssel die Stirn zu bieten.

Seit fast zwei Jahren lenkt Philipponnat als Generalsekretär die Geschicke von Finance Watch. Er ist aber nicht nur der aktuelle Chef der Organisation, sondern hat sie auch mit aufgebaut. Und er ist wie geschaffen für diesen Job: Er hat ­Ahnung vom Bankgeschäft. Mehr als 20 Jahre war Philipponnat in der ­Finanzbranche tätig.

Sein Credo ist zugleich das von ­Finance Watch: Die Finanzindustrie soll der Realwirtschaft und damit der Gesellschaft dienen. Plakativer ausgedrückt: Banken sind unerlässlich für Wirtschaft und Gesellschaft, Zockereien auf Kosten des Gemeinwohls sind es nicht.

Einladung vom Finanzausschuss
Es gibt viele Themenfelder, die Philipponnat mit Finance Watch beackert. Am 22. April hat ihn der Finanzausschuss des Deutschen Bundestags eingeladen, um sich seinen Standpunkt zu einem getrennten Bankensystem anzuhören. Auch zur zyprischen Bankenkrise äußert sich Finance Watch, zur Transparenz von Benchmarks, zu den An­for­derungen an Kundeninformations­dokumente, durch die Privatanleger Finanzprodukte besser verstehen sollen. Bei alledem kommt Philipponnat seine Erfahrung aus seinem früheren Leben als Banker zugute.

Seine Karriere im Geldbusiness kann sich sehen lassen: Nach dem Wirtschaftsstudium in Paris geht Philipponnat 1985 zuerst zu einer Bank in Toulouse, danach als Op­tionshändler nach London. Dann reizt ihn eine neue Herausforderung: Er beteiligt sich an der Gründung von Exane, dem mittlerweile größten Broker Frankreichs. Es folgen Posten bei der Schweizer UBS und der französischen BNP Paribas. Schließlich wird Philipponnat Chef der Abteilung für Aktienderivate an der Börse Euronext.liffe.

20 Jahre in der Finanzbranche hinterlassen Spuren. Mit dem, was er tut, ist der Franzose zunehmend unzufrieden. Er entschließt sich, die Seiten zu wechseln. Philipponnat ist 44, sein Berufsleben hat Halbzeit.
Eine Pause gibt es aber nicht. Er verlässt Euronext und geht zu Amnesty International. Dort kümmert er sich um eine Kampagne, die zum Ziel hat, die Finanzierung von Streubombenherstellern zu unterbinden. Der Wechsel kommt nicht von un­gefähr: Seit seiner Jugend ist Philipponnat Mitglied bei der international tätigen Menschenrechtsorganisation.

Wunsch nach Veränderung
Ein einschneidendes Erlebnis, das Philipponnat zu dem Wechsel bewegt hat, sucht man bei ihm vergebens. „Mit der Zeit wurde der Wunsch immer stärker, etwas anderes zu tun“, sagt er. „Ich wollte nicht mein ganzes Leben damit ver­bringen, darüber nachzudenken, wie ich das Geschäft ausbauen oder höhere Gewinne erzielen kann.“ Das Ende seiner Laufbahn als Banker steht bevor.

Finanziell muss Philipponnat Abstriche machen, als er zu Amnesty International wechselt: In der Welt der nichtstaatlichen Organisationen wird bei Weitem nicht so gut gezahlt wie in der Bankbranche. Die Einbußen halten ihn aber nicht davon ab. „Es reicht doch völlig aus, ein Haus zu haben und einmal im Jahr in den Urlaub fahren zu können“, sagt er. Das große Geld kann Philipponnat nicht im Finanzsektor halten, der Wunsch danach, etwas Sinnvolles für die Gesellschaft zu tun, ist stärker.

Als eine Gruppe von Europa-Ab­geordneten 2010 eine Person sucht, die eine Organisation als Gegenpol zur überaus aktiven Brüsseler Bankenlobby aufbaut, bewirbt sich Philipponnat. „Fünf oder sechs Leute waren in der engeren Auswahl, und ich konnte mich durchsetzen“, erinnert er sich. Die EU-Parlamentarier beauftragten ihn mit dem Aufbau von Finance Watch.“

Das dauert sieben Monate, in denen er Mitarbeiter sucht, Geldgeber überzeugt, Mitglieder wirbt. Und sich Rat holt bei anderen Organisa­tionen, die schon lange versuchen, der Finanzwelt Paroli zu bieten. Eine davon ist Weed (Weltwirtschaft, Ökologie & Entwicklung), deren Vorsitzender kein Unbekannter ist: Peter Wahl, im Jahr 2000 Mitgründer der Deutschland-Sektion der globalisierungskritischen Netzwerks Attac, trifft sich mehrfach mit Philipponnat. Er lobt den Franzosen: „Der Aufbau einer solchen Organisation ist nicht einfach, doch es ist ihm gut gelungen.“ Wahl erkennt in Philipponnat „eine gesunde Mischung aus Sachkompetenz, Managementfähigkeit und einer prinzipiellen Wertorientierung, die bei solchen Sachen ein wichtiger Kompass ist“.

Vor fast genau zwei Jahren, am 28.  April 2011, wird Finance Watch schließlich als gemeinnütziger Verein ins Brüsseler Register eingetragen und nimmt die Arbeit auf. Zwei Monate später beruft der neu gewählte Vorstand Philipponnat in das Amt des Generalsekretärs.

Schlagkräftige Truppe
Mit dem, was Finance Watch seitdem erreicht hat, ist der Franzose ziemlich zufrieden. Besonders bei der Wahrnehmung des Vereins in der Öffentlichkeit seien seine Erwartungen weit übertroffen worden, sagt er — und ebenso beim Maß, mit dem die Politik und europäische Institutionen den Ratschlag von Finance Watch anfordern.

Auch die Mitgliedsorganisationen von Finance Watch sind mit der Arbeit von Philipponnat und seinem Team zufrieden. „Er hat in relativ kurzer Zeit den Laden zu einer recht schlagkräftigen Truppe zusammengefügt“, sagt Weed-Chef Wahl.
Aufseiten der Bankenprofis, denen Philipponnat gegenübertritt, hält sich die Begeisterung natur­gemäß in Grenzen. Da wird der 51-Jährige mit den Geheimratsecken nicht immer freudestrahlend begrüßt. Besonders die großen Banken mögen ihn nicht. „Je kleiner die Bank ist, desto mehr Verständnis hat sie für das, was ich tue“, formuliert er es ­positiv. Große Banken hingegen ­haben große Füße, auf die Philipponnat womöglich treten könnte.

Viele Institute, die auf die Arbeit von Philipponnat und Finance Watch angesprochen werden, reagieren zurückhaltend. „Wir beobachten die“ — und darüber hinaus wolle man nichts sagen. Vor einem Mann, der Ahnung vom Geschäft hat, haben die Banker offensichtlich Respekt. Dass Philipponnat mal einer von ihnen war, macht Kritik an dem, was er tut und fordert, schwierig. „Das Totschlagargument der Finanzindustrie gegenüber Kritikern ist oft, dass diese nichts von der Sache verstehen“, sagt Wahl. „Da ist es sehr hilfreich, wenn ein Insider sagen kann: ,Ich war dabei.‘“

Auch die Finanzindustrie muss diese Fachkenntnisse anerkennen. „Viele Verbraucherschützer wissen oft nicht genau, wovon sie sprechen  — er schon“, sagt ein Lobbyist aus der Bankenwelt, der mit Philipponnat in Brüssel zu tun hat. „Der legt den Finger in die Wunde.“ Für die Verbraucherschützer sei der Franzose ein Glücksgriff, meint er.

Kein Banken-Bashing
Auf Konferenzen oder in öffentlichen Diskussionen tritt Philipponnat­ kontrolliert und besonnen auf. Er bemüht sich um Sachlichkeit, eine Losung, die ebenso für seinen Verein als Ganzes gilt. „Wir greifen keine Personen an und benennen auch keine konkreten Geldinstitute als Übeltäter“, sagt er. „Uns geht es um das System, hier müssen wir etwas tun.“ Stumpfes Banken-Bashing gibt es mit ihm nicht.

Von Zeit zu Zeit flackert jedoch Wut in ihm auf. Vor allem wenn es um sein Heimatland Frankreich geht, wo Finance Watch besonders aktiv ist. Er empört sich darüber, wie eng die Verzahnung zwischen den Volksvertretern und der Bankenwelt ist, wie wenig sich die Parlamentarier von den Wünschen der Bankenwelt befreien können. „Incroyable“, stößt er wieder und wieder hervor, als er Vertrauten von Beschimpfungen erzählt, die gegen ihn persönlich gerichtet sind und wortgleich aus dem Mund von Volksvertretern und Bankverbänden kommen — „unglaublich“. Da ist es vorbei mit seiner Contenance.

Trotz allen Ärgers: Philipponnat geht in seiner Rolle voll auf. Und betrachtet die Finanzbranche lieber aus der jetzigen Perspektive als aus der damaligen: „Der Job ist viel erfüllender als früher“, sagt er. „Aber er verlangt mir und meinem Team auch unglaublich viel ab.“ Seine Entschlossenheit hilft ihm, diese Herausforderung zu meistern.

zur Person: Seit dem 30. Juni 2011 ist Thierry Philipponnat General­sekretär des gemeinnützigen Vereins Finance Watch. Er studierte Wirtschaftswissenschaften in Paris und war von 1985 bis 2006 für verschiedene Finanzinstitute tätig. Unter anderem arbeitete er für die Großbanken UBS und BNP Paribas, beteiligte sich an der Gründung des Brokers Exane und war Chef des Aktienderivatehandels bei der Börse Euronext.liffe. Von 2006 bis 2010 betrieb er Lobbyarbeit für die Menschenrechtsorganisation Amnesty ­International. Thierry Philipponnat ist verheiratet und hat zwei Kinder.

Finance Watch
Der gemeinnützige Verein versteht sich bei der Reform der ­Finanzregulierung als Bürger­anwalt. Er will den europäischen und nationalen Gesetzgebern das Gemeinwohl nahebringen und vertritt es öffentlich. Finance Watch fordert unter anderem, das Einlagengeschäft der Banken vom riskanten Handels­geschäft zu trennen, den Derivate- und den Hochfrequenzhandel einzudämmen sowie ­Finanzproduktinformationen verständlicher zu gestalten. Zudem strebt der Verein an, dass Kreditrisiken nicht auf die Allgemeinheit abgewälzt und für alle Banken Abwicklungs- und Sanierungspläne entworfen werden.

Bildquellen: Finance Watch
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