29.07.2013 17:00
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Bankenunion: Der Knoten ist nur gelockert

Eurokrise: Bankenunion: Der Knoten ist nur gelockert | Nachricht | finanzen.net
Eurokrise
Ende Juni einigten sich die EU-Finanzminister auf neue Regeln zur Sanierung und Abwicklung von Banken, die in Schieflage geraten sind. Einen Durchbruch brachte das Treffen nicht.
€uro am Sonntag
von Frank Engels, Gastautor von Euro am Sonntag

Über kaum ein Thema wird derzeit zwischen den Politikern in der EU so heiß diskutiert und gestritten wie über die Bankenunion. Doch was verbirgt sich hinter dem Schlagwort? Und mit welchen Auswirkungen muss der Anleger rechnen? Im Kern geht es darum, eine gemeinsame Bankenaufsicht zu etablieren und einen europaweiten Mechanismus zur Sanierung oder ­Abwicklung notleidender Kreditinstitute zu schaffen.

Das jetzige Verfahren muss geändert werden, darin sind sich die Akteure einig. Allerdings gehen die Interessen der Beteiligten weit auseinander. Mit anderen Worten: Die Lage ist vertrackt. Auf ihrem Treffen am 27. Juni haben sich die EU-Finanzminister auf erste Eckpunkte geeinigt, um den Knoten im Projekt Bankenunion zu lösen.

Für Anleger handelt es sich um ein wichtiges Thema, denn dem europäischen Bankensystem kommt in mehrfacher Hinsicht eine Schlüsselstellung zu: Erst muss es gesunden, damit die Schuldenkrise überwunden werden kann. Ohne funktionierende Banken erhalten Unternehmen und Haushalte zu wenig Kredite, die Konjunktur kommt nicht richtig in Schwung. Das ist aktuell in den Peripherie­ländern zu beobachten — und so fehlt es an Wachstum, das für die Sanierung der Staatsfinanzen nötig ist.

Außerdem kann eine angeschlagene Bankenbranche ein ganzes Land in Mitleidenschaft ziehen, wie die Beispiele Irland, Spanien und Zypern gezeigt haben. Und schließlich sind Investoren auch als Besitzer von Aktien, Anleihen und Einlagen von den neuen Regeln betroffen.

Der Steuerzahler rückt an das
Ende der „Retter-Kette“

Bei der europäischen Bankenunion geht es daher derzeit vor allem um vier Aspekte: Wird die Gefahr eines Staatsbankrotts als Folge von Bankenpleiten gebannt? Wird die Kreditvergabe in den Peripherieländern wieder in Gang gesetzt? Wie wirken sich die Regeln auf Anlagen im Finanzsektor aus? Und wird das Risiko von Bankeninsolvenzen minimiert?

Die Vereinbarung der EU-Finanzminister hat zum Ziel, dass die Steuerzahler künftig nur noch in Ausnahmefällen für in Schieflage geratene Banken geradestehen müssen. Stattdessen sollen zunächst die privaten Gläubiger die Last schultern. Fachleute sprechen von einem Bail-in. Er betrifft nach der Neuregelung nicht nur die Aktionäre, sondern auch fast alle Anleihegläubiger sowie Sparer mit Einlagen von mehr als 100.000 Euro. Außerdem sollen von den Banken finanzierte, nationale Abwicklungsfonds eingerichtet werden, die im Notfall einspringen können.


Frank Engels
Erst wenn diese Instrumente ausgeschöpft sind, können „alternative Quellen“ wie die jeweilige Regierung oder (in engen Grenzen) der europäische Rettungsschirm ESM zur Unterstützung herangezogen werden. Die Steuerzahler rücken also vom Anfang an das Ende der „Retter-Kette“. Dadurch sinken die Wahrscheinlichkeit und der Umfang staatlicher Hilfsaktionen. Muss die Regierung trotzdem einspringen, bleibt das Dilemma aber bestehen: Wirtschaftlich schwache Staaten können einen großen Bankensektor kaum auffangen, ohne selbst in Liquiditäts- oder Solvenzprobleme zu geraten. Obwohl die neue Regelung eine Verbesserung darstellt, wird die Verbindung zwischen Staats- und Banken­finanzen nicht vollständig aufgebrochen.

Die Banken der Krisenländer
kämpfen an mehreren Fronten

Der zweite wichtige Punkt ist die Kreditvergabe in den notleidenden Ländern am Rand der Eurozone. Aktuell kämpfen die Geldhäuser dort an mehreren Fronten: Eine schwache Konjunktur treibt die Kreditausfallraten in die Höhe, während gleichzeitig eine schärfere Regulierung mehr Eigenkapital fordert. Hinzu kommt, dass Investoren von den Instituten aus diesen Ländern einen Sicherheitsaufschlag verlangen, wenn sie Aktien oder Anleihen kaufen. Dadurch sind die Finanzierungskosten der betroffenen Banken relativ hoch, was wiederum die Kredite verteuert. So werden die Bankbilanzen in den Peripheriestaaten stark belastet. Die Darlehensvergabe stockt, Investitionen sowie größere Konsumausgaben werden drastisch erschwert. Die Folge: Die ohnehin gebeutelte Konjunktur in diesen Ländern erhält einen zusätzlichen Dämpfer.

Die Probleme werden durch die neuen Regeln nicht entschärft. Künftig müssen die Banken einen Teil ihrer Gewinne für die neuen Abwicklungsfonds abzweigen. In zehn Jahren sieht der Plan eine Höhe von 0,8 Prozent der gedeckten Einlagen aller Banken in einem Land vor. Diese Mittel stehen für die Stärkung des Eigenkapitals nicht zur Verfügung. Auch die Anforderungen an die Kapitalausstattung sind gestiegen. Zwar sind die Maßnahmen langfristig positiv zu bewerten. Kurzfristig erhöhen sie aber den Druck auf die Geldhäuser, die Kreditvergabe weiter einzuschränken.

Anleger, die in den Bankensektor investieren, sollten die betreffenden Kreditinstitute künftig noch genauer analysieren. Denn die Wahrscheinlichkeit, dass der Gläubiger im Insolvenzfall haftet, ist substanziell gestiegen. Die Reihenfolge geht dabei von Aktien über Nachranganleihen zu erstrangigen Anleihen und Schuldverschreibungen sowie Kundeneinlagen von mehr als 100.000 Euro. Erst danach greifen staatliche und europäische Hilfen. Nur Pfandbriefe als wichtigstes und besichertes Finanzierungsinstrument der europäischen Banken sind ausgenommen.

Diese Bail-in-Struktur bietet aber auch Chancen. Anleger können in Papiere mit geringerem Anspruch im Insolvenzfall investieren, die dafür mit einer höheren Rendite aufwarten. Allerdings sollte man dann auf solide Banken setzen. Diese Institute herauszufiltern ist jedoch angesichts der Komplexität im Finanzgeschäft und der zunehmenden Vermischung von Staats- und Bankenrisiken keine leichte Aufgabe.

Die neuen Regeln sind ein Fortschritt,
aber kein Durchbruch

Zusammenfassend lässt sich sagen: Die Vereinbarungen zur Bankenunion folgen dem typischen Muster der europäischen Krisenbekämpfung. Sie sind ein Fortschritt, aber kein Durchbruch. Viele Details bleiben ungeklärt, etwa die zwischen Brüssel und Berlin strittige Frage, wer für die Bankenabwicklung zuständig ist. Die EU-Kommission und die Europäische Zentralbank bevorzugen dabei eine pan-europäische Bankenaufsicht. Dagegen setzt die Bundesregierung zunächst auf eine engere Zusammenarbeit der nationalen Aufsichtsbehörden. Ebenso unklar ist, welches der beiden Modelle hilft, die Gefahr von Bankenpleiten in Europa zu minimieren.

Das Thema wird die Kapitalmärkte weiter begleiten und fordert eine politische Entscheidung. Mit den jüngst in Brüssel getroffenen Absprachen konnte der Knoten zwar gelockert werden, geplatzt ist er aber noch nicht.

Zur Person:

Frank Engels, Leiter des Renten-Portfolio-Managements
bei Union Investment
Der promovierte Volkswirt leitet das 46-köpfige Rententeam der Fondsgesellschaft Union Investment und ist dort für ein Portfoliovolumen von mehr als 75 Milliarden Euro verantwortlich. Zuvor arbeitete Engels unter anderem als Ökonom für den Internationalen Währungsfonds und als Länderexperte für Deutschland, Frankreich, die Niederlande und Griechenland bei der Europäischen Zentralbank.

Bildquellen: Alexey Fateev / Shutterstock.com, iStock

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