24.11.2012 16:00
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Die EU muss endlich alle Zahlen offenlegen

Eurokrise: Die EU muss endlich alle Zahlen offenlegen | Nachricht | finanzen.net
Weil Athens Schulden überraschend hoch sind, streiten die Gläubiger am Montag über weitere Hilfen
Eurokrise
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Weil Athens Schulden überraschend hoch sind, streiten die Gläubiger am Montag über weitere Hilfen. Experte Rolf Schneider will wissen, warum der Schuldenschnitt 20 Milliarden weniger gebracht hat als geplant.
€uro am Sonntag
von Andreas Höß, Euro am Sonntag

€uro am Sonntag: Herr Schneider, EU und IWF haben vergangene Woche die Auszahlung der nächsten Hilfsmilliarden für Griechenland schon wieder verschoben. Wo liegt das Problem?
Rolf Schneider:
Griechenlands Schuldenstand ist höher als noch im Frühjahr erwartet. Deshalb zweifelt der Internationale Währungsfonds daran, dass die Griechen ihre Schulden bis 2020 auf 120 Prozent der Wirtschaftsleistung senken können. Genau das hat er sich aber zur Voraussetzung gemacht, um weitere Kredite an die Griechen freizugeben.

Im Frühjahr haben private Gläubiger wie Banken bereits auf rund 100 Milliarden Euro an Forderungen verzichtet. Hat das nicht geholfen?
Zumindest nicht so, wie man gehofft hatte. Es war klar, dass der Forderungsverzicht den Schuldenstand nicht um die gesamten 100 Milliarden Euro senken wird. Die griechischen Banken waren wichtige Gläubiger des Staats, sie müssen von Athen nach dem Schuldenschnitt mit rund 50 Milliarden Euro rekapitalisiert werden. Die EU-Kommission und die Troika haben deshalb im Frühjahr geschätzt, dass Griechenlands Altschulden bis Ende 2012 um 44 Milliarden sinken werden. Jetzt sind es aber nur noch 24,5 Milliarden.

Es fehlen also 20 Milliarden Euro?
Ja, die Schulden sind rund 20 Milliarden Euro höher als erwartet. An der Neuverschuldung liegt das nicht. Sie ist laut vorsichtigen Schätzungen um ein bis zwei Milliarden niedriger als geplant.

Woran liegt es dann?
Ich würde auch gern genauer wissen, wo die Milliarden sind. Aus dem 115 Seiten dicken Bericht der EU-Kommission, der sich auf die neuesten Kontrollen der Troika bezieht, geht das zumindest nicht hervor. Die EU muss endlich mehr Transparenz schaffen und alle Zahlen offenlegen.

War die Rekapitalisierung der Banken teurer als im Frühjahr erwartet?
Da gibt es wohl noch Unsicherheiten. Allerdings verweist die Troika in ihrem neuen Bericht auf eine Analyse der griechischen Notenbank. Demnach liegt man mit 50 Milliarden noch im angepeilten Rahmen. Daran kann es also eigentlich auch nicht liegen. Erstaunlich ist auch ein weiterer Punkt: Die Zinslast Griechenlands wird zum Ende des Jahres um rund 2,3 Milliarden Euro niedriger geschätzt als im Frühjahr. Offensichtlich hat der höhere Schuldenstand nicht zu hö­heren Zinszahlungen geführt.

Wo kommt er dann her?
Letztlich kann ich da nur spekulieren und das möchte ich nicht. Wie gesagt: Die EU und die Troika müssen das aufklären. Es ist sehr ungewöhnlich, dass Schulden so schwanken.

Von der Höhe der Schulden hängt auch ab, wie es mit Griechenland weitergeht?
Natürlich, der Schuldenstand ist ein Politikum. Weil er so hoch ist, wird ja auch ein Schuldenschnitt gefordert, an dem sich nun auch öffentliche Gläubiger wie zum Beispiel die Europäische Zentralbank beteiligen sollen ...
... aber nicht der IWF?
Ja, obwohl er ihn fordert, will er sich nicht beteiligen. Da die Zinslast nicht gestiegen ist, braucht es aber im Prinzip gar keinen weiteren Schnitt. Bleiben die Zinsen niedrig, sind die Schulden genauso tragfähig wie im März.

Wie teuer käme dem deutschen Steuerzahler ein zweiter Schuldenschnitt?
Bei einem Forderungsverzicht von 50 Prozent etwa 20 Milliarden Euro. Das birgt zudem die Gefahr, dass der Markt erwartet, dass auch Portugal, Irland, Italien oder Spanien ihre Schulden nicht mehr komplett zurückzahlen werden.

Die Denkfabrik Bruegel schlägt vor, dass Griechenlands Gläubiger auf alle Zinsen verzichten.
So weit muss man gar nicht gehen. Prinzipiell sind aber alle Vorschläge, die Laufzeit der Kredite zu strecken und die Zinsen zu verringern, ein ­guter Ansatz. Vielleicht wäre auch eine leichte Aufstockung des Rettungspakets, wie sie Angela Merkel erwähnt hat, eine vertretbare Lösung.

Am Montag wird weiterverhandelt. Was können wir erwarten?
Es ist im Interesse aller, dass es eine Lösung gibt, deshalb wird es auch eine geben. Wahrscheinlich ist ein Kompromiss, also die Kombination verschiedener Maßnahmen. Auch das wird Geld ­kosten. Ein Schuldenschnitt wäre dennoch die schlechteste Lösung. Weil der vorliegende Troika-Bericht Unklarheiten enthält und die Schulden überraschend hoch sind, war es übrigens gut, dass man sich die zusätzliche Zeit genommen hat.

zur Person:

Rolf Schneider: Der promovierte Volkswirt leitet die volkswirtschaftliche Forschungsgruppe beim Versicherer Allianz. Zuvor war er Mitarbeiter beim Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung und in der Forschungs­abteilung der Dresdner Bank.

Bildquellen: bluecrayola / Shutterstock.com
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