16.02.2013 12:00
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Schnell weg vom Tropf der EZB

Schnell weg vom Tropf der EZB
Eurokrise
Europas Banken beginnen die EZB-Hilfskredite zurückzuzahlen. Auf den ersten Blick ein positivesZeichen, sagt Gastautor Michael Hünseler. Doch die Gefahr ist groß, dass manche Institute vorschnell handeln.
€uro am Sonntag

von Michael Hünseler, Gastautor von Euro am Sonntag

Die Europäische Zentralbank (EZB) hat ganze Arbeit geleistet. Vor rund einem Jahr hat EZB-Chef Mario Draghi den Banken der Eurozone über Tender mit einer bemerkenswert langen Laufzeit von drei Jahren mehr als eine Billion Euro geliehen. Mit diesen sogenannten LTROs (Long Term Refinancing Operations) wurde der Grundstein zur Stabilisierung des Finanzsystems gelegt. Europas Geldhäuser hatten so die Chance, sich günstig (zu 0,75 Prozent Zins) und langfristig zu refinanzieren. Im Juli kündigte Draghi zudem ein unbegrenztes Kaufprogramm für Staatsanleihen aus Krisenländern an — begleitet von dem Bekenntnis, alles zu tun, was für den Erhalt des Euro notwendig sei. Das entschiedene Vorgehen der EZB markierte den Wendepunkt in der jüngsten Finanzkrise, die nie nur eine Schulden-, sondern immer auch eine Bankenkrise war.

Seit diesem Monat können die Banken die in Anspruch genommene Refinanzierung bei der EZB nun wöchentlich zurückzahlen. Und überraschend viele Banken wollen sich vom Tropf der EZB lösen. Ein Grund dafür ist, dass die Risikoaufschläge für Bankanleihen (die sogenannten Spreads) deutlich gesunken sind. Einige Banken können sich wieder günstig am Kapital- oder Interbankenmarkt refinanzieren und sind deshalb nicht mehr auf Hilfskredite angewiesen. Dass sie diese nun zurückzahlen wollen, ist daher ein ­positives Zeichen.

Hinzu kommt ein weiterer positiver Effekt: Die Rückzahlung der LTRO-Kredite löst die gefähr­liche Symbiose von Banken und Staaten weiter auf. Um Mittel zur Rückführung des LTROs freizusetzen, gehen die Banken dazu über, ihre Bestände an Staatsanleihen zu veräußern. Allein im Dezember verkauften Finanzinstitute Anleihen im Wert von 49,5 Milliarden Euro. In den vorherigen elf Monaten hatten sie dagegen für mehr als 250 Milliarden Euro Staatsanleihen gekauft.

Dieser Wandel wird auch dadurch unterstützt, dass die sogenannten Basel-III-Vorgaben später und in aufgeweichter Form kommen. Sie geben Banken bestimmte Regeln vor, um auch im Krisenfall zahlungsfähig zu sein. Dafür müssen sie schnell veräußerbare, also liquide Anlagen vorhalten. Dazu zählen explizit auch Staatsanleihen, selbst solche aus Ländern wie Italien oder Spanien, die stark verschuldet sind.

Banken stecken in einem Dilemma
Trotz der vertrauensbildenden Signale, die von einer frühzeitigen Rückzahlung der LTRO-Kredite ausgehen, sollten Investoren bei Bankanleihen genau hinschauen. Besonders die Banken in Südeuropa, die den größten Teil der LTRO-Kredite aufgenommen haben, bringt die Rückzahlungswelle in ein Dilemma. Denn Banken, die weiter am LTRO-Programm der EZB teilnehmen, könnte das als Schwäche ausgelegt werden.

Die Refinanzierungkosten in der Peripherie sind nach wie vor deutlich höher als jene der Banken in Kerneuropa. Für die Kreditnehmer spanischer oder italienischer Banken bedeuten höhere Zinsen jedoch Wettbewerbsnachteile. Machen aber nur vereinzelt Banken weiter vom LTRO Gebrauch, könnten diese als solvenzgefährdet oder zumindest unsicherer gelten. In diesem Fall würde sich ihre Refinanzierung am Kapitalmarkt spürbar verteuern — ein Teufelskreis.

Das steht in diametralem Gegensatz zur Intention, die Draghi mit dem LTRO-Programm verfolgt hat. Die Inanspruchnahme direkter Unterstützung durch die EZB galt zuvor als klares und weithin sichtbares Zeichen von Schwäche. Indem Draghi es aber schaffte, dass sich extrem viele Finanzinstitute aus dem LTRO-Tender bedienten, löste er zugleich mehrere Probleme: Er half den angeschlagenen Finanzinstituten, die sich nur noch schwer und zum Teil mit höheren Zinsen als ihre Heimatländer am Markt refinanzieren konnten. Er begegnete damit der Gefahr eines Dominoeffekts, der von jenen angeschlagenen Ins­tituten hätte ausgehen können. Er verhinderte eine Kreditklemme, weil Europas Banken durch die billigen und langfristigen Kredite wieder in der Lage waren, Unternehmen zu finanzieren. Und er schützte einzelne Häuser vor einem zu großen Vertrauensverlust seitens der Investoren.

Wie instabil die Situation auch heute noch ist, zeigte zuletzt die von der Verstaatlichung der holländischen SNS Bank verursachte Erschütterung des Kapitalmarkts. Investoren beobachteten diese mit Sorge. Aktien und Nachranganleihen der holländischen Bank wurden wertlos ausgebucht, was einen Totalverlust für die betroffenen An­leger bedeutet. Dass viele Banken nun die EZB-Hilfen zurückzahlen, ist also kein ausschließlich positives Zeichen. Der Markt sortiert nun wieder in „schwach“ und „stark“. Einige Banken sollten daher die Rückzahlung der günstigen EZB-Kredite nicht überstürzen.

zur Person:

Michael Hünseler ist seit Anfang ­August 2012 ­Geschäftsführer bei dem Münchner Vermögensverwalter Assenagon. Dort verantwortet er den Anleihebereich. ­Zuvor war Hünseler bei der Hypo­Vereinsbank für das Management des Großkredit­portfolios sowie für die Kredit­risikostrategie der ­italienischen ­Unicredit zuständig.

Bildquellen: Jorg Hackemann / Shutterstock.com
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