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aktualisiert: 03.07.2012 15:29

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€uro am Sonntag

INTERVIEW

Kapitalmarkt-Stratege Vorndran: Sparer werden enteignet

Coca-Cola zu myNews hinzufügen Was ist das?



Mit zehnjährigen Bundesanleihen wird inflationsbedingt Geld vernichtet
Staaten reißen sich das Vermögen ihrer Bürger unter den Nagel, um ihre eigenen Schulden abzubauen, sagt der Chefstratege der Kölner Vermögensverwaltung Flossbach von Storch.

von Andreas Höß, €uro am Sonntag

Eine globale Schuldenlawine rast auf uns zu“, schreibt Philipp Vorndran in seinem neu erschienenen Buch über Europas Schuldenkrise. Im Interview erklärt er, weshalb diese auch das Vermögen deutscher Sparer unter sich begraben könnte.

€uro am Sonntag: Herr Vorndran, das Schuldenproblem wird weltweit immer größer. Wie kommen wir da raus?
Philipp Vorndran:
Europa und die USA werden ihre Schulden langsam weginflationieren. Das ist ein sehr charmanter Weg, bei dem man sich weniger Sorgen um den sozialen Frieden machen muss als bei einem harten Sparkurs. Er hat aber einen Haken: Er enteignet die Sparer.

Inwiefern?
Die Kaufkraft ihrer nominalen Sparvermögen schmilzt genauso zusammen wie die an der Wirtschaftsleistung gemessene Schuldenquote der Staaten. Laufen die Druckerpressen der Notenbanken auf Hochtouren, steigt die Inflation. Die Wirtschaftsleistung eines Staates wächst dann schon allein deshalb, weil das Geld an Wert verliert. Die Höhe der Schulden sinkt in Relation zum Bruttoinlandsprodukt aber nur dann, wenn die Zinsen unterhalb der Inflationsrate liegen, man spricht von negativer Realrendite. In einem solchen Fall der „zinslosen Inflation“ verliert das Vermögen der Bürger jedes Jahr an Kaufkraft. So überträgt der Staat Teile des Vermögens seiner Bürger auf sich.

Wären ein Schuldenschnitt oder Sparmaßnahmen nicht einfacher?
Ein Schuldenschnitt ist für Länder wie Griechenland oder Portugal eine Lösung. Zahlen jedoch große Länder wie Spanien, Italien oder Deutschland ihre Schulden nicht zurück, wären die Verwerfungen zu groß. Länder mit eigener Währung und Notenbank benötigen keinen Schuldenschnitt, denn sie zahlen die Schulden einfach mit neu gedrucktem Geld ab. Deshalb muss man sich über eine Staatspleite in den USA, Großbritannien oder Japan keine Sorgen machen, dort geht nicht der Staat, sondern die Währung pleite. Zum Sparen ist es leider 15 Jahre zu spät: Die Zinszahlungen und Rentenansprüche fressen schon den größten Teil des Haushalts auf. Und aus den Schulden zu wachsen ist in der entwickelten Welt nur ein Wunsch. Also bleibt nur die Finanzrepression über unverzinste Inflation.

Im Moment haben wir in den USA und in Europa Teuerungsraten von zwei Prozent. Kann man damit Schulden weginflationieren?
Man darf die Inflationsrate nicht absolut sehen, sondern muss sie immer mit dem Zinsniveau vergleichen. Zehnjährige Bundesanleihen werfen im Moment rund 1,5 Prozent Rendite ab, die Inflationsrate liegt etwa bei zwei Prozent. Wer Deutschland Geld leiht, zahlt also drauf. Steigt die Inflationsrate, steigt auch der reale Verlust. In den USA ist das ähnlich. Und die Steuern sollten wir auch nicht vergessen, die reduzieren die Realrendite noch weiter.

Wird die Inflationsrate steigen?
Sie könnte in den nächsten Jahren auf fünf bis zehn Prozent steigen, denn die Notenbanken pumpen immer mehr Geld ins System und halten die Leitzinsen für viele Jahre niedrig. Das zerstört längerfristig das Vertrauen der Bürger ins Papiergeld. Daneben steigen in Deutschland die Immobilienpreise und Mieten sowie die Löhne. Die Liquiditätsschwemme der Notenbanken steigert bei Rohstoffen die Preisinflation. Die Eurokrise belastet den Wechselkurs, das ist gut für Exportunternehmen, ihre Güter werden billiger. Für Importe müssen wir aber im Gegenzug mehr bezahlen.

Wir importieren also Inflation?
Ja. Aber es ist auch der teils offen ausgesprochene Wille von Politikern und Notenbankern, höhere Teuerung zuzulassen. Sie können die Inflation auch nur schwer eindämmen. Höhere Leitzinsen würden die Wirtschaft abwürgen und den Schuldendienst teurer machen. Und sammeln sie Liquidität ein, bricht das gesamte Schuldensystem zusammen.

Warum kaufen Anleger zu solchen Konditionen Bundesanleihen?
Weil sie einer Illusion von Sicherheit aufsitzen. Der Deutsche operiert gern in einer Garantiewelt: Wenn er 100 Euro investiert, will er die zehn Jahre später garantiert wieder zurück. Dafür nimmt er auch geringe Zinsen in Kauf. Dass man mit den 100 Euro dann vielleicht nur noch 70 Prozent an Waren kaufen kann, merken leider die wenigsten. Von den Risiken, die sich bei Bundes­anleihen wegen einer möglichen europäischen Haftungsgemeinschaft türmen, will ich gar nicht sprechen.

Auch institutionelle Anleger wie Banken und Versicherungen kaufen deutsche Staatsanleihen ...
... obwohl sie längst nicht immer von deren Qualität überzeugt sind. Es gibt viele Folterinstrumente, um die Finanzrepression durchzusetzen. Schon jetzt zwingen Anlagevorschriften die Banken und Versicherungen, einen großen Teil ihres Vermögens in Staatsanleihen zu investieren. Regelwerke wie Basel III oder Solvency verschärfen das noch.

Gibt es denn Beispiele, dass die ­Finanzrepression funktioniert?
Das bekannteste ist die USA zwischen 1941 und 1952. Dort hatte man durch den Zweiten Weltkrieg einen Schuldenstand von 130 Prozent der Wirtschaftsleistung. Man hat sich dann entschieden, die Bürger möglichst breit an den Kriegskosten zu beteiligen. Die Zinsen wurden eingefroren, Kapitalverkehrskontrollen eingeführt, damit das Geld nicht ins Ausland wandert, die Inflationsrate lag bei fünf Prozent. Bis Mitte der 50er-Jahre hatte sich der Schuldenstand dann etwa halbiert.

Wie haben die Sparer dort reagiert?
Sie haben ihr Geld in Aktien gesteckt. Der Dow Jones stieg in dieser Zeit im Schnitt jedes Jahr zweistellig. So könnte es auch in Deutschland laufen, denn erstklassige Aktien sind der beste Inflationsschutz.

Obwohl in Deutschland eine ­Aktienkultur wie in den USA fehlt?
Wie gesagt, der Deutsche ist immer auf der Suche nach Sicherheit. Je mehr die Krise eskaliert und je mehr Geld gedruckt wird, desto mehr verliert er das Vertrauen in die Eurozone und den Euro. Deshalb tauscht er schon heute sein Papiergeld gegen Sachwerte, vor allem aber Immo­bilien. Die sind greifbarer, und die wird es auch noch geben, falls es den Euro in seiner heutigen Form nicht mehr gibt. Der eine kauft sich also vielleicht früher ein neues Auto, der andere gleich ein Haus.

Ist das denn falsch?
Nein, eine selbst genutzte Immobilie ist immer noch der wichtigste Baustein der privaten Altersvorsorge. Die steigenden Immobilienpreise machen es für junge Familien zwar schwerer, ein Eigenheim zu erwerben, auf der anderen Seite sind aber die Finanzierungskosten gesunken. Wer sich das zweite oder dritte Mietshaus zulegen will, sollte aber lieber einen Blick in die deutsche Geschichte werfen. Da muss er nicht besonders weit zurückgehen, bis er auf Repressionsinstrumente wie den Lastenausgleich, Mietobergrenzen oder Zwangshypotheken stößt.

Der Sachwert Gold hat ebenfalls vom Vertrauensverlust profitiert.
Gold ist für mich kein Rohstoff, es ist eine Währung. Seit die Notenbanken die Geldbasis ausweiten, steigt der Goldpreis. Die Schuldenkrise bleibt uns erhalten, die Notenbanken werden weiter Staatsanleihen aufkaufen und Notkredite vergeben. Und die Realzinsen werden lange negativ bleiben, denn auch über die schleichende Inflation dauert der Schuldenabbau Jahrzehnte. Solange das so bleibt, kann man mit Gold nicht viel falsch machen. Kritisch wird es erst, wenn in den Sparkassen mehr Kunden Gold kaufen als Geld auf ihr Konto einzahlen. Dann droht ein Goldverbot, auch das gab es schon ... aber dort sind wir noch lange nicht!

Was macht Sie so sicher, dass man in dieser Krise mit Aktien nicht große Verluste einfährt?
Natürlich kann man auch mit Qualitätsaktien temporär Geld verlieren. Aber welche Papiere bringen langfristig eine bessere Realrendite, Bundesanleihen oder Aktien von Konzernen wie Coca-Cola oder Nestlé? Die Qualität ist ähnlich, aber Aktien sind viel, viel billiger. Solche Qualitätsaktien werfen seit Jahrzehnten so viel höhere Dividenden ab als Bundesanleihen Zinsen zahlen, dass man auf lange Sicht auch einmal Kursverluste verkraften kann. Und auf dem Sparkonto schmilzt das Vermögen schön langsam dahin. Wer sein Kapital erhalten will, muss ins Risiko gehen. Wer das nicht möchte, ist längst schon drin.

Investor-Info

Philipp Vorndran
Der Frontmann

Philipp Vorndran ist seit 2009 das Gesicht der Vermögensverwaltung Flossbach von Storch. Er vertritt die Thesen der Kölner gegenüber Öffentlichkeit und Medien und wirkt maßgeblich an deren Erarbeitung mit. Von 1992 bis 1996 war Philipp Vorndran unter anderem im Bereich Derivate bei der Privatbank Julius Bär in Frankfurt und Zürich tätig. Von 1997 bis 2008 war er globaler Chefstratege im Bereich Assetmanagement der Schweizer Großbank Credit Suisse. Im Juni erschien sein Buch „Die Schuldenlawine“ (Finanzbuchverlag, € 19,99), das er zusammen mit seinem Kollegen Bert Flossbach verfasst hat.

Flossbach von Storch
Die Vermögensverwaltung

Flossbach von Storch wurde 1998 von Bert Flossbach und Kurt von Storch gegründet. Heute gehört das Unternehmen zu den großen unabhängigen Vermögensverwaltern in Deutschland. Die Kölner betreuen mittlerweile rund sieben Milliarden Euro an Kundenvermögen und legen auch Fonds für Privatanleger auf.

FVS Multiple Opportunities
Hervorragender Mischfonds

Sachwerte stehen im Mittelpunkt des erfolgreichen Mischfonds Multiple Opportunities der Vermögensverwaltung Flossbach von Storch. Im Moment beträgt der Aktienanteil des Portfolios 70 Prozent, dabei handelt es sich oft um Dividendentitel wie Nestlé. Zwölf Prozent setzen sich aus Gold und Silber zusammen, und sechs Prozent sind in Wandelanleihen investiert. Der Rest steckt in Cash und Derivaten zur Absicherung. Trotz hoher Aktienquote läuft Flossbachs Fonds äußerst stabil. Seit er im Oktober 2007 zu Beginn der Finanzkrise aufgelegt wurde, hat er um rund 55 Prozent zugelegt. Zum Vergleich: Der Aktienindex MSCI World hinkt seinem damaligen Stand immer noch rund sechs Prozent hinterher. Ein hervorragender Mischfonds, der sein Geld bisher wert ist.

Dividendenaktien
Nestlé & Co

Dividendentitel sind gute Fluchtburgen in Krisenzeiten: Sie schütten stetig Erträge aus – die Dividenden – und sind traditionell weniger schwankungsanfällig. Anleger sollten weniger auf die Höhe der Dividende achten, wichtiger ist, dass sie stetig steigt. €uro am Sonntag hat vier Klassiker herausgesucht.
Attraktive Dividendenaktien (pdf)

Bildquellen: istock/manuel velasco

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Kommentare zu diesem Artikel

andreas6652003 schrieb:
13.07.2012 16:25:57

Einfach in Prokon-Genussrechte mit 8% Zinsen investieren und sich ins Fäustchen lachen über die Dummen die Ihr Geld zu 1% auf dem Sparbuch liegen lassen !!!

Credit Default Swap schrieb:
11.07.2012 14:29:46

@ meistertipper. ein haus ist immer nur soviel wert, wie einer dafür bereit ist zu zahlen wenn du es verkaufen willst.

Galindo schrieb:
Wertung: 5/5

04.07.2012 20:43:39

Genauso läufts ab! wir baden den Mist natürlich sauber! Steuern, sogar in der Bibel steht, zu viel ist zu viel, aber die Leute haben schon lange keinen Glauben mehr an die richtigen Dinge im Leben, nur noch WACHSTUM , und REICHTUM wo ist Liebe . Leben . Glück . Freundschaft ? Wahnsinn

Großwildjäger schrieb:
04.07.2012 11:04:24

Man sollte nicht immer zwischen dem Staat und dem Bürger unterscheeiden. Wir alle sind Bürger und bilden den Staat. Ausnahmen sind: Der Gesetzgeber, die Politiker und einige andere, die von berufswegen gegen die Bürger kämpfen müssen.

Meistertipper schrieb:
04.07.2012 10:33:21

Steigende Immobilienpreise bei steigender Inflation sind das Märchen der Makler. Die Geschichte zeigt, dass bei Inflation und damit steigenden Zinsen, die Kaufbereitschaft für Immobilien - und damit die Preise relativ zur Inflation - fallen. Folglich, eine weitere Vermögensschmelze!

Seite: 12
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