17.12.2012 03:00
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"Herr der Sparkassenfürsten": Die Zeit der nationalen Champions ist vorbei

Fahrenschon: Die Zeit der nationalen Champions ist vorbei
Interview mit Fahrenschon
Der Präsident des Sparkassenverbandes DSGV, Georg Fahrenschon, über die Rolle der Landesbanken, Probleme der Einlagensicherung und warum er eine Zerschlagung der Deutschen Bank für den einzig sinnvollen Weg hält.
€uro am Sonntag

von Wolfgang Ehrensberger, Euro am Sonntag

Als Georg Fahrenschon vor einem Jahr sein Amt als bayerischer Finanzminister niederlegte, galt sein Verhältnis zu Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) als angespannt. Der auch in Berlin gut vernetzte Politiker steht seit Mai an der Spitze des Deutschen Sparkassen-und Giroverbands DSGV, nachdem er sich gegen den mächtigen westfälischen Sparkassenpräsidenten Rolf Gerlach durchgesetzt hatte. Bei allen wichtigen politischen Themen ist die Stimme des 44-Jährigen deutlich vernehmbar.

€uro am Sonntag: Mal Hand aufs Herz: In welcher Funktion hat man mehr Einfluss — als bayerischer Finanzminister oder als Sparkassenpräsident?
Georg Fahrenschon:
Das sind völlig unterschiedliche Felder. Als Finanzminister war ich verantwortlich für einen 40-Milliarden-Euro-Staatshaushalt und 300.000 Mitarbeiter im öffentlichen Dienst. Hier beim DSGV bin ich das Gesicht der größten Finanzgruppe in Europa mit rund 50 Millionen Kunden, in einer Zeit, in der sich der Kontinent für die Zukunft neu aufstellt. Dabei geht es auch darum, welche Rolle dezentrale Organisationen wie die Sparkassen künftig noch spielen können.

Banken sorgen derzeit vor allem für Negativschlagzeilen — von den Manipulationen am Euribor-Zins bis zu den Ermittlungen der Staatsanwaltschaft gegen die Deutsche Bank wegen Umsatzsteuerbetrugs. Was läuft falsch?
Mit zunehmender Größe wird es offenbar schwieriger, Bankkonzerne unter Kontrolle zu halten. Da auch die Betroffenen kein Interesse haben können, ständig Kontakt zur Staatsanwaltschaft zu pflegen, muss nach Möglichkeiten gesucht werden, unkontrolliertes Wachstum von Bankkonzernen zu verhindern. Vorschläge, etwa das Investmentbanking und das Kundengeschäft innerhalb der Bank zu trennen, sind in der täglichen Praxis unrealistisch. Deshalb gibt es für große Geldhäuser wie zum Beispiel die Deutsche Bank in Frankfurt nur eine Möglichkeit: aufspalten und kleiner werden.

Hatte Ihr Vorgänger Heinrich ­Haasis nicht selbst die Vision, alle Landesbanken zu einer einzigen großen zu verschmelzen?
Diese Debatte wird heute unter dem Eindruck der Finanzkrise ganz anders geführt als zu Zeiten Haasis. Die Landesbanken sind dabei, ihre Hausaufgaben zu machen. Sie schrumpfen erfolgreich die Bilanzen und bauen Risiken ab. Das Ziel einer einzigen zentralen Landesbank für alle 400 Sparkassen ist vor allem ­unter Risikogesichtspunkten nicht mehr vernünftig. Die Zeiten, als man unbedingt nationale Champions haben wollte, sind vorbei, zumindest für uns. Wir haben gelernt, dass in einer komplexeren Welt gerade überschaubare, klar strukturierte Geschäftsmodelle im Vorteil sind.

Wie viele Landesbanken sind aus Ihrer Sicht am Ende noch nötig?
Ich glaube, dass wir mit den bestehenden vier großen Landesbanken ­— die Nord LB, Helaba, LBBW und Bayern LB — gar nicht so weit vom ­eigentlichen Ziel entfernt sind. Die Landesbank Berlin wird sich noch stärker als Berliner Sparkasse positionieren, die Saar LB als „Dreiländerbank“ mit Ausrichtung auf das Saarland, Frankreich und Luxemburg. Wichtig ist für mich, dass die Sparkassen die Landesbanken als Partner brauchen, etwa bei der Begleitung mittelständischer Firmenkunden auf europäische Märkte.

Der Privatbankenverband BdB bekommt gerade einen neuen Präsidenten. Wäre es sinnvoll, dass die großen Bankenverbände künftig mit einer einheitlicheren Stimme sprechen — etwa beim Thema europäische Einlagensicherung?
Gerade beim Thema Einlagensicherung gab es keinen Dissens.

Da hatten wir einen anderen Eindruck. Die Sparkassen haben im Herbst in einer spektakulären Anzeigenkampagne vor den Gefahren einer europaweiten Einheitssicherung gewarnt, worauf es Kritik aus anderen Verbänden gab, die Sicherungssysteme in Deutschland nicht gegeneinander auszuspielen.
Es war eine gemeinsame Anzeige der Sparkassen und der Genossenschaftsbanken, die den überwiegenden Teil der deutschen Kreditwirtschaft repräsentieren. Die Kreditwirtschaft ist dezentral aufgestellt, und damit ist Deutschland bislang gut gefahren. Diese Vielfalt führt automatisch dazu, dass wir bei vielen Fragen gemeinsame Positionen haben und bei anderen unterschiedliche. Wir müssen in manchen Fragen, etwa der Mittelstandspolitik, anders herangehen als ein großer Bankkonzern oder eine Privatbank. Wir sind gut beraten, Gemeinsamkeiten nach vorn zu bringen, und dort, wo wir unterschiedliche Inte­ressen haben, diese auch klar zu dis­ku­tieren.

Noch mal zur Einlagensicherung: EZB-Präsident Mario Draghi ist von den Plänen einer gemeinsamen europäischen Einlagensicherung inzwischen abgerückt. Ist das Thema damit für Sie erledigt?
Der EZB-Präsident hat sich öffentlich persönlich von einer einheitlichen Einlagensicherung distanziert, eben­so der zuständige EU-Kommissar Michel Barnier. Bislang hat die Kommission diese Positionsänderung jedoch noch nicht schriftlich niedergelegt und sich damit auch ­offiziell noch nicht distanziert — auf dieses Signal warten wir. Im Übrigen sollte die Einlagensicherungsricht­linie endlich verabschiedet werden, die alle Mitgliedsstaaten verpflichtet, eigene funktionsfähige Sicherungssysteme aufzubauen. Solange dies nicht erfolgt, gibt es aus unserer Sicht noch immer ein Restrisiko, dass deutsche Sparer auf diesem Weg noch für die Fehlentwicklungen in anderen Ländern herangezogen werden könnten.

Die EU-Finanzminister haben sich gerade auf einen Kompromiss zur Bankenaufsicht verständigt. Die Aufsicht über die großen system­relevanten Banken soll künftig bei der EZB angesiedelt sein. Sehen Sie einen Konflikt zwischen Geldpolitik und Aufsicht?
Das Grundproblem der EZB sehe ich darin, dass sie einerseits über die Geldwertstabilität wacht, andererseits an den Märkten operiert und in den letzten drei Jahren enorme Bestände an kritischen Staatsanleihen in ihre Bücher genommen hat. Außerdem scheint es mir nicht einfach zu sein, eine klare Trennung zwischen Geldpolitik und Aufsicht hinzubekommen. Die EZB genießt europaweit noch immer großes Vertrauen. Wir müssen aufpassen, dass dieses Vertrauen nicht verspielt wird. Die EZB ist nicht als europäische Ersatzregierung geeignet. Ihre Verpflichtung muss allein der Geldwertstabilität gelten.

Sie haben die Maßnahmen der EZB angesprochen. Sehen Sie es zumindest als einen Erfolg, dass die Märkte sich inzwischen deutlich beruhigt haben?
Die hohe Liquiditätszufuhr, aber auch die Staatsanleihekäufe der EZB haben die Lage in der Tat stabilisiert. Aber machen wir uns nichts vor: Damit wurde noch kein einziges Problem gelöst. Mit Geld kauft man Zeit, die aber auch genutzt werden muss. Deshalb sollte die EZB jetzt auch damit beginnen, Liquidität aus den Märkten zu nehmen und dem Ziel der Geldwertstabilität wieder Vorfahrt geben. Sonst müssen die Sparer weiter die Zeche zahlen.

Ist dieses Ziel in Gefahr?
Aktuell sehe ich keine Inflations­tendenzen. Aber die Quasi-Null-­Inflation der Jahre 2009 und auch noch 2010 wird so jedenfalls nicht weitergehen. Die EZB sollte sich auf ihren Inflations-Zielkorridor von zwei Prozent begrenzen. Wir sorgen uns derzeit auch weniger um eine klassische Inflation. Viel gravierender ist es aus unserer Sicht, dass die Niedrigzinspolitik der EZB über immer niedrigere Einlagenzinsen inzwischen zu immer größeren Vermögensverlusten bei deutschen Sparern und Versicherungskunden führt.

Wo stehen wir derzeit in der Finanz- und Schuldenkrise?
Ich würde sagen, wir sind inzwischen in der zweiten Halbzeit, haben aber damit gerade erst begonnen. Und es ist keineswegs klar, ob das Spiel nicht noch in die Verlängerung geht. Umso wichtiger ist es, die Leistungsträger der deutschen Mannschaft, den Mittelstand, die Familienunternehmen und die Sparkassen, nicht frühzeitig aus dem Spiel zu nehmen und die Mannschaft damit zu schwächen.

zur Person:

Der Grenzgänger
Georg Fahrenschon, 1968 in München geboren, war von 2002 bis 2007 Bundestagsabgeordneter in Berlin, danach Finanzstaats­sekretär in München und von Oktober 2008 bis November 2011 bayerischer Finanzminister. Er galt bereits als potenzieller Nachfolger des Ministerpräsidenten, warf aber Ende 2011 das Handtuch und rückte im Mai 2012 an die Spitze des DSGV. Fahrenschon ist verheiratet, hat zwei Töchter und lebt in Neuried bei München.

Bildquellen: iStock/Henrik5000
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