aktualisiert: 02.07.2012 12:17
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Großer Tariftest der Privaten Krankenversicherer

Augen auf beim Wechsel zur PKV
Krankenversicherung 
Jung gelockt, alt abgezockt, dieses Vorurteil über die PKV stimmt nicht - wenn man den richtigen Tarif wählt.
€uro am Sonntag

von Erhard Drengemann, Euro am Sonntag

Michael Wortberg von der Verbraucherzentrale Rheinland-Pfalz flattern täglich Beschwerden von Privatversicherten über steigen- de Prämien auf den Tisch. Sein Resümee, nachdem er 144 Fälle überprüft hat: Zum Jahreswechsel wurden die Prämien im Schnitt um 23,9 Prozent erhöht. „Viele Kunden berichten, dass sie die Beiträge im Ruhestand nicht mehr zahlen können“, so Wortberg.

„Jung gelockt, alt abgezockt“, das war schon vor Jahrzehnten ein Mega-Negativthema für die Branche der Privaten Krankenversicherer (PKV). Als Therapie wurde damals ein zehnprozentiger Zuschlag speziell als Rücklage eingeführt. Damit sollte nach Meinung von Versicherern und Politikern das Risiko unbezahlbarer Prämien im Alter erledigt sein.

Das scheint nicht der Fall zu sein, denn das Problem taucht wieder auf. Die Auswertung der Verbraucherzentrale Rheinland-Pfalz (VZ) beunruhigt ältere und verunsichert jüngere Versicherte sowie Wechselwillige, die von der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) zur PKV gehen wollen. PKV-Verbandsdirektor Volker Leienbach kann die Aufregung dagegen nicht verstehen. Er sagt, dass „unabhängige Branchenanalysedienste einen durchschnittlichen Beitragsanstieg von nur rund zwei Prozent“ festgestellt hätten.

Deshalb ist €uro am Sonntag den Dingen auf den Grund gegangen: Wir haben eine Studie des auf PKV-Tarifvergleiche spezialisierten Marktbeobachters KVpro ausgewertet. Das Resultat ist erstaunlich. „Der Grund für die Beitragssteigerungen ist nicht systembedingt, sondern vertriebsbedingt“, sagt KVpro-Geschäftsführer Gerd Güssler. Kunden würden mit extrem niedrigen Prämien als preisgünstige Alternative zur Gesetzlichen Krankenversicherung in Tarife gelockt, die „oft unterhalb des gesetzlichen Leistungsniveaus liegen“.

Die Vertragshistorie beginnt häufig mit einem Lockvogelangebot. Im Internet werden potenzielle Kunden aggressiv mit dem Versprechen „Privatpatient für 59 Euro“ geworben. Nach Vertragsunterzeichnung merkt der Kunde erst im Krankheitsfall, wie wenig Leistung er sich durch den vermeintlich günstigen Tarif eingehandelt hat. Selbst PKV-Anbieter kritisieren diese Praxis einiger Konkurrenten. „Bei uns kann man für 59 Euro maximal einen Hund versichern, aber keinen Menschen“, sagt Walter Botermann, Vorstandschef der Alten Leipziger-Halleschen. Er fordert die eigene Branche zum Großreinemachen auf: „Die PKV muss Billigtarife aufgeben.“

Günstiger als die Kasse – auch im Alter
Einige Anbieter wie Allianz und DKV haben das schon getan. Andere wie Debeka und Universa sind dem Trend zu Lockvogeltarifen nie gefolgt. „Anspruchsgerechte Leistungen und solide Tarifkalkulation lassen sich über Hochleistungs- und Normaltarife am besten nachhaltig sichern“, so Güssler. Die KVpro-Studie dokumentiert: Auch im Alter können Beiträge im bezahlbaren Rahmen bleiben und sich sogar weit unterhalb des Vergleichsbeitrags der GKV bewegen. Versicherer mit einem Marktanteil von insgesamt 80 Prozent beteiligten sich an der Studie. Die Ergebnisse zeigen:

■ Versicherte in Hochleistungs- und/oder Normaltarifen — so werden individuelle Kombis aus ambulanter, stationärer und Zahnversorgung bezeichnet — profitieren am meisten von Alterungsrückstellungen, also den Rücklagen gegen steigende Beiträge im Alter. Hier lohnt sich der Umstieg in den leistungsschwachen Standardtarif nur selten;

■ bei leistungsschwächeren Tarifen kann es sich lohnen, in den Standardtarif zu wechseln;

■ bei Billig- und Einsteigertarifen sollten Kunden möglichst früh auf einen leistungsstärkeren Tarif umsteigen.

Generell gilt: Wer umsteigt, kann dies nur innerhalb des Tarifangebots desselben Versicherers tun. Wer sowohl den Tarif als auch den Versicherer wechselt, erfreut in der Regel nur den Vertriebler. „Bei PKV-Verträgen fließen für einen Neuabschluss oft hohe Provisionen. Das Know-how des Maklers spielt eine wichtige Rolle, doch da gibt es einigen Nachholbedarf“, sagt Experte Güssler. Makler und Kunde sollten stets skeptisch sein: Leistung lässt sich leicht zeitlich und preislich deckeln. „So lässt sich trefflich das Leistungsniveau heruntermendeln, ohne dass Makler und Kunden davon etwas mitkriegen“, weiß Güssler.
Trau, schau, wem — das gilt auch und vor allem in Sachen Gesundheit.
Drei Tabellen zur privaten Krankenversicherung (pdf)

Bildquellen: istock/Thomas Lehmann, istocks/thomas lehmann
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