18.05.2013 03:00
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Zinsen für Sparer: Die Null muss nicht stehen

Die Null muss nicht stehen
Magerzinsen, nein danke
Tagesgeld, Festgeld, Sparbücher: Je niedriger der Leitzins, desto niedriger die Sparzinsen. €uro am Sonntag zeigt die letzten Oasen in der ­Zinswüste und sagt, welche Anlagestrategien jetzt sinnvoll sind.
von Markus Hinterberger, Euro am Sonntag

Mario Draghi steht zu seinem Wort. Erst vor etwas mehr als einer Woche hat der Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB) sein Versprechen erneuert, den Banken Europas immer wieder Geld zur Verfügung zu stellen. Notfalls so lange, bis sie ihre Bilanzen wieder auf Vordermann gebracht haben und vor allem im krisengeschüttelten Süden Europas wieder Geld verleihen.

Die Art und Weise, wie Draghi das macht, verschreckt Sparer. Denn wenn eine Zentralbank Geld billig macht, senkt sie den Leitzins — und je niedriger der Leitzins, desto niedriger die Zinsen, die Banken ihren Kunden gewähren. Seit 2011 hat die EZB diesen Kniff viermal angewandt. Und mit jedem Schritt nach unten sank auch die Kurve der Sparzinsen (siehe Grafik unten) wieder ein Stückchen.

Am 2. Mai hat Draghi den ohnehin schon niedrigen Leitzins von 0,75 auf 0,5 Prozent gesenkt. So niedrig war der wichtigste Zins im Euro­raum noch nie. Ulrich Stephan, Chefanlagestratege für das Privatkundengeschäft der Deutschen Bank, rechnet sogar mit einem weiteren Zinsschritt nach unten noch im Sommer: „Bei 0,25 Prozent müsste dann aber Schluss sein“, meint er. „Für Sparprodukte bedeutet diese Entwicklung ebenfalls reale Zinsen von nahe null, insbesondere wenn man Inflationsraten von 1,5 bis zwei Prozent in Deutschland mit einrechnet“, so Stephan.

Jetzt noch zugreifen
Max Herbst rät Sparern, die auf klassische Bankeinlagen wie Tagesgeld und Festgeld setzen, sich die jetzt noch gültigen Zinsen zu sichern. „Es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis die ersten Banken die Leitzinssenkung an ihre Kunden weitergeben“, sagt der Inhaber der FMH Finanzberatung. Sein ernüchterndes Fazit: „Die meisten Banken brauchen das Geld der Kunden nicht, sie bekommen es von der EZB mehr oder weniger zum Nulltarif.“

Nach einer Umfrage von TNS In­fratest im Auftrag des Verbands der Privaten Bausparkassen ist das Sparbuch die erste Wahl, wenn Bundesbürger Geld anlegen wollen. 55 Prozent entscheiden sich für diese Anlage, auf dem 2. Platz mit 42  Prozent landet das Girokonto. Zum Vergleich: Auf Aktien setzen nur 15 Prozent der Befragten. „Die Deutschen wollen Sicherheit“, lautet Alexander Nothafts Fazit. Für den Sprecher des Bausparkassenverbands ist das eine schöne Bestätigung, schließlich liegen seine Mitglieder auf Platz 1 der beliebtesten Spar­anlagen und verzeichnen in Summe ein Rekordjahr nach dem anderen.

Für Max Herbst, der auch Sparer gegen Honorar berät, klingt das anders: „Die Leute wollen keine Zinsen, sondern Sicherheit“, sagt er und berichtet von einem Kunden, der zwei Millionen Euro anlegen wollte. „Zinsen interessieren mich nicht, ich will mein Geld sicher anlegen“, zitiert Herbst seinen Kunden. Sein Tipp: das Geld in 100.000-Euro-Tranchen auf verschiedene Konten bei heimischen Banken verteilen. Das mag aufwendig sein, verspricht aber höchstmögliche Sicherheit.

Abseits solcher Extrembeispiele glaubt Herbst fest an die nationalen Einlagensicherungssysteme der Eurozone: „Ich wüsste nicht, was an Banken mit niederländischer oder österreichischer Einlagensicherung schlecht sein sollte — diese Banken bieten immerhin noch Zinsen, die hoch genug sind, um die Inflation auszugleichen.“

Die Teuerungsrate lag im April zwar bei niedrigen 1,2 Prozent, aber Volkswirte halten Raten bis zu zwei Prozent für möglich. Wer also zumindest die Kaufkraft seines Geldes erhalten will, sollte bei Sparkonten genauer denn je hinschauen und je nachdem, ob er sich langfristig oder nur eine kurze Zeit binden kann, nach den höchstmöglichen Zinsen Ausschau halten.

Wo aber können Sparer noch gute Zinsen entdecken? €uro am Sonntag hat die klassischen Bankprodukte untersucht und zeigt, wo Anleger noch immer Renditen finden sollten und wo es sich nicht mehr lohnt, sein Geld zu parken.

Sparbücher
Während sich beim Tagesgeld in der Spitze wenigstens einige Banken drängen, liegt bei den Sparbuch­konditionen die Gefa-Bank mit ­einem Zinssatz von 1,5 Prozent mit Abstand vorn. Die BMW Bank, traditionell stark in Sachen Sparbuch, kommt gerade einmal auf ein Prozent, Gleiches gilt für die Santander Bank. Zwar genießen Kunden der genannten Institute eine erweiterte Einlagensicherung über den Einlagensicherungsfonds des Bankenverbands BdB, doch Sparbücher haben im Vergleich zum Tagesgeld folgende Nachteile: In den meisten Fällen können Kunden von jetzt auf gleich lediglich 2.000 Euro abheben. Wer sein Konto komplett liquidieren will, muss in der Regel drei Monate warten, bis er an sein Geld kommt. Dazu kommt, dass der Zinssatz — wie beim Tagesgeld — ständig geändert werden kann.
Fazit: Wenige Angebote und Minizinsen lassen das Sparbuch im Vergleich zu anderen klassischen Sparanlagen blass aussehen. Anleger, die flexibel bleiben müssen, sollten auf Tagesgeld setzen. Wer sein Geld eine Weile entbehren kann, ist mit Festgeld besser dran.

Tagesgeld
Die Spitze der Tagesgeld-Übersichten ist wieder fest in der Hand ausländischer Banken. Deutsche Filialbanken haben sich aus diesem Markt zurückgezogen. „Hier ist nur noch aktiv, wer auf sich aufmerksam machen will“, sagt Zinsexperte Herbst. Auf den aktuellen Spitzenreiter, die französische Renault Bank mit ihren 1,66 Prozent Zinsen, folgen zwei Geldhäuser aus den Niederlanden. Alle drei Top-Platzierten bieten die europaweit gültige ge­setzliche Einlagensicherung von 100.000 Euro. Unter den deutschen Banken mit erweiterter Einlagensicherung ist die Volkswagenbank direct mit 1,6 Prozent Spitzenreiter. Allerdings ist der Zins der Autobank auf ein halbes Jahr begrenzt. Das mag zunächst nach einem schlechten Handel klingen, doch in Zeiten sinkender Zinsen ist ein halbes Jahr Zinssicherheit bei voller Flexibilität Gold wert.
Vergleichbare Festgeldangebote gibt es nur von ausländischen Banken — aber hier sind die Anleger nicht flexibel. Insgesamt gibt es (Stand: 8. Mai 2013) 17 Tagesgeld­offerten, deren Zinssatz — wenn auch meist knapp — über der Inflationsrate von aktuell 1,2 Prozent liegt.
Fazit: Anleger, die flüssig bleiben, ihr Geld aber trotzdem nicht der Inflation preisgeben wollen, kommen um Tagesgeld nicht herum. Doch es wird schwer. Die nächste Zinssenkungsrunde steht bevor. Daher gilt: jetzt Zinsgarantien sichern.

Festgeld
Wer ein Festgeldkonto eröffnet, bindet sein Geld für eine bestimmte Zeit. Wer vorher ausschert, verliert in der Regel die bereits angefallenen Zinsen und muss nicht selten Kündigungsfristen beachten. So viel zu den Nachteilen. Der gewichtigste Vorteil: Beim Festgeld verpflichtet sich die Bank, über die gesamte Laufzeit einen Zins zu zahlen. Das ist in Zeiten sinkender Zinsen viel wert — vor allem für Anleger, die eine Weile auf ihr Geld verzichten können. Dabei gilt: je länger die Laufzeit, desto höher der Zins. „Bei Einlagen wie Festgeldern sollten Kunden längere Laufzeiten erwägen, die attraktivere Zinsen bieten“, rät Tors­ten Daenert, Leiter Zahlungsverkehr und Einlagen bei der Commerzbank.
Auch beim Festgeld lohnt sich ein Blick auf die Bestenlisten. Während sich die Angebote beim Festgeld über drei und sechs Monate fast gleichen — hier gibt es in der Spitze jeweils 1,6 Prozent —, rentieren sich die besten Offerten auf ein Jahr bereits mit 1,85 Prozent.
Einen echten Sprung machen die Zinsen beim Festgeld von zwei auf drei Jahre Laufzeit. Die Spitzenraten steigen von zwei auf 2,3 Prozent. Zinsen über drei Prozent gibt es erst ab zehn Jahren. Und selbst hier bieten aktuell lediglich die estnische Bigbank und die niederländische NIBC direct 3,1 beziehungsweise 3,0 Prozent. Die höchsten Zinsen für Banken mit erweiterter deutscher Einlagensicherung bietet derzeit mit 2,85 Prozent die Von Essen Bank.
Fazit: Derzeit ist Festgeld die beste klassische Anlageform, sinkenden Zinsen aus dem Weg zu gehen. Wer flüssig bleiben will, ist mit Tagesgeld besser bedient, muss aber unter Umständen zwischen verschiedenen Anbietern hin und her wechseln.

Girokonten
Unter den Girokonten gibt es mit der Ziraat Bank nur ein Institut, das mit 1,35 Prozent einen Guthabenzins über einem Prozent anbietet. Daher lohnen sich diesem Bereich bestenfalls Konten mit angeschlossenem Tagesgeld oder ein Kreditkartenkonto, auf das sich schnell Geld verschieben lässt. Entsprechende Angebote haben etwa die ING-DiBa, Comdirect und die DKB.
Fazit: Girokonten sind in der Regel keine Sparkonten. Wer Zinsen will, kommt um Tagesgeld und Festgeld nicht herum.

Alternativen
Kombigelder sind, wie der Name sagt, eine Kombination aus Tages- und Festgeld, wobei der Kunde entweder Tagesgeld und Festgeld zu gleichen Teilen oder im Verhältnis 20 zu 80 Prozent anlegt. Bei einer Offerte, mit der die niederländische NIBC direct wirbt, gibt es aktuell 1,85 Prozent Zinsen. Beim zweiten, eher festgeldlastigen Angebot der österreichisch-russischen VTB Direkt winken 1,45 Prozent. Ebenfalls einen Blick wert ist die Flexible Vorsorge des Versicherers Cosmos Direkt. Hier erwartet Sparer, die mindestens 1.000 Euro mitbringen, eine für drei Jahre garantierte Zinsstaffel, die von 1,2 Prozent im ersten bis 2,5 Prozent im dritten Jahr reicht. Ab dem vierten Jahr ist der Zins variabel. Aktuell geht Cosmos Direkt von 3,5 Prozent aus. Das Guthaben ist monatlich frei verfügbar.

Was kommt?
Es gibt Hoffnung: „Der deutsche Markt für Einlagen ist der größte in Europa und damit für alle Ausländer besonders attraktiv“, sagt Oliver Mihm, Chef der Bankberatungs­gesellschaft Investors Marketing. „Durch den Konkurrenzdruck und die Jagd vieler Banken nach Spareinlagen sind Nullzinsen eher unwahrscheinlich“, glaubt ING-DiBa-Chefvolkswirt Carsten Brzeski. Sein Tipp an Sparer, die etwa ein Immobiliendarlehen bedienen: Schulden tilgen. Auch Zinsexperte Herbst ist sich sicher: „Die Zinsen werden die Null­linie nicht berühren, aber sie wird wahrscheinlich sehr nahe kommen“. Ob Mario Draghi dann den Sparern einen Gefallen tut?
Ansparpläne - Angebote mit fester Zinsbindung (pdf)
Service-Tabelle - Zinssätze (pdf)

Bildquellen: travellight / Shutterstock.com
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