von Klaus Josef Lutz, Gastautor von Euro am Sonntag
Unser Gastautor Klaus Josef Lutz hat zum „Internationalen Jahr der Genossenschaften 2012“ zusammen mit Professor Berthold Eichwald ein Buch herausgegeben und stellt hier einige Kernthesen daraus vor.
Das Wort „Genossenschaft“ hat bis heute — bedauerlicherweise — einen etwas „angestaubten“ Klang in der Welt der Ökonomie. Das ist nicht gerechtfertigt, denn viele Unternehmen, die erfolgreich als Global Player tätig sind, haben eine genossenschaftliche Grundstruktur auf ihrer Gesellschafterebene: Arla Foods, Humana Milchunion, Best Western Hotels, BayWa AG — um nur einige Beispiele zu nennen. Oder wer macht sich darüber Gedanken, wenn der FC-Bayern-Fußballstar Thomas Müller für REWE wirbt, dass dies eine Genossenschaft ist?
Seit gut eineinhalb Jahrhunderten sind Genossenschaften ein wesentlicher Teil unserer Wirtschafts- und Gesellschaftsstruktur. Es gibt kaum ein Land der Erde, in dem man nicht Genossenschaften vorfindet. Dennoch blieb die öffentliche Wahrnehmung der Genossenschaften hinter ihrer wirtschaftlichen und auch gesellschaftlichen Bedeutung lange zurück.
Neue Aufmerksamkeit gewann das „Erfolgsmodell Genossenschaften“ seit der letzten Finanz- und Wirtschaftskrise. Seit Krisenbeginn im Sommer 2007 konnte man beobachten, dass viele Illusionen, vor allem der Glaube an eine problemlos sich selbst regulierende Marktwirtschaft, zerbrachen. Dabei wird immer wieder der Ruf nach werteorientiertem Verhalten im Wirtschaftsleben laut. Ein rein monetär aufgefasstes, kurzfristig optimiertes Shareholder-Value-Ziel erscheint als nicht mehr ausreichend.
Genossenschaften haben die
geringste Insolvenzquote
Bei der Diskussion über diese neuen Wege wurden immer wieder Modelle gelobt, die teils explizit, teils annähernd genossenschaftlichen Charakter haben: Sein Schicksal selbst bestimmen, aufgabenorientiertes Unternehmertum, Subsidiarität und Solidarität sind nur einige Begriffsbeispiele. Von daher sind Genossenschaften werteorientierte Unternehmen par excellence.
Als Professor Berthold Eichwald und ich uns entschieden, das Buch „Erfolgsmodell Genossenschaften. Möglichkeiten für eine wertorientierte Marktwirtschaft“ gemeinsam herauszugeben, erschien uns das Jahr 2012 —das „Internationale Jahr der Genossenschaften“ — als sehr geeignet. Wir wollen aber nicht nur einen profunden Einblick über das Genossenschaftswesen, seine Grundzüge und Erscheinungsformen weltweit geben, sondern aufzeigen, für welche wirtschaftlichen Herausforderungen Genossenschaften als werteorientierte Unternehmen eine adäquate Lösung bieten.
Das Wissen allgemein über Genossenschaften ist überraschend gering. Dass Genossenschaften beispielsweise in Deutschland seit Jahrzehnten die geringste Insolvenzquote aller Unternehmen haben und dass seit über 80 Jahren kein Kunde einer ins Straucheln geratenen Kreditgenossenschaft auch nur einen Cent verloren hat, sind nur zwei markante Beispiele von vielen.
Grafik:
Die Vielfalt der deutschen Genossenschaftsverbände (PDF)
Noch geringer fällt das Wissen über Genossenschaften im Ausland aus. Wer weiß schon, dass in Japan jede dritte Familie ein Genossenschaftsmitglied ist, in den USA 25 Prozent der Bevölkerung einer Genossenschaft angehören, in Kuwait 80 Prozent des Einzelhandels genossenschaftlich organisiert sind, 72 Prozent der Getreideernte in Brasilien über Genossenschaften vermarktet werden und in Finnland und Norwegen Genossenschaften fast die gesamte Milchproduktion der Länder verarbeiten? Der „Blick über den Zaun“ ist aber nicht nur hilfreich, wenn man Neues und Alternatives entdecken will. Er ist auch eine wesentliche Voraussetzung für eine weitere wirtschaftliche und gesellschaftliche Integration Europas.

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In der auflebenden Wertediskussion der jüngsten Vergangenheit zeigte sich allerdings schnell, dass unterschiedliche Erwartungen mit dem Genossenschaftsmodell verbunden sind. Die Diskussion des 19. Jahrhunderts aus der Gründungsphase der Genossenschaften wiederholte sich: Der Wertekanon reicht vom karitativen Idealismus bis zu radikalgesellschaftlichen Veränderungsideen. Das, was die Genossenschaften letztlich erfolgreich machte und auch heute vital erhält, nämlich die klare Orientierung an den Grundprinzipien der Marktwirtschaft, tritt dabei leider allzu leicht in den Hintergrund. Eine konkrete Aufgabenorientierung, sprich der Förderauftrag, ist untrennbar mit den Spielregeln der Marktwirtschaft, insbesondere mit der Funktion des Eigentums und dem Gebot der Gewinnerwirtschaftung als Zukunftssicherung verbunden. Das ist nach unserer Auffassung auch der zentrale Maßstab, an dem genossenschaftliches Unternehmertum gemessen werden muss und grenzt sich damit deutlich zum Beispiel von den Zwangs- und Kollektivgenossenschaften in den (ehemaligen) sozialistischen Staaten ab. Hier ging — beziehungsweise geht — es allein um die staatliche Kontrolle der produktiven Bereiche in der Wirtschaft, die quasi der Enteignung gleichkommt. Genossenschaften werden fälschlicherweise oft als Non-Profit-Organisationen bezeichnet, zumal wenn der Blick auf Genossenschaften gerichtet ist, die — wie etwa Kirchenbanken — zur Abwicklung besonderer Aufgaben gegründet wurden.
Fester Bestandteil der
freien Marktwirtschaft
Es gibt aber durchaus eine gemeinsame Zielsetzung, bestimmte Förderaufgaben zu übernehmen. Dadurch können Schnittmengen der verschiedenen Gesellschaftstypen entstehen. Es ist jedoch wichtig zu erkennen, dass Genossenschaften in der deutschen Tradition von Schulze-Delitzsch und Raiffeisen Unternehmen sind, die sich als Bestandteil der kapitalistisch verfassten Marktwirtschaft verstehen und sich vollkommen und aus eigener Kraft dem Wettbewerb stellen. Ihrem Wirken in der Marktwirtschaft steht dabei keinesfalls entgegen, dass sie als Hauptziel die Förderung ihrer Mitglieder haben und ihre Struktur demokratisch organisiert ist. Im Gegenteil: Genossenschaften können ihrem Förderauftrag nur nachkommen, wenn sie sich erfolgreich im Wettbewerb behaupten und die „Spielregeln“ des Marktes beachten.
Das beschert vielen Genossenschaftsmitgliedern dann auch attraktive Dividenden, bei Genossenschaftsbanken liegt sie meist über fünf Prozent. Zudem sind Rückvergütungen an Mitglieder möglich, die nicht als Gewinn versteuert werden müssen.
Bei geringem oder atomisiertem Wettbewerb können auch sehr kleine Genossenschaften erfolgreich existieren, wie Almweide- oder Taxi-Genossenschaften. Auch in aufstrebenden Märkten haben Genossenschaften eine Chance, wie in den letzten Jahren sehr erfolgreich beim Aufbau einer regionalen, nachhaltigen Energieversorgung zu sehen war. Dies hat außerdem den Vorteil, die Bevölkerung in solche Projekte direkt einbinden zu können.
Dass Genossenschaften keine Patentlösung für alle Probleme sind, sondern der Sektor auch Schwächen hat, ist klar. Für die Weiterentwicklung einer werteorientierten Marktwirtschaft weltweit sind sie aber ein nicht zu unterschätzender Faktor.
Zur Person:
Klaus Josef Lutz,
Vorstandschef
der BayWa
Lutz war in verschiedenen Unternehmen der IT- und Verlagsbranche in Führungsposition tätig; zuletzt als Geschäftsführer des Süddeutschen Verlages. Seit Juli 2008 ist Lutz Vorstandsvorsitzender der BayWa. Außerdem unterrichtet er an universitären Bildungseinrichtungen, u. a. an der Technischen Universität in Weihenstephan.
Der im MDAX notierte BayWa-Konzern mit den Kernsegmenten Agrar, Bau und Energie agiert heute als internationales Handels- und Dienstleistungsunternehmen in 16 Ländern in Europa und den USA.
Das Buch „Erfolgsmodell Genossenschaften“ (428 Seiten, 49,90 Euro) ist im DG Verlag erschienen.