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02.09.2012 03:00

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€uro am Sonntag

MOBILITÄT

Wir brauchen neue Rad-Schläge


Deutschland ist Fahrradland. Rund 4,05 Millionen Fahrräder und E-Bikes wurden im Jahr 2011 an den Handel verkauft. Höchste Zeit, die wirtschaftliche und verkehrspolitische Bedeutung des Fahrrads positiv anzuerkennen.

Georg Honkomp, Gastautor von Euro am Sonntag

In Deutschland herrscht Straßenkampf. Nicht nur in Kino und Fernsehen, nein, ganz real in den deutschen Städten — und es wird täglich schlimmer, wenn man den deutschen Medien glaubt. Hier eine Kostprobe aus der deutschen Hauptstadt, Titelseite, Schlagzeile: ­„Videojagd auf Kampfradler“. Jetzt geht es also los gegen die Fahrradfahrer. Oder hat die Vernunft doch noch eine Chance?

Fakt ist: Millionen deutsche Autofahrer verhalten sich fortwährend vernünftig und verkehrsgerecht. Dasselbe gilt für Millionen von Radfahrern. Das ist eine satte Mehrheit im deutschen Verkehr. Krieg geführt wird jeweils nur von einer winzigen Minderheit. Alle Verkehrsteilnehmer für wenige Verkehrsrowdys in Geiselhaft zu nehmen wäre genauso töricht wie die Behauptung, die meisten Deutschen seien ständig betrunken, rauchten sich zu Tode und seien lottospielsüchtig.

Statt sachlicher Diskussionen sind leider immer mehr Emotionen im Spiel. Da wird die falsche Alternative — Auto oder Fahrrad — in den Vordergrund gestellt. Einige Ideologen profitieren davon politisch. Das ist natürlich unvernünftig, schädlich und ziemlich dumm. Aber am lautesten zu hören sind beim Thema Mobilität die Autohasser und die Radbeschimp­fer. In Wirklichkeit ist die Zeit längst über solche Klischees hinweggegangen.

Wir von der ZEG, der Zweirad-Einkaufs-Genossenschaft mit über 1.000 Fahrradhändlern, wissen, wovon wir sprechen. Im vergangenen Jahr haben wir fast eine Milliarde Euro um­gesetzt. Mit einer beachtlichen Zuwachsrate von 14,9 Prozent. Unser Pegasus-Rad ist die erfolgreichste Marke in Deutschland.

Und jetzt schwimmen wir auf der Welle des Erfolgs mit den E-Bikes. Wir wissen: Zig Millionen Deutsche lieben ihr Rad, nutzen es nach Lust und Laune. Und gesund ist es auch noch! Essen, Trinken, Radfahren — das ist das neue Trio im Lebensgefühl des modernen Menschen. Der braucht keinen Krieg auf der Straße, der will einfach nur Vernunft im Verkehr zum Nutzen und Schutz aller. Wir meinen, die Devise kann nur lauten: Interessen­ausgleich! Gemeinsam vernünftig!

Das E-Bike ist die Revolution
auf unseren Straßen

Aber warum muss man das Normale überhaupt betonen? Mit dem Gegensatz von Autofahrer und Radfahrer, den viele Politiker derzeit gern herausstellen, scheinen sich billige Erfolge beim Wahlvolk erreichen zu lassen. Die Politik sollte aber verstehen, dass dieser Erfolg nicht anhalten wird. Wir brauchen ­einen umfassenden Dialog über die neuen Fakten im Verkehr. Wenn nötig, brauchen wir sogar einen großen, umfassenden Interessenverband, in dem die Positionen der unterschiedlichen Verkehrsteilnehmer harmonisiert werden, statt sie gegeneinander auszuspielen.


Georg Honkomp, Zweirad-Einkaufs-Genossenschaft (ZEG)
Nochmals das Beispiel E-Bike. Dieses tolle Fortbewegungsmittel, das sein Rentnerimage längst abgestreift hat, ist die Revolution auf unseren Straßen: auf dem Weg zur Arbeit, für Kuriere und demnächst für kleinere und mittlere Lasten. Es beginnt ein neues Straßen­leben — und geregelt werden muss es von der Vernunft.

Vor die allgemeine Vernunft haben die Götter allerdings noch den gesunden Menschenverstand der Politik gesetzt, viel mehr den Mangel daran. Wenn man in den letzten ­Monaten lesen musste, wie von maßgeblichen Herren auf unsere Radfahrer eingeprügelt wurde, dann biegen sich die Speichen. Das mag beim Bundesverkehrsminister noch angehen, der meint sicher, er müsse an die nächste Wahl denken. Aber auch ihm sei ­nahegelegt, erst den Dialog zu pflegen und nicht immer neue Verbote und Verordnungen unter die Leute zu bringen. Mal sehen, ob er sich wenigstens beim mächtigen WDR durchsetzt, bei dem er eine Wiederaufnahme der ­berühmten Verkehrsserie „Der 7. Sinn“ angeregt hat. Viel Erfolg, Herr Minister!

Das können wir leider dem Vorsitzenden der Gewerkschaft der Polizei (GdP), Bernhard Witthaut, nicht wünschen, wenn er über Fahrradfahrer allgemein schwadroniert und die Missachtung von Verkehrsregeln bei ­ihnen als „inflationär“ bezeichnet. Oder bei den E-Bikes nur Gefahren sieht und schon mal vor allen E-Bikern warnt, die mit 40 Stundenkilometern und mehr durch die Stadt rasen. Witthaut: „In der Stadt ist man damit ja oft schneller als mit dem Auto.“ Dabei könnte er sich ganz schnell sachkundig machen: Mehr als 95 Prozent der E-Bikes sind auf diese Geschwindigkeiten überhaupt nicht ausgelegt, ihnen geht rein technisch bei 25 Kilometer pro Stunde die Puste aus. Entspannen Sie sich, Herr GdP-Vorsitzender!

Zur Person:

Georg Honkomp, Vorstandschef
der Zweirad-Einkaufs-Genossenschaft (ZEG)

Der Autor ist seit über 30 Jahren in der Fahrradbranche aktiv. 1992 wurde er in den Vorstand der ZEG berufen. Anfang 1997 übernahm er den Vorsitz des Kölner ­Unternehmens.
Die ZEG ist ein Verbund von mehr als 1.000 un­abhängigen Fahrrad­fachhändlern. Sie pflegt Geschäftsbeziehungen zu allen renommierten ­Markenherstellern wie Kettler, Hercules und KTM. Gleichzeitig ­entwickelt die ZEG in ­Kooperation mit führenden Herstellern Sonder- und Exklusivmodelle wie die bekannten Marken Pegasus oder Bulls.


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Kommentare zu diesem Artikel

andreas6652003 schrieb:
02.09.2012 16:28:18

In Berlin kann eh fast jeder im Verkehr machen was er möchte...da es schlicht und einfach nicht mehr genug Polizisten gibt die effektiv überwachen können. Das wird sich in der Zukunft noch bitter rächen !!!

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