03.12.2012 18:00
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Strategie für die neue Zinswelt

Strategie für die neue Zinswelt
Negative Realzinsen
Für Sparer ist die Welt nicht einfacher geworden. Verglichen mit der Zeit vor der Finanzkrise fallen die Zinserträge heute geringer aus, während die Risiken zumindest gleich geblieben oder gar in Form höherer Volatilität gestiegen sind. Ein Anleihemix aus Sicherheit und Risiko könnte der Ausweg aus der Renditelosigkeit sein.
€uro am Sonntag

von Frank Engels, Gastautor von Euro am Sonntag

Ein Grund für das Dilemma der Anleger sind die massiven Zinssenkungen und Anleihekäufe, mit denen Zentralbanken rund um den Globus die Konjunktur stützen wollen. Sie „verbilligen“ Kapital in der Hoffnung, dass Investitionen angekurbelt werden und Wachstum entsteht. Das Vorgehen ist aus makroökonomischer Sicht nachvollziehbar, beinhaltet aber Nebenwirkungen. Geringere Zinskosten für den Schuldner bedeuten nämlich niedrigere Zinseinkünfte für den Gläubiger. Ergebnis: Für die gleiche Anlagestrategie wie vor fünf Jahren erhält der Investor heute eine niedrigere Kompensation. Der Ertrag je Einheit Risiko ist also gesunken.

Daher können selbst bei moderater Teuerung von etwa zwei Prozent vor allem viele traditionelle festverzinsliche Anlageformen keinen Erhalt der Kaufkraft mehr gewährleisten. Bei sicheren Staatsanleihen, Pfandbriefen oder Unternehmensanleihen hoher Qualität liegt etwa die Verzinsung häufig unter der aktuellen, niedrigen Inflationsrate. Ökonomen sprechen von einer „negativen Realrendite“, ein zunehmend prägendes Kennzeichen der Anleihemärkte. Andere bezeichnen den Zustand als „finanzielle Repression“.

Diese „neue Zinswelt“ stellt Sparer vor Prob­leme. Nicht nur, dass die Erträge von der Teuerung häufig neutralisiert werden und die Kaufkraft sinkt. Gerade wer langfristig anlegt — etwa für die Altersvorsorge —, verliert einen wichtigen Verbündeten: den Zinseszins, normalerweise ein mächtiger Hebel für die Vermögensbildung. Liegt der (nominale) Ertrag einer Anlage aber kontinuierlich unter der Inflation, so verkehrt sich der Mechanismus in sein Gegenteil. Paradoxerweise haben viele Anleger diese Gefahr für ihr Vermögen noch verstärkt, indem sie ihr Geld vor dem Hintergrund der Euroschuldenkrise besonders sicher anlegen wollten. Der Gedanke ist verständlich, aber die vermeintlich krisenfesten Anlagen wie deutsche Bundesanleihen werfen nur noch sehr geringe Renditen ab.

Mit der Hantelstrategie
die Erträge steigern

Gefragt sind also Ausweichstrategien, die eine auskömmliche Verzinsung bei tragfähigem Risiko ermöglichen. Dazu sind unterschiedliche Ansätze denkbar. Ein Erfolg versprechender Weg der Portfoliostrukturierung ist etwa eine am Risiko der Anlage ausgerichtete „Barbell“- oder Hantelstrategie. Dabei werden sichere mit chancenorientierten Anleihen gemischt. Der Gedanke dahinter: Ein Ende der Hantel (etwa erstklassige Staats- oder Unternehmensanleihen) dient als Stabilitätsanker für den Fall einer Verschlechterung der Kapitalmarktbedingungen und bringt dem Anleger damit Sicherheit. Das ­andere Ende (z. B. Schwellenländeranleihen, nachrangige Bankpapiere oder kurz laufende Schuldverschreibungen der europäischen Peripheriestaaten) sorgt für eine angemessene Durchschnittsverzinsung des Gesamtport­folios. Diese Kombination aus „Schockabsorber“ und „Renditeturbo“ weist — bei fachgerechter Umsetzung — einen besseren risikoadjustierten Ertrag auf als ein marktübliches Portfolio. Mit anderen Worten: Bei gleicher durchschnittlicher Sicherheit erhält der Anleger mehr Ertrag.

Eine weitere Ausweichstrategie ist eine an die Konjunktur angepasste Aufteilung des Vermögens über die einzelnen Segmente des Rentenmarkts. Auch hier ist die Grundidee einfach. Je nachdem wie die Wirtschaft wächst, schneiden bestimmte Anlageklassen besser ab als andere. Läuft die Konjunktur auf Hochtouren, entwickeln sich typischerweise risikobehaftete Anleihen gut. In Schwächephasen sind hingegen sichere Papiere gefragt. Besonders interessant wird die Strategie bei einer weltweiten Anwendung, denn nicht alle Regionen befinden sich normalerweise in der gleichen Konjunkturphase. Die Unterschiede lassen sich (auch über ein entsprechendes Währungsmanagement) so ausnutzen, dass die Durchschnittsrendite des Portfolios deutlich über der Inflationsrate liegt, ohne dass der Anleger besonders ins Risiko müsste. ­Allerdings setzt dieser aktive Asset-Allocation-Ansatz eine genaue Kenntnis über den Stand der Konjunktur in den Anlagegebieten voraus — und ist damit sehr anspruchsvoll.

Dies gilt für nahezu alle Wege aus der Zinsfalle: Sie erfordern Sachverstand und die stetige Beschäftigung mit der Geldanlage. Auf die Entwicklung an den Kapitalmärkten muss dabei zeitnah reagiert werden, der Anleger sollte also sein Depot immer im Blick haben. Anleihen kaufen und bis zur Fälligkeit liegenlassen, diese Zeiten sind in der „neuen Zinswelt“ wohl unwiederbringlich vorbei.

Zur Person:

Frank Engels, Leiter Portfolio­management
Renten bei Union Investment

Der promovierte Volkswirt arbeitete bis 1998 an der WHU — Otto Beisheim School of Management. Von 1999 bis 2002 war er als Ökonom beim Internationalen Währungsfonds tätig, im Jahr 2002 ging er zur ­Europäischen Zentralbank als Länderexperte für Deutschland, Frankreich, die Niederlande und ­Griechenland. Engels war ­bereits von Juni 2008 bis September 2010 für Schwellenländeranleihen im Portfoliomanagement von Union Investment verantwortlich.
Union Investment gehört zu den Volks- und Raiffeisenbanken und verwaltet aktuell ein Vermögen von rund 180 Milliarden Euro.

Bildquellen: travellight / Shutterstock.com
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