Athens „letzte Chance“

Wunder gibt es immer wieder, da ist sich Antonis Samaras sicher: „Im Jahr 2004 hat die griechische Fußballnationalmannschaft bei der Fußball-EM gesiegt, das galt als Wunder“, erinnerte Griechenlands Ministerpräsident diese Woche die Deutschen. Ähnliches hält Samaras auch heute für möglich. „Wir werden ein spektakuläres Comeback hinlegen“, so der griechische Premier. Und: „Natürlich werden wir unsere Schulden zurückzahlen, ich verspreche es.“
Hilfe vom Fußballgott kann der Ministerpräsident allerdings nicht erwarten. Vielmehr sollte er zu einer anderen Dreifaltigkeit beten: zum Internationalen Währungsfonds (IWF), zur Europäischen Zentralbank (EZB) und zur EU-Kommission, die Athen zurzeit mit Geld versorgen. Denn auch wenn Samaras während des Besuchs bei der deutschen Kanzlerin Angela Merkel (bei Redaktionsschluss nicht beendet) Hoffnung auf mehr Zeit für Reformen schöpfen konnte: Letztlich wird der Griechenland-Bericht der sogenannten Troika im September über die Zukunft des schuldengeplagten Landes entscheiden.
Und Experten halten es im Moment für unwahrscheinlich, dass die Troika positiv über die griechischen Sparfortschritte urteilt. „Alles steht und fällt mit dem Troikabericht“, sagt Christoph Weil, der für die Commerzbank die Reformen in Südeuropa beobachtet. „Und dieser wird intern sicher verheerend ausfallen, auch wenn man den offiziellen Bericht dann vielleicht noch etwas abschwächt.“
Denn Griechenlands Geldprobleme sind nach wie vor riesig. Bis Juli hat das Land zwar 3,9 Milliarden Euro weniger Schulden gemacht als im Vorjahr, allerdings stieg im Gegenzug der Berg unbezahlter Rechnungen. Besonders staatliche und kommunale Einrichtungen wie Krankenhäuser begleichen ihre Außenstände etwa bei Pharma- oder Stromkonzernen nicht mehr. Allein von Januar bis Juni stiegen deren Forderungen um rund eine Milliarde auf insgesamt acht Milliarden Euro. Dass Griechenland 2013 und 2014 zusätzlich 11,5 Milliarden Euro einsparen will, ist zwar lobenswert, wohl aber nicht ausreichend. Zumal die Einnahmen des Staats wegen der tiefen Rezession, der hohen Arbeitslosigkeit und der schlechten Steuermoral im Moment wieder zurückgehen.
Der IWF als Zünglein an der Waage
Griechenland ist also auf die 31 Milliarden Euro schwere nächste Tranche aus dem Hilfspaket angewiesen. Doch zumindest der IWF könnte langsam aus der Phalanx der Retter ausscheren: Gemäß den Statuten kann er nur dann Geld verleihen, wenn es auch zurückgezahlt wird. Deshalb wurde mit Griechenland vereinbart, dass bis 2020 der Schuldenstand 120 Prozent der Wirtschaftsleistung nicht übersteigen darf. Kommt die Troika in ihrem Bericht zu dem Schluss, dass dieses Ziel definitiv nicht erreichbar ist, wird der Fonds den Griechen den Geldhahn zudrehen.
Laut Commerzbank-Experte Weil bleiben dann zwei Optionen. Entweder gibt es eine weitere Umschuldung, in der auch öffentliche Geldgeber wie die EZB auf Forderungen verzichten. Das würde die griechischen Staatsschulden drücken, der IWF könnte sich weiter an Hilfen beteiligen. „Oder die Europäer nehmen den Rückzug des IWF zum Anlass, die Hilfszahlungen an Griechenland ebenfalls einzustellen“, sagt Weil. Griechenland wäre zahlungsunfähig und müsste unter Umständen die Eurozone verlassen. Obwohl dieses Szenario wenig wünschenswert ist, halten es immer mehr Politiker und Ökonomen für möglich. Selbst Eurogruppenchef Jean-Claude Juncker sprach vergangene Woche davon, dass Athen nur noch eine „letzte Chance“ habe.
Für Griechenland steht also wieder einmal ein Endspiel an. Mit dieser Situation hat das Land in den vergangenen Jahren viele Erfahrungen sammeln können. Allerdings geht es diesmal nicht um die europäische Krone des Fußballs, sondern um den Klassenerhalt.
Weitere Links:


