01.09.2012 06:00
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Wir dürfen das Ende des Euro nicht herbeireden

Schuldenkrise
Die Politik muss endlich mehr Europa wagen und sich zu einer gemeinsamen Finanz- und Wirtschaftspolitik durchringen, fordert Anton F. Börner, Präsident des Außenhandelsverbands. Das ständige Krisengerede schade.
€uro am Sonntag

von Anton F. Börner, Gastautor von Euro am Sonntag

Die deutschen Exporteure sind und bleiben uneingeschränkte Befürworter der europäischen Währungsunion. Wir halten die Unkenrufe aus einigen politischen Kreisen, der Euro könne auseinanderbrechen, für hochgradig gefährlich. Diese ständigen Nadelstiche sind kontraproduktiv. Sie verschlechtern die Situation, anstatt sie zu verbessern.

Oberste Aufgabe der Politik sollte es sein, schnellstmöglich wieder Ruhe in die Märkte zu bringen. Einen Zerfall der Währungsunion herbeizureden, hilft niemandem. Es kann doch nicht sein, dass eine Volkswirtschaft wie Griechenland die europäische Politik dauerhaft in Atem hält. Die griechische Wirtschaftsleistung ist mit 305 Milliarden Euro rund zehn Prozent kleiner als das Bruttoinlandsprodukt von Baden-Württemberg, das bei 336 Milliarden liegt.

Wir stellen uns nicht auf das Euro-Ende ein
In der Konsequenz heißt das aber nicht, dass man Staaten wie Griechenland einfach sich selbst überlässt. Europa ist eine Solidargemeinschaft. Deshalb ist es unumgänglich, die europäische Integration konsequent fortzusetzen. Insbesondere in der Finanz- und Wirtschaftspolitik müssen wir endlich mehr Europa wagen und nicht weniger.

Um es gleich klarzustellen: Die deutschen Exporthändler stellen sich in keiner Weise auf ein Auseinanderfallen der Eurozone ein. Gleichwohl gibt es natürlich Konzerne, die in ihren Stabsstellen und mit ihren Hausbanken und Steuerberatern alle möglichen Szenarien einer wirtschaftlichen Entwicklung und deren möglichen Auswirkungen beispielsweise auf Finanzierung, Liquidität und Investitionen durchspielen.

Der schwache Euro hilft uns
Ja, die wirtschaftliche Stimmung hat sich zuletzt abgekühlt. Abkühlung heißt aber nicht Rückgang. Unter Abkühlung verstehen wir ein Wachstum von vier Prozent statt sechs Prozent, wie zu Jahresbeginn erwartet. In Anbetracht der Ausgangsbasis der deutschen Exporte sowie der wirtschaftlichen Situation in Europa und in China ist dies beträchtlich. Und ja, in der Konsequenz heißt dies, dass die deutschen Exporteure nicht mehr euphorisch sind. Dennoch blicken wir auch weiterhin positiv in die Zukunft.

Denn ausgehend von einem Rekordjahr in der Wirtschaftsgeschichte der Bundesrepublik sind die deutschen Exporte im ersten Halbjahr 2012 um fast fünf Prozent gewachsen — trotz europäischer Schuldenkrise und abflauender Konjunktur in China. Für das Gesamtjahr sind wir auch weiterhin auf Rekordkurs.


Anton F. Börner, BGA
Dies liegt darin begründet, dass es neben einigen konjunkturellen Eintrübungen eine Vielzahl von positiven Entwicklungen gibt. So wirken sich beispielsweise der relativ schwache Wechselkurs des Euro zum US-Dollar und das Anziehen der Konjunktur in den USA überaus positiv auf die deutschen Exporte aus. Aber auch die Ausfuhren in Staaten wie Brasilien, Indien, China und Russland sind anhaltende Wachstumstreiber. So sind im Juni die Ausfuhren in die Länder außerhalb der EU im Vergleich zum Vorjahr um fast 20 Prozent gestiegen. Auf das erste Halbjahr gerechnet, belaufen sich diese Exporte auf elf Prozent. Seit 1996 sind die deutschen Ausfuhren in die sogenannten BRIC-Staaten um fast 700 Prozent gewachsen. Hinzu kommt, dass auch Länder wie Ägypten, Indonesien, Mexiko, die Türkei oder ­Vietnam wirtschaftlich zu einem großen Sprung ansetzen. Von dieser dynamischen Entwicklung in den sogenannten Next-11-Ländern profitieren gerade auch die deutschen Unternehmen. Die ­Situation der deutschen Exporteure ist also alles andere als aussichtslos. Von düsteren Zukunftsszenarien halte ich deshalb nichts.

Die Schwarzmalerei schadet nur
Dennoch: Europa muss jetzt eine gemeinsame Innenpolitik entwickeln. Entscheidend bleibt, unseren Europartnern die notwendigen Strukturreformen unter dem permanenten Druck der Märkte zu verschreiben. Nur das steigert langfristig die Wettbewerbsfähigkeit in Südeuropa und macht die Region für Investoren attraktiv. Denn nur durch mehr Produktivität können die Schuldenprobleme in der Eurozone gelöst werden. Ohne ungeliebte Strukturreformen kein Wachstum — und damit keine Chance für Europa.

Gleichzeitig dürfen wir unsere bisherigen Erfolge nicht selbst zerstören. Wir müssen aufpassen, dass wir keine selbsterfüllende Prophezeiung herbeireden. Was wir derzeit an Schwarzmalerei erleben, verunsichert die Unternehmen und schlägt auf die Stimmung. Ein Großteil des Optimismus, den wir zuletzt hatten, ist verflogen. Doch die deutschen Exportunternehmen lassen sich nicht entmutigen. Wir jammern derzeit auf hohem Niveau. Die Situation ist besser als ihr Ruf.

Zur Person:

Anton F. Börner ist Präsident des ­Bundesverbands Großhandel, Außenhandel und Dienstleistungen (BGA). Zudem ist der ­Familienvater ­mittelständischer Unternehmer. Er ist persönlich haftender Gesellschafter des Sanitär- und Heizungsgroß­handels Börner & Co. in Ingolstadt. Sein Unternehmen hat 450 Mitarbeiter.

Bildquellen: Patryk Kosmider / Shutterstock.com
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